Profil: Theologische Ethik

Die Ethik gehört zum Fächerkanon der Theologie, sie ist eine der drei systematischen Disziplinen. Sie fragt nach den Implikationen des christlichen Glaubens für das Handeln einzelner und nach den strukturellen und institutionellen Bedingungen menschlichen Lebens: Was sollen wir tun? Wie können wir unser Leben so gestalten, dass es gelingt? Was sind die Grenzen unseres Handlungs- und Gestaltungsspielraums?

Um diese Fragen beantworten zu können, bedarf es der Reflexion. Die wissenschaftliche Ethik ist deshalb eine Reflexionsform innerhalb der praktischen Philosophie; ihr Gegenstand sind die unterschiedlichen Moralen, wie sie in konkreten Kontexten gelebt werden. Die Ethik stellte sich - vor allem seit der Moderne - als dringliche Aufgabe, weil überlieferte Moralkonzepte (jener Komplex von Sitten, Bräuchen, Gewohnheiten etc.) an Plausibilität verloren und das individuelle und institutionelle Handeln neu begründet werden musste. Die Dringlichkeit ethischer Reflexion zeigt sich heute angesichts der Pluralität der Wertesysteme und der Komplexität des gesellschaftlichen und globalen Handelns in besonderer Weise.

Grundsätzlich reflektiert die Ethik:

- Handlungen, für die Menschen Verantwortung übernehmen (müssen),
- Überzeugungen und Haltungen, die den Handlungen zugrunde liegen,
- die sozialen und institutionellen Kontexte und Bedingungen des Handelns, die meist in Formen von Regeln und Normen auftreten.

Die Ethik kann zusammenfassend als Reflexionstheorie des Handelns sowie seiner Bedingungen und Umstände gelten.

Die spezifisch Theologische Ethik ist im christlichen Glauben und in der christlichen Theologie verwurzelt. In ihrem Sinnhorizont werden die ethischen Fragestellungen nach Verantwortung und Gelingen des Lebens entfaltet. Der christliche Glaube fordert eine spezifisch ethische Perspektive, die mit den Grundsätzen der "Gerechtigkeit" und "Liebe" gefasst ist und in der wissenschaftlichen Reflexion zum Tragen kommt. Theologische Motive (Reich Gottes, Gnade, Befreiung, Vergebung u.a.) können zudem einen eigenen Beitrag zur ethischen Diskussion leisten und im Dialog mit der Kirche und mit der Gesellschaft die kritische Funktion der Ethik erinnern und einfordern.

Als Reflexionstheorie rekurriert auch die theologische Ethik auf die Vernunft. Die theologisch-ethische Argumentation ist daher in ihrer Begründungsstruktur philosophisch, in ihrer Ausrichtung, je nach Sachgebiet, interdisziplinär. Die Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Moralphilosophie ist hilfreich und nötig, um Kriterien der Normenbegründung und der Urteilsbildung zu entwickeln und die zentralen Begriffe der Ethik immer wieder zu hinterfragen. Die philosophische Argumentation und interdisziplinäre Ausrichtung sind auch deshalb besonders wichtig, da sich das Tätigkeitsfeld der Ethik nicht auf den innerkirchlichen Raum beschränkt, sondern sich mit gesellschaftlich relevanten Fragen beschäftigt, für die thematischer Sachverstand herangezogen werden muss.

Um die Aufgaben der kritischen Analyse, der Entwicklung von orientierenden Handlungsmodellen, und nicht zuletzt auch die Umsetzung der Reflexion in Handlungs- und Praxisveränderungen zu bewältigen, arbeitet die Ethik eng mit anderen Disziplinen zusammen; etwa den Natur- und Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie und Pädagogik, den Wirtschafts- oder den Kultur- und Literaturwissenschaften.

