Navigationshilfe

Hauptnavigation

Seiteninhalt

Karl Wilhelm Meissner

1891-1959

von

Jörg Kummer
Frankfurt am Main

KARL WILHELM MEISSNER wurde am 15. Dezember 1891 in Reutlingen in Württemberg geboren. Kindheit und Jugend in seiner Geburtsstadt hat er später selbst immer als sehr glücklich bezeichnet. Zeitlebens war er seiner zwei Jahre älteren Schwester und deren Kindern eng verbunden.

Nach dem Abitur am Humanistischen Gymnasium schrieb er sich zum Wintersemester 1910/11 für Physik und Mathematik an der Universität Tübingen ein. Nach drei Semestern wechselte er für ein Jahr nach München, wo er u. a. RÖNTGENS und SOMMERFELDS Vorlesungen besuchte. Dann kehrte er nach Tübingen zurück, um unter der Leitung von Prof. PASCHEN auf dessen Gebiet, der Spektroskopie, arbeiten zu können. 1914, noch als Student, gelang es MEISSNER als erstem, die Existenz von Sauerstoff im Sonnenspektrum nachzuweisen. Im Anschluß an die Promotion über "Interferometrische Wellenlängenbestimmung im infraroten Spektralbereich" im Juli 1915 war er für eine kurze Zeit im württembergischen Schuldienst tätig. Im Mai 1916 kam er als Assistent zu Prof. EDGAR MEYER nach Zürich und habilitierte sich dort mit "Untersuchungen des Neonspektrums" im Wintersemester 1918. Er hatte herausgefunden, daß die Folge der Spektralterme beim Neon, anders als bei allen anderen bis dahin untersuchten Spektren, zwei Grenzwerten zustrebt. Dies war ein für die Entwicklung der Theorie der Atomspektren sehr bedeutungsvolles Ergebnis.

Im darauffolgenden Jahr verheiratete sich Dr. MEISSNER mit der aus Polen stammenden jungen Physikerin Dr. JANKA KOHN.

Im Sommer 1924 wurde er Erster Assistent am Züricher Physikalischen Institut. In dieser Zeit entstanden Arbeiten über Spektralserien von Indium und Gallium, Neon und Argon sowie Cäsium und über die Bogenspektren von Blei, den Stark-Effekt bei Neon, ferner über Probleme der Strahlungsmeßtechnik und der interferometrischen Wellenlängenbestimmung im roten und infraroten Spektralbereich.

Der Wechsel von Zürich nach Frankfurt am Main zum Sommersemester 1925 auf die planmäßige Assistentenstelle am Physikalischen Institut der Universität war mit der Ernennung zum (nichtbeamteten) außerordentlichen Professor verbunden. Diese Stelle hatte vorher Prof. WALTER GERLACH inne, der nach Tübingen berufen worden war. Auch dessen Lehrauftrag für Höhere Experimentalphysik wurde nun Herrn MEISSNER übertragen.

Schon kurz darauf erhielt Prof. MEISSNER zwei Rufe: den einen an das Dornosche Institut nach Davos (ein Strahlungslaboratorium), den anderen, gut dotierten, an die Physikalisch Technische Reichsanstalt nach Berlin. Beide lehnte er ab, um in Frankfurt am Main bleiben und arbeiten zu können. Hier wurde mit der Emeritierung von Prof. BRENDEL im Jahre 1927 die Nachfolge für das Ordinariat für Astronomie akut. Die Fakultät - insbesondere sein Institutsdirektor, Prof. WACHSMUTH - setzte sich energisch für MEISSNER ein, u. a. mit dem Hinweis, daß Gefahr bestünde, ihn nach Halle zu verlieren. So wurde MEISSNER im Sommer 1928 zum Ordentlichen Professor für Astronomie und zum Direktor der Universitätssternwarte ernannt. Damit lag eine große Arbeitslast auf ihm: er hatte die Verpflichtung, die Astronomie, die Astrophysik und die Höhere Experimentalphysik in Vorlesungen und Übungen zu vertreten. Daneben behielt er die Leitung der von ihm im Physikalischen Institut angeregten wissenschaftlichen Arbeiten. Außerdem oblag es ihm, "sich an den Vorlesungen und Übungen im Interesse des Physikalischen Vereins zu beteiligen" (wofür dieser ein gesondertes Jahreshonorar zu zahlen hatte).

