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Boris Rajewsky

1893-1974

von

Erwin Schopper
Frankfurt am Main

1.

Der Lebensbericht über eine außergewöhnliche Gelehrtenpersönlichkeit, wie sie BORIS RAJEWSKY verkörperte, hat - soll er ein Ganzes sein - notwendigerweise seine verschiedenen Facetten:

Die wissenschaftlichen Leistungen RAJEWSKYS sind eindrucksvoll umfangreich und offenkundig; ich werde sie in gebotenem Umfang beschreiben.

Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung bedeuten als neue Erkenntnisse zunächst Impulse für die Wissenschaft; ihre nicht-ephemeren Werte liegen in der Nachwirkung und der Tradition, die aus ihnen hervorgeht: RAJEWSKY hat nicht nur bedeutende biophysikalische Forschung betrieben; er hat die Biophysik - Vorstellungen seines Lehrers FRIEDRICH DESSAUER folgend - als interdisziplinären Bereich von Physik und Medizin begründet. Dem ersten in Frankfu rt am Main errichteten Lehrstuhl und Institut für Biophysik sind inzwischen viele andere in der ganzen Welt gefolgt, nicht wenige von seinen Schülern besetzt.

Mit seinen Mitarbeitern und Studenten hat er eine Tradition und eine Schule begründet, die die Entwicklung der Biophysik maßgebend beeinflußt hat und aus der namhafte Wissenschaftler und Hochschullehrer hervorgingen.

Von RAJEWSKY ging auch eine Vielzahl wissenschaftlicher und wissenschaftsorganischer Anregungen aus. Er war, wie ihn der Präsident der Max Planck-Gesellschaft, ADOLF BUTENANDT, einmal in einer Laudatio nannte, der "große Anreger".

Der Eindruck seiner Persönlichkeit und sein wissenschaftlicher Stil war der eines Patriarchen. Für seine Mitarbeiter und seine Schüler war er das Beispiel einer starken, dynamischen Persönlichkeit von unermüdlicher Schaffenskraft, die niemanden aus der Pflicht entließ am wenigsten ihn selbst.

Er hatte für jedermanns Probleme ein offenes Ohr als "pater familias".

Ich gehöre selbst nicht zum inneren Kreise der Schüler RAJEWSKYS. Der Zusammenarbeit mit ihm, der ich sehr viel verdanke, seit meiner Berufung im Jahre 1956 an die Johann Wolfgang Goethe-Universität bis in die letzten Wochen seines Lebens, entnehme ich Recht und Verpflichtung für den Versuch, das Bild eines großen Mannes und verehrten Freundes zu zeichnen.

p129 Boris Rajewski, 1965

2.

BORIS RAJEWSKY ist am 17. Juli 1893 in Tschirigin, in der Ukraine geboren, Sohn einer russischen Adelsfamilie.

Nach dem Abitur am Collegia Paul Galagan studierte er von 1912-1917 Physik an der mathematisch naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiew. Sein Studium schloß er 1918 mit dem Staats-Diplom 1. Grades und einer Dissertation über "Die Dispersion elektrischer Wellen in flüssigen Dielektrika" ab. Von 1919 bis 1920 war er Oberassistent am Physikalischen Institut der Universität Kiew. Den Wirren der russischen Revolution, in die er verstrickt war, entronnen, kam er nach einem Jahr Tätigkeit als Mathematik- und Physiklehrer an einem bulgarischen Gymnasium, im Dezember 1922 nach Deutschland.

Dort fand er in Frankfurt am Main Aufnahme bei FRIEDRICH DESSAUER als Assistent an dessen von der Henry Oswalt-Stiftung errichtetem "Institut für Physikalische Grundlagen der Medizin". Er begann dort - ich zitiere seine eigenen Worte - mit dem "Studium der Biophysik", und promovierte im Januar 1929 zum Dr. phil. nat. in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Noch im SOmmer 1929 habilitierte er sich in Frankfurt für das Fach "Physik und Physikalische Grundlagen der Medizin", mit einer Arbeit über die Strahlenwirkung auf Eiweiß und wurde zum Privatdozenten ernannt.

1927 war er Deutscher Staatsbürger geworden.

Am Dessauerschen institut beschäftigte man sich in dieser Zeit mit der Erzeugung von Röntgenstrahlung hoher intensität und Erzeugungs-Spannung für den Einsatz dieser Strahlung in der Tumortherapie. Eine im institut zusammengebaute Transformator-Anlage für mehr als 1 Million Volt, damals eine elektrotechnische Pionierleistung, gab RAJEWSKY Gelegenheit, als einer der ersten Wissenschaftler mit solchen Spannungen und solcher Strahlung umzugehen.

Er war der engste Mitarbeiter DESSAUERS und seit 1932 stellvertretender Institutsleiter. Einer der damaligen Mitarbeiter war WOLFGANG GENTNER.

In dieser Zeit fallen eine Reihe wichtiger und grundlegender Arbeiten RAJEWSKYS; sie seien kurz skizziert:

1926 konnte er die Ausbildung des Strahlungsfeldes harter Röntgen- und Gammastrahlung in Streumedien durch Kaskadierung über den Compton-Effekt deuten und damit wesentlich zur Klärung der biologischen Wirkung harter Quantenstrahlung beitragen. Die Entwicklung eines Wellenlängen-unabhängigen Präzisionsdosimeters für Röntgenstrahlung und von Dosis-Meßkammern für den klinischen Routinegebrauch half die Krebstherapie mit Röntgenstrahlung von der Empirie des Klinikers zu exakteren Methoden hinzuführen.

RAJEWSKY wandte sich auch der Untersuchung des Grundvorganges der biologischen Strahlenwirkung zu: Die von DESSAUER eingeführte "Treffertheorie" wurde in einer vom Ultraviolett bis zu harter Röntgenstrahlung ausgedehnten Untersuchung der Strahlenreaktion des Eiweißes vergleichend überprüft; sie ist Gegenstand seiner Habilitationsschrift.

