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Marianus Czerny

1896-1985

von

Helmut Müser
Wiesbaden

Professor Dr. phil. Dr. rer. nat. h. c. MARIANUS CZERNY, geboren am 17. Februar 1896 in Breslau, gestorben am 10. September 1985 in München, studierte in Berlin, Wurde dort promoviert und 1934 zum a. o. Professor ernannt. 1938 folgte die Berufung auf den Lehrstuhl für Experimentalphysik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main und die Ernennung zum Direktor des Physikalischen Instituts. 1961 wurde er emeritiert. 1966 verlieh ihm die Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Göttingen die Würde eines Ehrendoktors.

CZERNY wurde international bekannt durch Arbeiten auf dem Gebiet der Ultrarotforschung, vor allem durch Messungen der Absorptionsspektren von Halogen-Wasserstoffmolekülen im langwelligen Ultrarot, an deren Rotationsbanden er die Halbzahligkeit der Rotationsquantenzahlen experimentell nachwies.

Die nüchterne Aufzählung seiner Lebensdaten soll im folgenden ergänzt werden durch eine Darstellung des Menschen CZERNY, wie ich ihn während unserer fast 50jährigen Bekanntschaft erlebt habe. Dabei stützt sich mein Bericht für die Zeit vor 1937 auf CZERNYs Erzählungen, für die Zeit danach auf eigenes Erleben, auf Fakultätsakten und auf Personalakten des Kanzleramts. Außerdem konnte ich Zitate aus Briefen und Tagebucheintragungen verwenden, die mir seine Tochter MARIANNE zur Verfügung gestellt hat.

Kindheit, Schulzeit, I. Weltkrieg (1896-1918)

MARIANUS CZERNY wurde als Sohn des Kinderarztes ADALBERT CZERNY geboren, des Begründers der modernen Kinderheilkunde; seine Mutter war die Tochter eines oberschlesischen Großgrundbesitzers. Er war das einzige Kind seiner Eltern, ein Sohn aus gutem Hause also. Das Elternhaus war so wohlhabend, daß über Geld nicht gesprochen wurde. Wenn er Kindheitserinnerungen erwähnte, bezogen sie sich auf die Zeit der Schulferien, die er in Oberschlesien auf dem Gut des Großvaters verbrachte. Dieses Gut lag unmittelbar an der russischen Grenze; ein Teil der Gutsgrenze war zugleich Grenze des Deutschen Reiches. Sie war für den Knaben nicht nur eine Linie auf dem Atlas, sondern lebendige Wirklichkeit. Er sah mit Respekt und Schaudern die Kosakenpatrouillen, die furchterregend auf der russischen Seite entlangritten. Und er sah auf der deutschen Seite die Landarbeiter seines Großvaters, die vor der Kutsche des "Herrn" in den Straßenstaub traten und mit "S bohem!" die Mütze zogen; auch davor schauderte ihn. Die Darstellung der Macht über Menschen, drüben repräsentiert durch die Kosaken, hier durch den Großvater, diese Eindrücke prägten den Heranwachsenden für sein Leben. Er bewunderte den Großvater, den guten Patriarchen. Von seinen preußischen Tugenden wie Patriotismus, Pflichterfüllung, Korrektheit, Sparsamkeit, Fürsorge für Untergebene sollte jeweils ein Teil auf Dauer in CZERNYS Charakterbild übergehen.

CZERNYs Vater wurde 1910 an die Universität Straßburg (damals deutsches Elsaß) berufen, und der Sohn besuchte dort das Protestantische Gymnasium. Er sagte, daß er kein sehr guter Schüler gewesen sei. Sprachen, vor allem Griechisch, lagen ihm nicht; sie waren ihm zu wenig logisch. Unter den einseitig philologisch ausgebildeten Lehrern konnte er sich nicht entfalten. Seine naturwissenschaftliche Begabung, seine manuelle Fertigkeit, die ihn zum genialen Experimentator machen sollte, konnten wohl in einem Schulsystem nicht erkannt werden, das auf Drill und abfragbares Wissen gegründet war. So kam es, daß nach eigenem Eingeständnis seine Abiturnoten nicht ausgereicht hätten, falls damals eine Zulassung zum Physikstudium vom Notendurchschnitt abhängig gewesen wäre.

Wie sehr CZERNY die Schule als quälende Last empfunden hat, zeigt ein Telegramm, das er nach bestandenem Abitur an die Eltern in Berlin sandte - der Vater war inzwischen dorthin berufen worden - "Endlich aus dem Gefängnis befreit!" Jahrzehnte später, beim Auflösen des elterlichen Haushalts, stieß CZERNY wieder auf dieses Telegramm, das der Vater für des Aufhebens Wert befunden, der Sohn aber längst vergessen hatte. Nicht vergessen hatte er dagegen seine Lehrer. "Die besten Lehrer sind die schlechten Lehrer, falls man meint, die Schule müsse auf das Leben vorbereiten", pflegte er in einer für ihn typischen Weise zu formulieren, einer Weise, die durch übertreibung das Wesentliche hervorhebt, eben dadurch aber auch Widerspruch provoziert. Zum Beispiel: "Humanistisches Gymnasium. Schon der Name ist eine Anmaßung! Die Beschäftigung mit den Regeln der lateinischen Grammatik erzieht zum kritiklosen Gehorsam, zum Hinnehmen auch der unlogischsten Regel; sie bringt also nicht Humanisten, sondern Jasager hervor!"

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war CZERNY 18 Jahre alt. Er meldete sich freiwillig zum Militärdienst, sicher nicht aus Neigung. Er tat für Kaiser und Vaterland das, was damals von einem gesunden Abiturienten seines Jahrgangs erwartet wurde. Er tat es konsequent: er meldete sich zu einer Elitetruppe, zur Garde-Infanterie.

Im August 1916 wurde er schwer verwundet: sein linker Ellenbogen wurde zerschossen. Den Ärzten gelang es, die Verbindung von Nerven und Adern zu erhalten, sowie durch ein mechanisches Scharnier eine gewisse Beweglichkeit zwischen Ober- und Unterarm zu ermöglichen, so daß die Finger beweglich blieben. Das Wunder geschah. er konnte wieder experimentieren und auch wieder Cello spielen, was für ihn unverzichtbar war und blieb. Seine Musik, die er bis ins hohe Alter mit nahezu professioneller Perfektion ausübte, war für ihn ein wahrhaftes Lebenselexier. "Ohne mein tägliches Cellospiel wäre ich längst gestorben", bekannte er einmal.

Nach seiner Verwundung kam er zum Ersatzbataillon seines Regiments nach Berlin. Bei Kriegsende, 1918, war er Adjutant des Bataillonskommandeurs und hat noch Anfang November die letzten Rekruten des Bataillons auf den Kaiser und König vereidigt. Wenige Tage später rissen ihm meuternde Soldaten die Leutnants-Schulterstücke von der Uniform. Für den Sohn aus großbürgerlichem Hause, erzogen in der monarchischen Tradition, brach damit eine Welt zusammen.

Studium, akademische Laufbahn in Berlin bis zur Berufung nach Frankfurt am Main (1918-1937)

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs konnte CZERNY mit 23 Jahren endlich zu studieren beginnen. Von zwei Sommersemestern in Freiburg abgesehen, verbrachte er seine gesamte Studienzeit an der Universität Berlin. Daß er nach altem Brauch als Sohn eines Professors von Studiengebühren befreit war, war sicher nicht der Grund für diese Wahl; vielmehr war Berlin in jenen Jahren ein geistiges Zentrum besonderer Art, in den Naturwissenschaften noch eindeutig führend. Erst später in den zwanziger Jahren sollte Göttingen für die Physik eine ähnliche Bedeutung erlangen und in München durch das Wirken SOMMERRELDs eine weitere Konkurrenz entstehen.

CZERNY zog es, seiner Begabung entsprechend, nicht zur theoretischen, sondern zur experimentellen Physik, die damals in Berlin durch den Ultrarotphysiker HEINRICH RUBENS vertreten war. Er wurde dessen Doktorand mit einer Arbeit über die Reststrahlenmethode. Während er daran arbeitete, starb RUBENS an Knochenkrebs. Zu jener Zeit wurden nicht wenige Experimentalphysiker Opfer dieser Krankheit. Daß der ungeschützte Umgang mit radioaktiven Präparaten die Ursache war, hat man damals noch nicht erkannt. CZERNY erinnerte sich an eine Vorlesung, in der RUBENS ein Radiumpräparat jedem Studenten an die Stirn hielt, um zu demonstrieren, daß Gammastrahlen auf den Sehnerven einwirken, so daß trotz geschlossener Augen ein blitzender Sternenhimmel zu sehen war.

Der Verlust des Doktorvaters bringt für jeden Doktoranden große Schwierigkeiten mit sich, auch heute noch, obwohl es jetzt "Parallel-Lehrstühle" gibt, also andere Professoren einen "verwaisten" Doktoranden übernahmen könnten. Für CZERNY übernahm GERHARD HETTNER, ein junger Assistent mit stark theoretischer Ausrichtung, diese Aufgabe mit Erfolg, so daß die Doktorarbeit ordnungsgemäß zu Ende geführt werden konnte. 1923 wurde CZERNY zum Dr. phil. promoviert.

Durch das Dissertationsthema wurde er zu dem Arbeitsgebiet geführt, dem in der Folgezeit sein wissenschaftliches Interesse galt: der Physik und Technik der ultraroten Strahlung. Damals lernte man gerade, aus Absorptionsbanden dieses Bereichs Informationen über Molekülstrukturen abzulesen. Die Atome eines Moleküls schwingen gegeneinander, und sie rotieren umeinander; die dabei beteiligten Energiestufen erscheinen in den Absorptionen als Schwingungsspektren, Rotationsspektren und, da beide Bewegungen miteinander kombiniert auftreten, Rotations-Schwingungsspektren. Die beteiligten Energiequanten sind kleiner als jene, die die Atomspektren des sichtbaren Spektralbereichs beherrschen (in ganz grober Näherung: bei den Schwingungen um eine, bei den Rotationen um zwei Größenordnungen), aber sie folgen den gleichen Quantengesetzen. Diese besagen, daß als Rotationsquantenzahlen halbzahlige Werte auftreten. Die Quantenzahl 1/2 für den Spin des Elektrons wurde 1922 durch den Stern-Gerlach-Versuch (ausgeführt im Hause des Physikalischen Vereins) experimentell nachgewiesen. Das war eine Sensation. STERN (vgl. Lebensbericht STERN) wurde dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Als CZERNY mit seinen Messungen an den Rotationsbanden der Halogenwasserstoffe wiederum halbzahlige Rotationsquanten fand, war die Sensation fast ebenso groß. Damit war bewiesen, daß die Halbzahligkeit für Rotationsbewegungen ganz allgemein gilt, also nicht eine Besonderheit des Elektronenspins ist.