Zwar konnte er die bisher wöchentlich an 2 Abenden für Gewerbelehrer gehaltenen Experimentalphysikkurse abgeben, doch übernahm er dafür eine der 1-stündigen "Abendvorlesungen für die Mitglieder des Vereins": der "Physik der SOnne" folgten im WS 1928/29 "Wesen und Bau der Fixsterne", im nächsten Jahr "Planeten und Kometen" und "Sternhaufen und Nebelflecke". Nach "Atomphysik und kosmische Probleme" (SS 1930) und "Optische Instrumente" (WS 1930/31) machte MEISSNER sich im SS 1931 Gedanken über "Energiequellen der Sternstrahlung" - 7 Jahre vor dem BETHE-V. WEIZSÄCKER-Zyklus und dem H-H-Prozeß von CRITCHFIELD und GAMOW. Es ist sehr zu bedauern, daß es keine Aufzeichnungen über diese Vorlesungen gibt. Doch finden sich in den Jahresberichten des Physikalischen Vereins Kurzfassungen der meisten "Wissenschaftlichen Samstagsvorträge", zu denen MEISSNER seit 1925 in jedem Jahr einen beisteuerte, z. B. "Lichtdruck und kosmische Probleme" (1928), "Aus der Werkstatt des Spektroskopikers" (1930) - der ein wahres Feuerwerk von Experimenten bis hin zu Zeeman- und Stark-Effekt gewesen sein muß - sowie kurz vor Weihnachten 1932 "Physik des Kinderspielzeugs".

Knapp vier Jahre später (1932) mußte Prof. WACHSMUTH sich aus gesundheitlichen Rücksichten im Alter von 64 Jahren von seinen Pflichten im Physikalischen Institut entbinden lassen. Zu seinem Nachfolger als Ordinarius für Experimentalphysik und als Institutsdirektor ernannte der Preußische Kultusminister am 1. April 1932 MEISSNER und beauftragte ihn gleichzeitig mit der Vertretung des Lehrstuhls für Astronomie und der Wahrnehmung der Geschäfte des Direktors des Astronomischen Instituts. Gleichzeitig übernahm er von WACHSMUTH die traditionelle wöchentliche Schülervorlesung des Physikalischen Vereins für die Oberstufenschüler Frankfurter Gymnasien, die er neben der VOrlesung für die Mitglieder mit viel Engagement am Spätnachmittag oder Abend hielt. Er liebte die aufmerksame Zuhörerschaft ebenso wie das demonstrierende Experimentieren. Sollte es noch eines Hinweises auf die Breite seiner Interessen bedürfen: im Wintersemester 1932/33 lautete das Thema seiner Vorlesung für die Mitglieder des Vereins "Die physikalischen Grundlagen der Musik".

Noch einmal waren also Arbeitsumfang und Verantwortung gewachsen, doch MEISSNER verfügte über eine enorme Arbeitskraft und vor allem über große Begeisterung für sein Fach und die akademische Lehre. Diese Begeisterung über trug sich auch auf seine Studenten und beeindruckte sie so nachhaltig, daß sie noch Jahrzehnte später von MEISSNERS Vorlesungen berichteten. Dabei hoben sie die Klarheit der Darstellung hervor, rühmten MEISSNERS Experimentierkunst und nicht zuletzt erinnerten sie sich an seinen Humor.

