Blick in den Oberlichtsaal der Abgußsammlung der Klassischen Archäologie


Die Klassische Archäologie ist Teil der Altertumswissenschaft, die sich mit den antiken Kulturen des Mittelmeerraumes beschäftigt und sich um die Rekonstruktion und das Verständnis der vergangenen Zivilisationen in ihren vielfältigen Kulturäußerungen bemüht. Die Klassische Archäologie widmet sich der Kunst, Kultur und Zivilisation der griechischen und römischen Antike, soweit sie durch Monumente überliefert sind, und umfaßt darüber hinaus die mit der griechisch-römischen Welt verflochtenen Mittelmeerkulturen.
Der zeitliche Rahmen reicht von der griechischen und italischen Vorgeschichte bis zur Spätantike und zum frühen Christentum. Zum Gegenstand der Klassischen Archäologie gehören auch das Nachleben der Antike und ihre eigene Wissenschaftsgeschichte.


Geschichte der Klassischen Archäologie an der Goethe-Universität

Im Jahre 1914 wurde die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt gegründet und mit ihr das Archäologische Institut. Seit 1996 hat Wulf Raeck der Lehrstuhl Klassische Archäologie an der Goethe-Universität inne. Im Jahr 2001 konnte das Institut seine neuen Räumlichkeiten auf dem Campus Westend im ehemaligen I.G.-Farben-Gebäude beziehen. Die Studienbedingungen und die fachübergreifende Forschung konnten durch die Zusammenfassung der Bibliotheken aller Altertumswissenschaften im Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften deutlich verbessert werden. Ein neues Ausgrabungsprojekt in Priene/Türkei und die Mitarbeit an der Grabung in Knidos/Türkei (durch Ursula Mandel) erweiterten und erweitern die Ausbildungsmöglichkeiten für die Studierenden um die vielfältigen Aspekte praktischer Feldforschung. Auch die Originalsammlung am Institut und die enge Zusammenarbeit mit dem Liebieghaus, Skulpturensammlung (Vinzenz Brinkmann, ehemals Peter C. Bol) bieten die Gelegenheit zu praxisorientiertem Lehren und Lernen. Die Abgußsammlung in einem eigens konzipierten Saal konnte dank großzügiger privater Spenden weiter ausgebaut werden. Mit seinen Einrichtungen und Projekten bietet der Studiengang Klassische Archäologie seinen Studierenden ein breites Lehrangebot, das in der engen Verbindung von Feldforschung und akademischer Ausbildung die Archäologie als „Wissenschaft von den materiellen Hinterlassenschaften alter Kulturen“ lebendig macht.

Im Wintersemester 2003/04 haben sich die archäologischen Fächer an der Goethe-Universität, die zuvor auf zwei Fachbereiche aufgeteilt waren, zu einem gemeinsamen „Institut für Archäologische Wissenschaften“ zusammengeschlossen. Die drei Abteilungen liegen räumlich nahebeieinander im I.G.-Farben-Haus; ebenso ihre Bibliotheken. Sie sind gemeinsam am Graduiertenkolleg „Wert und Äquivalent“ beteiligt; zusammen mit den Ethnologen der Goethe-Universität und den Klassischen Archäologen an der TU Darmstadt. Der Zusammenschluß unter Wahrung der Fachidentitäten ermöglicht eine vereinfachte und effizientere Organisation gemeinsamer Lehr- und Forschungsaktivitäten und bewirkt eine deutlichere Außenwirkung, die der wissenschaftlichen Bedeutung der archäologischen Forschung entspricht. Alle Abteilungen besitzen neben ihren Lehr- und Forschungseinrichtungen Studiensammlungen verschiedener Art. Zum bevorstehenden 100jährigen Bestehen der Goethe-Universität 2014 organisieren die Abteilungen gemeinsam eine Jubiläumsausstellung ihrer Sammlungen.

2014 wird auch die Klassische Archäologie gemeinsam mit der Universität ihr 100jähriges Bestehen an der Goethe-Universität feiern.