Der RAJEWSKYsche Lichtzähler, ein Geiger-Zählrohr mit lichtempfindlicher innenwand und optischem Fenster - ein Vorläufer des späteren Sekundärelektronen-Vervielfachers und das damals empfindlichste Meßgerät für UV-Strahlung - entsteht im Zusammenhang mit der Untersuchung der von GUREWICH im Jahre 1923 aufgestellten Hypothese der "mitogenetischen" Strahlung: einer in mitosierendem Gewebe auftretenden und die Mitose auslösenden sehr schwachen UV-Strahlung. Mit seinem hochempfindlichen Lichtzähler, der auf einzelne UV-Quanten ansprach, konnte RAJEWSKY experimentell die Behauptungen von Gurewich widerlegen.

RAJEWSKY ist jetzt mit seinen Arbeiten wissenschaftlich profiliert; Verhandlungen zur Übernahme eines Lehrstuhls und eines eigenen Instituts bahnen sich an. Dann jedoch beginnt, mit der nationalsozialistischen Machtübernahme, eine politisch schwierige, zeitweilig aussichtslose Lage für das Institut, als FRIEDRICH DESSAUER, nach vorübergehender Haft, im Sommer 1934 Deutschland verlassen muß.

RAJEWSKY stellte sich vor das Institut und seine Mitarbeiter: Er übernimmt, im Einvernehmen mit Dessauer und im Auftrag der Oswalt-Stiftung, die Leitung des Instituts. Er kann es unter schwierigen finanziellen Verhältnissen über die nächsten Jahre erhalten und mit den Mitarbeitern die Arbeiten im Sinne Dessauers fortsetzen; ein Erfolg der Unerschrockenheit!

Die Ernennung zum ordentlichen Professor für Physikalische Grundlagen der Medizin in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und zum Direktor des Universitäts-Instituts für Physikalische Grundlagen der Medizin kommt ihm dabei zustatten.

Die Verhältnisse jenes Zeitabschnittes schildert eine Schrift zu seinem 60. Geburtstag, verfaßt von seinen Mitarbeitern HERMANN SCHÄFER und HERMANN MUTH (Strahlentherapie Bd. 94, 1954).

Eine Lösung für die Probleme des Instituts bringt im Jahre 1937 das Angebot der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften ein "Institut für Biophysik" in der Stadt Frankfurt am Main zu errichten. Den Namen Biophysik schlägt RAJEWSKY vor, der Direktor dieses Instituts wird.

Ein Gründungsvertrag vom Dezember 1937 zwischen der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft, der Stadt Frankfurt am Main, der Johann Wolfgang Goethe-Universität und der Oswalt-Stiftung legt die Verbindung der Institutionen in Lehre und Forschung und ihre Finanzierung fest.

RAJEWSKYS Ordinariat wird 1937 in eine o. ö. Professur für Biophysik und Physikalische Grundlagen der Medizin erweitert in Personalunion in der Naturwissenschaftlichen und in der Medizinischen Fakultät.

Ein dem neuen Institut von der Stadt Frankfurt am Main kostenlos zur Verfügung gestelltes Gebäude mit großem Grundstück in der Forststr. 70 - eine Villa im englischen Tudor-Stil, heute unter Denkmalschutz stehend - kann 1938 bezogen werden.

Im Jahre 1937 kommt, 66jährig, Dr. ALEXANDER JANITZKY, einer der früheren Lehrer RAJEWSKYS in Kiew, als Mitarbeiter an sein Institut. 1936/37 ist RAJEWSKY Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät, 1938 wird er Prorektor der Johann Wolfgang Goethe-Universität.

3.

Dieses Institut und das Nachfolge-Institut, das "Max-Planck-Institut für Biophysik" sind die Bühne der großen Forschungsleistungen RAJEWSKYS und seiner Schule und zugleich das Fundament der Ausbildung von Nachwuchs durch RAJEWSKY als Lehrer an der Universität.

Die Darstellung des Forschers RAJEWSKY ist daher auch auf weite Strecken die Schilderung der Geschichte seines Instituts. Die durch RAJEWSKY in Personalunion bestehende Verbindung von Kaiser-Wilhelm-Institut, Naturwissenschaftlicher und Medizinischer Fakultät und die enge Verbindung zur Universität erlaubt Mitgliedern beider Fachrichtungen Ausbildung, Promotion und Habilitation an diesem Institut.

Auf dieser Basis können die früher bearbeiteten Themen fortgeführt und neue Forschungsgebiete angegangen werden:

Bereits 1936 begonnene Untersuchungen über die Wirkung von Ultrakurzwellen auf den menschlichen Körper werden neu aufgegriffen. RAJEWSKY gelingt es nicht nur, bestehende Vorstellungen und Hypothesen zu entwirren, er und seine Schule haben Grundsätzliches zu dem Problem biologischer Körper als Dielektrika beigetragen. Sein Schüler und Mitarbeiter SCHWAN (1937-1959), heute Professor an der University of Pittsburgh in Pennsylvania, wurde 1973 für seine langjährige, erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiet der Kurzwellentherapie mit dem Boris-Rajewsky-Preis geehrt.

Arbeiten zur Radiumvergiftung durch Inkorporation hatten es RAJEWSKY schon 1936 ermöglicht, eine Toleranzgrenze für im menschlichen Körper abgelagertes Radium anzugeben, die noch 1950 auf dem Internationalen Radiologenkongreß in London als Grundlage für Normen diente. Die Fortsetzung dieser Arbeiten zielt nunmehr auf die Ermittlung der natürlichen Radioaktivität lebender Substanz und ihrer Bedeutung für die Lebensprozesse, und auf eine empirische Bestimmung und Festlegung der Toleranzkonzentration von im Organismus inkorporierter Radioaktivität.

Grundlegende Untersuchungen gelten weiterhin der Krebserzeugung durch Strahlung. Umfangreiche Tierversuche zur Wirkung von Ganzkörperbestrahlung mit Röntgen- und Alphastrahlen, Messungen in Radiumbergwerken des Erzgebirges (1936-1945) gehörten zu diesem Programm, ebenso die therapeutische Anwendung der sog. Radiumbalneologie.

Eine Außenstelle des Instituts, die RAJEWSKY im Radiumbad Oberschlema errichtete, diente als Basis umfangreicher Arbeiten zur Radium-Schwachtherapie, für praktische Strahlenschutzmessungen und für die Entwicklung geeigneter Meßinstrumente. Die damit verbundenen meßtechnischen Arbeiten belasteten zwar die für Grundlagenforschung verfügbare Zeit, hatten aber unmittelbare Bedeutung für Leben und Gesundheit der in den Bergwerken Beschäftigten. RAJEWSKY ist die Erklärung des Schneeberger Lungenkrebses zu verdanken. Das RAJEWSKYsche Institut war auch das einzige, das damals über die erforderlichen Meßeinrichtungen und die entsprechende Erfahrung verfügte. Die Außenstelle wurde nach Kriegsende aufgelöst und beschlagnahmt.