Daneben widmete sich MEISSNER intensiv den Forschungsarbeiten im Institut: mit GRAFFUNDER untersuchte er die Lebensdauer angeregter Atomzustände (1927), ein Thema, das noch mehrfach in folgenden Dissertationen und Publikationen aufgegriffen wurde. 1933, fast 20 Jahre nach dem Nachweis von Sauerstoff in der Sonne, fand er mit einer ähnlichen spektroskopischen Methode wie damals auch Schwefel im Sonnenspektrum.

p114 Karl Wilhelm Meißner, 1934

MEISSNERS Interesse galt neben den Gesetzmäßigkeiten und den Feinheiten in den Spektren auch den Lichtquellen selbst: Lichtbogen und Gasentladungen wurden in mehreren Arbeiten untersucht.

Die Spektrallinien aus solchen Lichtquellen sind infolge der heftigen ungeordneten Bewegung und der zahlreichen Zusammenstöße der emittierenden Atome verbreitert. Dies begrenzt die spektrale Auflösung. MEISSNERS Streben, als Spektroskopiker über eine Quelle zu verfügen, deren Licht frei von solchen verbreiternden Einflüssen ist, gipfelte in der Idee einer Atomstrahl-Lichtquelle, die er 1935 (gemeinsam mit LUFT und gleichzeitig, aber unabhängig von MINKOWSKI und BRUCK) entwickelte: die in einem flachen Teilchenstrahl durch Elektronenbeschuß zur Strahlungsemission angeregten Atome werden senkrecht zu ihrer Flugrichtung beobachtet - frei von Doppler-Effekt- und Stoßverbreiterung.

Mit der hohen Auflösung der Atomstrahlmethode konnte MEISSNER nun Hyperfeinstrukturen in den Spektren untersuchen (z. B. bei einer der Na-D-Linien), welche von den magnetischen Momenten der Atomkerne herrühren und er konnte jetzt auf die Suche nach einem verbesserten Längennormal auf der Basis einer interferometrisch leicht zu vervielfältigenden Lichtwellenlänge gehen. Diese Frage beschäftigte ihn über viele Jahre hinweg, ja bis kurz vor seinen Tod.

Eine Dissertation zu diesem Thema "Untersuchungen über die Erzeugung der roten Cadmium-Linie als Normale 1. Ordnung" mit einem Michelson-Interferometer (SOHNS) konnte MEISSNER selbst gar nicht mehr bis zu ihrem Abschluß im Jahre 1939 betreuen und beurteilen, denn inzwischen waren die Jahre brauner Herrschaft angebrochen: zunächst wurde MEISSNERS Frau, die ja ebenfalls Physikerin war, als Jüdin das Betreten des Instituts untersagt. Danach nahm die Partei eine nichtige Reiberei mit einem NSV-Sammler zum Anlaß, die Versetzung MEISSNERS in den vorzeitigen Ruhestand aufgrund des sog. "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" zu betreiben. (Es war zur "Entfernung von Juden und jüdisch Versippten aus dem öffentlichen Dienst" erlassen worden.) Nach demütigenden Briefwechseln, die ihn das kommende Unheil ahnen ließen, schied er am 19. Juni 1937 als Institutsdirektor aus.

Dr. HELMUT MÜSER, bis 1979 Professor im Physikalischen Institut und damals Student, schreibt in seiner Chronik "Das Physikalische Institut von 1931-1961". "Ich habe den Hinauswurf miterlebt: er geschah mitten im Semester zwischen zwei Vorlesungen. MEISSNER, dessen Lehrtätigkeit beachtlich war, pflegte von 10-11 Uhr die Hauptvorlesung zu halten und danach von 12-13 Uhr eine 3stündige "Höhere Experimentalphysik" oder eine Spezialvorlesung über seine spektroskopischen Arbeiten. Wir Studenten saßen an jenem Morgen kurz nach 12 Uhr im Kleinen Hörsaal, um MEISSNERS Spezialvorlesung zu hören; er aber kam nicht. Gegen 12.20 Uhr begannen wir zu beraten, ob wir angesichts der Sommerhitze nicht baden gehen sollten. Da erschien, völlig verstört, der Oberassistent Dr. DÄNZER im Hörsaal und rief: "Der Chef ist weg".

