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Martin Brendel

1862-1939

von

Wilhelm H. Kegel
Frankfurt am Main

I. Der berufliche Werdegang

OTTO RUDOLF MARTIN BRENDEL wurde am 12. August 1862 in Niederschönhausen bei Berlin geboren. Nach dem Abitur im Jahre 1883 studierte er in Berlin, München, Stockholm, Paris und London Mathematik und Astronomie. 1890 wurde er in Berlin zum Dr. phil. promoviert. Nach der Promotion ging er zunächst nach Potsdam und dann nach Greifswald. Hier habilitierte er sich 1892 für das Fach Astronomie und lehrte dann bis 1898 als Privatdozent.

In diese Zeit fällt seine Heirat mit der Französin EMILIE MARCELINE LE GARGAM. Aus der Ehe ging ein Sohn KARL OTTO RENE hervor.

Im Jahre 1898 wurde BRENDEL auf eine a. o. Professur für theoretische Astronomie und Geodäsie nach Göttingen berufen. 1902 wurde er zusätzlich damit beauftragt, im Rahmen des Seminars für Versicherungswissenschaft die Fächer mathematische Statistik, Versicherungsstatistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung zu vertreten. Die Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften hat dann im Jahre 1907 BRENDEL zur Vertretung der Fächer Mathematik und Versicherungswissenschaften nach Frankfurt am Main berufen. Dies gab dem Physikalischen Verein die Möglichkeit, ihm auch die Leitung der 1908 fertiggestellten Sternwarte zu übertragen und damit die Astronomie durch einen Fachmann vertreten zu lassen. Hieraus ergaben sich aber auch gewisse Probleme, da eine selbständige, wissenschaftlich arbeitende Sternwarte in dem ursprünglichen Konzept des Physikalischen Vereins eigentlich nicht vorgesehen war. Bei der Planung des Neubaus in der damaligen Viktoriaallee hatte man bei der Sternwarte vielmehr nur an eine Einrichtung zur Demonstration der Erscheinungen des Sternenhimmels gedacht. Daneben sollten die für den Zeitdienst notwendigen Beobachtungen ausgeführt werden. Entsprechend nahmen sich die für die Sternwarte vorgesehenen Räume im Vergleich zu denen der anderen Institute des Physikalischen Vereins bescheiden aus [1, 2]. Darüber hinaus war es dem Astronomen BRENDEL von Anfang an klar, daß für grundlegende wissenschaftliche Beobachtungen die Lage der Sternwarte wegen der Stadtnähe und der damit verbundenen Beeinträchtigung durch den Verkehr sowie durch Dunst und Staub recht ungünstig war [3]. Er legte daher den Schwerpunkt der an der Sternwarte durchgeführten Arbeiten mehr auf theoretische Untersuchungen. Dies war sicherlich nicht allein durch die äußeren Umstände, sondern auch durch seine persönlichen Interessen bedingt.

Bei der Gründung der Universität 1914 wurden die Akademie für Sozial und Handelswissenschaften sowie alle Institute des Physikalischen Vereins Teil der Universität. BRENDEL erhielt eine Professur für Astronomie und Versicherungsmathematik und wurde (bzw. blieb) Direktor der Sternwarte und des Seminars für Versicherungswissenschaften. Diese Professur hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1927 inne. Daneben leitete er das 1913 gegründete Planeteninstitut. In den Jahren 1920-22 nahm er außerdem noch einen Lehrauftrag für Versicherungswissenschaften an der Universität Gießen wahr.