Nach den Messungen an Absorptionsspektren gasförmiger Halogenwasserstoffe begann CZERNY (etwa ab 1927) mit Messungen an den Reststrahlbanden von Alkalihalogenidkristallen. Die Deutung dieser Festkörperspektren ist für den Theoretiker wesentlich schwieriger als die der Spektren von Gasen. Für den Experimentator dagegen sind in beiden Fällen nur sehr geringe Strahlungsmengen zu messen. Da im langwelligen Ultrarot nur äußerst geringe Intensitäten zur Verfügung standen (und, auch nach der Erfindung des Lasers, heute noch stehen), erforderte die Messung der extrem geringen absorbierten Anteile höchste Experimentierkunst.

Wie hoch die CZERNYschen Arbeiten der zwanziger Jahre international eingeschätzt wurden, ist daraus zu ersehen, daß junge Amerikaner nach Berlin kamen, um daran mitzuarbeiten. Als Mitverfasser einiger seiner Arbeiten erscheinen die Namen der Amerikaner BARNES, CARTWRIGHT und TURNER.

Neben den Veröffentlichungen, die bedeutende theoretische Konsequenzen hatten, entstanden in der Berliner Zeit auch einige Arbeiten experimentell-technischer Ausrichtung. Besondere Beachtung fanden diejenigen über den Astigmatismus bei Spiegel-Spektrometern. In einer Arbeit von CZERNY und PLETTIG (Dissertation einer Doktorandin) war eine konkrete Ausführung eines Spektrometers beschrieben; in vielen Ultrarotarbeiten um 1930 wird angegeben, daß der "Strahlengang nach CZERNY und PLETTIG" angewandt sei. CZERNY meinte sogar, von allen seinen Arbeiten sei diese am häufigsten zitiert worden, und gerade sie habe den geringsten physikalischen Gehalt.

In den Bereich der experimentellen Technik gehören auch CZERNYs Arbeiten über eine besondere Art von Photographie im Ultraroten, für die er den Namen "Evaporographie" erfand. Die normale Photographie durch photochemische Prozesse, wie sie für das sichtbare Licht angewendet wird, versagt schon für ganz kurzwelliges Ultrarot, weil Quanten dieser Wellenlängen schon in der Temperaturstrahlung bei 20 Grad C in merklicher Häufigkeit auftreten. CZERNY versuchte deshalb, die minimalen Temperaturunterschiede (Größenordnung 10**-6 K) zwischen bestrahlten und nichtbestrahlten Stellen des "Films" in Bilder umzusetzen. Solche Versuche begannen schon 1929 in Berlin, wurden in Frankfurt fortgesetzt, gelangten aber nicht bis zur Anwendungsreife.

Für die Bewertung einer wissenschaftlichen Leistung ist immer auch die Umgebung zu berücksichtigen, in der sie entstand. In Berlin hatte sich in den zwanziger Jahren eine einmalige Gruppe von originellen Köpfen zusammengefunden, intellektuell fruchtbar und befruchtend. Allein vier Nobelpreisträger waren darunter. MAX PLANCK, Ordinarius für Theoretische Physik, WALTHER NERNST, Ordinarius für Experimentalphysik (ursprünglich Chemiker, Nobelpreisträger für Chemie), Nachfolger von RUBENS, dazu ALBERT EINSTEIN, hauptamtliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, und MAX v. LAUE, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes in Dahlem. CZERNY, der als hervorragender Cellist ein gesuchter Partner für kammermusikalische Abende war, erwähnte gern, daß er als junger Assistent mit zwei Nobelpreisträgern musiziert habe: mit EINSTEIN (Geige) und mit PLANCK (Klavier).

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, welches Niveau das Physikalische Kolloquium besaß, das mit solchen Männern besetzt war. CZERNY erinnerte sich an zwei Vorträge, die er in diesem Kreise gehalten hatte; beide blieben ihm in Erinnerung wegen der Diskussionen, die sich danach ergaben. Im ersten Vortrag mußte er eine Arbeit referieren, die sich kritisch mit der Relativitätstheorie befaßte, und zwar auf Weisung von NERNST, der sein Instituts-Chef war und der Einsteinschen Theorie skeptisch gegenüberstand. Nach dem Vortrag entschuldigte sich CZERNY bei EINSTEIN, indem er ihm versicherte, daß er diesen Vortrag nicht aus eigenem Antrieb gehalten habe. EINSTEIN lächelte nur und sagte: "Lassen Sie nur, vielleicht hat der Mann ja recht; aber es würde mich doch sehr wundern, wenn Allah (sic!) die Welt so eingerichtet hätte!"

Der zweite Kolloquiumsvortrag, an den sich CZERNY erinnerte, betraf die Grenzen der Meßtechnik durch thermodynamische Schwankungen in der Umgebung oder, wie man heute sagen würde, durch das thermische Rauschen. Daß alle Meßkunst am Ende ist, wenn die bei der Messung umgesetzte Energie in die Größenordnung der thermischen Energieschwankung kT kommt, lernt der Physikstudent heute im Anfängerpraktikum. Überraschenderweise ist diese Erkenntnis erst in den dreißiger Jahren Allgemeingut der Physiker geworden. CZERNY, dem das Problem wegen der Empfindlichkeit seiner Maßmethoden wichtig war, hielt im Kolloquium einen Vortrag darüber. Nachher sagte ihm PASCHEN, der Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, sinngemäß: "Was Sie da erzählt haben, mag ein netter theoretischer Ansatz sein, aber stimmen kann es nicht. Wir haben doch in der Reichsanstalt Galvanometer, die empfindlicher sind, als sie nach Ihrer Theorie sein dürften!" Daß der Meßgenauigkeit prinzipiell eine thermische Grenze gesetzt ist, war also um 1930 noch so neu, daß der Chef der deutschen Präzisionsmeßtechnik sie für unmöglich hielt!

Das Thema dieses Vortrags, die thermischen Grenzen der Meßgenauigkeit, sollte sich für CZERNYs berufliche Zukunft als entscheidend erweisen. Er wurde nämlich eingeladen, auf der Physikertagung 1933 in Würzburg einen Hauptvortrag darüber zu halten. K. W. MEISSNER, CZERNYs Vorgänger auf dem Frankfurter Lehrstuhl, fand diesen Vortrag so interessant, daß er den Redner einlud, ihn in Frankfurt vor dem Physikalischen Verein zu wiederholen. Ein Nebenzweck der Einladung war es, CZERNY den maßgeblichen Fakultätsmitgliedern vorzustellen, denn MEISSNER wollte ihm die damals vakante Oberassistentenstelle seines Instituts übertragen. Es hätte also nicht viel gefehlt, und CZERNY wäre schon 1934 nach Frankfurt am Main gekommen. Daß nichts daraus wurde, lag daran, daß er in Berlin zum beamteten a. o. Professor ernannt wurde. Die Entscheidung muß zeitlich sehr knapp gefallen sein. CZERNY drückte es einmal so aus: "Ich habe damals die schon für Frankfurt gepackten Koffer wieder ausgepackt".

CZERNY wäre gern nach Frankfurt gegangen, denn in Berlin hatten die Emeritierung NERNSTs und der Umbruch von 1933 die Verhältnisse im Physikalischen Institut drastisch verändert. NERNSTs Nachfolger SCHUMANN kam aus dem Heereswaffenamt und stellte die Forschungsarbeit des Instituts auf reine Wehrforschung um. Von da an war jegliche Forschung im Hause geheim: die Arbeitsgruppen des Instituts wurden gegeneinander abgeschottet, jeder Mitarbeiter durfte sich nur in seinem eigenen Bereich bewegen, das Betreten anderer Arbeitsbereiche war verboten; ein uniformierter Pförtner verwehrte allen Institutsfremden den Zutritt zum Gebäude. Es gab also keine kollegiale Freundschaft (oder auch Gegnerschaft) mehr, keine befruchtenden Gespräche, keine persönlichen Kontakte, keinen anregenden Erfahrungsaustausch: ein wissenschaftliches Klima wie bei 0 Kelvin, Kältetod der Kreativität!

Unter solchen Bedingungen kann niemand erfolgreich wissenschaftlich arbeiten. Daher sagte CZERNY sofort zu, als er am 1. 10. 1937 das Angebot erhielt, die Leitung des Physikalischen Instituts in Frankfurt am Main zu übernehmen. Zum 1. Februar 1938 wurde er dann in aller Form berufen. Damit ist ein Zeitpunkt erreicht, von dem an ich aus eigenem Erleben berichte.

Zu CZERNYs privatem Leben wäre nachzutragen, daß er 1934 OCTAVIA GAUPP aus Tübingen, die Tochter eines Psychiaters, heiratete. Freunde aus CZERNYs Elternhaus haben mir versichert, daß CZERNYs Mutter bei der Wahl, die ihr 37jähriger Sohn traf, in diplomatischer Weise nachhalf.

Jedenfalls erwies sich diese Partnerwahl als überaus glücklich. Nach der Hochzeit aber griff ADALBERT CZERNY, der Vater, diplomatisch ein. Er hatte wohl Zweifel daran, daß die Dominanz seiner energischen Gattin der kompromiß- und anpassungswilligen Schwiegertochter guttun würde. So verhängte er über seine Frau ein sechswöchiges Besuchsverbot bei den Neuvermählten: sechs Wochen lang sollte die junge Frau Zeit haben, ihren Haushalt ohne schwiegermütterliche Einmischung einzurichten. - Noch im hohen Alter lobte CZERNY solche Weisheit seines Vaters.

Die warmherzige und kontaktfreudige OCTAVIA CZERNY hat viel dazu beigetragen, daß der nun beginnende neue Lebensabschnitt, die Frankfurter Zeit, schon bald ein Erfolg werden konnte. CZERNY, der seiner Veranlagung nach jeder Auseinandersetzung aus dem Wege ging, war froh, das Berliner Institut verlassen zu können, in dem die politischen Veränderungen durch das Nazi-Regime sichtbar und spürbar waren. Er meinte, im Frankfurter Institut friedlichere Verhältnisse vorzufinden. Das sollte sich als Täuschung herausstellen, da er die näheren Begleitumstände nicht kannte, unter denen der allseits hoch geachtete KARL WILHELM MEISSNER (vgl. Lebensbild MEISSNER) entlassen worden war. So war er nicht darauf gefaßt, daß er im Frankfurter Institut eine Phalanx von Nicht-Kooperierenden vorfinden würde. Es waren die Kollegen und Mitarbeiter, aber auch ältere Studenten (ich war einer davon), selbst solche, die dem Dritten Reich nicht ablehnend gegenüberstanden. Sie alle befürchteten, daß die Partei bei der Besetzung des Lehrstuhls eingewirkt hätte und nun ein "hundertzehnprozentiger" Nazi nach Frankfurt am Main käme. Daß man damit dem ganz und gar unpolitischen CZERNY, der weder der NSDAP noch einer ihrer Gliederungen angehörte, bitter Unrecht tat, stellte sich erst mit der Zeit heraus.

Direktor des Physikalischen Instituts in Frankfurt am Main (1937-1961)

1. Bis zur Währungsreform (1948)

MARIANUS CZERNY übernahm am 1. Oktober 1937 vertretungsweise ein Institut, das in vieler Hinsicht anders war als das, aus dem er kam. Manche der Besonderheiten waren ihm nicht ohne weiteres verständlich, und einen Vorgänger, der den Neuankömmling wohlwollend beraten hätte, gab es nicht. KARL WILHELM MEISSNER, von den Nazis unter skandalösen Umständen aus dem Dienst entlassen und mit Hausverbot belegt, konnte und wollte seinem Nachfolger, den er vier Jahre vorher gern als Oberassistenten in sein Institut geholt hätte, die Wege nicht ebnen.