RAJEWSKY kommt auch wieder auf seinen alten Plan, einer vielseitig einsetzbaren Anlage zur Erzeugung von Röntgen- und Korpuskular-Strahlung für die biophysikalische Forschung und für die Therapie des Krebses zurück. Eine in den Jahren 1942/43 errichtete große Forschungshalle soll eine 3 Millionen-Volt-Anlage aufnehmen, mit einem Röntgen- und Elektronenstrahlrohr sowie einem Ionenrohr zur Beschleunigung von Protonen und Deuteronen und der Erzeugung von Neutronenstrahlung, mit den zugehörigen Laboratorien und einem unterirdischen Meßlabor. Die noch nicht endgültig montierte Anlage mußte gegen Kriegsende großenteils in ein Salz-Bergwerk bei Stassfurt verlagert werden. Anfängliche schwierigkeiten der Rückführung nach Kriegsende und schließlich die Besetzung Stassfurts durch die nachrückende Sowjetische Besatzungsmacht führten zum Verlust der Anlage. Es war, wie sich später zeigte, die damals leistungsfähigste Anlage dieser Art in der Welt.

RAJEWSKY ist ihr Verlust ganz besonders nahegegangen; ihr Einsatz im Kampf gegen den Krebs war sein besonderes Anliegen gewesen; das Instrument, das er mit seinen Mitarbeitern geplant hatte, war ihm - wieder einmal - aus der Hand geschlagen.

Die Zeit des Kriegsendes ist gekennzeichnet durch die, den Zeitgenossen jener Periode bekannten, Sorgen und Schwierigkeiten. Bombenangriffe, Bergungsarbeiten und Verlagerung, und nach dem Einmarsch der Alliierten Rückholungsversuche des Verlagerten, Wiederaufbau und finanzielle Probleme in der Periode des überganges. Das Jahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft 1961, Teil II schildert im Kapitel: "Geschichte des Max-Planck-Instituts für Biophysik", die Vorgänge jener Zeit sehr detailliert. Offensichtlich stand RAJEWSKY und sein Institut gegen Kriegsende unter zunehmendem politischen Druck und teilweiser überwachung; dies war nicht zuletzt durch die Vorgeschichte des Instituts bedingt. Er selbst wurde in eine Verlagerungsstelle in Vacha kommandiert. Nach dem Einmarsch der Amerikaner gelang es ihm mit amerikanischer Hilfe nach Frankfurt zurückzukehren. Dort fand er die Universität geschlossen, ihre Gebäude stark beschädigt und verwüstet. Die Gebäude seines Instituts waren bis auf wenige Räume für die Aufnahme eines wissenschaftlichen Betriebes unbrauchbar, das danebenliegende ehemalige Wohnhaus des Direktors ohne Dach und im Obergeschoß zerstört. Es war aber seine feste Absicht, sein Institut in Frankfurt am Main wieder aufzurichten. Dafür setzte er seine ganze Kraft und seine fast unerschöpfliche Energie ein. Seiner großen Geschicklichkeit gelang es, mit der aufopfernden Hilfe von Mitarbeitern, einen großen Teil des verlagerten Inventars zurückzuholen und den Wiederaufbau in Gang zu setzen. Es war ihm auch gelungen, mit dem Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Geheimrat MAX PLANCK und ihrem Generalsekretär Dr. TELSCHOW Verbindung aufzunehmen.

Im Juli 1945, nach vergeblicher Suche durch die Besatzungsmächte nach ihm in Frankfurt war er in Ockstadt, der Haupt-Verlagerungsstelle des Instituts aufgefunden, zur Interrogation nach Heidelberg eingeladen und dort gleich interniert worden. Nach 8 Monaten freigelassen, wurde er aufgefordert, die Redaktion der Bände "Biophysik" in den FIAT-Berichten zu übernehmen.

Eine vorübergehende Gefahr, die die Existenz des Instituts bedrohte, war die zeitweilige Absicht der Alliierten, die KWG aufzulösen. Plänen, das Institut zu schließen, kam die Oswalt-Stiftung zuvor: Die damaligen Vorstandsmitglieder (Dr. PETERSEN, Dr. MERTON, Dr. OSWALT, Prof. MADELUNG) beschlossen die Rücknahme des Instituts in die Stiftung im Falle der Auflösung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Das Problem löste sich nachher durch den übergang des Instituts von der Kaiser-Wilhelm - in die Nachfolge-Institution, die Max Planck-Gesellschaft.

Eine andere Gefahr für das Institut war der mehrfach von amerikanischer Seite geäußerte Wunsch, RAJEWSKY zur Übersiedlung nach USA zu veranlassen, gegebenenfalls unter Mitnahme von Institutseinrichtungen und Mitarbeitern. RAJEWSKY zögerte; er wurde zu einem 4-wöchigen Besuch nach USA eingeladen. Inzwischen hatte man ihn in Frankfurt zum Rektor gewählt; er kehrte in sein Institut nach Frankfurt zurück. Auch von französischer Seite war der Versuch gemacht worden, RAJEWSKY nach Frankreich zu holen.

Die Zeit des eigentlichen Wiederaufbaus ist mit der endgültigen Übersiedlung RAJEWSKYS und seiner Familie und der Rückführung von Mitarbeitern und restlichen Einrichtungen aus Verlagerungen im Jahr 1948 abgeschlossen.

Zu den Mitarbeitern RAJEWSKYS in dieser Zeit gehören unter vielen anderen, die nicht alle namentlich genannt werden können,

- HERMANN DÄNZER, späterer Direktor des Inst. f. Angewandte Physik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

- ALFRED SCHRAUB, heute o. Prof. für Biophysik an der Justus Liebig Universität, Gießen

- HERMANN MUTH, heute em. Prof., ehemaliger Direktor des "Boris Rajewsky-Instituts für Biophysik" an der Universität des Saarlandes in Homburg (Träger des Boris Rajewsky-Preises 1973)

- HERMANN SCHWAN, Full Prof. an der Universität von Pennsylvania (USA), Dept. Of Biomedical Engineering (Träger des Boris Rajewsky Preises 1973)

- HERMANN SCHAEFER, Dir. des Biophysics Dept. der US Naval School of Aviation Medicine, Pensacola, Florida (USA)

- ADOLF KREBS, Dir. of Radiobiology Division, Medical Res. Laboratory Fort Knox (USA).

