Leitlinien

1) Die Person immer in ihrem sozialen und räumlichen Kontext betrachten!

Altern findet nicht losgelöst von den Umgebungsbedingungen statt, sondern wir sind zeitlebens eingebettet in ein soziales und räumliches Umfeld, das sich verändern kann. Die ausdrückliche Beachtung und Messung dieses sozialen und räumlich-dinglichen Kontextes bildet die dritte "Spezialität" unseres Ansatzes. Was ist mit sozialem und räumlichem Kontext gemeint? Da sind zum einen die Mitmenschen, der Partner / die Partnerin, Kinder, Verwandte, Bekannte, alltägliche Kontakte. Zum anderen die Region, der Ort, an dem wir leben, der Stadtteil, die eigene Nachbarschaft, die Wohnung, ja die Dinge, mit denen wir uns umgeben. All dies prägt unseren Alltag, das heißt unser Verhalten und unser Erleben. Was das Verhalten betrifft, so wissen wir, dass die Selbständigkeit davon abhängen kann, wie die Wohnumwelt gestaltet ist (z.B. barrierefrei), oder ob wir allein leben oder falls nötig auf die Hilfe anderer zurückgreifen können. Wie gehen wir mit Hindernissen in der Wohnung, im Haus, im Stadtteil um, wie gestalten wir die Umwelt, so dass wir trotz Einbußen selbständig sind? Wie organisieren wir unsere Erholungsräume, wie haben wir Teil am Leben "da Draußen" (Partizipation), wann und warum entscheiden wir uns für einen Umzug? Ein längeres Verbleiben in der angestammten Wohnumwelt kann im Idealfall sowohl von der Person gewünscht, als auch von der Gesellschaft als sinnvoll (weil kostengünstig) angesehen werden. Hier liegt u.E. ein noch nicht ausgeschöpftes Potential, das es anwendungsnah weiter zu erforschen gilt (z.B. Akzeptanz und Wirkung von Angeboten). Ein spezieller, in letzter Zeit immer häufiger thematisierter Umweltaspekt ist die Rolle der Technik innerhalb und außerhalb der eigenen vier Wände (z.B. "Ambient Assisted Living"). Wie wird sie wahrgenommen, wann ist sie hilfreich, wie kann sie leichter genutzt werden und wo liegen die Grenzen sinnvoller Nutzung?
Gleichzeitig ist aber gerade im höheren Alter unser Leben geprägt von Umwelterfahrungen und Erinnerungen, die sich nicht nur auf das Verhalten (und die Selbständigkeit) sondern auch auf das Erleben des gegenwärtigen Alltags auswirken können. Anders ausgedrückt, wer wir sind hängt auch davon ab, welche Umwelt uns geprägt hat. Ganz konkret: Wohnenbleiben trägt auch zur Erhaltung unserer Identität bei. Die Bedeutung persönlich wichtiger Gegenstände (Fotos, Möbel etc.) beim notwendigen Umzug in ein Heim ist heute gut verstanden. Aber wie gelingt es, z.B. auch in Pflegeheimen Fuß zu fassen und zu wohnen? Welche Bindungsprozesse braucht es dafür, und vor allem, wie können wir diese Prozesse erlebter Verbundenheit, z.B. zur Heimat, zum Stadtteil oder zum neuen "Setting" Heim besser verstehen, um sie zu nutzen und zu stärken, beispielsweise als "Puffer" im Umgang mit Verwitwung, Umzug, drohender Demenz oder dem Pflegealltag eines Heims? Dazu wollen wir einen Beitrag leisten, z.B. ältere Menschen zuhause aufsuchen, befragen, begleiten und verstehen. Außerdem ist die Praxis der Altenhilfe und Politik zur aktiven Mitarbeit eingeladen. Wie gestalten wir private und kommunale Umwelten, Zugänglichkeit, Erreichbarkeit oder wohnortnahe Versorgung für Ältere und wie lassen sich vorhandene Ansätze noch weiter verbessern? Für eine solche Kontextperspektive ist ein interdisziplinärer Zugang nötig, um die Beschreibung von Person-Umwelt Austauschprozessen aus psychologischer Perspektive zu ergänzten um Sichtweisen der Geographie oder Versorgungsforschung.

2) Die Vielfalt des Alterns anerkennen!

