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Bild und Wort: Erziehungswissenschaftliche Videografie - Kurs- und Interaktionsforschung (BIWO)

Bild 1 Im Projekt BIWO werden Kurse der Erwachsenenbildung/Weiterbildung anhand von Videoaufnahmen untersucht. In bisherigen Analysen pädagogischer Interaktion wird meist das gesprochene Wort in den Mittelpunkt gestellt und Videomaterial - sofern vorhanden - nur als Ergänzung hinzugezogen. Die besondere Dynamik der Strukturbildung von lehr-lernbezogenen Interaktionssystemen lässt sich aber - so die These des Projekts - nur adäquat erfassen, wenn man deren auditive wie auch visuelle Manifestation in den Blick nimmt. Verbale und nonverbale Aspekte von Interaktion bilden je eigene Sphären der Sinnkonstitution, die aufeinander bezogen sind und sich ineinander verschränken.

Die Analyse des in der Zeit ablaufenden Bildes erhält im Projekt BIWO deswegen den Status eines eigenständigen empirischen Zugangs, anhand dessen beispielsweise Gesten und Mimiken, synchrones und asynchrones Verhalten von Teilnehmenden sowie Gruppenbildungsprozesse in den Blick kommen. Zudem kann das Bild etwa zur Überprüfung und Differenzierung von Lesarten, die auf der Grundlage des Gesprochenen generiert wurden, verwandt werden und umgekehrt. Durch die Berücksichtigung der Bildebene wird ein neuer theoretischer Bezugrahmen zur Analyse von Bildungsveranstaltungen eröffnet: Unterricht und Kurse werden als mehrdimensionaler, diskontinuierlich verlaufender, nicht vollständig kontrollierbarer polykontexturaler (individueller und sozialer) Konstitutionsprozess von Wissen rekonstruierbar.

Diese Herangehensweise wirft eine Vielzahl methodischer, methodologischer und theoretischer Fragen auf, die experimentierend in der Verbindung von universitärer Lehre und Forschung verfolgt werden. Um Kursinteraktion als Kommunikation unter Anwesenden dem forschenden Blick (und Ohr) zugänglich zu machen, werden lehr-lernbezogene soziale Situationen mit zwei Kameras aufgenommen. Eine Kamera ist auf den Kursleitenden gerichtet, die andere Kamera auf die Teilnehmenden. Im Rahmen universitärer Lehrveranstaltungen erarbeiten Studierende und Projektmitarbeiter anhand dieser Aufnahmen kursspezifisches, kurstheoretisches und methodologisches bzw. methodisches Wissen. Während in Seminaren zur "Kursforschung" der Akzent auf der Rekonstruktion der sich in der Zeit etablierenden Interaktionsstrukturen liegt, wird in Seminaren des Typs "Didaktisches Labor" das Kursleiterhandeln in den Mittelpunkt gestellt. Bild 2

Neben der gemeinsamen Arbeit an den digitalen Videographien im Präsenzteil des Seminars, wird ein zweiter, medialer Teil des Projekts über eine Lernplattform gestützt. Die Ergebnisse der Präsenzveranstaltungen werden über Protokolle dokumentiert. Ebenso werden Beobachtungsprotokolle und vergleichende Analysen von den Studierenden eingestellt, um daran in der folgenden Präsenzveranstaltung anzuschließen. Die Plattform ermöglicht einerseits die Zusammenarbeit der Beteiligten über die Präsenzzeit hinaus und trägt andererseits zur Verzahnung der an unterschiedlichen Universitäten stattfindenden lokalen Präsenzveranstaltungen bei. Die Plattform bietet drittens die Möglichkeit, auf Ergebnisse von Veranstaltungen vorangegangener Semester zurückzugreifen.

Über die kontinuierliche Reflexion der in diesen Erarbeitungsprozessen angewandten Verfahren und des erzeugten Wissens werden methodische, methodologische und kurstheoretische Erkenntnisse erzeugt. Da von Semester zu Semester mehr Fälle erschlossen werden, erweitern sich kontinuierlich die Vergleichshorizonte, was zu einer weiteren Differenzierung der empirischen Befunde führt.

