Dissertationsvorhaben

Blickt man in die modernen Editionen der Snorra Edda (ca. 1220), so fällt rasch auf, dass der Kerntext dieser mittelalterlichen isländischen Poetik in den Ausgaben stets aus denselben vier Abschnitten besteht. Dabei handelt es sich um jene Texte, die als geistige Schöpfung des Universalgelehrten Snorri Sturluson (1178/79-1241) gelten: Formáli („Vorrede“), Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), Skáldskaparmál („Die Sprache der Dichtkunst“) und Háttatal („Das Verzeichnis der Versmaße“).

Nach Prüfung der frühen Handschriften der Snorra Edda fällt auf, dass sie hinsichtlich der Textzusammenstellung zwei gegenläufige Tendenzen aufweist, die als Tradition und Variation beschrieben werden können: Die Snorri zugeschriebenen Texte werden in den Haupthandschriften stets gemeinsam und in ähnlicher Reihenfolge festgehalten. Diese Inhalte werden sodann, offensichtlich unproblematisch, um weitere Texte (sogenannte Zusatzüberlieferung) ergänzt. Es wird also einerseits ein Überlieferungskern sichtbar, welcher in der bezeugten Zusammenstellung noch heute in den Editionen weiterlebt, sowie andererseits ein variabler Überlieferungsteil, der in der neuzeitlichen Drucktradition marginalisiert wird. Folglich lässt sich eine Entwicklung von einer gleichzeitig festen und variierenden Überlieferungstradition in den Handschriften hin zu einer geschlossenen Konzeption der Snorra Edda in modernen Editionen beobachten.

Die geplante Dissertation setzt sich zum Ziel, die Entwicklung des Textkorpus der Snorra Edda vom Mittelalter bis heute zu rekonstruieren. Im Mittelpunkt steht die wenig beachtete und noch nie systematisch im Zusammenhang untersuchte ‚Zusatzüberlieferung‘ in den Handschriften der Snorra Edda. Es ist zu fragen, ob ein Kanon der Snorra Edda existiert, wo er seinen Ausgang nimmt und wie er sich über die Jahrhunderte entwickelt. Dabei wird zu ergründen sein, welche Erkenntnisse sich aus einer zu der gegenwärtigen ‚Geschlossenheit‘ des Korpus der Snorra Edda alternativen Sichtweise gewinnen lassen. Die Untersuchung wendet sich dafür von der lange vorherrschenden produktionsästhetischen Orientierung der Forschung ab und verfolgt stattdessen einen überlieferungs- und rezeptionsgeschichtlichen Ansatz.

Betreut wird das Dissertationsvorhaben von Frau Prof. Dr. Julia Zernack.