Fachprofil – Forschungsschwerpunkte – Projekte

Disputa 06

Das Fach Kirchengeschichte ist eine mit den Methoden der allgemeinen Geschichtswissenschaft arbeitende Disziplin, die sich mit der Geschichte der christlichen Religion und der christlichen Kirchen von den Anfängen bis in die Gegenwart beschäftigt. Auf der Basis einer methodisch geleiteten Analyse von historischen Quellen will sie in erster Linie verstehen, wie Menschen unter Berufung auf christliche Traditionen und eigene Glaubenserfahrungen in den unterschiedlichen Epochen ihre Vorstellungen von Gott entwickelt, ihr Verhältnis zur Welt praktiziert und in welch individuellen und kollektiven Formen sie ihre religiösen Deutungen gelebt, ausgedrückt, sozial verfasst haben.

Kirchengeschichte an konfessionell geprägten Fakultäten und Fachbereichen ist gleichzeitlich eine Teildisziplin der Wissenschaft der Theologie insgesamt. Das darf ihre Verpflichtung, ausschließlich nach der historisch-kritischen Methode vorzugehen, in keiner Weise einschränken. Ihr theologisches Profil erhält die Disziplin Kirchengeschichte dadurch, dass sich die Themen, Gegenstände, Problemorientierungen und die konkreten Fragen, die sie an die Geschichte richtet, ganz wesentlich aus dem Kommunikationszusammenhang mit den anderen theologischen Fächern und im Blick auf die Problemlagen der Kirche der Gegenwart ergeben. 

Innerhalb der Theologie und des Theologiestudiums fördert die Kirchengeschichte ein Bewusstsein für die Vielfalt und Wandlungsdynamik kirchlicher Traditionsbestände – und leistet gerade dadurch einen Beitrag zu einer pluralitätsfähigen christlichen Identitätsbildung. Als hermeneutische Wissenschaft versucht Kirchengeschichte insbesondere das „Fremde“ in der Geschichte zu verstehen. Als kritische Wissenschaft sensibilisiert sie für die Anfälligkeit auch der christlichen Religion für Gewalt und Diskriminierung. Und mit alledem delegitimiert Kirchengeschichte jede Form von falscher Absolutsetzung und religiösem Fundamentalismus in der Gegenwart.

An der Frankfurter Professur wird versucht, unter dem Stichwort „Kirchengeschichte als Symbolgeschichte“ das Fach genuin kulturwissenschaftlich auszurichten. Im Zentrum vieler Arbeiten stehen deswegen die symbolischen Praktiken, Rituale, Inszenierungen und Mythen historischer Akteure. Aber nicht nur offensichtliche Symbolhandlungen werden hinsichtlich ihrer Bedeutung, Deutung und Geschichtsmächtigkeit untersucht. Ausgehend von der These, dass jede menschliche Handlung immer auch eine symbolische Dimension aufweist und solch symbolisches Handeln fundamental strukturbildend wirkt, soll ganz grundsätzlich eine neue Form kirchlicher Institutionengeschichte geschrieben werden und klassische kirchenhistorische Gegenstände sollen mit den Analyseinstrumentarien der Kulturgeschichte auf neue Weise bearbeitet werden. 

Bislang wird diese Art von „Kirchengeschichte als Symbolgeschichte“ auf folgenden vier Forschungsfeldern erprobt:

  • Geschichte des Papsttums und Roms in Renaissance und Früher Neuzeit – Inszenierungen, Zeremonien, Rituale, Bildpraktiken, theologische Normen
  • Ereignis- und Wirkungsgeschichte des Konzils von Trient (1545-63) und des II. Vatikanischen Konzils (1962-65) – Konzilien als performative Handlungsräume
  • Kirchliche Personal- und Sachentscheidungen – Symbolizität technischer Verfahren
  • Katholische Konfessionskultur – Symbolverständnisse und Ritualpraktiken

 

Aktuelles Buchprojekt von Günther Wassilowsky:

  • Religion im Rom der Renaissance

 

Zwei wichtige wissenschaftliche Reihen werden an der Professur (mit-)herausgegeben:

  • Päpste und Papsttum (Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart)
  • Reformationsgeschichtliche Studien und Texte (Aschendorff Verlag Münster)

Diesbzgl. Anfragen richten Sie bitte direkt an Prof. Dr. Günther Wassilowsky.

  

Im Lehrangebot der Professur spiegeln sich sowohl das dargestellte Fachverständnis wie die genannten Forschungsfelder wider. Auch wenn der zeitliche Schwerpunkt bei den Forschungsprojekten auf Spätmittelalter und Früher Neuzeit liegt, werden regelmäßig Lehrveranstaltungen zu allen Epochen der Kirchengeschichte angeboten.