Die drei letztgenannten hatten Ende der 40er Jahre Deutschland resignierend verlassen.

4.

Mit dem fortschreitenden Wiederaufbau kommen die Foschungsaktivitäten mit RAJEWSKYS ungebrochener Dynamik und Originalität wieder in Gang. Die Grundthemen bleiben dieselben; sie werden methodisch erweitert und vertieft. Die große Zahl und die Vielfalt der folgenden Arbeiten kann nicht erschöpfend, nur exemplarisch dargestellt werden.

Unter RAJEWSKYS Gesamtleitung arbeiten mehrere, jeweils von einem leitenden Assistenten geführte Abteilungen: Eine Radiologische Abteilung verbunden mit der Physikalisch-Medizinischen "Betatron-Abteilung", eine Abteilung für "Krebsentstehung und -Erzeugung", eine Abteilung für "Elektrische und Paramagnetische Eigenschaften biologischer Substanzen und Systeme" mit der Gruppe "Ultraschall", eine Abteilung "Molekular-Biophysik" mit einer biochemischen Gruppe, eine "Abteilung Radioaktivität und Strahlenschutz" mit den Laboratorien: "Human Counter" und Klimalabor zur Untersuchung radioaktiver Aerosole und ihrer Wirkung auf den tierischen und menschlichen Körper, eine Abteilung für "biologische Wirkung optischer Strahlung" und eine Abteilung "Biologie".

Einen Überblick über Arbeiten einzelner Abteilungen gibt eine 1962 zum 25jährigen Jubiläum des Instituts herausgegebene Festschrift (Herausgeber: Max Planck Institut für Biophysik, Frankfurt am Main).

Die Probleme, die mit der verloren gegangenen Beschleuniger-Anlage hatten bearbeitet werden sollen, ließen RAJEWSKY nicht ruhen. Zusammen mit H. KULENKAMPFF in Würzburg und H. KOPFERMANN in Heidelberg veranlaßte er die Firma Siemens Entwicklungsarbeiten für ein Betratron mit 35 MeV Elektronen-Endenergie aufzunehmen. Im Jahr 1957 geht ein solches Betratron in der Beschleunigerhalle des Frankfurter Max-Planck-Instituts in Betrieb. Unter der Leitung von W. POHLIT (heute Inhaber des Lehrstuhls "Physik für Mediziner" an unserer Universität, Träger des Boris Rajewsky-Preises 1987) wurden in der Betratron-Abteilung umfangreiche strahlenphysikalische Untersuchungen zur Anwendung schneller Elektronen und energiereicher Bremsstrahlung durchgeführt. Sie lieferten Basis-Kenntnisse und dosimetrische Daten für eine Tumortherapie mit dieser Strahlung, heute Routine in den Strahlenkliniken. Das Betratron stand gleichzeitig dem Klinikum der Frankfurter Universität für die Tumortherapie zur Verfügung. Die klinisch therapeutischen Arbeiten wurden gemeinsam mit dem Universitäts-Röntgeninstitut durchgeführt, unter der kommissarischen Leitung RAJEWSKYS.

Die strahlenphysikalischen Messungen wurden dann auch auf die Dosimetrie von Neutronenfeldern und die zugehörigen Strahlenschutz-Meßverfahren für Neutronen ausgedehnt.

Im Zusammenhang mit der Krebsentstehung durch Strahlung, insbesondere auch durch schwache Dauerbestrahlung - sie war als Ursache des "Schneeberger Lungenkrebses" seinerzeit erkannt worden und hatte sich auch in Tierversuchen nachweisen lassen - stand die Frage nach der unteren Grenze der Strahlenbelastung, die noch pathogen wirkt, bzw. zu einer Verkürzung der normalen Lebenszeit führt. Die Untersuchungen wurden an weißen Mäusen, im Dauerversuch mit schwachen Dosen bis zu sehr hohen Dosen, mit Hochleistungs-Röntgenröhren gemacht, deren letzte im Jahre 1959 ausgeführte Konstruktion auf eine elektrische Leistung von 240 kW bei 2 A Röhrenstrom ausgelegt war. Die Beobachtung der Lebensdauerverkürzung bei Schwachstrahlung und der sogenannte 3,5 Tage-Effekt bei Dosen zwischen 1000 und 12 000 R (bei weißen Mäusen) gehören zu den wichtigen Ergebnissen dieser Arbeiten.

Mit Arbeiten über elektrische und paramagnetische Eigenschaften biologischer Substanzen wurden die früheren Untersuchungen von SCHW AN mit hochfrequenten elektrischen Feldern wieder aufgegriffen; ebenso werden Arbeiten zur Ultraschall-Therapie fortgesetzt.

Im Rahmen molekularbiologischer Untersuchungen wurde, beispielsweise, die Bildung von Aminosäuren und Peptiden durch Strahlung untersucht, und die biologische Strahlenwirkung bei tiefen Temperaturen.

Bei der Betrachtung biologischer Wirkungen von Korpuskular- oder Quantenstrahlung legte RAJEWSKY stets Wert auf eine Differenzierung von möglicher direkter lokaler Wirkung am Ort der Energieabsorption und indirekten Effekten durch anschließende Reaktion gebildeter Radikale oder deren Transport. Reaktionskinetische Untersuchungen mit impulsmodulierter Röntgenstrahlung gehören in diesen Problembereich. Die Untersuchung des Einflusses ionisierender Strahlung auf das Verhalten von Enzymen in der Zelle, die den überwiegenden Teil der Lebenstätigkeit der Zelle oder des Zellverbandes steuern, führte zum Begriff des Diffusionsradius, einer Größe, die die Ausbreitung der durch Ionisation oder Quantenabsorption lokal erzeugten Radikale charakterisiert und sich als stark konzentrationsabhängig erweist. Unter den Konzentrationsverhältnissen der Zelle beträgt er nur 10-100 A; dies erklärt die hohe zur Störung der katalytischen Aktivität von Enzymen in der Zelle erforderliche Strahlen-Dosis der Größenordnung von Kilorad und erweist die Änderung ihrer enzymatischen Aktivität als Konsequenz von Folgereaktionen.

