Didaktik

Projekt: Versuch einer Ethik des Erzählens für Kinder und Jugendliche

Gibt es eine Ethik des Erzählens für Kinder und Jugendliche und kann es eine solche Ethik überhaupt geben? Ist  eine solche Ethik fassbar und beschreibbar, wenn ihr Ziel lautet, bestimmen zu können, was diesseits und was jenseits des „Zumutbaren“ für die Leser angesiedelt ist? Wie zeigt sich die emotional und kognitiv anspruchsvolle (post)moderne Kinder- und Jugendliteratur im Kontext einer „Ethik des Erzählens für Kinder und Jugendliche“? Diese Fragen stellen sich angesichts des literarischen Angebotes für junge Leser und der Diskussionen um das den Kindern und Jugendlichen in der Literatur „Zumutbare“. Insofern siedelt sich das Projekt in der Schnittmenge an von Literaturwissenschaft, Literaturdidaktik und Leserforschung.

Die Grundannahmen einer solchen Ethik des Erzählens skizziert der bereits vorliegende Aufsatz Versuch einer Ethik des Erzählens für Kinder und Jugendliche in JuLit, H. 1. (2016). Er reflektiert die Bedingung der Möglichkeit einer solchen Ethik, legt ihre Postulate und theoriegeleiteten Rahmenbedingungen dar und gibt einen Ausblick auf ihre Entfaltung und Möglichkeiten ihrer literaturpädagogischen Anwendung.

Demnach ist eine Ethik des Erzählens angesiedelt in der Schnittmenge von gesellschaftlichem Normen und Werten und literarischen Normen und Werten.  Das ist ihr erstes Postulat. Eines ihrer Referenzsysteme ist Im Hinblick auf gesellschaftliche Werte und Norman das Handlungssystem „Erziehung“. Insofern ist die Kinder- und Jugendliteratur immer jeweils auch vom jeweiligen Bild von Kindheit einer Zeit beeinflusst, und daher orientiert sich die Debatte um Unzumutbares in der Kinder- und Jugendliteratur innerhalb einer Ethik des Erzählens an den je aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Demnach verbietet sich ein bloß textimmanentes Vorgehen, vielmehr muss sich die Suche nach Antworten am gegebenen (gesellschaftlichen) Handlungsraum orientieren.

Der Bereich literarischer Werte und Normen referiert auf das Symbolsystem „Literatur“ –also z. B. auf solche ästhetische Verfahren, die Nähe und Distanz des Lesers zum Erzählten bestimmen und damit einen großen Einfluss auf die „Zumutbarkeit“ einer Erzählung ausüben können. Außerdem können diese Verfahrungen potentiell auch selbst „unzumutbar“ sein, z. B. kann in entwicklungspsychologischer Sicht die Anforderung an die Perspektivenübernahme bei der Figurengestaltung zu groß sein, oder ein offenes Ende am Bedürfnis von Lesern im Grundschulalter nach der „geschlossenen Gestalt“  eines „guten“ Endes entgegenstehen. Eine Ethik des Erzählens für Kinder und Jugendliche steht daher stets im Spannungsfeld von Ethik und i. w. S. Pädagogik, z. B. in Bezug auf entwicklungspsychologische Voraussetzungen des Verstehens ästhetischer Strategien.

Das zweite Postulat einer möglichen Ethik des Erzählens bezieht sich auf das Wechselspiel zwischen dem, was erzählt wird, und dem, wie es erzählt ist. Es ist zu zeigen, dass und wie sich die Frage nach einer Ethik des Erzählens im Hinblick auf die Themen und Inhalte einerseits und auf die Darstellungsstrategien andererseits beziehen lässt und beziehen muss. Eine solche Ethik kann und darf nicht normativ sein. Das ist ihr drittes Postulat. Sie will in erster Linie deskriptiv sein,  vor allem aber auch diskursiv, wenn sie einen normativen Handlungsrahmen skizzieren will.

Das Vorhaben zielt darauf, eine Ethik des Erzählens für Kinder und  Jugendlich zu entfalten und an in exemplarischen Analysen von Kinder- und Jugendromanen durchzubuchstabieren.

Kontakt: sh.becker@em.uni-frankfurt.de