1914 - 1930

Im Jahre 1914 wurde die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt gegründet und mit ihr das Archäologische Institut. Die Klassische Archäologie war zu dieser Zeit das einzige archäologische Fach. Aufgabe des ersten Lehrstuhlinhabers sollte die "Begründung eines archäologischen Seminars mit Bibliothek und Studiensammlung, voraussichtlich die Aufstellung, Verwaltung und Mehrung einer Abgußsammlung" sein.
Hans Schrader, der schon an den Ausgrabungen von Priene in Kleinasien teilgenommen hatte und zum Zeitpunkt seiner Berufung Direktor der kaiserlichen Antikensammlungen in Wien war, wurde erster Lehrstuhlinhaber in Frankfurt. In seiner Zeit gelang ihm der Ausbau der Abgußsammlung, deren Grundstock aus den Gipsabgüssen antiker Plastik des Städelschen Kunstinstitutes bestand. Diese Sammlung wurde in einem Museumsraum in unmittelbarer Nähe des Institutes im Jügelhaus an der Mertonstraße eingerichtet und bildete die Grundlage für die wissenschaftlichen Arbeiten Schraders, die vor allem um den Themenkomplex griechischer Plastik kreisten.


1930 - 1941

1930 wurde Schrader emeritiert, bis zur Berufung seines Nachfolgers Ernst Langlotz aus Jena 1933 vertrat ihn Walter-Herwig Schuchhardt. Ernst Langlotz hatte mit seiner Dissertation zur rotfigurigen Vasenmalerei Grundlagenarbeit am chronologischen Gerüst der griechischen Kunst geleistet und legte seinen Forschungsschwerpunkt vor allem auf die griechische Plastik. Seine Amtszeit war nicht zuletzt durch den Kampf gegen dauernde Mittelkürzungen und Einschränkungen des Institutsbetriebes geprägt.


1941 - 1956

1941 wurde Langlotz nach Bonn berufen, sein Nachfolger in Frankfurt wurde Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg.Mit der Lehrstuhlbesetzung durch Kaschnitz aus Marburg (früher Königsberg), dem Ehemann von Marie Luise Kaschnitz, gelang die Berufung eines dem nationalsozialistischen Regime gegenüber notorisch skeptischen Gelehrten. Er galt als führender Vertreter der 'deutschen Strukturforschung', die bis in die 60er Jahre eine wichtige Rolle in den Geisteswissenschaften spielte. Es gelang ihm, in der Kriegs- und Nachkriegszeit den Institutsbetrieb unter schwierigsten Bedingungen zu stabilisieren, wobei er Lehrveranstaltungen zeitweise in seinem Haus in Kronberg durchführte, nachdem die Universität weitgehend ausgebombt war. Seit 1949 war Kaschnitz mit der Aufgabe betraut, inoffiziell die Rückgabe der unter internationaler Verwaltung stehenden Abteilung Rom des Deutschen Archäologischen Instituts an die soeben begründete Bundesrepublik vorzubereiten. Während der dadurch bedingten Abwesenheit wurde er von Ernst Homann-Wedeking, Heinz Kähler und Herman Hafner vertreten.


1956 - 1973

1956 kam Gerhard Kleiner, zur Zeit seiner Berufung 2. Direktor des Deutschen Archäologischen Institutes in Istanbul, nach Frankfurt. Kleiners Schwerpunkt lag im Bereich der bislang vernachlässigten hellenistischen Kunst. Er war Grabungsleiter in Milet und arbeitete auch in Priene. Dadurch wurde ein alter Arbeitsschwerpunkt Schraders wieder aufgegriffen, mehrere Dissertationen über kleinasiatische und besonders milesische Themen ergaben sich damals und in der Amtszeit seines Nachfolgers Hans von Steuben aus dieser Verbindung. 1961 konnte das Institut die Räumlichkeiten in einem neuen Bau an der Gräfstraße beziehen. Die Abteilung für Vorderasiatische Archäologie, für die Thomas Beran, ebenfalls aus Istanbul, gewonnen wurde, konnte 1962 eingerichtet werden. Sie eröffnete für DozentInnen und Studierende fruchtbare Perspektiven der fachübergreifenden Forschung und Lehre.


1973 - 1996

1973 wurde Hans von Steuben nach Frankfurt berufen. Schwerpunkt seiner Forschung und Lehrtätigkeit war die Beschäftigung mit der griechischen Kunst, insbesondere der Plastik, unter den verschiedensten kulturhistorischen Aspekten. Bis zur Berufung des Darmstädter Bauforschers W. Müller-Wiener zum Direktor des Deutschen Archäologischen Institutes in Istanbul und Grabungsleiter von Milet übernahm von Steuben kommissarisch die Leitung der Grabung, während Dr. Peter Hommel die Ausgrabungen vor Ort weiterführte.


Literatur: 
M. Herfort-Koch - U. Mandel - U. Schädler (Hrsg.), Begegnungen: Frankfurt und die Antike (1994) S. 337-388.
W. Raeck, Gründung eines Instituts für Archäologische Wissenschaften an der J.-W. Goethe-Universität, Archäologisches Nachrichtenblatt 10, 2005, 275 f