Besonders schwer verständlich für CZERNY war das Verhältnis zum Physikalischen Verein. Dieser, nicht die Direktoren der im Hause untergebrachten Universitätsinstitute, war der Hausherr des Gebäudes Robert-Mayer-Straße 2-4; der Pförtner, die Sekretärin waren dessen Angestellte. Der Verein stand sogar in einem gewissen Arbeitgeberverhältnis zu den Physikprofessoren, die als Dozenten des Physikalischen Vereins galten und für die Vereinsmitglieder, aber auch für die Schüler der Frankfurter höheren Schulen unentgeltliche Vorlesungen zu halten hatten.^1 CZERNY hat Erinnerungen an diese Zeit zu Papier gebracht; darin heißt es:

"Es war unglücklich, daß sich bei meiner Ankunft niemand fand, der
mich über die Bedeutung des Physikalischen Vereins aufgeklärt hätte.
Das hätte mir manchen Kummer erspart. Als ich nach Frankfurt kam,
war ein Dr. VON BRAUN^2 Vereinsvorsitzender, Vorstand der Firma
Hartmann & Braun. Er wollte mich wie einen Angestellten seiner Firma
behandeln. Darauf war ich natürlich nicht gefaßt."

Daß die Sekretärin des Physikalischen Vereins auch die Sekretariatsarbeiten des Physikalischen Instituts mit erledigte, betrachtete der Verein vermutlich als großzügige Regelung in einer Zeit, in der die Verwaltungsarbeit in den Instituten zum großen Teil von Assistenten oder sogar vom Ordinarius selber erledigt werden mußte. Problematisch wurde die Zusammenarbeit allerdings, wenn das Verhältnis zwischen Professor und Physikalischem Verein nicht ganz ungetrübt war. Die gemeinsame Sekretärin befand sich dann in einem Loyalitätskonflikt und stand im Zweifelsfall auf der Seite des Vereins, ihres Arbeitgebers. So ist es kein Wunder, daß CZERNY in seinen Erinnerungen das Sekretariat ein "KummerKabinett" nennt. Er schreibt:

"Als ich 1937 die Leitung des Physikalischen Instituts übernahm, hatte
das Institut kein eigenes Sekretariat: die Sekretärin des
Physikalischen Vereins war offiziell damit beauftragt, alle
Sekretariatsaufgaben für das Institut nebenamtlich zu erledigen. Diese
Sekretärin, ein Fräulein HEDWIG GROOS, war eine äußerst gewissenhafte,
aber recht herbe ältere Dame, die mich leider nicht mochte. Die
Zusammenarbeit mit ihr war daher eine ziemlich bittere Angelegenheit
für mich. Nach etwa 10 jahren erreichte sie die Altersgrenze und
schied als Institutssekretärin aus, blieb aber noch viele Jahre als
Sekretärin des Vereins tätig. Im Laufe dieser Zeit wurde ihr
Verhalten mir gegenüber immer freundlicher und endete schließlich mit
allen Zeichen einer gewissen Hochachtung, die ich als gegenseitig
bezeichnen möchte."

Bei den Kollegen vermißte CZERNY die Zusammenarbeit, die menschliche Wärme. Natürlich fand er bei ihnen auch keine Unterstützung gegenüber dem Verein. Daß er darunter litt, zeigt ein weiteres Zitat aus seinen Erinnerungen:

"Im Vorstand des Physikalischen Vereins war keiner der 
Physik-Professoren der Universität. Aber es gab einen offiziellen
"Lehrkörper-Vertreter." Ich weiß nicht, ob dieser Vertreter
automatisch zu allen Vorstands-Sitzungen dazu kam oder nur, wenn man
ihn brauchte. Als ich kam, war es Professor LINKE, der Inhaber des
Lehrstuhls für Meteorologie. LINKE war ein geschickter,
unternehmenslustiger Mann im besten Sinne des Wortes. Er war der
einzige unter meinen Kollegen, der mir ein harmlos nettes,
warmherziges Benehmen entgegenbrachte."

Aus den Zitaten geht hervor, daß sich CZERNY in Frankfurt am Main zunächst sehr unsicher fühlte. Das ist schon in politisch sicheren Zeiten nicht leicht zu ertragen; unter den besonderen Bedingungen des Jahres 1937 wog es besonders schwer, weil CZERNY, der kein Mitglied der NSDAP war, immer bemüht sein mußte, nicht unangenehm aufzufallen. Als er dann einer wirklich "politischen" Schwierigkeit begegnete, ergab sich daraus das erste Zeichen einer Kooperationsbereitschaft der Kollegen im Hause.

Auf den neuen Institutsdirektor warteten vier Studenten (darunter ich), die um ein Dissertationsthema baten. Einer der vier war HANS GOLDSTEIN, in der damaligen Terminologie ein "Halbjude". Er hatte sein Studium bis zum Beginn der Doktorarbeit durchführen können, obwohl sein Studentenausweis aus rosa statt des normalen grauen Leinwandpapiers die "nichtarische" Abstammung auf den ersten Blick sichtbar machte. Hätte CZERNY, der neue, erst vertretungsweise ernannte Chef, einen Halbjuden als Doktoranden angenommen, wäre die endgültige Berufung, für die das Verfahren lief, in Frage gestellt worden. Daran aber war niemandem gelegen. Das Problem wurde in allseitigem Einverständnis so gelöst: ERWIN MADELUNG, der Theoretiker, nahm GOLDSTEIN als Doktoranden (mit einem experimentellen Thema) an und half CZERNY so aus der Verlegenheit. GOLDSTEIN hat seine Arbeit erfolgreich abschließen können; unmittelbar nach Kriegsende hat er die mündliche Prüfung abgelegt und wurde promoviert.

Obwohl die naturwissenschaftliche Fakultät also den Halbjuden nicht promoviert hatte, wurde sie in der Zeitschrift "Das Schwarze Korps", dem Hausblatt der SS, heftig angegriffen. Allerdings aus einem Grunde, der mit HANS GOLDSTEIN - glücklicherweise - nichts zu tun hatte, um so mehr aber mit CZERNYs Berufung! Der Artikel polemisierte mit scharfen Worten dagegen, daß eine Fakultät gewagt hatte, dem Kultusminister eine Berufungsliste mit drei Namen von Anwärtern vorzulegen, die alle drei jüdische Doktorväter hätten! CZERNYs Doktorvater RUBENS war tatsächlich Jude; ob das auch auf die Doktorväter der beiden anderen Kandidaten auf der (bekanntlich vertraulichen) Berufungsliste zutraf, weiß ich nicht.^3 Verfasser des Artikels dürfte (nach den unter uns Studenten umlaufenden Informationen, für die ich mich nicht verbürgen kann) JOHANNES STARK gewesen sein, der Nobelpreisträger und Entdecker des Stark-Effekts.

Außer CZERNYs politischen Schwierigkeiten gab es andere, die mit der apparativen Ausstattung des Instituts zu tun hatten. Er kam in ein Institut, das der Vorgänger, KARL WILHELM MEISSNER, von einer Stunde auf die andere hatte verlassen müssen. Dessen experimentelle Ausstattung war noch ganz auf MEISSNERs Arbeitsgebiet ausgerichtet, auf die Spektroskopie des sichtbaren Lichtes. Nun sollte CZERNY drei Doktoranden mit Dissertationsthemen versorgen, selbstverständlich aus seinem eigenen Arbeitsgebiet, der Ultrarotspektroskopie. An speziellem Infrarotgerät^4 stand im Institut buchstäblich nichts zur Verfügung. CZERNY konnte daher nur auf das zurückgreifen, was er aus Berlin mitgebracht hatte, teils als Privateigentum, teils als Leihgabe der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Schon als Doktorand hatte CZERNY Geräte aus eigener Tasche gekauft, die das Berliner Institut nicht oder nicht rasch genug beschaffen konnte; das wohlhabende Elternhaus machte es möglich. Den Wert der mitgebrachten Geräte bezifferte der Jahresbericht 1937/38 des Physikalischen Vereins auf 15-20 000 Reichsmark, eine für die damalige Zeit recht bedeutende Summe.

Noch größere Schwierigkeiten als die drei neuen Doktoranden verursachten die zehn Schüler MEISSNERs, die von heute auf morgen ihren Doktorvater verloren hatten und nun unter der Anleitung des Ultrarotspektroskopikers CZERNY ihre Arbeiten aus der Spektroskopie des Sichtbaren zu Ende bringen sollten. Die zehn Arbeiten verteilten sich über alle Stadien von "kürzlich begonnen" bis "fast fertig". So viele Arbeiten aus einem fremden Gebiet in einem noch fremden Institut zum erfolgreichen Abschluß zu führen, war eine ungemein heikle und schwierige Aufgabe. Es hätte nahegelegen, die Fakultät um Unterstützung zu ersuchen, etwa die anderen Professoren oder den (damals schon habilitierten) Dr. DÄNZER mit heranzuziehen, doch es lag CZERNY nicht, jemanden um Unterstützung zu bitten.

Aus Berlin kam glücklicherweise nur ein einziger Doktorand mit CZERNY nach Frankfurt am Main. Er hieß WERNER STEIN, war seit seiner Schulzeit überzeugter Sozialist und suchte in Frankfurt Deckung vor den in Berlin allzu aktiven Organen der Partei, die nach Sozialisten und anderen "artfremden" Elementen an der Universität suchten. Dieser WERNER STEIN hat kurz nach dem Kriege, als es für Physiker wenig Möglichkeiten zu beruflicher Betätigung gab, einen Bestseller verfaßt (der mit Physik nichts zu tun hat): den "Kulturfahrplan", eine synchronoptische Weltgeschichte, die bis heute in einer Auflage von 625 000 Exemplaren erschienen ist. In Berlin war er viele Jahre lang Kultursenator. Zu seinem Kompetenzbereich gehörten zur Zeit der Studentenunruhen um 1970 die Berliner Universitäten.

Die Dissertation, die STEIN in Berlin begonnen hatte, betraf die optischen Eigenschaften des Quarzes zwischen 8 und 20 mum, also im mittleren Ultrarot. Hält man daneben CZERNYs weitere Arbeiten am Frankfurter Institut, die bis zum Kriegsausbruch von ihm angeregt wurden, so findet man eine bemerkenswerte Vielfalt von Themen: langwellige Strahlung des Quecksilberdampfes, Reststrahlbanden des Kaliumbromids, Durchlässigkeit von Metallschwarzschichten, reflexvermindernde Oberflächenschichten für langwelliges Ultrarot und die Evaporographie zur photographischen Aufzeichnung von Ultrarotstrahlen. Die weite Streuung der Themen beweist die große Breite der CZERNYschen Interessen. Alle aufgezählten Arbeiten sind trotz der widrigen Zeitumstände, wenn auch z. T. mit Verzögerungen, im Laufe des Krieges zu Ende geführt worden und haben zu Promotionen geführt.