Von eminenter praktischer Bedeutung, im Hinblick auf die einsetzende Entwicklung der Kerntechnik und die zunehmende Anwendung ionisierender Strahlung in der Technik und im zivilen Bereich, sind die Arbeiten der Abteilung "Radioaktivität und Strahlenschutz".

Sie gelten zum einen der Untersuchung und überwachung der Umgebungsstrahlung. Ein Meßwagen, ausgerüstet mit Strahlungsmeßgeräten untersucht u. a. die Intensitäts- und Nuklid-Verteilung des fallout der Kernwaffen-Versuche der sechziger Jahre. Die Verteilung in Abhängigkeit von geologischen Gegebenheiten und der Bodenart wird gemessen; die Biozyklen biologisch wichtiger Radioisotope wie Radium, Strontium 90 und 89 und Caesium 137 werden verfolgt. Durch Pflanzenanalysen wird der Gehalt menschlicher Nahrungsmittel an radioaktiven Stoffen ermittelt.

Ein weiteres Problem ist die Auswirkung der Aufnahme radioaktiver Stoffe über die Atemluft und des Beitrages der sog. heißen Teilchen, kleiner nicht gasförmiger Aerosol-Partikel konzentrierter Radioaktivität. Dafür wird ein spezielles Aerosol-Laboratorium eingerichtet.

Mit der zunehmenden technischen und klinischen Anwendung künstlicher und natürlicher Radio-Isotope wird die in vivo-Bestimmung des Gehaltes des menschlichen Körpers an inkorporierten radioaktiven Stoffen eine aktuelle Aufgabe. Es geht sowohl um die Festlegung maximal zulässiger Mengen im Vergleich zum natürlichen Gehalt des Organismus an radioaktiven Nukliden, als auch um die überwachung von Beschäftigten in Kliniken, Laboratorien und kerntechnischen Anlagen, in denen mit radioaktiven Stoffen umgegangen wird. Prinzipiell wird die bereits früher von RAJEWSKY bei der Untersuchung von Radiumvergiftungsfällen (1936) angewandte Methode der Messung der aus dem Körper austretenden gamma-Strahlung wieder angewandt. Anstelle der damaligen Ionisationskammern tritt ein Gamma-Strahl-Spektrometer (als Detektor ein Szintillatorkristall, verbunden mit einem Impulshöhenanalysator). Zur Abschirmung des Untergrundes von Umgebungs und kosmischer Strahlung ist der Ganzkörper-Zähler (Human Counter) in einem unterirdischen Keller mit 2 Meter dicken Betonwänden und Stahlauskleidung untergebracht. Mit diesem Ganzkörperzähler wurde das Personal des Frankfurter Forschungsreaktors routinemäßig überwacht. Einen wichtigen Beitrag lieferte der Ganzkörperzähler zu der Frage der Ablagerung von Folgeprodukten des Thoriums im Zusammenhang mit der früher üblichen Verwendung eines Thoriumpräparates als Kontrastmittel bei Röntgenaufnahmen, die zu Folgeschäden führte. Für all diese zunehmend aktuell werdenden Fragen, die RAJEWSKY und seine Schüler schon immer beschäftigten, liegt bei ihm das Instrumentarium zur Bearbeitung und die wissenschaftliche Expertise vor.

RAJEWSKY wird deshalb zum Vorsitzenden eines 1956 errichteten "Sonderausschusses Radioaktivität" gewählt, mit der Aufgabe, einen wissenschaftlichen Bericht über die Radioaktivität von Luft, Wasser und Boden in der Bundesrepublik zu erstellen, und der Bundesregierung die erforderlichen Maßnahmen zur Sicherheit der Bevölkerung zu empfehlen. In seiner Ansprache zum 25. Jubiläum des MPI für Biophysik äußert Bundesminister BALKE hohe Anerkennung für die Tätigkeit des Sonder-Ausschusses unter RAJEWSKYS Vorsitz.

RAJEWSKY hat seine Erfahrung auch der Deutschen Atomkommission seit 1955 zur Verfügung gestellt.

Mehr als 1300 Publikationen sind bis zu seiner Emeritierung unter RAJEWSKYS Leitung aus seinem Institut hervorgegangen. Zwei Werke RAJEWSKYS, auf den Arbeiten des Instituts fußend, "Die wissenschaftlichen Grundlagen des Strahlenschutzes" und "Strahlendosis und Strahlenwirkung" sind Standard- und Nachschlagewerke der Strahlenschutz-Biologie und des Strahlenschutzes geworden.

5.

Auch nach seiner Emeritierung ist RAJEWSKY seiner Biophysik wissenschaftlich und organisatorisch unzertrennlich verhaftet. Als nach dem Sputnik-Erfolg der Russen sich eine Technik des bemannten Raumfluges anbahnt, erkennt er die damit verbundenen strahlenbiologischen Probleme durch die kosmische Strahlung; ihr ist der Astronaut hinter den wenigen Zentimetern Material des Flugkörpers fast ungeschützt ausgesetzt, im Gegensatz zur Situation am Erdboden, wo eine Luftsäule von 10 Metern Wasseräquivalent die Menschen schützt. Im Innern des Flugkörpers sind es die im Weltraum und in der hohen Atmosphäre in der kosmischen Strahlung enthaltenen hochenergetischen Atomkerne, als HZE-particles bezeichnet, deren starke biologische Wirkung auf der hohen, längs ihrer Bahn konzentrierten Energie-Übertragung durch Ionisation auf die durchlaufene Materie beruht. Außerhalb des Raumflugkörpers im freien Weltraum ist es zudem der hohe Fluß niederenergetischer Elektronen und Protonen und die starke Intensität der UV-Strahlung; ihre Wirkung ist für exobiologische Fragen, den Einfluß des freien Weltraums auf lebende Substanz interessant.

