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Atlantischer Transfer und regionale Autonomie. Die Völkerrechtslehre von Andrés Bello.


Nina Keller
Frankfurt am Main

Das Dissertationsvorhaben befasst sich mit der Völkerrechtslehre des südamerikanischen Intellektuellen Andrés Bello (1781-1865). Den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet die Analyse Bellos Werks „Principios de Derecho de Jentes“ von 1833. Dieses Traktat über die völkerrechtlichen Prinzipien wurde als erstes spanischsprachiges völkerrechtliches Werk im unabhängigen Lateinamerika veröffentlicht. 1844 und 1864 erschienen in Valparaíso, Chile, noch zwei weitere Auflagen unter dem leicht abgewandelten Titel „Principios de Derecho Internacional“. Das Werk hatte großen Erfolg und wurde in vielen südamerikanischen als auch europäischen Ländern veröffentlicht. So erschienen weitere Ausgaben in Madrid, Paris, Santiago de Chile, Bogotá, Sucre, Lima, Buenos Aires und Caracas.

Vor dem Hintergrund des völkerrechtlichen Entwicklungsprozesses des 18. und 19. Jahrhunderts soll Bellos Völkerrechtslehre sowohl aus völkerrechtsgeschichtlicher Sicht als auch aus einem lateinamerikanischen Blickwinkel heraus analysiert werden. Dabei stellen sich vor allem die Fragen, wie seine Lehre einzuordnen ist, auf welchen Rechtsquellen sie beruht und welche Rechtsprinzipien Bello entwickelt hat. In der Wissenschaft wurde sich bisher nur vereinzelt mit seiner Völkerrechtslehre auseinandergesetzt. Die aufgestellten Thesen gehen dabei sehr weit auseinander. Auf der einen Seite werden seine Prinzipien als „Vorreiter der Moderne“ gelobt und auf der anderen Seite wird seine Lehre als lediglich eklektizistisch ohne jegliche Eigenleistung abgetan. Ebenso verhält es sich mit der Einordnung seiner Lehre. So wird seiner Völkerrechtslehre sowohl ein naturrechtliches als auch ein rechtspositivistisches Fundament nachgesagt. Tatsächlich gibt es für beide dieser Strömungen Hinweise. Der rege Kontakt Bellos mit dem Rechtspositivisten Jeremy Bentham könnte für eine eher rechtspositivistische Tendenz seiner Völkerrechtslehre sprechen. Andererseits lobt Bello in seinem Werk Emer de Vattel als „el escritor mas elgante y popular de esta ciencia“, was auf ein naturrechtliches Fundament hindeutet.

Eine besondere Rolle dieser Arbeit spielen auch die kolonialen Emanzipationsbewegungen in Lateinamerika. Mit der Gründung der Vereinigten Staaten und den Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika rückten neue Akteure in das eurozentrische Machtbild, welche nach völkerrechtlicher Anerkennung strebten.Das vorherrschende europäische Völkerrecht stand vor einem Wandel, der häufig als Universalisierungs- oder Expansionsprozess bezeichnet wird. Nicht auf militärische, jedoch auf diplomatische Weise war Bello stark in die lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen eingebunden und setzte sich für die Anerkennung der nationalen Identität der lateinamerikanischen Staaten ein. Aus diesem Grunde wird er häufig mit der Idee der solidaridad americana, der Betonung der Eigenständigkeit und Spezifik der Gemeinschaft der (latein-)amerikanischen Nationen und der damit verbundenen panamerikanischen Bewegung in Verbindung gebracht. Ob Bello tatsächlich, wie etwa Alejandro Alvarez, nach der Etablierung eines regionalen amerikanischen Völkerrechts strebte und welchen Einfluss die außereuropäischen Staaten im Allgemeinen und die Lehre Bellos im Besonderen auf den ‚Universalisierungsprozess’ des Völkerrechts hatte, soll unter anderem vorliegend untersucht werden.

Betreuer
PD Dr. Miloš Vec (Max –Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte)

 

geändert am 21. November 2011  E-Mail: Webmastergrotkamp@jur.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 21. November 2011, 12:04
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb01/imprs/kollegiat/keller.html