Hilft Natur gegen Tumore?

4.900 Euro für Präklinische Studien zur Bedeutung von Amygdain in der Tumortherapie
Prof. Roman Blaheta
FB 16 (Medizin) - Zentrum der Chirurgie/Klinik für Urologie und Kinderurologie

Die Komplementärmedizin erfreut sich in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Tatsächlich nutzen bis zu 90% der Patienten mit einer Tumorerkrankung im Verlauf ihrer Erkrankung Methoden der sogenannten alternativen Medizin. Die Gründe für diese Entscheidung sind vielfältig. Entweder sind sie generell mit der klassischen Schulmedizin nicht zufrieden, die konventionelle Therapie hat nicht angeschlagen oder sie erhoffen sich durch die Einbindung alternativer Ansätze eine Wirkungssteigerung bei gleichzeitiger Reduktion der Nebenwirkungen.

Dennoch ist das Thema heikel. Obwohl viele alternative Behandlungsformen auf eine zum Teil Jahrtausende alte Empirie zurückzuführen sind –man denke nur an die traditionelle chinesische Medizin–, fehlen doch zumeist wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit.

Große, kontrollierte Studien sind bislang nicht durchgeführt worden, so dass der Einsatz »natürlicher« Präparate oft als unseriös abgetan wird. Tatsächlich ist bei vielen komplementär-onkologischen Verfahren unklar, ob und in welchem Maße sie auf einen Tumor Einfluss nehmen und welcher Nutzen sich für den Patienten ergibt. Insbesondere gilt dies für den Naturstoff Amygdalin. Amygdalin ist ein sekundärer Pflanzeninhaltsstoff und findet sich zum Beispiel in Aprikosenkernen, Apfelkernen oder bitteren Mandeln. In Gegenwart von Wasser wird Amygdalin durch das Enzym Amygdalase in Traubenzucker und Mandelsäurenitrilglukosid gespalten. Letzteres zerfällt durch den Einfluss weiterer Enzyme in Cyanid/Blausäure. Seit den 70er Jahren ist Amygdalin als Naturheilmittel vermehrt in den Fokus des Interesses gerückt. Seine Bedeutung als potentielles Antitumormittel wird jedoch äußerst kontrovers diskutiert, und zwei extreme Positionen stehen sich nahezu kompromisslos gegenüber.

Befürworter betrachten Amygdalin als alternatives oder natürliches Mittel zur Behandlung von Tumorerkrankungen oder deren Symptomen. Sie verweisen dabei auf angebliche Erfolge bei der Krebsbekämpfung. Gegner sehen in Amygdalin hingegen ein unseriöses Wundermittel und warnen vor möglichen toxischen Effekten durch gebildete Cyanidionen. Beide Aussagen sind nicht überprüfbar, da detaillierte Studien zu diesem Thema fehlen. In einem von den Freunden und Förderern der Goethe-Universität mitfinanzierten Forschungsprojekt wird Amygdalin an der Klinik für Urologie und Kinderurologie einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen. Die präklinischen Studien sehen vor, den Einfluss der aus Aprikosenkernen isolierten Substanz auf das Wachstum und die invasive Aktivität verschiedener urologischer Tumorentitäten zu evaluieren. Gleichzeitig wird ein molekulares Wirkprofil erstellt, um potentielle Zielproteine zu identifizieren. Ziel der Untersuchungen ist es, wissenschaftlich fundierte Daten zu präsentieren, die einer sachlichen Diskussion zur therapeutischen Wertigkeit von Amygdalin Vorschub leisten sollen.

Erste Ergebnisse werden auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie im Herbst 2013 vorgestellt.