RAJEWSKY errichtet mit Drittmitteln eine "Arbeitsgruppe Biophysikalische Raumforschung", deren Leitung er seinem Mitarbeiter H. BÜCKER (heute Hon. Professor an unserer Universität) überträgt; zunächst der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt angegliedert, und hier ansässig, wird sie später als Abteilung des Instituts für Raumflug-Medizin in die DFVLR übernommen. Sie bearbeitet die Probleme der strahlenbiologischen Wirkung der HZE-Teilchen der kosmischen Strahlung unter den Raumflugbedingungen, und der Exobiologie der Strahlung des freien Weltraums. RAJEWSKY erinnert sich an Experimente der Mitte der 30er Jahre, als Wissenschaftler des Wiener Radium-Instituts und der Verfasser (in Stuttgart) Bahn-Spuren von Teilchen der kosmischen Strahlung in speziellen photographischen Schichten mikroskopisch sichtbar machen konnten, und als der Basler Biologe EUGSTER an Weizenkörnern, die er auf unsere im Hochgebirge der kosmischen Strahlung ausgesetzten Photoschichten legte, nach biologischen Wirkungen dieser Teilchen suchte.

Inzwischen waren neue Teilchenspur-Detektoren entwickelt worden: Plastik-Folien (FLEISCHER, PRICE, WALKER, USA) in denen Teilchenspuren durch Ätzung sichtbar werden und spuraufzeichnende Silberchlorid-Detektoren (GRANZER, HAASE, SCHOPPER, Frankfurt am Main), die erfolgreiche Experimente obiger Art im Raumflug erlaubten.

Ein 1969 von RAJEWSKY initiiertes interdisziplinäres Symposium in Frankfurt, an dem Biologen und Physiker aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und England teilnahmen, entwirft einen Plan für ein Raumflug-Experiment, das unter den Namen "Biostack" der Prototyp für eine Serie von Untersuchungen zur biologischen Wirkung der kosmischen Strahlung unter den Bedingungen des Raumfluges, d. h. auch bei veränderter Gravitation, geworden ist.

Im Biostack sind Spurdetektoren der erwähnten Art mit Bio-Objekten (Bazillen, Sporen, Pflanzensamen, Steinkrebseier z. B.) beschichtet, in einem Behälter gestapelt. Nach Rückkehr vom Raumflug kann im Labor mit dem Mikroskop der Durchgang eines Teilchens durch ein in seiner Bahnrichtung gelegenes Bio-Objekt anhand seiner Spur im darunterliegenden Detektor ermittelt werden. Im Gegensatz zu Experimenten der Globalbestrahlung kann das Verhalten einzelner getroffener oder nichtgetroffener Objekte separiert weiterverfolgt werden, im Vergleich mit analogen Experimenten an Teilchenbeschleunigern unter Laborbedingungen.

Bereits das erste, in der Mondmission Apollo 16 geflogene Experiment, wird von der amerikanischen Raumflugbehörde NASA als autonomes Europäisches Experiment akzeptiert. Weitere Raumflug-Experimente mit Biostack und dessen Varianten sind unter der Gesamtleitung von Bücker und der Mitarbeit Frankfurter Wissenschaftler (A. R. KRANZ, E. SCHOPPER) auf Apollo 17, Apollo-Soyuz, Space-Lab und anschließenden Raumflug-Missionen geflogen; sie werden 1989 in der sowjetischen Biokosmos 9-Mission, wieder mit Beteiligung Frankfurter Wissenschaftler fortgesetzt. An exobiologischen Experimenten, die ebenfalls an den erwähnten Missionen teilnahmen, wirkt RAJEWSKYS ehemaliger Schüler K. DOSE (heute o. Professor für Biochemie an der Universität Mainz) mit.

6.

Von November 1949 bis 1951 ist RAJEWSKY Rektor, von 1952-1954 ist er Prorektor der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Das Amt des Rektors erhält mit ihm einen unverkennbaren souveränen Stil: Der Wiederaufbau seiner Universität geht ihm viel zu zögernd voran; ihr droht der Verfall. Eine Fünf-Millionen-Anleihe von einem einfallsreichen und unerschrockenen Rektor, mit der Unterstützung hilfreicher Bürger der Stadt Frankfurt am Main und ihres Magistrats für die Johann Wolfgang Goethe-Universität aufgenommen, hilft die ersten großen Wiederaufbau-Maßnahmen für die zerstörten Institute wirksam in Gang zu setzen und durch unermüdliches Verhandeln die Hessische Landesregierung, den Partner der Stiftungs-Universität, zu stärkerer Beteiligung zu engagieren.

Dieser hohe persönliche Einsatz bleibt eine Dankesschuld der Johann Wolfgang Goethe-Universität an ihren großen Rektor.

Die Autonomie der Universität als Hort der Lehre und der Forschung und die akademische Selbstverwaltung sind RAJEWSKY ein stetes Anliegen.

Die Errichtung eines Studentenhauses der Johann Wolfgang Goethe-Universität, gegenüber dem Hauptgebäude, ist sein Werk.

Vor allem bemüht sich RAJEWSKY um die Weckung des Interesses der Frankfurter Bürgerschaft an der von Bürgern dieser Stadt gegründeten Johann Wolfgang Goethe-Universität: Die Idee der Verbundenheit einer freien und fortschrittlichen Universität mit der Bürgerschaft, als Fortsetzung der Gedanken und Bestrebungen bei ihrer Gründung, ist für ihn Grundlage der weiteren Entwicklung der Universität.

Ein äußerer Ausdruck dafür ist die Gründung der "Vereinigung der Freunde und Förderer der Johann Wolfgang Goethe-Universität", deren Kern wiederum traditionsreiche Frankfurter Bürgerkreise bilden. Das Zustandekommen der Gründung ist das Werk RAJEWSKYS.

Er war auch besonders darum bemüht, die alten Stifter der Universität nach Kriegsende wieder zusammenzubringen, ihr Interesse an der Universität auch nach außen sichtbar werden zu lassen und damit die Stellung der Universität in der Stadt selbst zu artikulieren. Nach der, wirtschaftlichen Zwängen der Zeit folgenden Übernahme der Johann Wolfgang Goethe-Universität durch das Land Hessen im Jahre 1967, hat er uns jüngeren Kollegen in unserem Bestreben, eine Teilhabe der ehemaligen Stifter an der Weitergestaltung der Universität zu erhalten, auch mit großer Intensität unterstützt. Welch ein Unterschied, wenn man sich in diese Welt zurückversetzt und sich die Welt der heutigen Massenuniversität und mancher ihrer heutigen Scholaren vor Augen führt.

