Pressemitteilungen

07. Februar 2019

Erklärung des Fachbereichs Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt zu den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche

Vorbemerkung. Der Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität hat sich entschlossen, mit der untenstehenden Erklärung auf die Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche zu reagieren. Er sieht sich damit in enger Verbindung mit der Initiative von neun Unterzeichnenden eines am 3. Februar 2019 veröffentlichten offenen Briefs an Kardinal Reinhard Marx. Dass Papst Franziskus im Herbst 2018 die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen zu einer Sonderkonferenz am 21.–24. Februar 2019 in Rom eingeladen hat, um mit ihnen über die Missbrauchsfälle zu beraten, ist ein notwendiger Schritt. Der Fachbereich hat sich entschlossen, in der Vielfalt seiner Fächer und die Kooperation mit nichttheologischen Fächern suchend das Thema der Macht und ihres Missbrauchs ins Zentrum von Forschung und Lehre zu rücken. Auf Initiative und unter Federführung der Studierenden wird ein Studientag des Fachbereichs zu den Missbrauchsfällen vorbereitet und im Sommersemester 2019 durchgeführt.

Das Bekanntwerden einer nicht enden wollenden Kette der Gewaltausübung und des Missbrauchs in der Katholischen Kirche hat viele Menschen erschüttert, innerhalb wie außerhalb der Kirche. Die Opfer dieser Handlungen: Kinder und Jugendliche, überhaupt Menschen, die in besonderem Maß auf Fürsorge, Schutz und Förderung in vertrauensbasierten Beziehungen und Strukturen angewiesen wären. Die besondere Dramatik der Missbrauchsfälle besteht in der Ausbeutung und der Zerstörung dieses primären menschlichen Bedürfnisses nach Vertrauen. Wie tief die zugefügten seelischen Verletzungen reichen, lässt sich kaum ermessen.

Für jeden einzelnen Fall gilt: Es hätte nicht passieren dürfen. Die unfasslich große Zahl und die erschreckende weltweite Verbreitung dieser Fälle lässt aber eine über den zu beklagenden Einzelfall hinaus gehende Struktur erkennen: eine dunkle Struktur der Kirche selbst. Jetzt noch das Wort von der „Kirche der Sünder“ zu bemühen, wäre fahrlässig, wenn nicht sogar zynisch. Das schärfere Wort von der „sündigen Kirche“ trifft eher den Punkt: In ihrem Ausmaß enthüllen die Missbrauchsfälle die Ursachenbedeutung der kirchlichen Strukturen. Diese haben den missbräuchlichen Übergriff institutionell Mächtiger auf Schwächere ermöglicht und begünstigt, sie haben die Vertuschung, das Verschweigen und die nur unzureichende Aufklärung des Missbrauchs mindestens begünstigt.

Sicher hat es Missbrauch in anderen Einrichtungen gegeben, die von asymmetrischen personalen Beziehungen geprägt sind, in denen Schutzbefohlene und Betreuende zusammen leben. Wenn es sich aber um eine Einrichtung handelt, die sich selbst als „universales Sakrament des Heils“ versteht (Vatikanum II, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 48), ist die Fallhöhe umso extremer. Es ist gerade dieser theologische Horizont, in dem nun die kirchlichen Strukturen in ihrer Gesamtheit auf dem Prüfstand stehen. Wie kann die Kirche Zeichen und Werkzeug des Heils sein, wenn in ihr strukturell Menschen in ihrer Subjekt-Würde und leiblich-seelischen Unversehrtheit missachtet und verletzt werden? Die Kirche kommt um ihres Auftrags willen nicht darum herum, zu einer umfassenden Reform ihrer Leitungsstrukturen und ihres Selbstbilds als Institution auszuholen. Dies kann nur als ein alle Glieder der Kirche einladender – und auf die Stimmen von außen als „Fremdprophetie“ hörender – Prozess der Partizipation, des Austauschs, der Meinungsbildung und der Erkundung neuer Wege geschehen. Wohin ein solcher Reformprozess auch immer führt – eines ist gewiss: Die Kirche, die seit der apostolischen Zeit durch die Jahrhunderte stets in der Lage war, von den sie umgebenden Gesellschaftsstrukturen zu lernen, muss sich von dem angesichts der Demokratie selbst auferlegten Lernverbot befreien. Die einen Reformweg leitenden Stichworte lauten: Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Partizipation. Diese demokratischen Prinzipien stehen nämlich dem Heilsauftrag, unter den die Kirche sich gestellt sieht, nicht im Weg, sondern können ihm überhaupt erst zu neuer Glaubwürdigkeit verhelfen.

Viele Menschen sehen zudem einen Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen und dem Pflichtzölibat. Der Zölibat hat im Lauf der Geschichte verschiedene Begründungen erhalten: Er war Ausdruck einer asketischen Grundhaltung; er sollte den Priester frei für Gott und für den Dienst an den Menschen machen; im 19. Jahrhundert hat sich mit ihm ein extremes Reinheitsideal verbunden. Dessen repressive Macht hat auf Menschen mit gestörter Sexualität anziehend gewirkt, die sie unter der Decke der Reinheit vor sich selbst verbergen und beschweigen konnten. Will die Kirche am Pflichtzölibat festhalten, auch wenn „ein notwendiger Zusammenhang von Priestertum und Ehelosigkeit nicht erwiesen werden kann“ (B. Fraling), muss sie erhebliche Anstrengungen zu seiner Neubegründung unternehmen und zur Entwicklung eines neuen Bilds, das den Zölibat ohne Deformationen – und entkoppelt von jenem unseligen Reinheitsideal – lebbar erscheinen lässt.

