Ilay aus der Türkei, Informatik

"Ja, es ist nicht das wichtigste, womit man viel Geld verdient, sondern wie man glücklich sein und Leistung bringen kann"

Meine Familie war in Deutschland aber das war nicht der einzige Grund, warum ich nach Deutschland gekommen bin. In meinem Heimatland war damals ein Kopftuchverbot an den Universitäten. Ich wollte aber unbedingt studieren und dennoch mit meiner Glaubenspraktizierung nicht aufgeben. Deswegen war es für mich eine große Freude in einem Land zu studieren, wo ich völlig frei bin und so akzeptiert werde ganz wie ich bin.

Das erste Semester war für mich nicht unbedingt erfolgreich :-) Mein Deutsch war noch sehr unzureichend und ich konnte die Vorlesungen überhaupt nicht verstehen. Fachbücher zu lesen war für mich eine echte Qual, weil ich mindestens drei Wörter in jedem Satz nachschlagen musste. Meine Kommilitonen haben eine Seite gelesen und es schnell verstanden, bis ich drei Sätze dekodiert habe. Also musste ich viel mehr Zeit fürs Lernen investieren als sie. Keinen einzigen Schein machen zu können hat mich im ersten Semester auch sehr demotiviert um ehrlich zu sein. Zum Glück bin ich eine strebsame Person und habe nicht aufgegeben :-)

Den Höhepunkt meines Studiums habe ich da erlebt, wo ich mich am Rande des Aufgebens befand. Ja, ich war sehr nah zum Abschluss und wollte mit dem Studium aufhören. Ich bin eine praktische Person und für mich war es einfach sehr schwer alles theoretisch behandeln zu müssen. Nach dem mein Professor (in theoretischer Informatik) mir empfohlen hatte, lieber etwas Anderes zu studieren, war es wahrscheinlich normal in eine Depression geraten zu sein; insbesondere dann, wenn man fünf Jahre hinter sich hat. Da ist die Studentenberatung (ich weiß nicht mehr, wie der Name der Abteilung damals genau hieß) der Goethe Universität als rettender Engel aufgetreten. Eine erfahrene Studentin hat mir da genau zugehört und gesagt: "Hey, du hast bisher alles sehr gut geschafft, mach weiter und bring es zum Ende". Zusammen mit ihr haben wir ein Ziel- und Lernprogramm für mich erstellt. Dann habe ich ein Praktikumsplatz außer Haus gefunden und dort mein besonderes Werk aufgebaut: Eine web-basierte Datenbankapplikation, was mich überaus motivierte. Das war ein besonderer Erfolg für mich etwas Konkretes hervorzubringen!

Eine besondere Herausforderung für mich war, dass wir in den großen Sälen mit 200 Menschen Vorlesungen gehabt haben. Es ist nicht wie in der Schule; du bist nur ein Name auf einer Liste. Noch dazu haben mich meine unzureichenden Deutschkenntnisse sehr blockiert. Dadurch habe ich nicht nur Themen verpasst, sondern ich war auch immer mehr davon zurückgehalten Fragen zu stellen. Ich musste mir also alles nachhaltig selbst aneignen. Aber das hat mir auch neue Fähigkeiten erbracht: Recherchieren und selbst lernen...

Mir hat es während meines Studiums am meisten gefehlt, mir den Weg gezeigt zu bekommen. Ich glaube das ist insbesondere für internationale Studenten sehr wichtig. Ja, es wäre schön gewesen, wenn ich es rechtszeitig erzählt bekommen hätte, wie ich mein Studium planen und im Allgemeinen vorgehen sollte: dass ich beispielsweise unbedingt ein Nebenjob oder irgendein Praktikum in meinem Fach in der Arbeitswelt ausüben sollte, wo ich am besten lernen könnte. Ich habe zwar danach alles durch meine eigenen Erfahrungen und Anforderungen gelernt, aber es war meistens zu spät. Dadurch habe ich viel Zeit verloren. Deswegen finde ich es sehr sehr schön, dass diese Erfahrungsberichte für internationale Studierenden zur Verfügung stehen. Ich hoffe, dass ich dadurch auch meinen Beitrag leiste. Außerdem hat es mir sehr gefehlt eine vertraute Lerngruppe zu haben. Damals war ich etwas schüchtern und brauchte einfach Unterstützung von Fachkräften. Vielleicht wäre es schön, den Studenten anzubieten bei der Bildung von Lerngruppen zu helfen.

