Aktuell betreute Dissertationsprojekte

  • Teresa Hauck, MA: Inklusionsverständnisse

Thema und Fragestellung des Dissertationsprojekts reagieren zum einen auf die Unschärfe des sozialwissenschaftlichen Inklusionsdiskurses, welcher in einem ‚Inklusionspluralismus‘ kulminiert, und nehmen zum anderen Rückbezug auf Ergebnisse des Projekts ‚Wohnräume als pädagogische Herausforderung. Institutionelle Alltagsgestaltung in Einrichtungen für Menschen mit ‚geistiger Behinderung‘‘ (Trescher 2014-2015), innerhalb dessen die Totalität moderner Wohnheime der sogenannten Behindertenhilfe zum Vorschein kam. An dieser Divergenz zwischen Unschärfe des Inklusionsbegriffs einerseits und der tatsächlichen innerinstitutionellen Lebenspraxis in Wohnheimen für Menschen mit geistiger Behinderung andererseits setzt das Dissertationsprojekt an. Das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis und das damit verbundene Desiderat zum Ausgangspunkt nehmend soll das Inklusionsverständnis von MitarbeiterInnen in Wohneinrichtungen für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung untersucht werden. Gegenständlich sollen Interviews mit MitarbeiterInnen aus zwei unterschiedlichen Wohneinrichtungen geführt und anhand der Verfahren der Objektiven Hermeneutik analysiert werden. Von zentralem Interesse ist dabei, ob und inwiefern MitarbeiterInnen in ebendiesen Einrichtungen einen Inklusionsdiskurs führen und ob und inwiefern dieser Auswirkungen auf ihr Selbstverständnis und ihre Handlungspraxis hat.
Kontakt: t.hauck@em.uni-frankfurt.de


  • Michael Börner, MA: Leben mit geistiger Behinderung. Biographische Zugänge zu Lebensverläufen und Lebensperspektiven von älteren Menschen, die als geistig behindert gelten

Ausgehend von einer kulturwissenschaftlichen bzw. diskurstheoretischen Perspektive, die (geistige) Behinderung nicht als individuelle Pathologie und naturgegebenes Faktum, sondern als historisch gewachsene Differenzkategorie und Produkt machtvoller Diskurse begreift, strebt das Promotionsvorhaben danach, geistige Behinderung als lebensgeschichtlichen Prozess des ‚Behindert-Werdens‘ offenzulegen. Mittels eines biographischen Zugangs sollen hierfür Lebensverläufe im Kontext geistiger Behinderung rekonstruiert und darin eingebettete Subjektivierungspraxen identifiziert und in ihrer Wirksamkeit auf das einzelne Subjekt beleuchtet werden. Gegenständlich sollen narrative Interviews mit berenteten Menschen mit geistiger Behinderung aus verschiedenen Wohnkontexten – welche jeweils unterschiedliche Grade der autonomen Lebensführung eröffnen – geführt und mithilfe rekonstruktiv-hermeneutischer Verfahren ausgewertet werden. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Subjektivität, welche durch das mehr oder weniger eng geflochtene Netz aus institutionalisierten Handlungspraktiken (mit)hervorgebracht wurde bzw. wird und nun – im Rahmen des Interviews – Einblicke in das eigene Leben und die weiteren Zukunftsentwürfe gibt.
Kontakt: m.boerner@em.uni-frankfurt.de


  • Dipl.-Pol. Janos Klocke: Grenzen des Subjekts. Postsouveräne Handlungsfähigkeit nach Foucault und Adorno

Der sozialwissenschaftliche Diskurs um politische Handlungsfähigkeit im Anschluss an Foucault hat die Analyse und Kritik von Praktiken der Subjektivierung zum Gegenstand. Der Lesart Foucaults folgend ist dabei die Handlungsfähigkeit des Subjekts der Moderne ursächlich auf gleichermaßen machtvolle wie ermächtigende Diskurse zurückzuführen, der Gedanke einer ursprünglichen bzw. autonomen Subjektivität zurückzuweisen. Für Adorno hingegen ist die ökonomische Verkehrsform der bürgerlichen Gesellschaft manifester Ausdruck einer (historisch bedingten und aufzulösenden) Trennung von Subjekt und Objekt bzw. Gesellschaft, das Subjekt in diesem Sinne entfremdet bzw. beschädigt. Erscheinen beide Subjekttheorien daher zunächst nur schwer vereinbar, offenbart die weitergehende Analyse überschneidende bzw. sich wechselseitig ergänzende Programmatiken, die innerhalb dieses Dissertationsvorhabens in einer vergleichenden Lesart, von ihren Grenzen ausgehend, hervorgehoben werden sollen. Vereinzelt ist das Verhältnis der Subjekttheorien Adornos und Foucaults bereits thematisiert worden, es fehlt jedoch bislang eine umfassende und systematische vergleichende Rekonstruktion in der Absicht, neben den Widersprüchen beider Konzeptionen vor allem auch nach Anschlussmöglichkeiten zu suchen und diese vor dem Hintergrund aktueller praxistheoretischer Paradigmen zu diskutieren. Ein solches Vorhaben verspricht insbesondere auch mit Blick auf sich zuspitzende politische Diskurse um die Anpassung und Optimierung des „unternehmerischen Selbst“ an die Anforderungen des neoliberalen (Arbeits-)Marktes unter Krisenbedingungen erweiterte subjekttheoretische wie handlungspraktische Perspektiven, zumal die Analyse und Kritik der (spät-)kapitalistischen Gesellschaft im Anschluss an Adorno bis in die Gegenwart ein zentraler Bezugspunkt ökonomie- und herrschaftskritischer Forschungsarbeiten ist. Gerade aus diesem Umfeld wurde poststrukturalistischen TheoretikerInnen häufig ein Mangel an analytischer Trennschärfe in Bezug auf das Verhältnis von Subjektivität und der (Eigen-)Dynamik kapitalistischer Ökonomien vorgehalten, weshalb sich dieses Vorhaben auch explizit in vermittelnder Absicht mit beiden Theoriekonzeptionen von Subjektivität und Gesellschaft auseinandersetzen wird. Darüber hinaus wird das Vorhaben die Konstitution des „behinderten Subjekts“ und seine Verstrickung in gegenwärtige biopolitische Diskurse exemplarisch als immanente Grenze der normativ-ethischen Reichweite beider Subjektkonzeptionen herausstellen. Dabei soll im Anschluss an die transdisziplinäre Programmatik der Disability Studies die Problematik (de-)konstruktivistischer wie mündigkeitszentrierter Subjekttheorien mit Bezug auf die empirisch-praktischen Grenzen ihrer Geltung und der damit verbundenen Gefahr eines Ausschlusses der betroffenen Subjekte von Subjektivität überhaupt diskutiert werden.
Erstbetreuung: Prof. Dr. Martin Saar, Universität Leipzig, Zweitbetreuung: PD Dr. Hendrik Trescher
Kontakt: J.Klocke@em.uni-frankfurt.de