CDOG 2000

2000 v. Chr.
Politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung im Zeichen einer Jahrtausendwende

3. Internationales Colloquium der Deutschen Orientgesellschaft

4.–7. April 2000
in Frankfurt/Main und Marburg/Lahn

Auszug aus dem Vorwort von Jan-Waalke Meyer und Walter Sommerfeld

Gerade in dem Zeitraum um 2000 v. Chr., der gekennzeichnet ist durch den Aufstieg der dritten Dynastie von Ur zu einem überregionalen Reich und das Eindringen amoritischer Gruppen sowie das Entstehen eines internationalen Handelsnetzes, das von Assur aus gesteuert wurde, vollzogen sich im Vorderen Orient eine Reihe von Veränderungen, die das Bild der kommenden Jahrhunderte entscheidend mitprägen sollten. Vor diesem Hintergrund wurden aus der Vielzahl der möglichen Themen und Themenkreise einige ausgewählt, durch die die grundsätzlichen historisch-politischen und geistigen Strömungen, ihr Wandel oder ihre Konstanz aufgrund oder trotz äußerer Veränderungen umfassend behandelt werden können.

Es war das Bestreben von Vorstand und wissenschaftlichem Beirat der D. O. G. mit einer vorab festgelegten wissenschaftlichen Konzeption die Rahmenbedingungen für die einzelnen Referenten festzulegen. In historischen Darstellungen wird das Ende der sumerischen Ära in eben diesen Zeitraum datiert; allerdings sind in jüngster Zeit gerade Fragen zur Chronologie erneut dahingehend diskutiert worden, dass auch modifizierte Ansätze zur absoluten Datierung möglich sind. Einen weiteren, einführenden Themenkreis bilden die Fragestellungen zu den äußeren Rahmenbedingungen des historischen Prozesses: das Klima und die Umwelt.

Gruppenfoto in Marburg

In gewisser Weise entspricht die hier thematisierte Zeitenwende dem Ende des sumerisch dominierten 3. Jahrtausends und dem Beginn der semitisch geprägten altbabylonischen Epoche. Daneben werden aber auch eine Reihe von weiteren ethnischen Gruppen fassbar – u. a. nordwestsemitische Nomadengruppen (Amoriter) –, die in Zusammenhang mit Bevölkerungsverschiebungen zur Neugliederung der ethnographischen Struktur der Region und zur Umgestaltung der politischen und kulturgeschichtlichen Substanz beitrugen.

In Anatolien können mit der Einwanderung der Hethiter die ältesten indoeuropäischen Elemente überhaupt nachgewiesen werden; ihre sprachlichen und kulturellen Kontakte mit den autochthonen Protohattiern einerseits und den assyrischen „Kolonisatoren“ (Händlern) andererseits werden hier entsprechend thematisiert. Etwa gleichzeitig etablierten sich die ansonsten ethnographisch isolierten Hurriter in Obermesopotamien und gründeten unabhängige Staatengebilde. Nachhaltige Auswirkungen dieser Bevölkerungsverschiebungen und staatlichen Umstrukturierungen werden in den Bereichen Sprachgeographie und geistige Kultur festgestellt.

In besonderem Maße unterliegen die staatlichen Strukturen signifikanten Veränderungen. Das letzte sumerische Reich der Ur III-Zeit, das zentralistisch aufgebaut war, wird von altbabylonischen Kleinstaaten abgelöst, die primär als lokal orientierte Einheiten und auf privatwirtschaftlicher Basis organisiert waren. Die staatliche Neugliederung in Syrien und Assyrien wird ebenso betrachtet wie das alte Kulturland Elam im iranischen Khuzistan, das als ein weiterer Machtfaktor sowohl zum Zusammenbruch des Ur III-Staates beigetragen hatte, wie es auch den Verlauf der altbabylonischen Geschichte mitbestimmte. Dieser Wandel schlägt sich auch in der Herrschaftsideologie nieder; das traditionelle sumerische Konzept wird abgelöst von semitisch babylonisch-assyrischen Vorstellungen, die u. a. die Institution des vergöttlichten Königs aufgeben und die sumerisch fließende Trennung zwischen der göttlichen und der irdischen Welt nunmehr schärfer konturieren.

Der in dem hier behandelten Zeitraum einsetzenden Internationalisierung des Handels und den neuen Formen der Produktion sind eine Reihe von Vorträgen gewidmet, die geographisch ein Gebiet von Anatolien bis in den persisch-arabischen Golf umfassen. Die sich mit der Bevölkerungsstruktur ebenfalls ändernde Wirtschaftsweise in Mesopotamien – von einer weitgehenden Verstaatlichung der Tempelwirtschaft und der Schaffung eines bürokratischen Zentralismus während der Ur III-Zeit zu einer auf privatem Eigentum und privater Initiative basierenden Wirtschaftsweise – soll für Mesopotamien anhand des zur Verfügung stehenden Textmaterials dargestellt werden; eine entsprechende Auswertung archäologischer Funde (Keramik) steht dagegen im Mittelpunkt einer vergleichbaren Untersuchung für den syrisch-levantinischen Raum.

Schließlich bildet der Bereich der künstlerischen Produktion einen Themenkreis, der wiederum regional untersucht werden soll, um so den unterschiedlichen Strömungen gerecht zu werden.


Die Beiträge zu dem Kolloquium wurden publiziert in:
J.-W. Meyer – W. Sommerfeld (Hgg.), 2000 v. Chr. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung im Zeichen einer Jahrtausendwende. 4.–7. April 2000. 3. CDOG. Saarbrücken (2004)


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