Neben diesen Belastungen fand CZERNY noch Zeit, einen Artikel für die "Ergebnisse der exakten Naturwissenschaften" zu schreiben. Dabei konnte er sich dadurch etwas entlasten, daß er einen Assistenten zur Mitarbeit heranzog. Das Ergebnis ist der Artikel "Fortschritte auf dem Gebiete der Ultrarottechnik". Ein Vorfall soll noch erwähnt werden, der nichts mit Physik, sondern etwas mit Politik zu tun hat. Dabei handelt es sich um die Ereignisse im November 1938, die man gemeinhin die "Reichskristallnacht" nennt, und die sich auch auf das Frankfurter Physikalische Institut auswirkten. Die Reaktion CZERNYs ist so typisch, so kennzeichnend für seine leise, unauffällige Art, Probleme zu entschärfen, daß ich sie hier erwähnen möchte.

Von den Bürgern, die zur Gründung der Universität Frankfurt am Main beigetragen haben, waren viele jüdischen Glaubens. Dasselbe gilt für die Mitglieder des Physikalischen Vereins, der ein wichtiger Vorläufer der Universität war. Die Spender, die die größten Beiträge geleistet hatten, wurden als "Ewige Mitglieder" auf den Marmortafeln verzeichnet, die noch heute rechts und links von der Eingangstreppe des Altbaus (Robert-Mayer-Straße 2-4) zu sehen sind.

Kurz nach der "Reichskristallnacht" schrieb der Verein seinen jüdischen Mitgliedern, "unter den zwingenden obwaltenden Umständen" müsse man sie ersuchen, ihren Austritt aus dem Verein zu erklären. Diese gewundene Formulierung verrät deutlich das schlechte Gewissen dessen, der den Brief verfassen mußte. Die Nazis im Hause jedoch waren empört, weil die jüdischen Mitglieder nur zum Austritt aufgefordert und nicht mit Schimpf und Schande ausgestoßen worden waren. Einige Fanatiker drohten sogar, die jüdischen Namen auf den Ehrentafeln mit der Spitzhacke zu attackieren. Um das zu verhindern, ließ CZERNY um 6 Uhr morgens die Tafeln von dem im Hause wohnenden Mechanikermeister OPFER mit einer Tapete überkleben. Unter diesem Schutz haben sie den Krieg überlebt. Die Tapete war also dauerhafter als das Tausendjährige Reich! - Diese Aktion sollte für CZERNY noch Konsequenzen haben.

Ein Dreivierteljahr nach diesen Vorgängen brach der II. Weltkrieg aus, der sich anfangs für CZERNY als "drole de guerre" erwies: seine Situation im Institut wurde dadurch erleichtert, daß sich die Arbeitsüberlastung verringerte. der Zustrom von Studenten mit Wünschen nach Doktorthemen hörte auf, weil sie zum Kriegsdienst eingezogen wurden; die begonnenen Arbeiten, vor allem die zehn auslaufenden von Meißner-Doktoranden, konnten zu Ende geführt werden, weil zu Anfang des Krieges noch Beurlaubungen zum Studienabschluß möglich waren. Außerdem hatte CZERNY das Glück, daß sein wissenschaftliches Spezialgebiet für Kriegszwecke kaum interessant war, so daß das Heereswaffenamt ihn nicht zu Aufträgen heranzog. Es gab nur wenige Ergebnisse der Ultrarotforschung, die als kriegswichtig einzustufen waren. Dazu zählt die Ortung von Flugzeugen im Strahl von Ultrarotscheinwerfern bei Nachtangriffen. Eine von CZERNYs Arbeiten aus dem Jahre 1941 über reflexvermindernde Schichten konnte für das Waffenamt interessant werden, nämlich um deutsche Flugzeuge für die gegnerische Flugzeugabwehr unsichtbar zu machen. Als aber von 1942 ab die Angriffe auf deutsche Städte intensiviert wurden, war die Frage wichtiger, warum die feindlichen Flieger die Ultrarotstrahlung erkennen konnten, obwohl doch die Wellenlänge von etwa 1 mum, die von den Flakscheinwerfern verwendet wurde, unsichtbar sein sollte. CZERNYs Untersuchungen ergaben, daß das menschliche Auge für sehr kurzwellige ultrarote Strahlung durchaus empfindlich ist, wenn die Intensität nur hoch genug ist.

Die Arbeit im Institut wurde, je länger der Krieg andauerte, mehr und mehr durch den Luftkrieg beeinträchtigt. Es traten nicht nur die ersten Bombenschäden am Gebäude auf, es waren auch Vorsorgemaßnahmen zu treffen, um Geräte, die für den täglichen Betrieb nicht unbedingt gebraucht wurden, in Sicherheit zu bringen. Als Zufluchtsort dienten für längere Aufbewahrung einige Räume in der universitätseigenen "Villa Hardtberg" in Königstein, für kürzere Unterbringung ein Raum im Keller des eigenen Gebäudes, den das Institut für Angewandte Physik zur Verfügung stellte. Der Raum war bei Kriegsende so hoch mit Schutt bedeckt, daß Plünderer nicht bis dorthin vorgedrungen sind. Die untergebrachten Geräte bildeten einen Teil des Grundstocks, mit dem 1946 ein bescheidener Institutsbetrieb wieder aufgenommen werden konnte.

Im März 1944 hatte Frankfurt am Main den schwersten Luftangriff des ganzen Krieges zu ertragen, bei dem u. a. die Altstadt völlig zerstört wurde. Auch im Institut waren schwere Schäden durch Feuer Zu beklagen; vor allem aber brannte CZERNYS Privatwohnung völlig aus. Selbst für den, der die Kriegsjahre noch bewußt miterlebt hat, ist es schwer, sich die Schrecken dieser Zeit zu vergegenwärtigen. Ich verzichte daher auf eine Schilderung und gebe stattdessen den Text einer Postkarte im Auszug wieder, die CZERNY an seine Frau geschrieben hat. Sie war mit den Kindern, dem Sohn PETER und den Zwillingstöchtern MARIANNE und OCTAVIA, nach Lermoos in Tirol geflüchtet, wo ein ihren Eltern gehörendes Haus die Familie aufnahm. Die Karte beginnt mit dem Satz: "Da sind wir also glücklich auf dem Einheitsniveau des Ausgebrannten angelangt." Dann folgen zwölf Namen von Bekannten, von denen neun Totalschaden, zwei leichtere Schäden und nur ein einziger keinen Schaden zu beklagen hat. Prof. LINKE, den CZERNY in der Frankfurter Anfangszeit als besonders freundlichen Kollegen kennengelernt hatte, starb bei den Aufräumungsarbeiten am Herzschlag. Dann folgt der Bericht über den eigenen Sachschaden: "Gerettet die ganze Kücheneinrichtung, die Vorratsstube und der kalte Keller. Die übrigen Zimmer und der warme Keller sind restlos ausgebrannt. Gerettet haben wir die Betteninhalte, viele Schubladen mit Wäsche und Kleidern, Deinen Nähtisch, meinen Schreibtischstuhl und einige Teppiche und das Cello. Das Institut ist zu 40 0/0 ausgebrannt, Apparateschaden ca. 100 0/0." Von der Hand der Hausangestellten, die bei CZERNY in Frankfurt am Main ausgeharrt hatte, ist die Nachschrift hinzugefügt: "Seien Sie froh, daß Sie es nicht mitgemacht haben. Von den Zwillingen habe ich die Puppenwagen gerettet."

Ein Mechaniker des Instituts, Herr SCHROD, der in Neu-Isenburg wohnte und durch Rundfunkdurchsagen und den Feuerschein am Himmel wußte, daß der Stadt Frankfurt am Main ein Großangriff gegolten hatte, fuhr noch in der Nacht mit dem Fahrrad nach Frankfurt, sobald die Sirenen "Entwarnung" signalisiert hatten. In der Wohnung seines Chefs angekommen, half er bis in den frühen Morgen hinein zu retten, was von der Einrichtung noch zu retten war. Um 8 Uhr sagte CZERNY zu ihm: "Herr Schrod, ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, aber jetzt beginnt Ihr Dienst, jetzt gehen Sie ins Institut und helfen dort löschen!"

Als mir SCHROD Jahre später diese Geschichte erzählte, war er noch immer fassungslos ob solcher Mahnung an die dienstliche Pünktlichkeit. Mir scheint die Anekdote charakteristisch für CZERNYs "preußische" Korrektheit.

Im Wintersemester 1944/45 konnte von einem Unterrichtsbetrieb kaum noch, von einem Forschungsbetrieb gar nicht mehr die Rede sein; es ging nur noch um das nackte überleben. Die Familie CZERNY blieb getrennt: er selbst bei einer Familie KAEMPFERT (Freunde, mit denen er musizierte), immer häufiger aber in der Ausweichstelle des Institut in Königstein, Frau CZERNY mit den Kindern in Lermoos. Dort fand übrigens auch CZERNYs Mutter im Januar 1945 Zuflucht. Sie hatte sich bei eisiger Kälte mit einem Pferdefuhrwerk vom schlesischen Gut ihrer Familie quer durch die Tschechoslowakei (damals "Protektorat Böhmen und Mähren" genannt) im Treck bis nach Tirol durchgeschlagen, eine beachtliche Leistung für eine alte Dame von 72 Jahren! Sie besaß eine eiserne Gesundheit und hat die Flucht aus Schlesien um 20 Jahre überlebt; 1963 hat sie noch in Berlin an einer Gedenkfeier zum 100. Geburtstag ihres Mannes teilnehmen können.

Das Ende des Krieges kam für Frankfurt am Main und Umgebung Ende März 1945, etwa sechs Wochen vor dem "unconditional surrender" der gesamten Wehrmacht. CZERNY hielt aus tief eingewurzeltem Pflichtbewußtsein im Institut aus. Als die ersten Amerikaner in den Süden Frankfurts eindrangen, befand er sich in Königstein, in der Villa Hardtberg. Dort wurde er, wie er in seinem Tagebuch vermerkt, am Donnerstag, dem 29. März 1945, um 17 Uhr von den Amerikanern "erobert", nachdem sie ein großes Loch in den Maschendraht des Gartenzauns geschnitten hatten, obwohl wenige Meter daneben das Tor offenstand.

Beim Einmarsch der amerikanischen Truppen brach zunächst einmal jede öffentliche Ordnung zusammen. Die staatlichen Vorratsläger wurden von der Bevölkerung geplündert, ohne daß die Besatzungsmacht eingriff. Sogar CZERNY "bediente" sich! Seine bis dahin absolute Korrektheit kapitulierte vor seiner absoluten Besitzlosigkeit. Das Tagebuch vermeldet, daß er sich eine gefütterte warme Weste und etwas Unterwäsche aus einem Bekleidungslager des Reichsarbeitsdienstes sowie zwei Bettgestelle nebst Matratzen aus einer Flakstellung "besorgte".