Angesichts der tiefgreifenden Strukturprobleme in der allgemeinen Güterverteilung, der Gesundheitsversorgung, der Bedrohung des friedlichen Zusammenlebens und nicht zuletzt der ökologischen Ressourcen, hat sich die Ethik in zahlreiche Bereichsethiken spezialisiert, die jeweils eine hohe Interdisziplinarität voraussetzen: Wirtschaftsethik, Bioethik, Medizinethik, Medienethik etc. Zudem machen es weltweite Verflechtungen heute erforderlich, dass sich die Ethik international und interkulturell orientiert. Ein besonderer Schwerpunkt in Frankfurt bildet darüber hinaus auch die Geschlechterperspektive bzw. die feministische Ethik im Zusammenhang mit einer Ethik in den Wissenschaften.

Herangehensweisen in der Ethik

Die Theologische Ethik umfasst grundsätzlich zwei verschiedene methodische Herangehensweisen. Sie sind in der Theologie historisch in unterschiedlichen Kontexten entstanden und werden häufig so stark voneinander getrennt, dass sie an vielen theologischen Fakultäten durch zwei getrennte Disziplinen vertreten sind: Individualethik, die häufig unter dem Titel Moraltheologie gelehrt wird, und Sozialethik, die aus der Katholischen Soziallehre des 19. und 20. Jahrhunderts hervorgegangen ist. Die Individualethik reflektiert das Handeln des einzelnen Menschen, stellt sich Fragen nach den individuellen Voraussetzungen des Handelns, etwa durch Begriffe wie Person, Identität etc. Ihr Gegenstand sind Fragen der persönlichen Werte, des Glücks und der Lebensziele ebenso wie die Begründung von Rechten und Pflichten der Einzelnen gegenüber anderen. Die Sozialethik hingegen ist auf gesellschaftliche Strukturen und Institutionen bezogen und reflektiert diese und deren Bedingungen, die über das individuell zurechenbare Handeln hinausgehen. Im Zentrum der Sozialethik stehen Fragen der Gerechtigkeit und der Gleichheit sowie soziale Normen, Werte und Güter.

Auch wenn sich Probleme in den Bereichen der Individual- und Sozialethik unterschiedlich stellen, verschiedene Analysemethoden und Lösungswege erfordern, sind beide gleichwohl miteinander verschränkt, so wie Individuum und Gesellschaft in ihrer jeweiligen Konstitution miteinander verschränkt sind.

Nicht nur die Unterscheidung zwischen Individual- und Sozialethik bestimmt die Struktur der ethischen Reflexion, sondern auch die Frage, welchen ethischen Fragen und Inhalten sie sich widmet. Auch hier unterscheidet die Ethik nach zwei Herangehensweisen, die nicht methodischer, sondern inhaltlicher Natur sind: Ein großer Teil der ethischen Reflexion beschäftigt sich mit dem, was wir tun sollen, mit den Rechten und Pflichten, die der und die Einzelne hat (Individualethik), und der Frage der (Wieder-)Herstellung von Gerechtigkeit auf der institutionellen Ebene (Sozialethik). Es geht um die Begründung und Bestimmung von Normen, Rechten und institutionellen Rahmenbedingungen. Wir nennen diese Betrachtungsweise innerhalb der Reflexion die deontologische Dimension.

Nicht alles, was in den Bereich der Ethik fällt, lässt sich jedoch durch die Bestimmung von Normen und Pflichten hinreichend erfassen. Deshalb befasst sich die teleologische Ethik mit den Fragen des sogenannten "guten Lebens": Was das "gute Leben", was "Glück" für die und den Einzelnen bedeutet, ist sehr unterschiedlich und lässt sich nicht verallgemeinernd festlegen. Deshalb werden in diesem Bereich der Ethik persönliche Werte und Überzeugungen in den Blick genommen (Individualethik). Aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene stellt sich die Frage nach gemeinsamen Zielen, die mit den normativen Inhalten der Rechte und Pflichten in Ausgleich gebracht werden müssen. Diese Ebene spiegelt sich etwa in der Debatte um das Gemeinwohl (Sozialethik). Je nach Fragestellung sind also deontologische und teleologische Erwägungen unterschiedlich zu gewichten, letztlich aber in ein Gleichgewicht zu bringen.