Der Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität sieht sich – in den Studierenden, Lehrenden und anderweitig am Fachbereich Tätigen – von den Vorgängen und deren Konsequenzen zutiefst betroffen. Gerade in dieser für die Kirche sowohl beschämenden als auch bedrängenden Situation erneuert der Fachbereich nachdrücklich jenes Angebot, das seine Existenz begründet: das Angebot zum Studium der Theologie. Es richtet sich an all jene, die mit der Möglichkeit eines letztgültigen Sinn in dieser unheilvollen Geschichte der Menschen noch rechnen wollen. Sie sollen dazu ermutigt werden, ihren existentiellen Fragen selbstbestimmt nachzugehen und im Studium der Theologie eine informierte Mündigkeit zu erwerben. Wo Glaube selbstbestimmt und mündig gelebt werden kann, besteht Aussicht auf einen lebendigen Neuanfang der Kirche.

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10. Oktober 2018

Solidarität mit Rektor Wucherpfennig

Fachbereich Katholische Theologie fordert Respekt für die Freiheit theologischer Wissenschaft

FRANKFURT. Der Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität hat die Verweigerung des „Nihil obstat“ für die Wiederwahl von Prof. Ansgar Wucherpfennig SJ zum Rektor der Hochschule St. Georgen durch den Vatikan scharf verurteilt. In einer Stellungnahme haben Vertreterinnen und Vertreter des Faches ihre Empörung zum Ausdruck gebracht. Sie sehen darin einen „Angriff auf die Integrität und Reputation eines in wissenschaftlichen Fachkreisen hochgeschätzten und weithin anerkannten Kollegen und eine extreme Gefährdung der Freiheit theologischer Forschung und akademischer Selbstverwaltung.“ Sie fordern die Verantwortlichen auf, „ihre Entscheidung zu überdenken und zu korrigieren“.

Stellungnahme des Fachbereichs Katholische Theologie der Goethe-Universität:

„Mit Empörung reagieren wir auf die Verweigerung des ‚Nihil obstat‘ zur Wiederwahl von Prof. Ansgar Wucherpfennig SJ zum Rektor der Philosophisch-Theolo­gischen Hochschule St. Georgen. Der Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität verurteilt diese Verweigerung durch den Vatikan entschieden. Wir sehen darin einen Angriff auf die Integrität und Reputation eines in wissenschaftlichen Fachkreisen hochgeschätzten und weithin anerkannten Kollegen und eine extreme Gefährdung der Freiheit theologischer Forschung und akademischer Selbstverwaltung. Wir möchten alle Kolle­gin­nen und Kollegen der katho­li­schen Theologie motivieren, diesem Skandal mit Ent­schie­denheit entgegen zu treten. Die für die Verweigerung des ‚Nihil obstat‘ Verantwort­li­chen fordern wir dringend auf, ihre Entscheidung zu überdenken und zu korrigieren.

Wir, die Professoren des Fachbereichs Katholische Theologie, haben über viele Jahre Pater Wucherpfennig als einen in fachlicher wie menschlicher Hinsicht herausragenden und vorbildlichen Kollegen erlebt. Als langjähriger Rektor der Hochschule St. Georgen war er maßgeblich daran beteiligt, dass die Kooperation in Forschung und Lehre zwischen der Hochschule und dem Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität in den letzten Jahren erfolgreich ausgebaut und vertieft werden konnte. Pater Wucherpfennig ist maßgeblich für die vertrauensvolle und wertschätzende Atmosphäre verantwortlich, in der sich Lehrende und Studierende der beiden Standorte der katholischen Theologie in Frankfurt begegnen.

Es macht uns fassungslos, dass ausgerechnet in Zeiten, in der die katholische Kirche durch die skandalösen Fälle massenhaften sexuellen Missbrauchs in der Öffentlichkeit und in den Ge­mein­den so viel Vertrauen verspielt hat, die von seelsorgerlicher Verantwortung getragenen Stellungnahmen von Professor Wucher­pfennig zur biblischen Bewertung von Homosexualität zensiert und abgestraft werden. Hier wird die Kompetenz eines renom­mierten Theologen und Hochschulleiters aus durchsichtigen kirchen­politi­schen Motiven in Misskredit gebracht.

Wir unterstützen ausdrücklich die Stellungnahme des Bischofs von Limburg Georg Bätzing, der sich eindeutig hinter Pater Wucherpfennig stellt. Wir sehen darin eine große Ermutigung und Wertschätzung selbständiger und freier akademischer Forschung innerhalb der katholi­schen Theologie. Wir erklären uns solidarisch mit den Kolleginnen und Kollegen der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen, die von diesem verstörenden Vorgehen betroffen sind, besonders aber mit dem von uns sehr geschätzten Kollegen Ansgar Wucherpfennig, mit dem wir uns verbunden fühlen.“

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