Sogar gegen die Weisungen der Besatzungsmacht verstieß er: entgegen der Anordnung, daß jeder Wechsel des Aufenthaltsortes verboten sei, ging er nach einigen Tagen nach Frankfurt zurück 20 km zu Fuß, denn Verkehrsmittel gab es natürlich nicht. Er fand das Haus der Familie KAEMPFERT, die ihm Quartier gegeben hatte, von den Amerikanern besetzt. Es gelang ihm, aus dem Hause sein geliebtes Cello zu bergen, besser gesagt das, was die Hausbesetzer davon übriggelassen hatten. Die Tagebuchnotiz darüber läßt bei aller Sachlichkeit die Bestürzung so deutlich durchklingen, daß ich sie im Wortlaut wiedergeben möchte.

"Mein Cello hatte ich durch den Wohnungsbrand hindurch retten können.
Jetzt hatten die Soldaten aber den Kasten des Instruments gewaltsam
geöffnet, obgleich der Schlüssel im Schloß steckte. Der Bogen war und
blieb fort. Das Griffbrett hatte man mit Gewalt vom Instrument-Körper
abgerissen, doch fand ich es im Rinnstein vor dem Hause. Sonst war
das Instrument aber glücklicherweise erhalten geblieben."

Kurze Zeit später haben die Amerikaner den ganzen Bereich zwischen Dornbusch und Palmengarten, der unter dem Luftkrieg am wenigsten gelitten hatte und in dem sich auch das KAEMPFERTsche Haus befand, mit einem hohen Maschendrahtzaun umgeben und als "American compound" beschlagnahmt. CZERNY bezog ein Notquartier im Institut, denn er war nun obdachlos.

p157 Eingang des Physikalischen Instituts, 1945

Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in diesen Tagen allgemeiner Not war unvorstellbar groß. Für CZERNY kam schnelle Hilfe von dem Mechanikermeister OPFER, dessen Frau ihn schon vorher betreut hatte. Im Direktorzimmer des Physikalischen Instituts gab es zwar keine Türen, keine Fensterscheiben und zum Teil auch an den Wänden keinen Verputz mehr, aber die Wände selbst waren heil, und so konnte das Zimmer zu einem Behelfsheim umfunktioniert werden. Allerdings war es für diesen Zweck zu groß. Deshalb wurde in das Zimmer hinein eine Art Holzhütte gebaut, mit einer Grundfläche von etwa 6 qm, zwei Meter hoch. Dies war also 1945, unmittelbar nach Kriegsende, das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Institutsdirektors! Möbliert war es mit einem Feldbett, einem kleinen Tisch und einem Stuhl. Sobald die Gasversorgung wieder hergestellt war, konnte dieses Gemach sogar beheizt werden: mit einem Bunsenbrenner. bei sehr großer Kälte gestattete sich der bescheidene CZERNY sogar einen zweiten!

Nachdem ich im Oktober 1946 in das Institut zurückgekehrt war, haben Herr CZERNY und ich, nebeneinander auf dem Feldbett sitzend, in diesem Holzverschlag ("Hundehütte" genannt) das Manuskript für die erste Auflage unseres Praktikumsbuches verfaßt. Ihre Folgeauflagen, später in einer Neubearbeitung von LÜTHI und WAECHTER, sind bis in die achtziger Jahre hinein im Praktikum benutzt worden.

Der letzte Absatz eilt den Ereignissen weit voraus. Im chronologischen Ablauf befinden wir uns erst am Beginn der Nachkriegszeit, im Frühjahr 1945. Wie das Institut damals, zur "Stunde Null" aussah, macht das Photo deutlich:

Von diesem "Nullzustand" ausgehend, mußten CZERNY und die wenigen Mitarbeiter, die sich allmählich einfanden, mit dem Wiederaufbau beginnen. Die Ausgangssituation war trostlos: Fenster ohne Glas, Türrahmen ohne Türen, Wände ohne Verputz, nackter Beton als Fußboden, undichte Wasserleitungen, verstopfte Abflüsse, der Große Hörsaal ohne Dach, so daß es ungehindert bis in die Höhe des ersten Stockwerks durchregnete. Alle diese widrigen Umstände verschleppten den Wiederaufbau während des ganzen restlichen Jahres 1945. Das änderte sich erst ganz allmählich im Winter 1945/46. Jetzt begannen auch die Behörden - das waren die Militärregierung und die von ihr eingesetzten und strikt überwachten deutschen Behörden - auf die Entwicklung Einfluß zu nehmen. Bei den deutschen Behörden, die nichts als den Mangel verwalteten, mußte man Berechtigungsscheine beantragen, antichambrieren, überzeugen und immer wieder warten, denn es gab von allem zu wenig. Die Militärregierung kümmerte sich vor allem um die Entnazifizierung. Schon lange ehe durch das "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus" vom 5.3.1946 ein formal geordnetes Verfahren vor deutschen "Spruchkammern" eingeführt worden war, hatte die Militärregierung damit begonnen, alle Personen mit qualifizierten Berufen auf ihre politische Vergangenheit zu untersuchen. Diese Personen hatten den berühmt-berüchtigten Fragebogen mit seinen 131 Fragen auszufüllen. Wer darin falsche Angaben über seine Mitgliedschaften machte, wurde vom Militärgericht zu sechs Monaten Gefängnis ohne Bewährungsfrist verurteilt. Auch wer nicht durch eine Mitgliedschaft belastet war, mußte sich diesem Verfahren unterziehen, denn nur ein "Entnazifizierter" konnte im Dienst bleiben oder eingestellt werden, es sei denn als einfacher Arbeiter. Natürlich bemühte sich jeder um eine für ihn günstige Selbstdarstellung; der dafür nötige Zeitaufwand ging für andere, wichtigere Aufgaben verloren. Wichtig im damaligen Sinne war das "Organisieren" von Geräten, von Material, von Werkzeug, von so trivialen Dingen wie Glühbirnen oder Schreibpapier. denn zu kaufen gab es das alles nicht.

Die Entnazifizierung, dieser gigantische Versuch, ein ganzes Volk in Nazis und Nicht-Nazis, in Böse und Gute einzuteilen, hatte für das Institut zunächst einmal den Effekt, daß die ohnehin kleine Zahl der Mitarbeiter noch um diejenigen vermindert wurde, die einer Parteigliederung angehört hatten. Obwohl CZERNY weder Mitglied der NSDAP noch einer ihrer Gliederungen gewesen war, er also von der Entnazifizierung nichts zu befürchten hatte, wurde er mit Schreiben vom 5. März 1946 fristlos aus dem Dienst der Universität entlassen. über die Gründe kann man nur spekulieren; offenbar hat dabei die früher erwähnte Aktion zur Rettung der jüdischen Namen auf den Marmortafeln im Treppenhaus des Physikalischen Vereins eine Rolle gespielt. CZERNY ließ sie überkleben, um sie vor einer Zerstörung durch Nazi-Fanatiker zu bewahren. Die Militärbehörden aber, jeder wirklichen Kenntnis der Verhältnisse im Dritten Reich bar, meinten aus dem Überkleben der Namen eine antijüdische Gesinnung ableiten zu können. Bei den Fakultätsakten befindet sich ein Schreiben von Professor MÖNCH aus Halle a. d. Saale, der CZERNY zu helfen versuchte, indem er seine damalige Aktion rechtfertigte. Professor MÖNCH dürfte auch veranlaßt haben, daß von der Universität Halle-Wittenberg an CZERNY ein Ruf auf einen Lehrstuhl erging. Der Zufall wollte es, daß das Berufungsschreiben und die fristlose Entlassung den Empfänger am gleichen Tage erreichten. Es hätte also nicht viel gefehlt, und CZERNY wäre in die sowjetische Besatzungszone übergesiedelt. Die Entscheidung wurde ihm dadurch abgenommen, daß die Militärregierung seine Dienstentlassung am 13. Mai 1946 zurücknahm. Das Großhessische Staatsministerium (das heutige Hessen hieß zunächst Groß-Hessen!) teilte ihm daraufhin am 20. Mai mit deutscher Gründlichkeit mit, daß die Zeit der Nichtbeschäftigung beamtenrechtlich als unbezahlter Urlaub gelte!

Während der schlimmen Zeit, in der CZERNY aus dem Dienst entlassen war, kehrte seine Frau mit den Kindern aus Tirol zurück. Wie alle "Reichsdeutschen", die sich während des "Anschlusses" vor dem Bombenkrieg nach Österreich geflüchtet hatten, wurde sie von den dortigen Behörden kurzerhand ausgewiesen. Innerhalb von vier Tagen nach der Ausweisungsverfügung mußte sie mit den Kindern das Land verlassen haben. Die Reise nach Frankfurt am Main, in einem Viehwagen, dauerte sechs Tage und fünf Nächte.

Im Frühjahr 1946 war es so gut wie unmöglich, in Frankfurt eine Wohnung für eine fünfköpfige Familie zu finden. Da geschah eines der Wunder an Hilfsbereitschaft, die damals alltäglich waren. Ein Kollege, der Historiker GELZER, der als Schweizer Staatsbürger keine Zwangseinquartierung zu befürchten hatte, stellte CZERNY das vom Bombenkrieg schwer mitgenommene Dachgeschoß seiner Westendvilla zur Verfügung. In den Dachgeschoßfenstern befand sich zwar kein Glas mehr, aber immerhin waren einige von ihnen mit Drahtglas^5 verschlossen. Auch gab es in der ganzen Wohnung nur noch eine einzige Tür sie diente aus Gründen der Schicklichkeit dem Verschluß der (funktionierenden!) Toilette -, aber in den Trümmern der Häuser fanden sich Bretter, mit denen man Fenster vernageln und aus denen man Behelfstüren zimmern konnte. Mit dem Einbau einer vom Vater und dem 11jährigen Sohn PETER gebastelten Küchentür begann aus dem Behelf ein Heim zu werden.

Wenn CZERNYs fristlose Entlassung nach seiner eigenen Einschätzung der absolute Tiefpunkt in seinem Leben war, so markiert die Heimkehr der Familie zu Ostern 1946 den Wendepunkt. Die Lage war zwar alles andere als rosig, die Wohnung zerbombt, der größte Teil der Einrichtung verbrannt, das Geld auf der Bank nichts mehr Wert, der Familienvater aus dem Dienst entlassen, aber die fünf waren trotzdem glücklich. Sie hatten alle Gefahren und Nöte gesund überlebt, und sie waren beisammen. Als dann sechs Wochen später auch noch CZERNYs Entlassung widerrufen wurde, war das Glück perfekt.

Nachdem CZERNY glücklicher Besitzer einer Behelfswohnung geworden war, diente der sechs Quadratmeter große Bretterverschlag im Institut, genannt die "Hundehütte", nicht mehr als Wohn- und Schlafzimmer, sondern nur noch als "Direktorzimmer". Hier wurde gearbeitet, beraten und empfangen; von hier aus wurde der Wiederaufbau des Physikalischen Instituts betrieben und unter den ungünstigen räumlichen, personellen und politischen Bedingungen jener Zeit weitergeführt, so gut es eben ging. In der "Hundehütte" habe ich mich am 1. Oktober 1946 nach Krieg, Gefangenschaft und Internierung zurückgemeldet. Als CZERNYs Schüler war ich 1942 promoviert worden; jetzt stellte er mich unter Vorbehalt als "einfachen Arbeiter" ein, denn ich war noch nicht entnazifiziert!

