Geometria Deutsch. Druckwerke der praktischen Geometrie bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Laufzeit: Februar 2018 bis Januar 2021.
Beteiligte: Prof. Dr. Christina Lechtermann und Jan Habermehl, M.A.

Frühneuzeitliche Druckwerke der praktischen Geometrie inszenieren sich in einem Netz verschiedener Praktiken und reflektieren sich als Text-Bild-Verbünde, die erst im Zusammenspiel mit anderen Objekten (z.B. Lineal und Zirkel, Messrute und Jakobstab) Bedeutung konstituieren. Immer wieder setzen sie auf eine Lektüre, die Text, Diagramm, geometrisches Instrument und praktische Übung miteinander vermittelt, bzw. sie behaupten die Notwendigkeit einer solchen Rezeptionsweise als Voraussetzung des Verstehens.

Von der Kunstwissenschaft oder der Wissens- und Mediengeschichte sind diese Texte zwar gelegentlich als Quellen genutzt worden, doch die Druckwerke selbst, ihre Faktur, ihre Vertextungsmuster oder ihre genuine Rhetorizität gerieten bisher kaum in den Blick. Wo dies punktuell dennoch geschah, wurde dabei die von den Texten behauptete didaktische Intention a priori als primäres Ziel der Text- und Buchgestaltung gesetzt.

Eine nähere Analyse jedoch zeigt eine heterogene Befundlage: Die von den Druckwerken behauptete Praktikabilität wird von den Lehrschriften in sehr unterschiedlichem Maße eingelöst, Überexplizierung und unverständliche Verkürzung im geometrischen "Zitat", darstellerische Ökonomie und scheinbar überflüssiger Zusatz etwa stehen immer wieder nebeneinander. Der Kanon vorgestellter Verfahren und die Formen ihrer Präsentation adressieren zwar eine handwerkliche Praxis, aber ebenso folgen sie einer textuellen Traditionsbildung. Einige der Schriften scheinen dabei besonders auf Bedürfnisse der höfischen Repräsentation zu antworten, andere weisen in das Umfeld städtischer, humanistischer Kommunikationssituationen, wieder andere scheinen eine Offizin und ihre Möglichkeiten besonders zu empfehlen oder attribuieren bestimmte Wissensbestände einem Verfasser oder Widmungsempfänger.

Kurz gesagt: Es ist zu vermuten, dass die jeweilige Faktur der Schriften, ihre multiple Adressierung, die verschiedenen Arten an Traditionen anzuknüpfen und eigene auszubilden sowie ihre unterschiedlichen Bemühungen Wissen und Können zu transkribieren auf eine Polyfunktionalität dieser Druckwerke verweisen, die mit Stichworten wie "Lehrschrift", "Fachliteratur" o.Ä. zu einem guten Teil ausgeblendet wird. Besonders solche Momente, die auf eine spezifische und ostentativ inszenierte Ästhetik fachthematischer Druckschriften verweisen, sind damit nivelliert. Für das Projekt leitend wird die Arbeitshypothese sein, dass sich für die deutschen Geometrieschriften eine handlungsanweisende didaktische Funktion und eine für vielfältige Kommunikationsinteressen anschlussfähige "geometrische" Literarizität und Ästhetik immer neu verschränken.


VAS - Vor-Augen-Stellen jenseits der Dichotomie von Text und Bild

VAS - Vor-Augen-Stellen (externer Link)

Das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk will eine Grammatik bildlicher Kommunikation erarbeiten und das jenseits der Dichotomie von Sprache und Bild. Es geht uns um ein gemeinsames Instrumentarium für anschauliche Darstellungen, die sich im Medium der Sprache und im Medium des Bildes finden. Dafür sollen die Verfahren des Vor-Augen-Stellens systematisch beschrieben und anhand von exemplarischen Studien der Netzwerkmitglieder veranschaulicht werden. Der Ansatz selbst ist durch die Tatsache geleitet, dass das Interesse am Bildlichen und Visuellen seit iconic und pictorial turn beständig gewachsen ist. Nicht nur interessieren alle Formen der Bilderzeugung; Sprache und Bild als vernetzte werden mittlerweile als Teil einer visuellen Kultur erforscht, so wie es in der germanistisch-mediävistischen Forschungstradition, der Beschreibung textueller Visualisierungsformen, der Text-Bild-Forschung und der Bedeutungsforschung, seit langem der Fall ist.

Das Netzwerk ist den modernen und mediävistischen Bildwissenschaften verbunden, setzt aber bei einem Punkt jenseits der Opposition von Text und Bild an. Sprache und Bild sind trotz ihrer medialen Differenz historisch weniger trennscharf gewesen. Zentrale sprachliche Verfahren der Anschaulichkeit wie Hypotyposis, Vergleich und metaphorische Rede zielen auf Konkretion mit dem Ziel, einen abwesenden Gegenstand so vor Augen zu stellen, dass er eindrücklich, klar und lebendig erscheint. Dies ist bildkünstlerischen Darstellungen ganz vergleichbar, gerade auch, weil der referentielle Bezug hinter die Evidenz des Augenscheinlichen zurücktritt. Für das Netzwerk gilt daher grundsätzlich, dass jede Form der Evidenzerzeugung auch Bedeutungsübertragung ist, insofern sich etwas zeigt, das etwas Abwesendes bezeichnet. Sprachliches und bildkünstlerisches Vor-Augen-Stellen verlebendigt und zeigt etwas Abwesendes zugleich. Die referentiellen Bezüge werden von der Evidenz des In-Erscheinung-Getretenen wirksam verborgen. Wir können hier konkret an zwei rezente Projekt anschließen, an das seit 2013 existierende Berliner Projekt BildEvidenz und die seit 1998 laufende Münsteraner Arbeitsstelle für Christliche Bildtheologie, die das religiöse Bild auf seine historischen und erkenntnistheoretischen Prämissen in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Wort und Bild untersucht. 

Neben den Verfahren des Vor-Augen-Stellens geht es uns um die interaktiven Dimensionen der Bedeutungskonstitution, um die Verweiszusammenhänge zwischen konventionellem Wissen, innermedial umgesetztem Wissen und Vor-Augen-Stehendem, um die Wechselwirkungen zwischen seiner Bedeutung im medialen Kontext und um die Wirkungsweisen im jeweiligen Gebrauchszusammenhang der Medien.