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Projekt:

Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht.
Beobachtungen unterrichtlicher Kommunikation

(Zeitraum 2000 – 2003)

Mitarbeiter/innen: Prof. Dr. Frank-Olaf Radtke, Dr. Matthias Proske,
Dr. Wolfgang Meseth

In der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust wird Erziehung als ein zentrales Medium der Tradierung betrachtet. Die pädagogische Vermittlung des Themas Nationalsozialismus und Holocaust in Schule und Unterricht verfolgt dabei drei zentrale Absichten: Erstens soll Wissen über die NS-Geschichte vermittelt werden, zweitens ist beabsichtigt, in das Gedenken an die Opfer einzuüben, drittens orientiert man sich an den Zielen einer Menschenrechtserziehung, die historisches mit ethischem Lernen verbindet.

Untersuchungen über

  • das Geschichtsbewußtsein der nachwachsenden Generation
  • den Umgang der Enkel der Opfer- und Tätergeneration mit dem Holocaust
  • die Frage, wie sich Jugendliche mit Migrationserfahrung die NS-Geschichte aneignen

weisen darauf hin, daß sich die Perspektive der jüngeren Generation auf die NS-Geschichte verändert. Im Anschluß an den durch Migration und Generationenwechsel gekennzeichneten demographischen und sozialstrukturellen Wandel werden im Kontext pädagogischer Debatten neue Formen und Inhalte des Programms "Erziehung nach Auschwitz" diskutiert.

Leerstellen in der Diskussion um diese Neuformulierung sind fehlende empirische Befunde zur Frage, wie vor dem Hintergrund besagter sozialer Wandlungsprozesse auf der Ebene des Unterrichts mit dem Thema Nationalsozialismus und Holocaust umgegangen wird. Aufgabe des Forschungsprojektes ist es, eine empirische Analyse pädagogischer Interaktionen im Schulunterricht zum Thema vorzulegen. Unterricht wird dabei als spezifische Formbildung pädagogischer Kommunikationen verstanden, die sowohl durch situative (z. B. Interaktionsdynamiken unter den Anwesenden) wie auch durch organisatorische (z. B. Anwesenheitspflicht oder Benotungsnotwendigkeit) Strukturmerkmale gekennzeichnet ist. Die beiden Kernfragen des Forschungsprojektes sind:

  • Wie eignen sich heutige Schüler/innen im Geschichtsunterricht das Thema Nationalsozialismus und Holocaust an?
  • In welchem Verhältnis steht die Form des Unterrichts zur Besonderheit des Themas, d. h. wie prägt sich die Form des Unterrichts dem Umgang mit dem Thema auf und wie fordert die Widrigkeit des Themas die Form heraus?

Eine im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführte und vom American Jewish Committee geförderte Pilotstudie hat den Geschichtsunterricht zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust in zwei unterschiedlichen Schulklassen der Jahrgangsstufe 12 mehrere Monate beobachtet. Der Unterricht ist vollständig aufgezeichnet, ein Teil der Aufzeichnungen ist transkribiert worden. Über diese Pilotphase liegt inzwischen ein Forschungsbericht vor.

Ebenfalls im Rahmen des Forschungsprojektes hat im Mai 2003 eine interdisziplinäre Tagung "Schule und Holocaust" unter Beteiligung des Fritz-Bauer-Instituts sowie des Seminars für Didaktik der Geschichte und mit Unterstützung des American Jewish Committee stattgefunden.

Veröffentlichungen

Sammelband mit Ergebnissen und Diskussion der Studie

Die Ergebnisse der Studie werden in dem von den Autoren herausgegebenen, aktuell erschienen Sammelband "Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts" in zusammenfassender Form präsentiert. Der Band versammelt Beiträge von Geschichtsdidaktikern (Gerhard Henke-Bockschatz, Bodo von Borries), Historikern (Norbert Frei), Soziologen (Wolfgang Ludwig Schneider, Harald Welzer) und Erziehungswissenschaftlern (Micha Brumlik, Andreas Gruschka, Verena Haug, Jochen Kade, Gottfried Kößler, Horst Rumpf). Sie diskutieren, welche Schlüsse aus dem Befund der Studie zu ziehen sind und nehmen dazu die soziohistorischen Bedingungen des Geschichtsunterrichts in den Blick, vom allgemeinen gesellschaftlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit über familiale Erinnerungskulturen bis zu populären Darstellungsformen wie dem Spielfilm.

  • Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (2004): Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts. Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Band 11, Campus Verlag, Frankfurt am Main, New York, ISBN 3-593-37617-2, 327 Seiten, 37,90 Euro

Forschungsbericht:

  • Hollstein, Oliver/Meseth, Wolfgang/Müller-Mahnkopp, Christine/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (2002): Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht. Beobachtungen unterrichtlicher Kommunikation. Bericht zu einer Pilotstudie. Reihe: Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft. Forschungsberichte 3, Frankfurt/a.M.

Weitere Publikationen:

  • Hollstein, Oliver (2002): Zwischen distanzierter Textanalyse und moralischer Verurteilung – Ein Auszug aus ‚Mein Kampf‘ im Geschichtsunterricht. In: Pädagogische Korrespondenz. Heft 29, S. 70-87.
  • Meseth, Wolfgang (2000): Theodor W. Adornos „Erziehung nach Auschwitz“. Ein pädagogisches Programm und seine Wirkung. In: B. Fechler u. a. (Hg.): „Erziehung nach Auschwitz“ in der multikulturellen Gesellschaft, Weinheim/München.
  • Meseth, Wolfgang (2002): Auschwitz als Bildungsinhalt in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. In: Lenz, Claudia/Schmidt, Jens/Wrochem, Oliver von (Hg.): Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit. Hamburg/Münster: Unrast-Verlag, S. 125-134.
  • Meseth, Wolfgang (2003): Aus der Geschichte lernen. Eine erziehungswissenschaftliche Studie über den pädagogischen Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust in der Bundesrepublik Deutschland. Unveröffentlichte Dissertation am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M.
  • Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias (2002): Vermittlung und Aneignung von Wissen über den Holocaust und Nationalsozialismus in der Schule. In: Kammerer, Bernd/Prölß-Kammerer, Anja. (Hg.): Recht extrem. Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Rechtsextremismus – Konzepte und Projekte der politischen und historischen Bildung. Nürnberg: Emwe-Verlag, S. 37-53.
  • Proske, Matthias (2003a): Kann man in der Schule aus der Geschichte lernen? Eine qualitative Analyse der Leistungsfähigkeit der Form Unterricht für die Vermittlung des Nationalsozialismus und Holocaust. In: Sozialer Sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung, 3. Jg.(2003) 2, S. 205-235.
  • Proske, Matthias (2003b): Pädagogische Kommunikation in der Form Schulunterricht. In: Nittel, Dieter/Seitter, Wolfgang (Hg.), Die Bildung des Erwachsenen. Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Zugänge, Bielefeld: Bertelsmann, S. 143-164.
  • Proske, Matthias (2004): Verstehensprobleme im Unterricht. Eine kommunikationstheoretische Relektüre einer Geschichtsstunde zum Thema Nationalsozialismus. In: Seminar Lehrerbildung und Schule. Schwerpunktheft Unterrichtsreflexion, 10. Jg. (2004) 3, S. 102-110.
  • Proske, Matthias (2005): Kommunikation im Unterricht, ethnische Herkunft und die moralische Bewertung von Alltagsverhalten im NS-Staat. In: Schlag, Thomas (Hg.): Nationalsozialismus und Rechtsextremismus als Herausforderung für zeitgemäßen Politik- und Geschichtsunterricht. Schwalbach i. Ts.: Wochenschau-Verlag (im Erscheinen)

 

geändert am 28. April 2006  E-Mail: Webmistressschuetz@em.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 28. April 2006, 09:29
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