Immer mehr Menschen werden immer älter, so dass etwa ein Drittel des Lebens heute im höheren Alter stattfindet. Alt werden ist der Regelfall des Lebens. Die gute Nachricht ist, dass die Steigerung der Lebenserwartung nicht zu überproportional mehr kranken Jahren am Ende des Lebens führt, sondern dass vielmehr alles darauf hindeutet, dass wir einen deutlichen Zugewinn an gesunden Lebensjahren bis ins sehr hohe Alter hinein verzeichnen können. Das Leben im Alter besteht also nicht nur aus Erkrankungen, zu denen zu Recht bereits viel geforscht wird. Auch wir beschäftigen uns mit körperlichen, z.B. sensorischen (Sehbehinderung) und geistigen Einbußen im Alter (z.B. Demenz). Aber "normales" Altern ist gekennzeichnet durch die Gleichzeitigkeit von "guten" und "schlechten" Dingen, also durch Verluste und durch das, was noch da ist, oder was wir - manchmal sogar im Verlust - "gewinnen" können. Altern geht einher mit Veränderungen der Person (körperliche Fähigkeiten, psychische Ressourcen, Kompensationsmöglichkeiten im Verhalten) oder des sozialen und gesellschaftlichen Miteinanders. Die Frage ist, was machen wir daraus, wie erhalten wir unsere Lebensqualität, wie passen wir uns diesen Veränderungen an, wie gehen wir mit den Alltagsanforderungen um und was können wir daraus lernen für den Umgang mit wahrscheinlicher werdenden krankhaften Veränderungen? Forschung soll dazu beitragen, ein erfülltes Leben zu führen, den Umgang mit Alternsfolgen zu meistern und die Herausforderungen von Erkrankungen des Alters besser zu verstehen.

3) Entwicklungsverläufe und "Übergänge" gezielt in den Blick nehmen!

Erwachsenenalter und Alter sind keine statischen Lebensphasen. Wir müssen uns beruflichen, familiären und persönlichen Herausforderungen stellen. Wir blicken in der Mitte des Lebens auf das eigene Leben zurück und nach vorn und stellen fest, dass vermutlich mehr Lebenszeit hinter uns liegt, als vor uns. Wir haben vielleicht den Auszug der Kinder, vielleicht die Pflege der Eltern zu meistern. Später stellt sich die Aufgabe des Übergangs in die nachberufliche Phase, oder das Verkraften von Verlusten, von Verwitwung, Hilfebedarf, womöglich schweren Erkrankungen. Schließlich sehen wir dem Sterben und dem Tod von geliebten Menschen und von uns selbst entgegen. Vor dem Hintergrund dieser Aufgaben stellt sich die Frage, was ist Entwicklung im Alter? Ist es nur Wachstum oder kann auch die Erhaltung stabiler Lebensqualität das Ziel des Einzelnen und das Ziel von Interventionen sein? Ist, insbesondere im sehr hohen Alter, das Zurechtkommen mit Einbußen selbst bereits Zeichen von Entwicklung? Diese Entwicklungsprozesse interessieren uns vom mittleren bis ins sehr hohe Alter. Schließlich ist zu erwarten, dass zukünftige Geburtskohorten (z.B. die Generation der "Baby-Boomer") aufgrund anderer biographisch gewachsener Gewohnheiten und Prägungen (im Beruf, bei der Mobilität etc.) anders altern werden, als heute Ältere. Wir wissen hierüber noch sehr wenig. Dabei vermuten wir, dass es Phasen im Alternsverlauf gibt, die besonders von Herausforderungen geprägt sind, wie der Übergang vom ressourcenreichen "Dritten Alter" (ca. 60-80 Jahre alt) ins ressourcenarme "Vierte Alter" (ca. 80 Jahre und älter). Solche Übergänge wollen wir gezielt in den Blick nehmen, um Entwicklungsprozesse abzubilden und besser zu verstehen.

4) Alternsforschung auch als methodische Herausforderung sehen!

Bei der Untersuchung dieser Inhalte stellen sich in besonderer Weise auch methodische Herausforderungen, denen wir uns stellen wollen. Eine der grundsätzlichen Aufgaben ist die angemessene Anwendung quantitativer und qualitativer Verfahren in Abhängigkeit von der jeweils zugrundeliegenden Fragestellung. Eine weitere Aufgabe ist die Weiterentwicklung und Überprüfung bestehender Instrumente zum objektiven und subjektiven Person-Umwelt-Austausch, beispielsweise im Zusammenhang mit Zugänglichkeit, Begehbarkeit oder der objektiven Ausstattung, aber auch im Zusammenhang mit dem Wohnerleben, wohnbezogenen Kontrollüberzeugungen oder erlebter Stadtteilverbundenheit. Schließlich sollen Fragen der Messung und Beschreibung von Veränderungsprozessen sowohl aus einer quantitativen (z.B. im Rahmen längsschnittlicher Modellierung), als auch aus einer qualitativen Perspektive (z.B. im Rahmen von interpretativen Rekonstruktionen auf Einzelfallebene) heraus beantwortet werden.