Was war geschehen? Vor der Hauptvorlesung, auf dem Weg vom Direktorzimmer zum Hörsaal übergab ein Bote des Rektorats MEISSNER einen Brief. Darin wurde ihm seine Versetzung in den Ruhestand zum 31. August 1937 mitgeteilt und ihm ab 1. September Hausverbot erteilt. Daß er ahnte, was der Brief enthielt, ist unwahrscheinlich, denn der Vorlesungsassistent, Dr. GRAFENBERGER, sagte später, daß MEISSNER eine Veränderung während der Hauptvorlesung nicht anzumerken gewesen sei. Wohl erst danach nahm er das amtliche Schreiben zur Kenntnis. Wenige Minuten später reagierte er: eigenhändig schraubte er das Direktorschild mit seinem Namen von der Tür, murmelte: "Soll niemand sagen, KARL WILHELM MEISSNER hätte sich etwas angemaßt, was ihm nicht zusteht" und verreiste anschließend mit unbekanntem Ziel."^1

MEISSNER hat die letzten Vorlesungsstunden des Sommersemesters 1937 selbst wieder gehalten. In seiner Abschiedsvorlesung im vollbesetzten Großen Hörsaal des Instituts spendeten ihm, so wird berichtet, seine Hörer, Schüler und Assistenten nicht enden wollenden Beifall als Ausdruck ihrer Sympathie, ihres Mitgefühls und ihres Dankes, den er schweigend entgegennahm. Sie wußten oder ahnten zumindest, welch unersetzlichen Verlust die Vertreibung dieser großen Persönlichkeit bedeutete. Den reichen Blumenschmuck seines Dienstzimmers kommentierte er lakonisch mit: "Begräbnis 1. Klasse".

MÜSER fährt fort: "MEISSNER benutzte den Juli und August, um noch Messungen für eine angefangene Arbeit zu vollenden. Es wurde daraus ein Wettlauf mit der Zeit. MEISSNER experimentierte buchstäblich bis zur letzten Minute, also bis wenige Minuten vor 24 Uhr des 31. August. Er mußte die Apparaturen so stehen lassen, wie sie für seine letzten Messungen aufgebaut waren. Die Meßgeräte, die ihm privat gehörten, holte er am folgenden Tag ab, in der Robert-Mayer-Straße wartend, während das Werkstattpersonal die Geräte in seinen Wagen lud, denn das Gebäude durfte er nicht mehr betreten."

Nachdem seine Bemühungen, in der Industrie eine Stellung zu finden gescheitert waren, reiste MEISSNER im Frühjahr 1938 in die USA und hielt an 10 Universitäten Gastvorlesungen. (Seine Frau konnte er nicht mitnehmen, da man ihr bei der Ausreise den Paß abgenommen und ihr dann bei der Rückkehr die Wiedereinreise verweigert hätte.) Von drei Angeboten entschied er sich für das Worcester Polytechnic Institute, wo er nach der Emigration^2 im November 1938 als Assistant Professor for Physics neu begann; ein bitterer Beginn, denn nach einem halben Jahr starb seine Frau nach schwerem Krankenlager an Krebs.

Von 1941 an war MEISSNER an der Purdue University in Lafayette/Indiana tätig, Zuerst als Visiting Professor und nach seiner Einbürgerung in die USA als Professor und Leiter des Spektroskopie-Laboratoriums. 1942 verheiratete er sich mit HANNA HELLINGER, der Schwester seines ebenfalls emigrierten früheren Mathematiker-Kollegen aus Frankfurt am Main. HANNA MEISSNER lehrte (von 1944 bis 1965) als Professorin für Soziologie und Sozialwissenschaft an der Purdue University. Sie war vor ihrer erzwungenen Auswanderung Hauptfürsorgerin der Stadt Frankfurt gewesen.

p117 Karl Wilhelm Meißner, 1950

Mit großem Einsatz hat Professor MEISSNER sich am Purdue Physics Department neue Hilfsmittel für seine anspruchsvollen spektroskopischen Untersuchungen, z. B. am Germanium, geschaffen: u. a. einen großen Gitterspektrographen und eine Atomstrahl-Apparatur.