Ich habe niemals daran gedacht in mein Heimatland zurückzukehren, weil meine Familie in Deutschland war. Aber ja, aufzuhören und lieber mit etwas anderem von Null anzufangen habe ich wohl gedacht. Was mich damals daran gehindert hatte, war meistens meine Entschlossenheit und Strebsamkeit daran, etwas, dass ich einmal angefangen habe auf jeden Fall zu Ende zu bringen. Mit der Zeit habe ich jedoch verstanden, dass das doch keine beste Ansicht war. Man sollte auch den Mut haben mit etwas, dass nicht super klappt, aufzuhören und einen neuen Start zu machen aber niemals aufzugeben :-) Zum Glück habe ich später auch die Aspekte meines Faches entdeckt, die mir große Freude bereiteten und ich sehr gerne gemacht habe. Das ist ja auch der Grund, warum ich heute noch im IT-Bereich arbeite. Mir gefällt es vor allem mich ständig mit neuen Problemen zu konfrontieren und mich niemals in einem monotonen Arbeitsalltag langweilen zu müssen. Ich bin einfach ein lösungsorientierter Mensch und bin sehr glücklich, dies in allen Freiheiten in meinem Beruf ausüben zu können.

Wenn ich mein Studium noch einmal von vorne beginnen könnte, hätte ich auf jeden Fall zuerst eine Ausbildung gemacht. Insbesondere bei den Fächern, wo sehr viel theoretisch angegangen wird, hilft es sehr viel alles zunächst praktisch zu erlernen. Und ich hätte während des Studiums auf jeden Fall mehr in meinem Gebiet gearbeitet - auch wenn es sich um einen Minijob handelt - oder zumindest ein Praktikum gemacht. Das ist für den künftigen Arbeitseinstieg auch sehr wichtig. Denn die Arbeitgeber bevorzugen die erfahrenen Personen. Die unerfahrenen haben in der Arbeitswelt wenig Chancen. Meine Eltern haben mich zwar während meines Studiums viel unterstützt aber ich wollte ihnen auch nicht viel Last bereiten. Deswegen habe ich mein ganzes Studium lang gearbeitet, nur bedauerlicherweise nicht unbedingt in meinem Bereich.

Meine erste Erfahrung in IT war allerdings in einem Verein, wo ich ein Praktikum im Bereich „web-basierten Datenbanken“ gemacht habe. Meine große Liebe für Programmierung habe ich auch da entwickelt. Aus diesem Grund bestand mein Wunsch darin, meine Diplomarbeit über ein Thema zu schreiben, wo ich Datenbanken und Programmierung kombinieren könnte. Deswegen habe ich sie extern an einem Software-Unternehmen geschrieben, was mich im Sinne des praktischen Wissens sehr bereichert hat. Mein Thema war die Bereitstellung und Transformation medizinischer Gerätedaten für ein OLAP-System.

Liebe internationale Studierende, überlegt bitte am Anfang sehr gut, was ihr am besten studieren könntet. Ja, es ist nicht das wichtigste, womit man viel Geld verdient, sondern wie man glücklich sein und Leistung bringen kann. Ich meine, es ist eine Tatsache, dass die Menschen sich ihre Fähigkeiten und Interessen erst später in ihrem Leben entwickeln und bei der Berufsauswahl anfänglich meistens die Geld- und Vakanz-Faktoren in erster Linie im Auge behalten. In Wirklichkeit aber sind diese Faktoren allein nur vorübergehend zufriedenstellend. Ob man sie überhaupt erreichen kann ohne eine innere Ruhe und Freude, ist natürlich eine andere Frage. Deshalb lege ich viel Wert darauf, dass einem bewusst ist, dass wir diese Welt zusammen teilen und ihr etwas schulden. Erst wenn wir das, was wir tun, gerne tun, indem wir unsere innere Kraft einsetzen, dann können wir unseren Beitrag an das Leben leisten.

Ihr habt eure eigene Welten, Kulturen und Glauben. Das könnt ihr auch behalten und dennoch erfolgreich und akzeptiert werden, nur dann, wenn ihr Selbstrespekt und Respekt für alle anderen habt. Ohne Vorurteile und Ängste ist das Leben süßer. Ein Türkischer Gelehrter Bediüzzaman Said Nursi sagte: „Wer mit guter Absicht hinschaut, der sieht das Schöne. Wer das Schöne sieht, der denkt das Schöne. Und wer das Schöne denkt, der genießt auch das Leben.“