Ein Solidaritätsspiel in der südöstasiatischen Provinz

Ein solidaritaetsspiel in der suedoestasiatischen provinz 2

4.950 Euro für das Risk Sharing Experiment in Dak Lak, Vietnam
Hanne Roggemann
FB 02 (Wirtschaftswissenschaften)

Mit den Risiken und Konsequenzen von Einkommensausfällen bei der ländlichen Bevölkerung in Thailand und Vietnam beschäftigt sich das DF G-Projekt »Impact of Shocks on the Vulnerability to Poverty: Consequences for Development of Emerging Southeast Asian Economics«, für das an der Goethe-Universität Prof. Rainer Klump am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften verantwortlich zeichnet.

Das Leben der ländlichen Bevölkerung in Entwicklungsländern ist gebeutelt von unvorhersehbaren Schocks und Risiken. Um mögliche Einkommensausfälle abfedern zu können, wenden Haushalte verschiedene Strategien an. In Vietnam existieren einige formale Finanzinstitutionen, die kurzfristige monetäre Hilfeleistungen zur Verfügung stellen. Häufiger greifen Haushalte jedoch auf informelle Institutionen wie soziale Netzwerke zurück, um Einkommensausfälle zu verkraften. Ein solches soziales Netzwerk besteht meist aus Familienmitgliedern, Nachbarn und Freunden und funktioniert wie eine informelle Versicherung.

Mitglieder eines sozialen Netzwerks zahlen informelle Beiträge, indem sie finanzielle Hilfe an bedürftige Mitglieder bereitstellen.Als Gegenleistung können sie sich im Falle eines Einkommensausfalls auf die finanzielle Hilfe des sozialen Netzwerks verlassen. Die Grundlage für solch ein informelles soziales Netzwerk ist ein gegenseitiges solidarisches Verhalten. Dank der Unterstützung der Freunde der Goethe-Universität war es möglich, im Rahmen einer sechswöchigen Feldforschung das solidarische Verhalten in vietnamesischen Dörfern in der Provinz Dak Lak mit Hilfe eines ökonomischen Experiments zu untersuchen. Die Dak Lak-Provinz wurde auf Grund ihrer ethnischen Heterogenität als Forschungsregion ausgewählt. Die einheimische Bevölkerung dieser Region gehört der Ede-Ethnie an. Aufgrund der Umsiedlungspolitik der vietnamesischen Regierung in den 1970er Jahren zogen zahlreiche Vietnamesen (sogenannte Kinh) in diese Region, um hier lukrativen Kaffeeanbau zu betreiben.

Heute bilden sie die Oberschicht und leben teilweise in ethnisch homogenen, aber auch in heterogenen Dörfern mit den Ede zusammen. Die Grundidee der Forschungsarbeit ist es zu erforschen, ob vorhandene formelle Institutionen informelle Institutionen als Versicherungsmöglichkeit ergänzen oder ersetzen können, und gleichzeitig den Effekt von Ethnizität auf das Solidaritätsverhalten zu untersuchen. Im Zusammenspiel von experimenteller Ökonomie und Entwicklungsökonomie kommt diesem Forschungsvorhaben große wissenschaftliche Bedeutung zu.

In enger Zusammenarbeit mit der Vietnamesisch-Deutschen Universität in Ho Chi Minh Stadt und der Tay Nguyen Universität in Buon Ma Thuot, Dak Lak, wurde in 16 verschiedenen ethnisch heterogenen Dörfern in der Dak Lak-Provinz das sogenannte »Solidaritätsspiel « durchgeführt. In diesem Spiel wurden die Teilnehmer in Dreiergruppen aufgeteilt und bekamen ein bestimmtes Einkommen zugeteilt. Jeweils ein Gruppenmitglied erlitt einen Einkommensausfall.

Die anderen beiden Gruppenmitglieder konnten nun einen Teil ihres Geldes an den benachteiligten Mitspieler anonym transferieren. Zusätzlich wurde einigen Teilnehmern angeboten, für einen bestimmten Betrag eine formelle Versicherung zu kaufen, die sie vor einem Einkommensverlust schützt.

Eine erste Analyse der getroffenen Transferentscheidungen der Teilnehmer zeigt, dass die Teilnehmer im Durchschnitt 20 Prozent der Einkommensdifferenz an denjenigen transferieren, der einen Schock erlitten hat, und dass die Solidaritätsentscheidung stark von den eigenen Erwartungen über das Verhalten der Mitspieler abhängt. Hierbei beeinflusst die ethnische Komposition der Dreiergruppen sowohl die Transferentscheidungen als auch die Nachfrage nach der formellen Versicherung. Die hohen Erwartungen der einheimischen Bevölkerung an die Kinh führt dazu, dass die Ede ihre Nachfrage nach formeller Versicherung reduzieren, wenn sie gemeinsam mit Kinh-Mitspielern eine Gruppe formen und sich eher auf die Unterstützung der Kinh verlassen.

Diese Erwartungen sind die Folge einer Politik der affirmativen Aktion (d. h. positive Diskriminierung einer Gruppe durch institutionelle Maßnahmen), die in Vietnam zugunsten der ethnischen Minderheiten gefahren wird. Die Ergebnisse weisen auf mögliche negative Implikationen einer solchen Politik hin und sind somit von hoher entwicklungspolitischer Relevanz.

Im Anschluss an unser Experiment hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, einen Teil ihres Geldes anonym an ein Krankenhaus für Leprakranke in der Dak Lak-Provinz zu spenden und dadurch Menschen, die im Leben weniger Glück hatten, finanziell zu unterstützen. Auch hier beeindruckte das Solidaritätsverhalten der Dorfbevölkerung in Dak Lak. Jeder einzelne Teilnehmer war bereit, das Krankenhaus zu unterstützen, und spendete im Durchschnitt 25 Prozent seiner Auszahlung.