1942 hatte er in einer Publikation vorgeschlagen, eine Atomstrahlquelle für die Erzeugung eines Wellenlängen- und Längenstandards zu verwenden. 1957, also 15 Jahre später, empfahl die Internationale Kommission für Maße und Gewichte ein Längennormal auf der Basis einer orangen Spektrallinie des Kryptons (Isotop 89), die mit einer bei der Physikalisch Technischen Bundesanstalt von ENGELHARD entwickelten Entladungslampe erzeugt werden konnte und weniger als halb so breit wie die bislang benutzte rote Cadmium-Linie MICHELSONS war. Unmittelbar darauf fand MEISSNER mit seiner immer wieder verbesserten Atomstrahl-Anordnung im violetten Bereich des Calcium Spektrums schließlich eine Linie, die sich als noch deutlich schmäler als die orange Kryptonlinie erwies. 1958 konnte er mit dieser Ca-Linie Interferenzen bis zu Gangunterschieden von 2 1/2 Millionen Wellenlängen beobachten, mehr als je zuvor, und einen Monat vor seinem Tod übertraf er dieses Ergebnis sogar noch um einen Faktor 2: die violette Ca-Linie wies demnach nur noch 1/4 der Breite der vorgeschlagenen orangen Krypton-Linie und nur noch 1/10 der Breite der damals noch als Standard akzeptierten roten Cadmium-Linie auf.^3

Auch als Hochschullehrer war Professor MEISSNER an der Purdue University außerordentlich geschätzt und beliebt. Zur Ergänzung und Veranschaulichung seiner 2-semestrigen Vorlesung hatte er ein erstklassiges Spektroskopie-Praktikum eingerichtet. Hier lernten seine Studenten ein umfangreiches Instrumentarium aus Refraktometern, Spektrographen und Interferometern kennen, lernten mit ihm zu arbeiten und es zu eichen und wurden zugleich mit den Phänomenen und Gesetzmäßigkeiten vertraut, die sich in den Spektren manifestieren.

In einem Nachruf für die Fakultät der Purdue University, der im Oktoberheft 1959 des Journal of the Optical Society of America erschienen ist, zeichnen MEISSNERS Kollege WALERSTEIN und sein Schüler, Assistent und Mitarbeiter KENNETH ANDREW ein Bild von MEISSNERS Persönlichkeit:

"Das Hervorstechende und Geniale an diesem Experimentalphysiker war sein Reichtum an schöpferischen Ideen, verbunden mit seiner Fähigkeit, ein Problem in seine wichtigen Komponenten zu zergliedern und jede Teilaufgabe mit äußerster Sorgfalt und Geschicklichkeit anzugehen ohne dabei den Blick auf das eigentliche Ziel zu verlieren. Er besaß einen sicheren Instinkt für den richtigen Lösungsweg und ein fast "absolutes Gedächtnis", so daß einer neuen Fragestellung die Fülle der Erfolge und Mißerfolge aller verwandten früheren Experimente zugute kam, seien sie nun von ihm selbst oder anderen durchgeführt worden - selbst wenn sie 40 Jahre zurücklagen. Verblüffende Gewandtheit zeichneten ihn ebenso sehr aus wie unendliche Geduld. Nie drängte er seine graduierten Studenten, eine Aufgabe schnell zu erledigen, wenn sie nur ernsthaft bei der Arbeit waren, auch wenn ihr Tempo nur ein Bruchteil seines eigenen war. Doch bewirkte er durch sein Beispiel, seine eigene Hingabe mehr als er durch dauernde Ermahnungen erreicht haben könnte. Sein Enthusiasmus war groß und anstekkend... er reagierte sofort, wenn ein Student sich als originell oder wissensdurstig erwies, besonders, wenn es sich dabei um sein eigenes, faszinierendes Feld handelte."