Bild 3 Ziel des Projektes ist die Generierung von Grundlagenwissen zum Lehren und Lernen Erwachsener und zu Methodologie und Methode videogestützter Bildungsforschung. Zugleich dient das Projekt der Ausbildung von Forschungs- und Handlungskompetenz bei den Studierenden. Darüber hinaus soll ein Internetportal entstehen, welches Forschungs- und Professionswissen zum Lernen Erwachsener in Form eines Archivs digitalisierter Bild-, Ton- und Textdokumente zugänglich macht.



Mitarbeiter:

Prof. Dr. Jochen Kade (Frankfurt)

Prof. Dr. Sigrid Nolda (Dortmund)

Dr. Jörg Dinkelaker (Frankfurt)

Dr. Matthias Herrle (Frankfurt)

Eva K. Simon, M. A. (Frankfurt)

Tim Stanik, Dipl.-Päd. (Dortmund)

Jürgen Gahlmann (Frankfurt)


Veröffentlichungen:

Dinkelaker, J. (2009, im Druck): Pädagogisches Handeln und Pädagogische Kommunikation. Analyse des Verhältnisses zweier Operationsweisen. In: Berdelmann, K./Fuhr, T. (Hrsg.): Operative Pädagogik. Grundlegung, Anschlüsse, Diskussion. Paderborn.

Dinkelaker, J. (2009, im Druck): Koordination von Körpern. Eine vernachlässigte Dimension pädagogischen Handelns. In: Hof, C./Ludwig, J./Zeuner, C. (Hrsg): Professionalität zwischen Praxis, Politik und Disziplin. Hohengehren.

Dinkelaker, J./Herrle, M. (2007): Rekonstruktion von Kursanfängen auf der Grundlage von mehrperspektivischen Videodokumentationen. In: Forneck, H. J./Wiesner, G./Zeuner, C. (Hrsg.) : Empirische Forschung und Theoriebildung in der Erwachsenenbildung. Hohengehren, S. 114-129.

Dinkelaker, J./Herrle, M. (2009): Erziehungswissenschaftliche Videographie. Eine Einführung. Wiesbaden.

Herrle, M. (2007): Selektive Kontextvariation. Die Rekonstruktion von Interaktionen in Kursen der Erwachsenenbildung auf der Basis audiovisueller Daten. Frankfurt/M.

Herrle, M./Dinkelaker, J./Kade, J. (2009, im Druck): Einüben, Üben, Ausüben. Körperbildung in Kursen der Erwachsenenbildung. In: Behnisch, M./Winkler, M. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Naturwissenschaft: Einflüsse, Diskurse, Perspektiven. München.

Herrle, M./Kade, J./Nolda, S. (2009 im Druck): Erziehungswissenschaftliche Videographie. In: Friebertshäuser, B./Langer, A./Prengel, A. (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Überarbeitete und ergänzte Neuauflage. Weinheim.

Kade, J./Nolda, S. (2007): Das Bild als Kommentar und Irritation. Zur Analyse von Kursen der Erwachsenenbildung/Weiterbildung auf der Basis von Videodokumentationen. In: Friebertshäuser, B./Felden, H. v./Schäffer, B. (Hrsg.): Bild und Text - Methoden und Methodologien visueller Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Leverkusen, S. 159-177.

Kade, J./Nolda, S. (2007): Kursforschung - ein neues Paradigma der Erforschung des Lernens im Erwachsenenalter. Bericht über ein Projekt. In: Forneck, H. J./Wiesner, G./Zeuner, C. (Hrsg.): Empirische Forschung und Theoriebildung in der Erwachsenenbildung. Hohengehren, S. 103-113.

Nolda, S. (2006): Pädagogische Raumaneignung. Zur Pädagogik von Räumen und ihrer Aneignung - Beispiele aus der Erwachsenenbildung. In: Zeitschrift für qualitative Bildung- und Beratungsforschung, H.2. S. 313-334.

Nolda, S. (2007): Videobasierte Kursforschung. Mögliche Erträge von interpretativen Videoanalysen für die Erforschung des organisierten Lernens Erwachsener. IN: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. H. 4. S. 478-492.

 

geändert am 11. November 2011  E-Mail: Webmasterev.neumann@em.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 11. November 2011, 11:09
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb04/forschung/biwo.html