Willkommen bei „unser Frankfurt“!

Welcome at “our Frankfurt”!

Details zur Karte „unser Frankfurt“ finden Sie hier.

For details about the map “our Frankfurt” click here (translation by Veit Bachmann).


„unser Frankfurt“ – ein fiktives Panorama kritischer Geographie

Bernd Belina, Verena Schreiber

Mit der Karte „unser Frankfurt“ illustriert das Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt seine Forschung anhand von acht Bauwerken der Stadt. Gezeigt wird ein fiktives Panorama, das Gebäude versammelt, die wir täglich leiblich und gedanklich passieren. Der Platz wird gesäumt von Bauwerken, die umkämpft und umstritten sind oder gleich komplett aus dem Stadtbild gesprengt wurden, von Bauten, die Erprobungsorten anderer städtischer Lebensweisen eine Schutzhülle bieten und von Eingangstoren, die wahlweise in den halbdunklen Untergrund der Stadt oder auf die grellen Glasfassaden Frankfurts lenken. „unser Frankfurt“ ist zugleich die kartographische Illustration einer humangeographischen Forschung, die ihren Zugang zu Gesellschaft über die Betrachtung und Analyse von Räumen und Orten wählt.

„unser Frankfurt“ könnte als eine etwas unverschämte Karte erscheinen – und das nicht nur deshalb, weil sie sich nicht um die etablierten Konventionen der Kartographie schert oder weil sie herkömmliche Repräsentationen von Universität und Stadt bewusst umgeht. Das machen alle Karten aus dem Kontext der Kritischen Kartographie; das macht sie in reinem solchen Kontext sicher nicht zu etwas Besonderem. Dass sie hier aufgeführt ist, mag vielmehr darum etwas dreist erscheinen, weil sie eigentlich gar keine Karte ist. Sie ist eine Tasse! „unser Frankfurt“ soll ihren vorrangigen Nutzen daraus ziehen, für unser Institut zu werben, mit der Tasse ein wenig angeben zu können oder sich einfach ein Heißgetränk schmecken zu lassen. Es gibt einen anderen Grund, dass sie hier erscheint und exemplarisch für ein Counter-Mapping-Projekt stehen darf: „unser Frankfurt“ wurde arbeitsteilig und basisdemokratisch mit dem gesamten Institut erstellt. Wenn Karten in der Regel verschweigen, dass sie gesellschaftliche Produkte sind, die gesellschaftliche (Macht-)Strukturen widerspiegeln, dann ist „unser Frankfurt“ eine Gegenkarte im eigentlichsten Sinn.

Als im Sommer 2014 ein neuer Präsentartikel notwendig wurde, mit dem wir uns bei externen Referent*innen bedanken können und der jene wohlwollend an das Institut zurückdenken lässt, fiel die Entscheidung schnell zugunsten einer Tasse. Als Motive kommen für ein Geographie-Institut traditionell nur zwei Dinge in Frage: ein Globus oder eine thematische Karte – oder beides. Auch unser Institut, das Geographie explizit aus einer gesellschaftskritischen Perspektive betreibt, stellte diese Konstante geographischer Selbstdarstellung nicht in Frage. Eine gelungene Variation liegt nicht in der Abkehr von der Karte an sich, sondern in ihrem Inhalt und ihrer Entstehung. In einer ersten Phase brachten alle Institutsmitglieder Vorschläge ein, welche Frankfurter Bauwerke für eine Kritische Geographie (in) der Stadt stehen sollen. Insgesamt wurden 27 Gebäude genannt, die in einem zweiten Abstimmungsschritt gewichtet wurden. Den Zuschlag bekamen die acht Gebäude, die im Folgenden und auf einem Begleitflyer zur Tasse vorgestellt werden. Mithilfe von Fotographien gestaltete der Grafiker Martin Krämer im Austausch mit uns den fiktiven Platz, definiert durch die acht Gebäude, der nun als Karte in Form einer Banderole die Tasse schmückt. An der Erstellung der Karten waren – Ideengeber*innen, Motivwähler*innen, Farbexpert*innen, Stilberater*innen und echte Fachleute zusammengenommen – mehr als 50 Personen beteiligt. Von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt hat uns das Projekt ein ganzes Jahr unterhalten.


Formensprache

Martin Krämer

Eine Frankfurt-Ansicht als umlaufender Tassenaufdruck, also eine Grafik mit zweifelsfrei identifizierbaren Architekturmarken im extremen Querformat? Ich muss zugeben, dass mich dieser Auftrag hinsichtlich seiner Ausführbarkeit zunächst skeptisch stimmte. Frankfurter Architektur ist ja eher für Ihre Vertikalausdehnung bekannt. Zudem musste bei einem Endformat von 210 x 45 mm eine grundsätzliche Entscheidung gefällt werden: Berücksichtigen wir den tatsächlichen Stadtgrundriss, oder werden die Gebäudeansichten in einem fiktiven Stadtpanorama frei zusammengestellt – also ohne realistische Größen- und Raumbeziehung, dafür aber in einer die Gebäudecharakteristika würdigenden Darstellung? Wir haben uns für die zweite Lösung entschieden. Der Horizont unserer „Bühne“ wurde nach oben gezogen. Die Gebäude mit extremer Horizontalausdehnung wurden vorzugsweise nach oben auf die Horizontlinie gestellt, die hohen Gebäude an den vorderen Rand der Bühne geschoben. So erhalten wir die übersichtige Darstellung eines fiktiven Gebäudeensembles, das etwas wie eine Bühnenkulisse wirkt, in der unterschiedliche architektonische Formensprachen ziemlich unvermittelt aufeinander knallen. Zusammen mit der stark stilisierenden zeichnerischen Darstellung eine gute Voraussetzung um die Eigenart des jeweiligen architektonischen Konzeptes zu karikieren. So lässt sich die einschüchternde Krakenhaftigkeit des (natürlich untersichtig dargestellten) Poelzig-Baus wunderbar mit der unprätentiösen Schlichtheit des Philosophicums, die kompromisslose Fassadengeometrie des AfE-Turms mit dem dekorativen Charakter des Hauptbahnhofs, die heitere Unschuld des Wasserhäuschens mit der brutalen Rationalität des Klapperfeldknastes kontrastieren.