Daß unter derartigen Bedingungen an eine wissenschaftliche Arbeit nicht zu denken war, versteht sich von selbst. Zum Glück gab es nur wenige fortgeschrittene Studenten, die nach Diplom- oder Doktorthemen fragten. Die erste nach dem Kriege begonnene Diplomarbeit wurde nicht vor 1947 fertig. Sie wurde von Prof. DÄNZER betreut und betraf die Erzeugung von Zentimeterwellen mit einem Funksender. Die Methode war auch damals schon veraltet; natürlich erzeugte man Höchstfrequenzen schon mit besonderen Elektronenröhren (der Transister wurde gerade erst erfunden und war noch viele Jahre nicht für Frequenzen über etwa 100 kHz brauchbar). Da aber der Besitz von Höchstfrequenzröhren durch Kontrollratsgesetz verboten war (wie alle Elektronik, die kriegswichtig hätte sein können), mußten die Zentimeterwellen eben durch einen Funksender erzeugt werden. Nutzlos waren die "Forschungen" von 1947 dennoch nicht: der alte Funkensender dient bis heute in der Vorlesung als Demonstrationsobjekt für Zentimeterwellen!

Anders als die Forschung, die bis zur Währungsreform von 1948 brachlag, mußte der Anfängerunterricht so bald wie möglich wieder aufgenommen werden, denn die Überlebenden der Kriegsjahrgänge drängten jetzt an die Hochschulen. Sie waren lernbegierig, bildungshungrig, leistungsbereit und aktiv. sie konnten und wollten nicht mehr warten. So wurde nach Kräften improvisiert. Länger als ein Semester hat im CZERNYschen Institut niemand auf einen Arbeitsplatz warten müssen.

Anfang 1947 hatte sich die politische Lage schon wesentlich gebessert. Die Besatzungsbehörden kümmerten sich nur noch wenig um die Entnazifizierung, und die deutschen Spruchkammern machten sich unlustig daran, anhand der Fragebögen von jedem Bürger festzustellen, ob er "vom Gesetz betroffen" sei oder nicht, welcher der fünf Kategorien vom "Hauptschuldigen" bis zum "Entlasteten" er zuzuordnen sei, oder ob er unter die "Jugendamnestie" falle. CZERNY bekam nach mündlicher Sprachkammerverhandlung bestätigt, daß er "nicht betroffen" sei.

Im August 1947 holten die Amerikaner CZERNY in die Staaten, nach Kalifornien, wo er mit anderen deutschen Naturwissenschaftlern in einem "guided missile center" der Marine arbeitete. Sie lebten in einem "camp" in herrlicher Umgebung, wurden bezahlt, hatten anders als in Deutschland gut und reichlich zu essen und wurden in ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht bedrängt. Dabei achtete CZERNY sorgfältig darauf, daß er nicht zum Geheimnisträger wurde, denn er wollte wieder zurück nach Frankfurt. Für sein Gehalt kaufte er Lebensmittel, die er nach Deutschland schickte (z. B. einen Zentner Zucker zur Verteilung an alle Institutsangehörigen). CZERNYs Aufenthalt in den USA dauerte ein halbes Jahr. Im Februar 1948 kehrte er nach Frankfurt am Main zurück, zur Zeit der größten Lebensmittelverknappung seit Ende des Krieges.

Die Beschreibung der Zeitumstände zwischen Kriegsende und Währungsreform wäre unvollständig, wenn man eine der Plagen nicht erwähnen würde, die schon immer mit dem Krieg verschwistert waren: dem Hunger. Er war wie das Wetter: täglich da, immer anders, und allgegenwärtig - jedenfalls für die, die nichts zum Tauschen hatten (wie Teppiche, Schmuck, Pelze, Uhren oder Zigaretten), also für die meisten! Der Tauschhandel war illegal, aber ohne ihn hätte niemand überleben können. Es ging der bittere Spruch um: "Alle Deutschen müßten von Rechts wegen entweder im Gefängnis sitzen oder auf dem Friedhof liegen." Denn wer schwarzhandelte, wurde eingesperrt, und wer nicht schwarzhandelte, verhungerte! Diese Art Galgenhumor galt im Februar 1948, in dem es mancherorts z. B. als Zuteilung 30 g Fett für den ganzen Monat gab, als nur ironische Übertreibung. CZERNY, der alle Tauschgeschäfte strikt ablehnte, hatte das Glück, daß ihn seine amerikanischen Freunde in den Hungermonaten bis zur Währungsreform mit einigen "Care" Paketen unterstützten.

Wie bei den Lebensmitteln hatte sich im Frühjahr 1948 auch bei den Verbrauchsgütern die Versorgungslage dramatisch verschlechtert. Immer größere Teile der Produktion wanderten auf den Schwarzen Markt oder, wenn es sich um langlebige Güter handelte, in versteckte Lager. Dort wurden sie gehortet für den "Tag X", den Tag der Währungsreform, der, von den einen erhofft, von den anderen gefürchtet, dem Geld seine Kaufkraft zurückgeben sollte.

2. Nach der Währungsreform (1948-1961)

Die Währungsreform in den drei westlichen Besatzungszonen, von einem genialen jungen Banker aus den USA erdacht, war notwendig, um die aus den Fugen geratene Relation von verfügbarem Geld zu verfügbarer Ware in Ordnung zu bringen und die zurückgestaute Inflation zu beenden. Am 20. Juni 1948 wurde das alte Geld, die Reichsmark, mit einem Schlag außer Kraft gesetzt und neues, knapp bemessenes Geld zugeteilt. An diesem für das zukünftige Wirtschaftswunder entscheidenden Sonntag machte das Wirtschaftsleben gewissermaßen Pause; nur die das neue Geld ausgebenden Stellen waren aktiv. Dort erhielt jeder Registrierte 40 Mark der neuen Währung, Deutsche Mark genannt, in nagelneuen Banknoten, die weder den Namen einer ausgebenden Bank noch das Faksimile einer Unterschrift trugen, für die also niemand verantwortlich zeichnete. Dieses "Kopfgeld" erhielt jeder Registrierte, ob Mann oder Frau, Familienvater oder Kind, Greis oder neugeborenes Baby. - An diesem einen Sonntag waren also in den drei Westzonen einmal alle Menschen gleich, sofern man den Besitz von Geld als Maßstab der "Egalite" gelten läßt!

Die Bevölkerung war in der Beurteilung der Reform gespalten: Diejenigen, die vom Schwarzhandel gelebt hatten, verloren von heute auf morgen ihre Existenzgrundlage und sagten den Zusammenbruch des Wirtschaftslebens voraus; diejenigen aber, die für das "schlechte" Geld hatten arbeiten müssen - wie etwa alle Gehaltsempfänger hofften darauf, daß das Geld in Zukunft wieder etwas wert sein werde und der Wiederaufbau sich so beschleunigen könnte. Für CZERNY bedeutete die Währungsreform, daß er zum erstenmal in seinem Leben erfuhr, was es heißt, kein Geld zu haben!

Geldmangel kennzeichnete auch die Lage für das Institut mit seinen Aufbausorgen: Hatten bis dahin (fast) unbegrenzte Reichsmarkbeträge zur Verfügung gestanden, für die man nichts bekam, so war jetzt (fast) alles zu haben, aber es fehlte das neue Geld, die begehrte D-Mark. Zwar hatten die öffentlichen Kassen bei der Währungsreform als Erstausstattung eine Monatseinnahme in D-Mark erhalten, doch danach mußten sie auf den Eingang von Steuern und Abgaben warten. Die Johann Wolfgang Goethe-Universität, die damals noch von Land und Stadt je zur Hälfte finanziert wurde, stand nun mit zwei leeren Händen da: das Land Groß-Hessen verließ sich darauf, daß die Stadt Frankfurt am Main schon das Nötigste tun werde, und umgekehrt. Am 1. Juli erhielt jeder Gehaltsempfänger, gleich ob Professor oder Hausmeister, als Abschlag 100 Deutsche Mark. Erst zwei Monate später, vom 1. September an, konnten die Gehälter wieder regelmäßig gezahlt werden.

Mit dem neuen Geld ging es in der Wirtschaft stetig aufwärts, und auch die politischen, nicht wirtschaftlich bestimmten äußeren Bedingungen besserten sich. Mehr und mehr fiel die Einschränkung und Kontrolle der Forschungsarbeit weg: der aberwitzige Plan des Roosevelt-Freundes MORGENTHAU, Deutschland in ein Agrarland zu verwandeln, also die technische Intelligenz zu liquidieren, geriet bald in Vergessenheit. Die Beschränkungen der Forschungstätigkeit, die der Alliierte Kontrollrat in Ausführungen des Morgenthau-Planes verfügt hatte, überlebten zwar die Militärregierung um Jahre - das Verbot kernphysikalischer Forschung fiel erst 1955 -, aber gestört haben die Einschränkungen schon bald nicht mehr: sie wurden ignoriert, und niemand hat versucht, sie durchzusetzen.

Die Normalisierung der Forschungs- und Lehrtätigkeit machte also raschere Fortschritte, als wir erwartet hatten. "Normalisierung" soll hier heißen, daß die Wirtschaft wieder alles Notwendige zur Verfügung stellte, so daß Zeit und Energie, die früher für das Beschaffen, das Improvisieren, das "Aus-alt-mach-neu-Gehabe" aufgewendet werden mußten, für den Wiederaufbau frei wurden. Die Fortschritte konnten trotzdem dem wachsenden Bedarf nicht gerecht werden; denn nun stellten die Studentenjahrgänge, die den Krieg überlebt und seit 1946 an den Universitäten ihre verspätete Ausbildung nachgeholt hatten, Anforderungen an die Institute. Diese älteren Jahrgänge addierten sich zu den jüngeren, die unmittelbar nach dem Abitur an die Universitäten gegangen waren. So wurde eine Überfüllung erzeugt, die sich in den experimentierenden Fächern empfindlicher bemerkbar machte als in den Geisteswissenschaften. Etwa 1949 erreichten die ersten Nachkriegsstudenten, vor allem die der älteren, besonders lernhungrigen Jahrgänge, die Examenssemester, und von 1950 an war die Nachfrage nach Diplomarbeiten so groß, daß sie nur unter äußersten Anstrengungen befriedigt werden konnte. CZERNY hat es damals abgelehnt, mehr Diplomanden aufzunehmen, als mit Geräten und Arbeitsplätzen versorgt werden konnten, ohne die Anforderungen allzu sehr abzusenken. Was fehlte, waren in erster Linie Räume, in zweiter Geräte; die personelle Kapazität war nicht der entscheidende Engpaß, da Herr HONERJÄGER (bis zu seinem Weggang nach Berlin 1954) und ich (nach meiner Habilitation 1951) helfen konnten, Bewerber mit Themen zu versorgen.

Der Wiederaufbau der Johann Wolfgang Goethe-Universität ging angesichts der hohen Kosten nirgends zügig voran; aber im Hause Robert-Mayer-Straße 2-4 vollzog er sich besonders langsam. Das hatte seinen Grund: Eigentümer des Hauses ist nicht die Universität, sondern der Physikalische Verein, und die staatlichen Stellen zogen natürlich den Aufbau eigener Gebäude demjenigen eines Hauses vor, das einem privaten Verein gehörte, selbst wenn dieses Haus von der Universität genutzt wurde. Nur so ist es begreiflich, daß die Behelfsabdeckung des Daches erst 1952, sieben Jahre nach Kriegsende, durch eine dauerhafte Konstruktion ersetzt wurde. Dadurch wurde der Große Hörsaal gar erst 1955 wieder benutzbar! Bis dahin mußte die große Physikvorlesung im Chemie-Hörsaal auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehalten werden. Viermal wöchentlich wurden alle Geräte für die Vorlesungsexperimente auf Wagen verladen und über die Straße hin- und zurücktransportiert! Auch dieser Zustand dauerte etwa sieben Jahre lang an. Erst 1959, zwei Jahre vor seiner Emeritierung, konnte CZERNY mit Freunden und Mitarbeitern des Instituts den Auszug des letzten Bauarbeiters feiern.

Unter den Verzögerungen beim Institutsaufbau hat CZERNY sehr gelitten. Er fühlte sich wohl selbst in gewissem Maße dafür verantwortlich. Seine zurückhaltende Art war so gar nicht dazu angetan, den Amtsschimmel zu rascherer Gangart zu veranlassen! Nicht etwa, daß er nicht protestiert hätte, aber er tat es eben auf seine ganz eigene Weise. Zwei Beispiele, die mir den Menschen CZERNY zu charakterisieren scheinen, mögen verständlich machen, warum seine Proteste wirkungslos blieben. Der erste Protest richtet sich an die Baubehörde (wegen der Verzögerung notwendiger Baumaßnahmen), der zweite an die akademische Verwaltung (wegen unnützer Geldausgaben):

Bis zur Dachabdeckung von 1952 regnete es bei jedem kräftigeren Regen an vielen Stellen durch. Als es nach der Währungsreform wieder Blechwannen zu kaufen gab, ließ er den gesamten Bestand der größten Frankfurter Haushaltswarenfirma an Zinkwannen (von Sitzwannengröße) aufkaufen; es waren 25 Stück. Die Rechnung für "25 Zinkwannen zum Auffangen durchtropfenden Regenwassers" schickte er an das Universitätsbauamt in der Hoffnung, der zuständige Sachbearbeiter werde, schockiert wegen der Belastung der angespannten Universitätsfinanzen, sofort die Überdachung des Hauses in Angriff nehmen. CZERNY dachte wohl, diesem Beamten lägen die Belange des Staates (oder des Steuerzahlers) ebenso sehr am Herzen wie ihm selber. Natürlich blieb die subtile Protestaktion völlig wirkungslos!

Ebenso wirkungslos blieb ein Schreiben, das CZERNY 1952 an den Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät richtete, als die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität dem Lehrkörper das Geld zur Wiederbeschaffung von Talaren stiftete, weil die Vorkriegstalare im Kriege für die Spinnstoffsammlung abgegeben worden waren. In diesem Brief schreibt CZERNY:

"Zu einem Zeitpunkt, wo es an Geld fehlt, die dringendsten
Wiederaufbauarbeiten an den Instituten durchzuführen, wo bei jeder
Etats- und Personalfrage immer nur auf die allgemeine Notlage
verwiesen wird, hätten Rektor und Senat nach meiner Ansicht kein 
Geldgeschenk für eine so äußerliche Angelegenheit wie die Talare
annehmen dürfen. - Ich sehe im ganzen Nachkriegs-Deutschland diese
Tendenz, im Äußeren üppiger aufzutreten, als es der wahren inneren
Lage entspricht. Ich halte es für meine Pflicht, nicht selbst in
diesen Fehler zu verfallen, von dem ich ernsteste Gefahren für die
Entwicklung unseres Landes fürchte."

CZERNY hat in den folgenden Jahren konsequent, wie es seinem Charakter entsprach, an keiner Veranstaltung mehr teilgenommen, zu der Talare getragen wurden. Mit den Studentenunruhen um 1968 wurde dieser Protest gegenstandslos, weil die Nachkriegs-Talare eingemottet wurden. Eine der letzten Gelegenheiten, bei denen die Universität in der traditionellen Gala auftrat, waren die Feiern zu ihrem 50jährigen Bestehen 1964.

Ein anderes Beispiel für CZERNYs Art zu reagieren, diesmal für seine "preußische" Korrektheit, war die Angelegenheit mit dem "guten Onkel" aus Amerika. Wegen der schwierigen rechtlichen Verhältnisse, die sich daraus ergaben, zitiere ich CZERNY wörtlich:

Etwa ein Jahr^6 nach dem Einmarsch der Amerikaner forderten die
Amerikaner einige Kollegen in leitenden Stellungen und auch mich auf,
zu ihnen in das Verhältnis "Technical consultant" zu treten gegen
Bezahlung eines festen monatlichen Geldbetrages. Ich hörte, daß die
Sache bei anderen Kollegen ohne Schwierigkeiten funktionierte. Mir
persönlich aber war es doch gar zu bedenklich, vom "Feinde" Geld
anzunehmen. Ich fand folgenden Ausweg: Ich ließ mir bei der
"Deutschen Treuhandgesellschaft" in Frankfurt, zu der ich nähere
Beziehungen hatte, ein Konto eröffnen. Auf dieses Konto zahlten die
Amerikaner mein "Gehalt" ein. Ich meinerseits legte Rechnungen, die
für das Institut bestimmt waren, der Treuhandgesellschaft vor. Sie
bezahlte sie und kontrollierte, daß das Geld nicht für mich
persönlich verwendet wurde. Dafür gewährte mir das Finanzministerium 
Steuerfreiheit für diese Gelder. Für mich als Institutschef war es
eine große Erleichterung. Ich bekam monatlich etwa die Hälfte meines
sonstigen Gehaltes hinzu. Es lief ein bis zwei Jahre. Im Institut
hieß das Konto "der gute Onkel".

Bemerkenswert am "guten Onkel" ist die Großzügigkeit der Amerikaner. sie zahlten deutschen Professoren eine Art Gehalt ohne Vorbehalt, was die Verwendung betraf, und ohne Gegenleistung. Für das Institut war diese finanzielle Hilfe ein ganz großer Glücksfall. Sie besserte den viel zu knappen Institutsetat auf, aus dem nicht nur der gesamte Unterrichtsbetrieb bestritten werden mußte, sondern auch alle laufenden Kosten (Betriebsmittel, Wartung, Reparaturen) von Geräten, die für Forschungszwecke aus Drittmitteln angeschafft werden konnten.

Die wichtigste Quelle für Drittmittel war die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie finanzierte Anschaffungen, aber keine Folgekosten. 1949 hieß sie noch "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft", und sie konnte nur die äußerste Not abwenden. Wer die heutigen Aktivitäten mit Sonderforschungsbereichen und Schwerpunktgebieten kennt, kann sich die bescheidenen Verhältnisse Anfang der fünfziger Jahre nur schwer vorstellen. Die DFG hatte für das Jahr 1952 ganze zehn Millionen Mark zur Verfügung. 1956 waren es schon 35 Millionen (d. i. eine Steigerung um 250 0/0 in vier Jahren), heute sind es über 600 Millionen!

Neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft tritt auch die Industrie als Geber von Drittmitteln auf. Es hätte CZERNYs Charakter widersprochen, sich um Kontrakte mit Industriefirmen zu bemühen, um Geld für Forschungsvorhaben zu erhalten; als aber ein Vorschlag zur Zusammenarbeit an ihn herangetragen wurde, hat er ihn nicht abgelehnt. So sind unter CZERNYs Leitung, von der Deutschen Glastechnischen Gesellschaft gefördert, einige Arbeiten über die Wärmeausbreitung in Glasschmelzen entstanden. Dafür wurden Geräte aus Mitteln der Gesellschaft beschafft; sie gingen nach Ende der Arbeiten in das Eigentum des Instituts und damit des Landes Hessen über.

Außer aus Drittmitteln konnte das Institut auch einige Geräte über das Universitäts-Bauamt beschaffen lassen, ohne daß der Institutsetat damit belastet wurde. Diese Möglichkeit ergab sich aus der Vorschrift, daß bei Universitätsneubauten ein bestimmter Prozentsatz der Bausumme zur Beschaffung von Geräten verwendet werden kann, die in dem Neubau betrieben werden sollen. Mit dem fortschreitenden Wiederaufbau des Instituts wurden daher solche Mittel für wissenschaftliche Geräte frei.

Alle Möglichkeiten, Geräte für die Forschung aus anderen Mitteln aus dem laufenden Etat zu finanzieren, haben einen schwerwiegenden Nachteil, der sich erst später und dann zu Lasten des laufenden Etats bemerkbar macht. Es sind die schon erwähnten Folgekosten, wie Wartung, Betriebsmittel, Reparaturen u. dgl., deren Höhe kaum vorherzusagen ist. CZERNYs laufender Etat aber betrug in den fünfziger Jahren weniger als DM 40 000.- (in seinem letzten Amtsjahr waren es DM 39 000.-). Diese Zahl verdeutlicht, wie wichtig für das Institut die unbürokratische finanzielle Hilfe der Amerikaner (der "gute Onkel") in der Zeit der größten Geldknappheit kurz nach der Währungsreform war! Dem Nachfolger mußte der Kultusminister nicht etwa eine Erhöhung um Prozente, sondern ein Vielfaches der genannten Summe anbieten. CZERNY meinte wohl diese Aufstockung des Etats, wenn er nach seiner Emeritierung resignierend sagte: "Das beste, was ich für das Institut tun konnte, war, daß ich mich vorzeitig emeritieren ließ."

Bei den Bedingungen, unter denen CZERNY arbeiten mußte, wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn er die Forschung völlig aufgegeben hätte zugunsten des Unterrichts, der schon für sich allein die Anspannung aller Kräfte erforderte. Tatsächlich aber hat er - außer den erwähnten Arbeiten über den Wärmetransport im Glas - Themen aus seiner Berliner Zeit in Frankfurt am Main fortgeführt, als Themen für Doktorarbeiten, die daher nicht unter seinem Namen erschienen. Von den Dissertationen, die zwischen 1950 und 1961 aus dem Institut hervorgingen, sind neun von CZERNY selbst angeregt und betreut worden; sie behandeln vor allem optische Messungen an Kristallen; eine Arbeit von 1960 betrifft auch die Evaporographie.

Im Februar 1956 feierten das Physikalische Institut und das Institut für Theoretische Physik einen doppelten Geburtstag: die 60. Geburtstage von CZERNY und von FRIEDRICH HUND, der nur 13 Tage älter als CZERNY ist. Dieser, der nur ungern der Mittelpunkt einer Veranstaltung war, hätte wohl seinen "runden" Geburtstag am liebsten übergangen. Aber auf die privaten Gefühle einer "öffentlichen Person" wird selten Rücksicht genommen, und so wurde eine richtige große Feier in Szene gesetzt, mit Festheft der Zeitschrift für Physik, Festkolloquium und großem Abendessen. Viele, die in der Physik Rang und Namen haben, waren dabei anwesend, darunter der Nobelpreisträger MAX VON LAUE aus Berlin, der 1914 der erste Professor für Theoretische Physik in Frankfurt am Main gewesen war, und ERWIN MADELUNG, der den Lehrstuhl von 1921 bis 1949 innehatte. MAX BORN, ebenfalls Nobelpreisträger, Nachfolger VON LAUEs und Vorgänger MADELUNGs, konnte aus Gesundheitsgründen nicht teilnehmen.

Um die Zeit des Doppelgeburtstages 1956 entstand das folgende Bild der "Geburtstagskinder":

p166 Friedrich Hund und Marianus Czerny, 1954

Die Lobreden, die bei solchen Gelegenheiten gehalten werden, empfand CZERNY als liebenswürdige Übertreibungen. Ihn selbst befriedigten die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in der Nachkriegszeit jedenfalls nicht. Viel später schreibt er in einem Brief an Prof. MÖNCH (Halle/Saale).

"Ich glaube klar sehen zu können, daß ich zu den vielen Leuten gehöre,
die zwischen 25 und 35 ihre eigentliche schöpferische Zeit haben und
später davon zehren. Das wurde bei mir noch dadurch gefördert, daß
ich wegen der Kriegsein- und Nach-Wirkungen wohl 13 Jahre aus der
wissenschaftlichen Arbeit herausgerissen wurde und das nicht mehr
recht reparieren konnte."

Resigniert beantragte er für das Ende seines 65. Lebensjahres die Emeritierung. Bei diesem letzten Schritt übte er Rücksichtnahme auf andere, wie er es sein Leben lang getan hatte: er teilte seinen Entschluß, am 31. März 1961 aus dem aktiven Dienst auszuscheiden, ein Jahr vor diesem Datum der Fakultät mit, damit die Berufung eines Nachfolgers rechtzeitig vorbereitet werden konnte. So dauerte die Vakanz nach seiner Emeritierung nur ein halbes Jahr.

Nach der Emeritierung (1961-1985)

Die Emeritierung bedeutete für CZERNY keine Trennung von dem Institut. Da seine Wohnung in unmittelbarer Nähe der Universität lag, konnte er weiterhin täglich ohne große Umstände seine alte Wirkungsstätte erreichen und, ohne Verantwortung zu tragen, seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen, dem Experimentieren. Als Institutsdirektor hatte er viel zuviel Zeit der Verwaltung widmen müssen; jetzt konnte er sich ganz dem Bereich zuwenden, der ihn am meisten am Herzen lag, dem Praktikum für Anfänger. Er hat es noch 15 Jahre lang mit Hingabe betreut. In dieser Zeit war er nicht etwa nur Anreger und Berater, sondern voll eingeplanter "Praktikumsassistent", der die selbstverfaßten, in Buchform vorliegenden Versuchsanleitungen ständig verbesserte, mit neu aufgebauten Versuchen erweiterte und die Neuauflagen, 16 an der Zahl, immer wieder überarbeitete. Erst 1976, zu seinem 80. Geburtstag, hat er diese Tätigkeit aufgegeben.

Gesundheitlich ging es ihm in den ersten Jahren des Ruhestandes relativ gut. Zwar hatte er schon als 50jähriger unter Herzrhythmusstörungen gelitten, doch tröstete er sich damit, daß sein Vater dieselben Störungen gehabt habe und trotzdem 78 Jahre alt geworden sei. Tatsächlich hat sich dieses Leiden gebessert, nachdem ihn die Last der Verantwortung nicht mehr drückte.

Um 1970 begann sein Sehvermögen abzunehmen, und er mußte sich einer Staroperation unterziehen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er, daß er nach der Operation die starke Quecksilberlinie der Wellenlänge 366 nm sehen konnte, die normalerweise von der Augenlinse absorbiert wird. über diese Erfahrung berichtete er in den "Physikalischen Blättern". Hier fanden seine Messungen aus der Kriegszeit über die Ultrarotgrenze der Augenempfindlichkeit ihre Ergänzung im Ultravioletten.

Trotz der Sehbehinderung hat er noch veröffentlicht, meist über allgemeinere Themen, die aber immer einen Bezug zur Physik hatten. So schrieb er über "Abschlußerscheinungen" in der Physik. Er meinte, die Zeit nahe heran, in der die Physik keine grundsätzlich neuen Themen mehr zu bieten habe und damit so langweilig werde wie die Geographie nach dem Verschwinden der letzten weißen Flecke auf der Landkarte. Ein anderer Artikel handelt vom "Altern der Physiker". Darin theoretisiert er über die "CZERNYsche Dreifelderwirtschaft", d. i. ein Gedankenspiel darüber, wie man die Kreativität durch eine Art "Fruchtfolge auf den Feldern der Wissenschaft", Forschen, Lehren und Schreiben, in drei Altersstufen über 30 Arbeitsjahre verteilt, am besten ausnutzen könne - skurril und lesenswert! Außerdem meinte er, jeder experimentierende Physiker sollte am Ende seiner beruflichen Tätigkeit einen Bericht, am besten ein ganzes Buch, über alle Versuche schreiben, die keinen Erfolg hatten! Solange die Zeitschriften nur über gelungene Experimente berichteten, würden Zeit und Geld immer wieder an dieselben aussichtslosen Versuche verschwendet.

Diese kurze Aufzählung gibt einen Einblick in CZERNYs charakteristische Art, eine Erkenntnis, skurril verfremdet, etwas überdreht zu formulieren, wodurch sie so klar zutage tritt wie menschliche Züge in einer Karikatur. Dann zieht er aus dem Erkannten eine verblüffende, gänzlich unkonventionelle Folgerung. Daß er seine Gedankenspiele nicht gar zu ernst nahm, zeigt die Tatsache, daß er bis an sein Lebensende einen Zettel mit sich herumtrug, auf dem er, nebst vielen anderen "Lebensweisheiten", folgende Zeilen von EUGEN ROTH notiert hatte:

"Ein Mensch, der sich zwar selber sagt,
Daß Altersweisheit nicht gefragt,
Läßt trotzdem noch einmal was drucken
Und hofft, die Welt wird es schon schlucken!"

CZERNY war ein Pessimist, also ein Mensch, der immer die negative Entwicklung einer Angelegenheit für sicher hält. Aber im Gegensatz zu allen anderen Pessimisten, die ich kenne, wollte er nicht recht behalten; im Gegenteil: er freute sich aufrichtig, wenn sich seine Vorhersage als falsch herausstellte. Er hoffte sogar, sie werde falsch sein; das meinte er wohl, als er sich einen "optimistischen Pessimisten" nannte.

Aus Gesundheitsgründen zogen CZERNYs 1978 in ein Münchener Seniorenheim, in die Nähe ihrer Tochter MARIANNE. Auch nach dem Umzug nahm CZERNY noch lebhaften Anteil an den Vorgängen im Institut, ließ sich von Besuchern berichten, telephonierte beinahe wöchentlich mit mir. Dabei brachte er immer wieder zum Ausdruck, wie sehr ihn die Entwicklung der Physik beunruhige. Für ihn hatte immer das individuelle Experiment, die Frage des Experimentators an die Natur, im Mittelpunkt gestanden. Jetzt entsetzte ihn der Gedanke, daß die Apparatur das wichtigste geworden sei. Er meinte, die Apparate hätten ein Eigenleben bekommen wie der Besen von Goethes Zauberlehrling: das Geschöpf schicke sich an, den Schöpfer zu beherrschen.

In der Tat: Jeder von uns weiß, daß teure Apparaturen genutzt, also ständig eingesetzt werden müssen, so daß viel zu oft die individuelle Frage an die Natur ersetzt wird durch die Frage, welches Experiment sich mit welcher Apparatur durchführen lasse.

CZERNYs Ausrichtung auf das Experiment reichte fast bis ins Metaphysische! Er sagte einmal sinngemäß: "Ich verstehe, daß der Schöpfer dieser Welt die physikalischen Gesetze aufstellen konnte, obwohl die entsprechenden Phänomene noch gar nicht bekannt waren. Aber eines verstehe ich nicht: wie konnte er die Gesetze der Supraleitung festlegen, obwohl es im ganzen Kosmos an keiner Stelle so tiefe Temperaturen gibt, daß Supraleitung auftreten könnte!" - was für ein Bild: der Schöpfer als überdimensionaler Experimentalphysiker, der nur dann Naturgesetze aufstellt, wenn er sie vorher an irgendeiner Stelle im Weltall ausprobiert hat! Als CZERNY dies sagte, konnte er noch nicht ahnen, wie bald Stoffe entdeckt werden würden, die schon bei der Temperatur der flüssigen Luft supraleitend werden, also bei Temperaturen, die im Weltall allenthalben vorkommen.

Im Januar 1984 hat das Ehepaar CZERNY noch die Goldene Hochzeit feiern können; bald darauf starb Frau CZERNY. Am 10. September 1985 schlief auch MARIANUS CZERNY ein, im wahren Sinne des Wortes, ohne Aufsehen, wie er gelebt hatte, fünf Monate vor seinem 90. Geburtstag. Damit ist die Welt um eine originelle Persönlichkeit ärmer.


Literatur

Charakteristische Arbeiten von CZERNY
Messungen im Rotationsspektrum des HCl im langwelligen Ultrarot. 25. Physik, 34, 1925' 227.
Über Photographie im Ultraroten 25. Physik 53, 1929, 1.
Messungen am Steinsalz im Ultraroten zur Prüfung der Dispersionstheorie ZS Physik 65, 1930, 600.
Physikalisches nach einer Star-Operation Phys. Bl. 28, 1972, 20.
M. Czerny und H. Röder: Fortschritte auf dem Gebiet der Ultrarottechnik. Erg. d. ex. Naturw. 17, 1938, 70.

Fußnoten

1 Während das Preußische Kultusministerium bei früheren Berufungen eine entsprechende Verpflichtung in das Berufungsschreiben aufgenommen hatte, ergab eine Nachprüfung in den Personalakten der Universität, daß dies bei Czernys Berufung durch das Reichsministerium offenbar unterblieben ist.
2 Richtig ist: Dr. Braun, nicht von Braun (d. Verf.)
3 In dem Buch von Alan Beyerchen, "Wissenschaftler unter Hitler; Physiker im Dritten Reich", Verlag Ullstein, 1982, ist der Artikel erwähnt, doch kennt der Verfasser die Frankfurter Zusammenhänge offenbar nicht. Seine sonst ausgezeichnete Darstellung ist leider völlig auf Berlin, München und Göttingen beschränkt; Physik und Physiker an anderen Stellen in Deutschland sucht man darin vergebens.
4 Seit damals hat sich entsprechend dem englischen Sprachgebrauch "infrarot" statt "ultrarot" eingebürgert; beide Worte sind in ihrer Bedeutung identisch.
5 Ein plastikartiges, drahtverstärktes Material, zwar undurchsichtig, aber immerhin durch scheinend.
6 Nach meiner Erinnerung setzten die Zahlungen etwas später, um die Zeit der Währungsreform 1948, ein und wurden danach etwa zwei Jahre fortgesetzt (der Verf.)

 

geändert am 12. Dezember 2008  E-Mail: Webmasterpresse@uni-frankfurt.de

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