RAJEWSKYS Verbundenheit mit der Stadt Frankfurt fand ihren Ausdruck auch in seiner Beteiligung an kulturellen und sonstigen Organisationen Frankfurts, in denen er als Vorsitzender oder Mitglied von Kuratorien tätig war. Tradition bedeutete für ihn nicht nur das in der Vergangenheit Geschaffene, sondern den Geist, in dem die Bestrebungen einer Organisation in der Gegenwart verwirklicht werden.

Zur Tradition der Stadt Frankfurt gehörte für ihn auch das, was sich in einer blühenden Wirtschaft, in Handel und Technik widerspiegelt. Er war stets bestrebt, enge Verbindungen mit den Kreisen der Wirtschaft zu pflegen.

Im Jahre 1951 wurde er mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main geehrt.

Ganz besonderes Anliegen war ihm damals auch, die internationalen Verbindungen der Universität zur Wissenschaft, die durch Krieg und nationalsozialistische Herrschaft zerstört oder unterbrochen waren, wieder herzustellen und zu fördern. In seiner Rektoratstätigkeit war das später als Beispiel internationaler Universitäts-Kooperation bekannt gewordene Austausch-Projekt von Professoren zwischen den Universitäten Chicago und Frankfurt am Main Zustande gekommen.

RAJEWSKYS wissenschaftliche Stellung und das Ansehen seines Instituts führte naturgemäß zu zahlreichen und weitverzweigten internationalen Beziehungen.

Auch im inneren Bereich der Universität stößt man allenthalben auf RAJEWSKYS Spuren:

Das Universitäts-Röntgeninstitut, im Kriege fast vollständig zerstört, wurde von ihm, nachdem er bereits 1947 von der medizinischen Fakultät zum kommissarischen Direktor und Stellvertreter auf dem Lehrstuhl für klinische Radiologie bestellt worden war, wieder aufgebaut und mit einer Bettenstation versehen. In Zusammenarbeit mit der Betatron-Abteilung des MPI für Biophysik sie stand dem RöntgenInstitut jeweils halbtätig zur Verfügung und durch die Einführung der Behandlung mit Radio-Isotopen konnte das Institut nach einigen Jahren in der Bundesrepublik eine führende Stellung in der Strahlentherapie erreichen. Die Errichtung des Instituts für Kernphysik, seines ehemaligen Forschungsreaktors und eines Ordinariats für Kernphysik gehen ebenfalls auf die Initiative BORIS RAJEWSKYS zurück.^1

Er besuchte 1955 das Institut des Verfassers in Hechingen, seit 1952 Abteilung des Regenerschen Max-Planck-Instituts für "Physik der Stratosphäre", mit kriegsverlagerten, kernphysikalischen Einrichtungen des ehemaligen Heisenbergschen Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin-Dahlem. ERICH REGENER war kurz zuvor gestorben.

Ein von RAJEWSKY der naturwissenschaftlichen Fakultät vorgelegter Vorschlag, in Frankfurt ein Ordinariat und ein Institut für Kernphysik zu errichten, fand Zustimmung und führte Ende 1956 zur Berufung des Verfassers nach Frankfurt am Main und zum Beginn des Aufbaus des Instituts auf dem von der Stadt Frankfurt großzügig zur Verfügung gestellten Gelände auf dem Rebstock.

Zu der instrumentellen Basis, die zunächst aus den mit Zustimmung der Max-Planck-Gesellschaft übernommenen Einrichtungen des Hechinger Instituts bestand, kam durch RAJEWSKYS Vermittlung ein von den Farbwerken Hoechst AG gestifteter Forschungsreaktor, der bereits 1958 in Betrieb genommen werden konnte und 10 Jahre lang ein wertvolles Instrument für Lehre und Forschung war. weiterhin ein namhafter zusätzlicher finanzieller Beitrag der Stadt Frankfurt am Main und der Fa. CASSELLA zu den von der Hessischen Landesregierung bewilligten Baumitteln.

Von RAJEWSKY stammt auch der Plan, das Gmelin-Institut der Max-Planck-Gesellschaft nach Frankfurt am Main zu bringen und in Verbindung damit ein Organisations-Zentrum der Chemie in Frankfurt zu schaffen, durch Zusammenfügung des Beilstein-Instituts für Organische Chemie mit dem Gmelin-Institut und des Sitzes der Gesellschaft Deutscher Chemiker im Carl-Bosch-Haus für Chemie; er wurde durch seine energischen Bemühungen verwirklicht.

Ihm zu verdanken ist auch die Zusammenfassung der verstreuten Abteilungen des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung und ihre Übersiedlung nach Frankfurt, ebenso die Erhaltung des alten traditionsreichen Frankfurter Edinger-Instituts durch seinen Anschluß an das Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Er sah dies alles in der Tradition der großen wissenschaftlichen Einrichtungen der Stadt Frankfurt am Main: Senckenberg, Paul-Ehrlich Institut, Physikalischer Verein, Carolinum und ihrer Universität.

7.

Die wissenschaftlichen und die wissenschaftsorganisatorischen Leistungen von BORIS RAJEWSKY haben hohe Anerkennung und ihren Widerhall in einer großen Zahl von Ehrungen gefunden:

Sechs Ehrendoktorate in- und ausländischer Universitäten (Berlin, Gießen, Hannover, Innsbruck, Neapel und Turin), die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle (1943), der Akademia Medica in Rom (1959) und der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main (von 1955 bis 1970 ihr Präsident), sowie zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundes-Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland (1963), die Fakultätsmedaille der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität, die Goethe-Plakette des Landes Hessen (1958), das Sigillum Magnum der Universität Bologna (1962), die Goldene Medaille der Universität Rom, die Lenin-Medaille in Gold (1970), um einige zu nennen.

Ehrenmitgliedschaften in wissenschaftlichen in- und ausländischen Gesellschaften und Organisationen, manche davon hat er selbst ins Leben gerufen oder geleitet ergänzen die Palette der ihm zuteil gewordenen Ehrungen.