p14 Martin Brendel, um 1930

2. Die astronomischen Arbeiten

Das Hauptarbeitsgebiet BRENDELs war die Himmelsmechanik und hier insbesondere die Bestimmung der Bahnen der kleinen Planeten (Asteroiden). Das war zu der damaligen Zeit ein sehr aktuelles Thema. Seit Ende des vorigen Jahrhunderts wurden jedes Jahr mehr als ein Dutzend Asteroiden entdeckt. Um die Jahrhundertwende kannte man etwa 450, um 1910 bereits über 700. Bei den kleinen Planeten handelt es sich um ziemlich lichtschwache Objekte, die im wesentlichen nur während ihrer Opposition, d. h. wenn sie der Erde am nächsten sind, beobachtet werden können. Damit stellt sich die Aufgabe, aus den Beobachtungen die Bahn so genau zu bestimmen, daß man den Planeten auch nach einer längeren Zeit am Himmel wieder auffinden kann. Ein zweites Problem besteht darin, bei der Beobachtung eines kleinen Planeten zu entscheiden, ob es sich um eine Neuentdeckung handelt oder nicht. Das eigentliche Problem bei der Bahnbestimmung liegt darin, daß die Bahnen der Asteroiden durch die großen Planeten, insbesondere durch Jupiter, merklich gestört werden, so daß es sich um ein Dreikörperproblem handelt, für das es bekanntlich keine exakte analytische Lösung gibt.

Auf Grund der großen und ständig steigenden Zahl der kleinen Planeten war es zur damaligen Zeit nicht möglich, für alle Planeten sehr genaue Bahnen, etwa durch numerische Integration, zu bestimmen. Vielmehr kam es darauf an, geeignete, möglichst einfache Näherungsmethoden zu entwickeln. Eine Methode, die vor alllem auch am Astronomischen Recheninstitut in Berlin angewendet wurde, bestand darin, die Bahn zunächst ohne Berücksichtigung der Jupiterstörung zu berechnen und dann die Bahnelemente bei jeder Opposition zu korrigieren. Man hoffte, auf diese Weise langfristig mittlere Bahnelemente bestimmen zu können [4]. Dieses Verfahren könnte man eine empirische Bestimmung der Jupiterstörungen nennen. Im Gegensatz hierzu war es BRENDELs Ziel - ausgehend von den Arbeiten von GYLDEN - analytische Näherungsausdrücke für die Störungen abzuleiten. Die entsprechenden Koeffizienten mußten dann aus den Beobachtungen bestimmt und für jeden Planeten tabelliert werden [3, 5, 6]. Die bei der Berechnung der Störungen angestrebte Genauigkeit sollte genügen, die Bahn eines Planeten für 100 Jahre so genau festzulegen, daß er zu jedem Zeitpunkt innerhalb des Gültigkeitsbereichs wieder aufgefunden werden konnte. (Viele der im BRENDELschen Institut berechneten Planetenbahnen gelten bis zum Jahr 2000.)

BRENDEL ging es in seinen theoretischen Untersuchungen darum, die praktische Berechnung der Störungen möglichst einfach zu gestalten und damit die Bearbeitung eines umfangreichen Beobachtungsmaterials zu erleichtern. Ein wesentliches Element seiner Theorie war, daß er nicht die Zeit als unabhängige Variable benutzte, sondern die wahre Anomalie eines Planeten (d. h. den Winkel Planet-Sonne-Perihel). Die Anregung zu diesen Arbeiten hat er wohl von GYLDEN^1 während seiner Studienjahre in Stockholm (1885-88) erhalten. Bereits seine Dissertation "Anwendung der Gylden'schen absoluten Störungstheorie auf die Breitenstörungen" bezieht sich auf diesen Themenkreis. 1894 erhielt er von der Pariser Akademie der Wissenschaften für seine Theorie der kleinen Planeten den DAMOISEAU-Preis. In den Jahren 1898-1911 publizierte er sein vierteiliges Werk "Theorie der kleinen Planeten" [7]. Neben der praktischen Anwendung bemühte er sich in den folgenden Jahren auch um eine Weiterentwicklung seiner Theorie.

BRENDEL hat sich aber nicht nur mit theoretischen Arbeiten befaßt, sondern auch - hauptsächlich während seiner Zeit in Berlin - mit konkreten astronomischen Beobachtungen (Beobachtungen von Asteroiden, Kometen und Doppelsternen). Er beschäftigte sich mit der Theorie des von V. WELLMANN erfundenen Doppelbildmikrometers und konstruierte 1890 für dieses Prismen aus einachsigen Kristallen [8, 9, 10]. Weiterhin konstruierte er eine rotierende Kamera zur Photometrierung heller Sterne. 1891-92 reiste er mit O. BASCHIN nach Lappland, um erdmagnetische Messungen und Nordlichtbeobachtungen durchzuführen. Seine Mitarbeiter an der Frankfurter Sternwarte haben ebenfalls eine Reihe praktischer Arbeiten ausgeführt.