"MEISSNER war selbst stets lernbegierig. Seine Interessen wiesen weit über sein Spezialgebiet, ja die Naturwissenschaften hinaus; sie umfaßten Geschichte, Literatur und Sprachen. Außer Deutsch und Englisch sprach er Französisch und Italienisch und er las Literatur in all diesen Sprachen, außerdem in Lateinisch, Griechisch und Hebräisch. Als tiefreligiöser Mensch griff er gern zur Bibel; auswendig konnte er hieraus lange Passagen zitieren, welche er in seiner Jugend gelernt hatte und als wertvollen Besitz betrachtete.

Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit waren ihm heilig und jede Beeinträchtigung von Recht und Freiheit des einzelnen versetzte ihn ebenso in innere Unruhe wie die Gefährdung der Menschenrechte und des Friedens von vielen. Dann zögerte er auch nicht, dazu Stellung zu nehmen. Wenn er bemerkte, daß einem einzelnen Unrecht widerfahren war, half er ohne Aufsehens, und genauso unterstützte er Gruppen von Benachteiligten."

WALERSTEIN und ANDREW sprechen schließlich noch von MEISSNERS freundlichen Wesen im Umgang mit anderen Menschen. Nie sei es ihm dabei auf Rang und Namen angekommen.

Wie unvoreingenommen, aufgeschlossen und gütig er war, verspürten alle, die näher mit ihm zu tun hatten, auch die Austauschstudenten aus seiner alten Heimat, die ab 1950 am Purdue Physics Department studieren durften. Sicher war es ihm mit zu verdanken, daß es dort jährlich etwa 3 Studienplätze für sie gab. Bei den Gesprächen im gastlichen Hause des Ehepaares MEISSNER war mehr sein Schmerz als die Verbitterung über das zu spüren, was sich in seiner Heimat ereignet hatte und worunter er und seine Familie so leiden mußten. Gelegentlich griff er zur Gitarre und sang Lieder aus seiner jugend- und Studentenzeit, erzählte Anekdoten und sprach sogar von der Möglichkeit, wieder einmal nach Deutschland zu kommen.

Die Gelegenheit dazu nahm er, zusammen mit seiner Frau, zum ersten Mal 1953 wahr - sowie erneut im Sommer 1954 anläßlich einer Konferenz in Lund (Schweden) -, wobei er, wie Herr MÜSER sich erinnert, auch seinem alten Institut einen Besuch abstattete. Nach langen Jahren sah er in Eßlingen seine Schwester und deren Tochter wieder.^4

Die für die folgenden Jahre geplanten Deutschlandbesuche verschob er auf Bitten seiner Frau wegen der beiden Libanon-Krisen, die man in den USA als sehr bedrohlich ansah. Erst im Frühjahr des Jahres 1959 nahm er das ihm in Purdue zustehende Forschungssemester in Anspruch. Im Februar und März verbrachte er jeweils 4 Wochentage im Argonne National Laboratory bei Arbeiten am Radium-Spektrum, die übrigen 3 Tage zusammen mit seinen Studenten im Labor an der Purdue University. Am 9. April 1959 schiffte er sich. in New York Richtung Europa ein. Er hatte vor, sich zur Vorbereitung der Interferometerkonferenz in London zunächst einige Tage in Paris, am Bureau International des Poids et Mesures, aufzuhalten und darauf wieder seine Schwester und seine Nichte zu besuchen. Einige Laboratorien standen dann auf seinem Reiseprogramm. Danach wollte er an der Universität Kiel im Sommersemester als Gastprofessor über Spektroskopie lehren und schließlich auf der Londoner Konferenz über seine jüngsten Ergebnisse mit der Atomstrahlquelle berichten. Dies alles konnte er nicht mehr erleben, denn er starb am 13. April an Bord des Schiffes an einer Herzthrombose, nur wenig über 67 Jahre alt.


Außer der erwähnten "Geschichte des Physikalischen Instituts" von HELMUT MÜSER und dem Nachruf von ANDREW und WALERSTEIN sowie MEISSNERS eigenen Publikationen waren mir folgende Quellen wertvoll:

die Ansprache des Dekans der naturwissenschaftlichen Fakultät, Frau Prof. RUTH MOUFANG, im Gedächtniskolloquim am 15. Juli 1959, der Nachruf von Prof. CZERNY in den Physikalischen Blättern 1959 sowie die Jahresberichte des Physikalischen Vereins.