Anläßlich des 25jährigen Bestehens des Instituts für Biophysik wurden seine Verdienste gewürdigt durch die Errichtung der Boris-Rajewsky-Preisstiftung durch die Hessische Landesregierung und den Magistrat der Stadt Frankfurt mit der nachstehend wiedergegebenen Präambel:

Das Max Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main hat unter der Leitung seines ersten Direktors, Professor Dr. phil. nat., Dr. med. hort. h. c., Dr. med. h. c., Dr med. et. chirg. h.c., Dr. rer, hort. h.c., Dr. med. h.c. BORIS RAJEWSKY, eine Entwicklung genommen, die zur Formung einer neuen Disziplin der Biophysik - geführt hat. In Würdigung der Verdienste Professor RAJEWSKYS, nach dessen Ideen das Institut gegründet worden ist und gearbeitet hat, haben die Hessische Landesregierung und der Magistrat der Stadt Frankfurt am Main am Tage des 25jährigen Bestehens des Instituts ansehnliche finanzielle Mittel für die Errichtung einer Preisstiftung bereitgestellt, die den Namen "Boris Rajewsky Preisstiftung für Biophysik" führen soll. Durch Spenden von dritter Seite wurden diese Mittel vermehrt.

Unter den bisherigen Preisträgern finden sich vier seiner ehemaligen Schüler. HERMANN SCHWAN, Philadelphia, HERRMANN MUTH, Homburg (Saar), HELMUT PAULY, Erlangen, WOLFGANG POHLIT Frankfurt am Main.

8.

RAJEWSKYS wissenschaftliche Arbeitsweise war gekennzeichnet durch genuine Entdeckerfreude, naturwissenschaftliche Neugier und Unbeirrbarkeit in der Verfolgung gesteckter Ziele; er verstand es, diese Haltung auf seine Schüler und Mitarbeiter zu übertragen.

Starke intuitive Kraft und eine Fähigkeit, das Einfache und das Wesentliche an Zusammenhängen zu sehen, kamen hinzu. Details zu erarbeiten, hat er delegiert und streng überwacht.

Seine besondere Zuneigung zur Biophysik, begründet er anläßlich der 25-Jahrfeier seines Instituts: "Da ich eingefleischter Physiker war, und an dem Primat der Physik in der wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur schon damals nicht gezweifelt habe, sah ich in der Verfolgung der Auswirkung der physikalischen Gesetzmäßigkeiten beim Entstehen und Werden der lebenden Objekte, der Organismen, und beim Erkennen der in der lebenden Materie ablaufenden Vorgänge eine lohnende wissenschaftliche Aufgabe."

Dieser Aufgabe ist er unermüdlich nachgegangen und hat die entscheidenden Impulse gegeben zur Begründung der eigenständigen Disziplin "Biophysik", in der Erforschung der Grundlagen, wie in ihren vielfältigen praktischen Bezügen.

RAJEWSKYS wissenschaftliches Lebenswerk findet seine Fortsetzung in seinen Schülern und der Arbeit der von ihm begründeten Institutionen. Aber auch seine beiden Söhne haben sich der Erforschung und der Lehre vom Lebendigen gewidmet: Der ältere, MANFRED RAJEWSKY, hat einen Lehrstuhl für Biochemie an der Universität Köln inne, der jüngere, KLAUS RAJEWSKY, ist Prof. an der Universität Essen. Die Tochter XENIA ist als Soziologin in Hannover tätig.

Eine ungewöhnliche Dynamik des Lebensstils und der Arbeit wohl ein Stück Erbe verband sich bei RAJEWSKY mit einer bemerkenswerten Fähigkeit der Organisation.

RAJEWSKY hat nächtelang und bis zu achtzehn Stunden am Tage arbeiten können. Mitarbeiterbesprechungen um Mitternacht waren nicht selten. Lange nächtliche Gespräche mit ihm, in Metaphysik und Metabiologie führend, sind mir unvergeßlich. Sie wurden oftmals abgebrochen auf Drängen der besorgten und so verständigen Frau OLGA RAJEWSKY. Eine bewundernswerte Kondition erhielt ihm trotz des oft exhaustiven Lebens die Lebenskraft bis ins hohe Alter. Es war für jedermann eindrucksvoll, an der Seite oder mit einem solchen Manne zu arbeiten.

Mit der Dynamik des Lebensstiles verband sich bei ihm ein ungewöhnlich starkes Gefühl in Zu- und Abneigung und eine außergewöhnliche Hilfsbereitschaft. Er war persönlicher Freund und Helfer seiner Mitarbeiter und hatte Zeit für jede Not.

Die starke, fast exklusive Hinwendung zu seiner Wissenschaft und zu den mit ihm dadurch verbundenen Menschen und die Liebe für seine Familie hielt ihn im Banne bis zur Erschöpfung seiner Lebenskräfte. Ihr mehr und mehr sichtbar werdendes Schwinden im letzten Jahre seines Lebens ließen ihn wohl ein gewisses Gefühl der Vereinsamung empfinden; es klang schon mit dem Tode seiner Frau an.

Eine Sehnsucht nach der Heimat und dem Geburtsland verstärkt durch Besuche in der Sowjetunion war zu verspüren und eine in der Liebe für alte Ikonen durchkommende tiefinnere Religiosität, die in dem sonst so rational denkenden Manne ihre eigene Ausdrucksform fand.

Am 22. November 1974 endete ein "Leben für die Biophysik".


Fußnoten

1 Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, an dieser Stelle meine Dankbarkeit auszudrücken für allen Rat und alle Hilfe, die ich von meinem verehrten Kollegen Boris Rajewsky empfing. Es ist sicher auch in seinem Sinne, wenn ich dankbar diejenigen erwähne, die damals der Universität ihre Unterstützung angedeihen ließen:
den Präsidenten der Max Planck Gesellschaft Prof. Otto Hahn, den Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, Dr Werner Bockelmann und Stadtkämmerer Dr. Klingler, den Vorstandsvorsitzenden der Farbwerke Hoechst AG, Prof Karl Winnacker und ihren Chef-Konstrukteur Prof Josef Wengler und seine Abteilung, den Vorstand der Fa. Cassella, den Kurator der Universität Dr. Friedrich Rau und den Architekten Dr. Ferdinand Kramer.

 

geändert am 12. Dezember 2008  E-Mail: Webmasterpresse@uni-frankfurt.de

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