Schließlich sei erwähnt, daß BRENDEL Mitherausgeber der Gesamtausgabe der Werke von CARL FRIEDRICH GAUSS war.

Die bekanntesten Schüler BRENDELs waren KARL BODA, der noch bis 1942 das Fach Astronomie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität vertreten hat, und WILLY HARTNER, der spätere Direktor des Instituts für Geschichte der Naturwissenschaften (s. den Beitrag von MATHIAS SCHRAMM in diesem Band).

3. Das Planeteninstitut

Die "Theorie der kleinen Planeten" war nicht nur eine abstrakte Theorie, sondern ein wissenschaftliches Programm, um dessen Umsetzung sich BRENDEL intensiv bemühte. In diesem Zusammenhang entstand die Idee, ein internationales Institut zu gründen, dessen spezielle Aufgabe die Berechnung der Bahnen der kleinen Planeten sein sollte.

Diese Idee hatte eine etwas längere Vorgeschichte. Im Jahre 1889 waren auf der Tagung der Astronomischen Gesellschaft in Brüssel erstmals die Probleme diskutiert worden, die sich aus der ständig wachsenden Zahl der kleinen Planeten ergaben [11]. Auf Grund dieser Diskussion wurde dann im Jahre 1891 auf der Tagung in München eine Kommission eingesetzt, die Vorschläge für die Lösung der Probleme und für eine Koordinierung der Arbeiten der verschiedenen Institute ausarbeiten sollte [12]. Die Arbeit dieser Kommission hat zunächst zu keinen konkreten Initiativen geführt. Als BRENDEL seine Theorie zu einem gewissen Abschluß gebracht hatte, machte er sich auch darüber Gedanken, wie die Bearbeitung der kleinen Planeten am zweckmäßigsten zu organisieren sei. Hierüber hat er 1910 auf der Tagung der Astronomischen Gesellschaft in Breslau vorgetragen [6, 13]. In der sich anschließenden Debatte schlug CARL VILHELM LUDVIG CHARLIER (Lund) vor, ein internationales Institut für die kleinen Planeten zu gründen. Zur Konkretisierung dieses Vorschlags wurde wiederum eine Kommission eingesetzt.

Zu dieser Kommission gehörten u. a. MARTIN BRENDEL und FRITZ COHN, der Direktor des Astronomischen Recheninstituts in Berlin. Zwischen beiden haben zunächst offensichtlich erhebliche Meinungsunterschiede darüber bestanden, wie man das Problem der Bahnbestimmung der kleinen Planeten mit dem geringsten Arbeitsaufwand lösen kann [4, 5]. (Ein - nicht ausgesprochenes - Problem mag auch darin gelegen haben, daß das Berliner Institut sich seit vielen Jahren intensiv mit den kleinen Planeten beschäftigte.) Diese Meinungsunterschiede wurden aber beigelegt, und nach der Gründung des Frankfurter Instituts wurden die Arbeitsgebiete der beiden Institute gegeneinander abgegrenzt und eine Zusammenarbeit vereinbart [14]. (Im Berliner Institut wurden in späteren Jahren die Planeten, für die in Frankfurt am Main Bahnen gerechnet worden waren, als "BRENDELsche Planeten" bezeichnet.)

Aus der Arbeit der Kommission entstand eine Denkschrift, die mit folgenden wohl formulierten Worten beginnt:

"Die Astronomen müssen dankbar die freigebige, von Regierungen wie von privaten Gönnern der Wissenschaft erwiesene Großmut anerkennen, mit der besonders in den letzten paar Jahrzehnten Millionen für den Bau großer Fernröhre und die Errichtung prächtiger Sternwarten gestiftet wurden, auf denen diese Instrumente der Wissenschaft nutzbar gemacht worden sind. Der Erfolg hat diese Freigebigkeit gerechtfertigt. Niemals haben seit Galileis Zeiten die Astronomen so hohe Probleme der Entwicklung des Fixsternsystems in Angriff genommen wie in unsern Tagen; niemals drang die Messung kühner in die Unendlichkeit als jetzt.

In dieser glänzenden Entwicklung scheint indessen ein Teil der Astronomie gänzlich übersehen oder vergessen zu sein. wir meinen die theoretische Astronomie. Diese Vergessenheit mag sich aus der Bescheidenheit und der Unbeholfenheit des theoretischen Astronomen herleiten; sie gründet sich jedoch zum großen Teil auf eine irrige Vorstellung von den Arbeitsmethoden des theoretischen Astronomen. Die meisten Menschen werden denken: alles was ein Theoretiker braucht, sei Verstand und eine Schreibfeder. Dies sind ja sicherlich seine Hauptinstrumente, aber wenn man Tätigkeit und Ergebnis seiner Arbeit miteinander vergleicht, so liegen die Dinge anders."

Später wird dann festgestellt:

"Wir dürfen ohne Übertreibung behaupten, daß die Erklärung des verhältnismäßig langsamen Fortschrittes der theoretischen Astronomie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts (den Zeiten eines LAGRANGE und LAPLACE) in dem Mangel an ökonomischer Hilfe für den theoretischen Astronomen liegt."

Mit derartigen Argumenten würde man heute die Forderung nach einer Großrechenanlage begründen. Damals begründete man damit den Plan für ein Institut für theoretisch-astronomische Forschung. Dieses sollte 48 Planstellen erhalten, 8 für theoretische Astronomen, 10 für algebraische Rechner und 30 für numerische Rechner. Das für die Einrichtung eines solchen Instituts notwendige Kapital wurde auf 5,6 Millionen Reichsmark veranschlagt, wobei 5 Millionen der Betrag war, dessen Zinsen für die Bezahlung der Gehälter ausreichen sollten [15].

Parallel zu diesen Plänen für eine optimale Lösung verfolgte BRENDEL sein Ziel auf etwas bescheidenerem (und damit realistischerem) Wege. Die Göttinger Gesellschaft für Wissenschaften hatte ihm einige Mittel zur Verfügung gestellt. Weiterhin wurden ihm auf Vermittlung der Stadt Frankfurt am Main von der SPEYER-Stiftung erhebliche Mittel für die Einrichtung eines Planeteninstituts zugesichert. Die Stadt Frankfurt am Main hatte hieran aber die Bedingung geknüpft, daß sich die maßgebenden Stellen verschiedener Staaten für diese Einrichtung aussprechen würden. Hierbei waren seine guten internationalen Beziehungen, insbesondere auch die zu JULES HENRI POINCARE, eine wesentliche Hilfe. Auf der Sitzung der Association des Academies in Petersburg im Mai 1913 stellte die Pariser Academie des Sciences den Antrag, die Bestrebungen von BRENDEL moralisch zu unterstützen. Dieser Antrag wurde bei Stimmenthaltung der Berliner Akademie von allen anderen anwesenden europäischen und überseeischen Akademien angenommen [14].

Auf der Tagung der Astronomischen Gesellschaft in Hamburg im August 1913 hat dann CHARLIER über die Arbeit der Kommission für die kleinen Planeten berichtet und die vorher erwähnte Denkschrift bekannt gemacht. Nach einer ausführlichen Diskussion wurde Folgendes beschlossen [16]:

1. "Die Astronomische Gesellschaft gibt dem Vorstand die Vollmacht, im Namen der Gesellschaft dasjenige zu tun, was zur Förderung des vorgelegten Planes zur Errichtung eines internationalen Instituts für theoretische Astronomie die nen kann."

2. "Die Astronomische Gesellschaft begrüßt es freudig, daß in Frankfurt am Main ein Institut für die Bearbeitung der kleinen Planeten in Entwicklung begriffen ist, und entspricht dem durch Herrn BRENDEL übermittelten Wunsch des Kuratoriums dieses Instituts bei der Entwerfung und Durchführung des Programms mitzuwirken."

Damit war der Weg für die Gründung des Frankfurter Planeteninstitus frei. Diese fand offiziell am 5. November 1913 statt. In dem Kuratorium waren die Stadt Frankfurt am Main, die SPEYER-Stiftung, der Physikalische Verein und die Handelsakademie bzw. später die Universität vertreten. Das neue Institut war zwar personell und räumlich eng mit der Sternwarte verbunden, finanziell und arbeitsmäßig aber unabhängig. Es war insofern als internationales Institut konzipiert als vorgesehen war, daß ausländische Astronomen hier für einige Zeit arbeiten sollten. Dies sollte der Ausgangspunkt für eine umfangreiche internationale Zusammenarbeit sein. Im ersten Jahr haben sich Astronomen aus Frankreich, Rumänien, Belgien und Rußland an den Arbeiten in Frankfurt am Main beteiligt. Die Resultate der am Planeteninstitut ausgeführten Arbeiten sollten in einer Reihe "Dokumente zur Theorie der kleinen Planeten" erscheinen, deren Veröffentlichung die Akademie in Petersburg übernommen hatte.

Nach diesem vielversprechenden Anfang wurde die weitere Entwicklung des Planeteninstituts jedoch durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges sehr beeinträchtigt. Die Mitarbeit ausländischer Astronomen war nicht mehr möglich. Ein Teil der deutschen Mitarbeiter wurde zum Militärdienst eingezogen. BRENDEL selbst hielt sich bei Kriegsausbruch gerade in Frankreich auf. Er wurde dort interniert und konnte erst 1916 nach Frankfurt am Main zurückkehren. Er hatte während seiner Internierung allerdings in beschränktem Maße die Möglichkeit, wissenschaftlich zu arbeiten [17]. Auch nach Ende des Krieges gestalteten sich die Bedingungen für das Planeteninstitut und für die Sternwarte äußerst schwierig. So ist im Jahresbericht für 1920 zu lesen: "Das Planeteninstitut erhielt eine größere Zuwendung von Herrn Konsul KOTZENBERG, durch die ein sofortiger völliger Zusammenbruch des Instituts vermieden werden konnte." [18] Bei der Gründung war dem Institut von seiten der SPEYER-Stiftung eine jährliche Zuwendung von 5000 Mark für zehn Jahre zugesagt worden. Diese Zusage wurde 1923 nicht erneuert. Seit diesem Zeitpunkt war das Institut in seiner Existenz bedroht. Mit (vertraglich nicht geregelten] Beihilfen der Stadt und von privater Seite konnte es noch einige Jahre als unabhängiges Institut weitergeführt werden. Da sich insbesondere gegen Ende der zwanziger Jahre wieder eine breite internationale Zusammenarbeit entwickelt hatte, wurde offensichtlich auch überlegt, die Aufgaben des Instituts an ein anderes im Ausland zu übertragen [19]. BRENDEL bemühte sich nachdrücklich darum, das Frankfurter Institut aufrechtzuerhalten. Er erreichte es, daß auf der Versammlung des Völkerbundes in Genf eine Besprechung über die Probleme stattfand. Bei dieser wurde die internationale Bedeutung der Arbeiten sowie der Wunsch nach einer Weiterführung des Instituts hervorgehoben, jedoch gleichzeitig festgestellt, daß eine direkte Unterstützung durch den Völkerbund nicht möglich sei [19]. Im Jahre 1931 schließlich wurde das Planeteninstitut als selbständige Abteilung der Sternwarte angegliedert und damit in die Universität übernommen. Nach der Aufhebung des Universitätsinstituts Sternwarte im Jahre 1936 blieb das Planeteninstitut zunächst noch weiter bestehen. 1939 wurde es nach Heidelberg verlegt und der dortigen Sternwarte angegliedert.

Wie bereits erwähnt, war die Hauptaufgabe des Planeteninstituts die praktische Berechnung der Bahnen der kleinen Planeten. Während des fast dreißigjährigen Bestehens des Instituts wurden hier für über 600 Asteroiden die Bahnstörungen berechnet. Daneben wurden natürlich die Methoden laufend weiter entwickelt. 1925 veröffentlichte BRENDEL eine neue, verbesserte Störungstheorie, durch die sich diese Berechnungen weiter vereinfachten [20]. Diese neue Theorie wurde nicht nur auf die kleinen Planeten angewandt, sondern auch auf die großen. Besonders erwähnenswert ist hier ein Gemeinschaftsprojekt mit den Herren FREUNDLICH und VON BRUNN vom EINSTEIN-Turm in Potsdam, bei dem es darum ging, die Bahn des Merkur möglichst genau zu bestimmen. Bekanntlich ist die Periheldrehung des Merkur ein wesentlicher Test für die allgemeine Relativitätstheorie. Die Periheldrehung läßt sich aus den Beobachtungen aber nur dann ableiten, wenn die Störung der Merkurbahn durch die anderen Planeten genau bekannt ist. An diesen Untersuchungen war u. a. auch WILLY HARTNER wesentlich beteiligt [21].

Das gesamte wissenschaftliche Programm des Planeteninstituts hat auf den theoretischen Arbeiten BRENDELs aufgebaut.

4. Das Engagement in der Versicherungsmathematik

Soweit aus den vorliegenden Dokumenten ersichtlich ist, hat BRENDEL sich in erster Linie als Astronom betrachtet. Dessen ungeachtet hat er einen ganz erheblichen Teil seiner Zeit auf die Versicherungsmathematik verwendet. Zunächst stellt sich die Frage, wie BRENDEL dazu gekommen ist, sich mit Problemen der Versicherungsmathematik zu beschäftigen. Da es hierüber keine schriftlichen Äußerungen von ihm gibt, lassen sich nur Vermutungen anstellen: In seiner Zeit an der Berliner Sternwarte hat BRENDEL sich u. a. auch an umfangreichen Beobachtungsprogrammen beteiligt. Dabei mußte er sich notwendigerweise mit der Frage der Beobachtungsfehler auseinandersetzen. Es ist nicht abwegig zu vermuten, daß der sehr theoretisch-mathematisch orientierte BRENDEL das zum Anlaß genommen hat, sich in grundsätzlicher Weise mit der Fehlertheorie zu beschäftigen. - In Göttingen hat er dann u. a. den Nachlaß von GAUSS bearbeitet. Bekanntlich hat GAUSS ganz wesentliche Beiträge zur Fehlertheorie und zur Wahrscheinlichkeitsrechnung geliefert. Darüber hinaus hat er sich auch mit Fragen der Versicherungsmathematik befaßt. Schließlich ist anzumerken, daß 1895 in Göttingen das erste Seminar für Versicherungswissenschaft in Deutschland gegründet wurde. Zu dieser Zeit war die Versicherungsmathematik noch keine etablierte, selbständige Wissenschaft. Man war daher darauf angewiesen, Wissenschaftler aus Nachbargebieten für dieses Gebiet zu interessieren. Vor diesem Hintergrund erscheint es gar nicht verwunderlich, daß der Astronom BRENDEL damit beauftragt wurde, am Seminar für Versicherungswissenschaft mathematische Vorlesungen zu halten.^2

An die Handelsakademie in Frankfurt am Main wurde BRENDEL zur Vertretung des Faches Mathematik und speziell der Versicherungsmathematik berufen [22]. Entsprechend blieb ihm für die Astronomie nur wenig Zeit [23]. Bei der Universitätsgründung wurde er dann Professor für Astronomie und Versicherungsmathematik. Der Lehrstuhl war in der Naturwissenschaftlichen Fakultät angesiedelt. Nach dem Krieg in der Zeit der allgemeinen wirtschaftlichen Not hat BRENDEL offensichtlich unter dieser Doppelbelastung sehr gelitten. Es scheint, daß er bereit war, sein Engagement in der Astronomie, wo die Situation besonders schwierig war, zugunsten der Versicherungsmathematik aufzugeben oder doch wesentlich zu reduzieren. So hat er 1920 um die Entlassung von seiner Funktion als Direktor der Sternwarte nachgesucht [24]. Es wurde ihm aber nur eine einjährige Beurlaubung gewährt. Gleichzeitig wurde von seiten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät versucht, eine o. Professur für Versicherungswissenschaft einzurichten und diese BRENDEL zu übertragen. Dieser Versuch scheiterte letztlich am Widerstand der Naturwissenschaftlichen Fakultät. Diese stellte fest, daß die o. Professur, die BRENDEL innehatte, durch Zusammenlegung einer a. o. Professur für Versicherungswissenschaft und einer für Astronomie zustande gekommen sei. Sollte BRENDEL ganz in die Wirtschaftswissenschaften überwechseln, müsse die Naturwissenschaftliche Fakultät mindestens eine a. o. Professur für Astronomie erhalten, da das Fach Astronomie Pflichtfach für die Lehramtskandidaten der Mathematik sei. Auch dem Vorschlag, die Astronomie durch einen Lehrauftrag abzudecken, konnte die Fakultät nicht zustimmen. Da die Schaffung einer neuen Stelle zu der Zeit nicht möglich war, behielt BRENDEL seine Doppelfunktion bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1927. Danach blieb die Stelle des Direktors des Seminars für Versicherungswissenschaften unbesetzt. Die Leitung des Seminars wurde 1936 dem Betriebswirt FRITZ SCHMIDT übertragen. Nach dem Krieg, d. h. ab 1952, wurde das Seminar von KARL HAX, der eine Professur für Industriebetriebslehre innehatte, mitverwaltet. Erst 1975 gelang es, am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften eine eigenständige Professur für Versicherungswirtschaft zu besetzen.

Bei BRENDELs versicherungsmathematischen Arbeiten ging es zum einen darum, allgemeine mathematische Methoden auf Fragen der Versicherungsmathematik anzuwenden. So hat er 1909 vorgeschlagen, die Lebensversicherungsmathematik auf analytische Methoden umzustellen [25]. Hierbei hat er, analog zur Mechanik, die Grundgesetze in Form von Differentialgleichungen formuliert. Zum anderen ging es ihm (ähnlich wie bei der Planetentheorie) darum, für die Praxis möglichst einfache Rechenverfahren zu entwickeln. So hat er 1924 ein graphisches Verfahren zur Ermittlung von Wahrscheinlichkeitswerten angegeben [26].

5. Die Jahre nach der Emeritierung

BRENDEL hatte die Frankfurter Astronomie auf einem zwar recht speziellen, aber damals sehr aktuellen Teilbereich zu internationalem Ansehen gebracht. Es muß für ihn schmerzlich gewesen sein mit anzusehen, daß nach seiner Emeritierung dann in den dreißiger Jahren die Astronomie in Frankfurt am Main immer mehr an Bedeutung verlor.

Nach seiner Emeritierung behielt BRENDEL die Leitung des Planeteninstituts, auch als dieses 1931 der Sternwarte angegliedert wurde. Als er Ende 1932 nach Freiburg übersiedelte, ließ er sich in dieser Funktion durch seinen langjährigen Assistenten KARL BODA vertreten.

Auf dem astronomischen Lehrstuhl folgte ihm 1928 der Physiker KARL WILHELM MEISSNER, dessen Interessen mehr auf astrophysikalischem und insbesondere auf spektroskopischem Gebiet lagen. Als MEISSNER 1932 Nachfolger von RICHARD WACHSMUTH wurde und die Leitung des Physikalischen Instituts übernahm (s. den Beitrag von JÖRG KUMMER in diesem Band), blieb der Lehrstuhl für Astronomie unbesetzt. Im April 1933 hat sich BRENDEL noch einmal in einem Brief an den Vorsitzenden des Kuratoriums der Johann Wolfgang Goethe-Universität nachdrücklich für eine Wiederbesetzung des Lehrstuhls mit einem theoretischen Astronomen eingesetzt. Dieses Bemühen blieb aber letztlich ohne Erfolg. 1935 wurde der Lehrstuhl gestrichen, und zum 1. April 1936 wurde das Universitätsinstitut Sternwarte aufgehoben [27]. (Damit fiel die Sternwarte wieder an den Physikalischen Verein zurück.) Das Fach Astronomie wurde nur noch durch einen Lehrauftrag weiter vertreten. wie bereits erwähnt, blieb das Planeteninstitut zunächst noch weiter bestehen und wurde dann 1939 nach Heidelberg verlegt.

Auch nachdem BRENDEL nach Freiburg gezogen war, beteiligte er sich aktiv an den Arbeiten des Planeteninstituts. In den letzten Jahren galt sein Interesse in verstärktem Maße den großen Planeten [28]. Noch bis unmittelbar vor seinem Tod am 6. September 1939 war er mit störungstheoretischen Arbeiten beschäftigt [10].


Quellennachweis

a) Zitierte Literatur

[1] Jahresbericht des Physikalischen Vereins 1907/08, 1909.
[2] Neumann, H.-L.: in 150 Jahre Physikalischer Verein, H. Fricke (Hrg.) Physikalischer Verein, Frankfurt am Main 1974.
[3] Vierteljahresschr. der Astron. Ges. 45, 1910, 139.
[4] Cohn, F.: Astron. Nachr. 190, 1912, 283.
[5] Brendel, M. : Astron. Nachr. 190, 1912, 145, 425.
[6] Brendel, M. : Vierteljahresschr. der Astron. Ges. 45, 1910, 305.
[7] Brendel, M. : Theorie der kleinen Planeten Teil I-IV, Abh. der Kgl. Ges. der Wiss. zu Göttingen Mathem., Phys. Klasse neue Folge 1, No. 2, 1898; 6, No. 4, 1909, No.5, 1910; 8, No. 1, 1911.
[8] Brendel, M. : Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 24, 1889, 268.
[9] Brendel, M. : Beob.-Ergebnisse der Kgl. Sternw Berlin 6, 1892, 37, 57.
[10] Boda, K. : Astron. Nachr. 270, 248 (1940).
[11] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 24, 1889, 250.
[12] VierteIjahresschrift der Astron. Ges. 26, 1891, 266.
[13] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 45, 1910, 299.
[14] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 49, 1914, 130.
[15] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 48, 1913, 255.
[16] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 48, 1913, 184.
[17] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 52, 1917, 190.
[18] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 56, 1921, 96.
[19] Jahresbericht des Physikal. Vereins 1928/29 S. 72, 1929.
[20] Brendel, M. : Astron. Nachr. 224, 1925, 229.
[21] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 67 1932, 189.
[22] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 43, 1908, 126.
[23] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 44, 1909, 201.
[24] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 56, 1921, 92.
[25] Brendel, M. : Z. f. d. gesamte Versicherungswiss. 9, 1909, 216.
[26] Brendel, M. : Z. f. d. gesamte Versicherungswiss. 24, 1924, 219
[27] Vierteljahresschrift der Astron. Ges. 72 1937, 250.
[28] Brendel, M. : Astron. Nachr. 250, 1933, 177

b) weitere Quellen

Kluke, P.: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main 1914-1932, Verlag W. Kramer, Frankfurt am Main 1972
Manes, A. (Hrsg ): Versicherungslexikon. Tübingen 1909
Poggendoff, P.C.: Biographisch Literarisches Handwörterbuch. Band IV 1904, Band V 1925, Band VI 1936. Verlag Chemie, Berlin, Band VIIa 1956 Akademie Verlag. Berlin.
Neue Deutsche Biographie. Bd. 2, Duncker u Humbold, Berlin 1955.
Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft. Band I, Berlin 1930

Herrn Professor Dr. WOLFGANG MÜLLER (FB Wirtschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main) bin ich für wichtige Hinweise in bezug auf Abschnitt 4 zu Dank verpflichtet. Weitere wertvolle Hinweise verdanke ich dem Vorsitzenden des Physikalischen Vereins Herrn HANS LUDWIG NEUMANN.


Fußnoten

1 Johan August Gylden (1841 1896), von 1871-1896 Direktor der Stockholmer Sternwarte.
2 Daß ein Astronom sich mit Fragen der Versicherungsmathematik beschäftigt, ist nicht ganz ungewöhnlich. Schon Edmund Halley (1656-1742) hat versucht, anhand von Aufzeichnungen über Todesfälle eine Sterbetafel aufzustellen.

 

geändert am 12. Dezember 2008  E-Mail: Webmasterpresse@uni-frankfurt.de

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