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Heinz Bilz

1926-1986

von

Ulrich Schröder
Regensburg

"Jede Naturwissenschaft wäre wertlos, deren Behauptungen nicht in der Natur beobachtend nachgeprüft werden könnten; jede Kunst wäre wertlos, die die Menschen nicht mehr zu bewegen, ihnen den Sinn des Daseins nicht mehr zu erhellen vermöchte." Diese Worte WERNER HEISENBERGS, die HEINZ BILZ als Schlußworte in seinem Vortrag zum 80. Geburtstag von HERMANN DÄNZER zitiert, können auch zur Charakterisierung der Arbeiten und der Vorstellungen von HEINZ BILZ herangezogen werden. HEINZ BILZ gehörte zu jenen theoretischen Physikern, die eine enge Zusammenarbeit mit den Experimentalphysikern suchen und deren Stärke die Deutung, Erklärung und auch die Anregung von Experimenten ist. Dazu kam jedoch auch in gleicher Weise die Auseinandersetzung mit den philosophischen Grundlagen seines Fachs und die Reflexion über die Auswirkungen physikalischer Erkenntnisse auf Fragen der Philosophie und der Theologie. Sein Einblick in philosophische Probleme waren ebenso wie seine Liebe zur und sein Wissen über Musik oft Ausgangspunkt anregender Gespräche für viele seiner Freunde.

HEINZ BILZ wurde am 18. Mai 1926 in Berlin geboren. Er besuchte die Volksschule und anschließend das Fichte-Realgymnasium in Berlin-Wilmersdorf bis zum Abitur im Februar 1944. Dann wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und kam im Juli 1944 zur Kriegsmarine. Nach Kriegsende war er drei Monate in englischer Gefangenschaft in Kiel. Nachdem er ein Jahr lang als Praktikant bei der Firma BBC in Großauheim gearbeitet hatte, begann er im April 1947 sein Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Am 6. Mai 1954 erwarb er das Diplom mit einer Arbeit über "Materie-Erzeugung in der Feldtheorie". Die Diplomarbeit war unter Anleitung von FRIEDRICH HUND entstanden, bei dem er auch am 23. Juli 1958 mit einer Arbeit über "Elektronenzustände in Hartstoffen" promovierte. Schon während seiner Promotion war er mit der Verwaltung einer Assistentenstelle betraut worden, nach der Promotion war HEINZ BILZ zunächst ein weiteres Jahr Assistent im Institut für theoretische Physik und wechselte dann im Herbst 1959 in das physikalische Institut als Assistent zu MARIANUS CZERNY.

Am 11. April 1961 ging HEINZ BILZ nach Freiburg. Er wurde dort Assistent bei HANS MARSCHALL, arbeitete wissenschaftlich jedoch eng mit LUDWIG GENZEL zusammen, den er aus dem Frankfurter Institut her kannte und der nach Freiburg berufen worden war. Thema der Untersuchungen war die Gitterdynamik und die Infrarot-Absorption fester Körper, ein Forschungsgebiet, das HEINZ BILZ immer wieder beschäftigt hat und zu dem er wichtige Beiträge geleistet hat. Ausgehend von Verbesserungen der Störungstheorie von BORN und HUANG begannen er und seine Mitarbeiter, die vorliegenden experimentellen Ergebnisse zu analysieren und die Theorie der Infrarot-Absorption mit dem Formalismus der GREENschen Funktion zu formulieren. Es war das Ziel dieser Untersuchungen, eine einheitliche Theorie für die dominierenden Prozesse, die bei Ionenkristallen durch die Anharmonizität des Potentials und bei kovalenten Kristallen durch nichtlineare Dipolmomente gegeben waren, zu entwickeln. Noch bevor die Ergebnisse der einzelnen Publikationen in der geplanten Habilitationsschrift zusammenhängend aufgeschrieben worden waren, kam der Ruf auf einen Lehrstuhl für theoretische Physik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main; am 14. Februar 1964 wurde HEINZ BILZ zum ordentlichen Professor und Direktor des Instituts für theoretische Physik ernannt.

In Frankfurt am Main wurden die Untersuchungen zur Infrarot-Absorption fortgesetzt und auf Kristalle mit Störstellen ausgedehnt. Hinzu kam, daß es seit Anfang der sechziger Jahre möglich geworden war, Phonondispersionszweige durch Streuung von Neutronen zu vermessen. Damit waren die Frequenzen der Gitterschwingungen nicht nur für den Wellenvektor q = 0, sondern auch in den Hauptsymmetrierichtungen der Brillouinzone experimentell bekannt, und es konnten die Vorstellungen von den Kräften zwischen den Atomen im Kristall durch das Experiment überprüft werden. Es zeigte sich bald, daß die Polarisierbarkeit der Ionen berücksichtigt werden mußte, um die gemessenen Daten erklären zu können, und daß mit dem von DICK und OVERHAUSER 1958 vorgeschlagenen Schalenmodell die experimentellen Daten gut verstanden werden konnten. