Ausgangspunkte und Ziele

Am 13. Februar 1985 haben die Professoren der damaligen Wissenschaftlichen Betriebseinheit Katholische Theologie den Verein „Theologie interkulturell“ gegründet, um auf diese Weise die gleichzeitig ins Leben gerufene gleichnamige jährliche Gastdozentur „Theologie interkulturell“ finanzieren und organisieren zu können.

Mit dieser Gründung sollten ernsthafte Konsequenzen aus neueren kirchlichen, kulturellen und politischen Entwicklungen für die hierzulande übliche Gestalt von Theologie gezogen werden: vor allem aus der Eröffnung einer weltkirchlichen Perspektive (Gesamtkirche als Gemeinschaft von Ortskirchen) – gegenüber einer zentristischen und eurozentrischen Sicht der katholischen Kirche, aus der Wiederentdeckung der ganzheitlichen Verheißung und Sendung des christlichen Glaubens (Politische Theologie, Befreiungstheologie) – gegenüber einer fragwürdigen Jenseits- und Innerlichkeitszentriertheit, aus der Neuentdeckung der Zusammengehörigkeit von Religion und Kultur (Inkulturation) – gegenüber deren neuzeitlicher westlicher Aufspaltung und Isolierung und schließlich aus der Entdeckung der Realität einer Vielzahl von Religionen (Theologie als Religionstheologie) – gegenüber einem falschen Absolutheitsanspruch der Kirche und des Christentums.

Was sich damals abgezeichnet hat, ist inzwischen zu einer noch dringlicheren Frage geworden: Die großen Konflikte des 20. Jahrhunderts haben den Charakter von planetarischen Bedrohungen angenommen: Ökologie, Nukleartechnik, Gentechnik, der Gesamtkomplex des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, Armut und die Frage nach sozialer Gerechtigkeit bei zunehmenden Konzentrations- und Globalisierungstendenzen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die grundlegende Frage verstärkt, wie es gelingen kann, über den eigenen eng begrenzten Rahmen des religiösen, kulturellen, gesellschaftlichen oder nationalen Eigeninteresses hinauszugehen und auch die Bedürfnisse der Anderen und des Anderen, vor allem der Armen und Unterdrückten, zu berücksichtigen.

Ein solches Ziel universaler Solidarität setzt kommunikative Lernprozesse von Einzelnen, aber auch von Gruppen und Gesellschaften voraus. Welche Ressourcen stehen hier zur Verfügung? Gerade solchen tiefgehenden und umfassenden Bedrohungen des Menschseins kann nur in einer gemeinsamen Anstrengung gewehrt werden. Bedeutet diese gemeinsame Anstrengung zugleich die Nivellierung oder Abschaffung der vielen verschiedenen Lebensformen, Traditionen, Kulturen, Ethiken und Identitäten? Bedeutet eine solche gemeinsame Anstrengung den Verzicht auf die Problemlösungspotentiale, die die jeweiligen Kulturen und Religionen in ihrem gesellschaftlichen, geographischen, ökonomischen Kontext entwickelt haben?

Für die okzidentale Kultur bedeutet dies jedenfalls zuerst die Aufklärung über ihren eigenen historischen, politischen und weltanschaulichen Ethnozentrismus. Diese spezifische Form von Partikularität beansprucht immer noch allgemeine Gültigkeit. Sie übersieht dabei die Notwendigkeit, einen Dialog mit anderen Kulturen und Religionen zu führen, was immer auch bedeutet, voneinander zu lernen.

Deshalb wurde von Anfang an nicht von einer interkulturellen Theologie im Sinne einer alle Kulturen übergreifenden und von allen möglichen Kulturen angereicherten Theologie gesprochen. Die Arbeitshypothese von „Theologie interkulturell“ war viel vorsichtiger: „Theologie auf interkulturelle Weise treiben heißt einerseits, das zu denken, was fremde Erfahrungen mit dem Evangelium, also kulturell anders bestimmte Christen und Gemeinden, uns zu denken geben. Und andererseits bedeutet es, bei unserer theologischen Arbeit immer mit zu bedenken, was unsere Erfahrungen mit dem Evangelium kulturell anders bestimmten Christen und Gemeinden zu denken geben“ (Kessler/Siller 1986).

Die interkulturelle Auseinandersetzung steht den Staaten der sog. „Ersten Welt“ nunmehr auch deswegen bevor, weil Migrationsbewegungen (sei es aus ökonomischen Gründen, sei es aus politischen und humanitären Gründen) soziale Konflikte, politische Konflikte, interkulturelle Konflikte und interreligiöse Konflikte verschärfen werden. Da die traditionellen europäischen Lösungsvorschläge für diese Konflikte: Modernisierung, Entwicklung, Integration fragwürdig geworden sind, beginnt die Suche nach neuen Wegen und Modellen, die zwischen universalistischen und partikularistischen Perspektiven miteinander. Bei aller Betonung des partikulären Charakters der Kultur und einer strikten Abweisung falscher Absolutheitsansprüche einer Kultur, Gesellschaft, Religion oder Nation hält „Theologie interkulturell“ – gegen jede postmoderne Mode – an der Einheit des Menschseins, an der Einheit der Wahrheit und Gerechtigkeit, an der Einheit des Glaubens und auch an der universalen Bedeutung der eigenen religiösen und kirchlichen Glaubenserfahrung fest. „Theologie interkulturell“ hat deshalb auch den Charakter einer wechselseitigen Kritik und eines engagierten Ringens, um auch auf diesem Weg der größeren Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes einen Raum in dieser heutigen Welt zu geben.

Dies sind im Groben die Ausgangspunkte, Fragestellungen und Zielsetzungen, aus denen der gemeinsame Arbeitsschwerpunkt „Theologie interkulturell“ hervorgegangen ist. Inzwischen hat sich dieser Arbeitsschwerpunkt in mehrfacher Weise weiterentwickelt.