Literarische Stationen im mittelalterlichen Frankfurt. Auf den Spuren des 'Frankfurter Passionsspiels' von 1493.

Entwicklung einer App

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Im späten Mittelalter war die heutige Büro- und Messestadt Frankfurt bekannt für ihre Passionsspiele, wie sie heute noch in Oberammergau aufgeführt werden. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts sind in den Stadtrechen- und Bürgermeisterbüchern regelmäßig Aufführungen verzeichnet, die an öffentlichen Orten der Stadt stattfanden. Breite Bevölkerungsschichten nahmen an diesen Spektakeln vor dem Dom oder auf dem Römerberg teil.
Mit der Inszenierung der Passion Christi wurden in Frankfurt sowohl klerikal-katechetische als auch städtisch-weltliche Zwecke ver­folgt: Die Rezipienten sollten einerseits zur frommen An­dacht animiert werden, andererseits dienten die Aufführungen der bürgerlichen Repräsentation und stärkten das soziale Gemeinschaftsgefühl, indem Fremde und Juden systematisch ausgegrenzt wurden.

Noch heute zeugen zahlreiche Kunstdenkmäler und historische Stätten von der spätmittelalterlichen Passionsfrömmigkeit in der Stadt Frankfurt und ihrer negativen Kehrseite, einem ausgeprägten Anti­judaismus. Dazu gehören die Kreuzigungsgruppe von Hans Backoffen im Frankfurter Dom, die Wandbilder von Jörg Ratgeb im ehemaligen Karmeliterkloster, der für die Dominikanerkirche entworfene Alter Hans Holbeins d.Ä. im Städel, die Alte Brücke mit Brickegickel sowie das Jüdische Museum und die Frankfurter Judengasse.

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Die Frankfurter Spieltradition ist Untersuchungsgegenstand eines Lehrprojekts, das Dr. Stephanie Dreyfürst und PD Dr. Regina Toepfer von Oktober 2012 bis April 2014 an der Goethe-Universität Frankfurt durchführen. Studierende der Literatur- und der Geschichtswissenschaft verorten die Frankfurter Passionsspiele in ihrem histori­schen Kontext und korrelieren lokale Stationen mit literarischen Szenen. Auf diese Weise wurde ein museumspädagogisch-multimediales Konzept für eine Stadtführung durch das mittelalterliche Frankfurt erarbeitet.
Textgrundlage ist das Frankfurter Passionsspiel, das 1493 von dem Spielleiter und Gerichtsschreiber Johannes Kremer aufgezeichnet worden ist. Flankierend werden weitere historische Dokumente herangezogen. Die ausgezeichnete Quellensituation ermöglicht es, die Spielorte noch in der modernen Stadt zu identifizieren und den Verlauf der an die Aufführung anschließenden Prozessi­onen zu rekonstruieren.

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Die literarischen Stationen im mittelalterlichen Frankfurt werden in Form eines virtuellen Stadtrundgangs als herunterladbare App veröffentlicht. In der Überblendung historischer (virtueller) und real erfahrbarer Stationen entsteht ein lebendiges Bild der Geschichte der Stadt Frankfurt, die im Laufe der Zeit gravierende bauliche Veränderungen erfahren hat.

Stationen des virtuellen Stadtrundgangs:

  1. Einführung: Passionsspiele im mittelalterlichen Frankfurt
  2. Nikolaikirche: Die Ratsherren und das Abendmahl
  3. Römer: Verrat in der Öffentlichkeit
  4. Karmeliterkloster: Die Geißelung Jesu im Kreuzgang
  5. Weißfrauenkloster: Der Tanz Maria Magdalenas und der Nonnen
  6. Dom: Der Lanzenstich des Longinus
  7. Alte Synagoge: Josef mit dem Judenhut
  8. Judengasse: Juden im Ghetto und im Passionsspiel
  9. Alte Brücke: Jüdische Feindbilder
  10. Brickegickel: Warnung vor dem Verderben
  11. Affentor: Türkenkrieg und Glaubenszeugnis
  12. Galgentor: Gewaltsamer Tod

Bei der Recherche wurde die Projektgruppe vom Dommuseum, dem Institut für Stadtgeschichte, dem Jüdischen Museum, dem Städel Museum und der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg unterstützt. Die Forschungsbeiträge wurden auf dem Deutschen Germanistentag 2013 in Kiel von den Projektleiterinnen und Studierenden der Fachöffent­lichkeit präsentiert. Die Abschlussveranstaltung mit der Präsentation der App fand im April 2014 statt.
Die App "Frankfurt im Mittelalter. Auf den Spuren des Passionsspiels von 1492" ist in allen gängigen App Stores kostenlos verfügbar (Stichworte: Frankfurt, Mittelalter, Passionsspiel).

Das Projekt wird gefördert von der Dr. Marschner-Stiftung, Microsoft, der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität, studium digitale und dem Förderfonds Lehre der Goethe-Universität.

Flyer zum Stadtrundgang

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Rückseite