Während eines Aufenthaltes an der Purdue University im akademischen Jahr 1950/51 hatte ich das große Glück, bei Herrn Professor MEISSNER studieren zu dürfen. Später, als Diplomand bei Prof. HERMANN DÄNZER, konnte ich gelegentlich etwas von dessen Erinnerungen an seinen Doktorvater MEISSNER erfahren.

Die Hinweise auf die Kindheit K. W. MEISSNERS und die Umstände bei der Emigration verdanke ich seiner Nichte und Patentochter RENATE SCHUR.

Nicht zuletzt hat Frau HANNA MEISSNER mich ermutigt und mir mit Hinweisen geholfen, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
HANNA MEISSNER ist am 8. Februar 1989 in Lafayette verstorben.


Fußnoten

1 Hierzu schrieb mir Frau Hanna Meissner: "Karl war Wochen vor Erhalt des Rektorbriefes auf seine Entlassung präpariert. Ich nehme an, daß er genau wußte, was in dem Brief stand, aber seine Vorlesung war ihm wichtiger. Wenn er wollte, konnte er sich wundervoll beherrschen, ebenso konnte er sehr, sehr aufbrausen, wenn ihn etwas sehr ärgerte und es war ihm dann egal, ob er in einem solchen Fall mit dem Präsidenten oder einer Sekretärin sprach".
2 Meissner hatte im voraus die "Reichsfluchtsteuer" bezahlt, sodaß seine Ausreise zunächst für genehmigt gehalten wurde. Als man sehr spät merkte, daß das nicht zutraf, schickte man die Gestapo auf das abfahrbereite Schiff. Bei der Durchsuchung seines Gepäcks stieß man auf das Bild eines Bundesbruders, der einen hohen Posten in der Parteihierarchie bekleidete; die Gestapoleute wurden unsicher und wollten sich neue Weisung holen. Der Kapitän ließ jedoch vorzeitig ablegen und verließ so "rechtzeitig" die Dreimeilenzone.
3 Dieser, zusammen mit Victor Kaufmann durchgeführten Untersuchung, wurde posthum im Februar 1960 der Preis des "Commitee for the Best Contributed Paper Published in the Journal of the Optical Society of America" zugesprochen. Am Ende der Arbeit bedanken sich Meissner und Kaufmann bei Prof. Czerny in Frankfurt am Main für die Überlassung der Interferometerplatten aus Quarz: "Es sind dieselben wie die von Luft und Meissner in den früheren Arbeiten mit Atomstrahlen benutzten." Das hiermit mittels dreier Quarzglasstäbe aufgebaute Fabry-Perot-Etalon war etwas über 1 Meter lang und ähnelte stark den Resonatoren heutiger Gaslaser. Man kann nur ahnen, mit welcher Begeisterung Meissner die großen Fortschritte in der Spektroskopie begrüßt und sich an ihnen beteiligt haben würde, die durch die Erfindung des Lasers durch Maiman (1960, Rubinlaser) und Javan, Bennet und Herriot (1961, Gaslaser) möglich wurden
4 Meissner hatte seine verwitwete Schwester, die ihre beiden Kinder ohne Rente oder Pension durchzubringen hatte, mit seiner Pension unterstützen können - doch nur bis zu einer entsprechenden Verfügung des damaligen Reichskultusministers im Herbst 1940. Sein hoch begabter, doch schwer herzkranker Neffe wurde noch kurz vor Kriegsende einberufen und praktisch ohne Ausbildung an die Front geschickt. Er ist 1945 gefallen.

 

geändert am 12. Dezember 2008  E-Mail: Webmasterpresse@uni-frankfurt.de

|

| Zur Navigationshilfe
empty

Seitenabschlussleiste


Druckversion: 12. Dezember 2008, 11:11
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb13/Dateien/paf/paf112.html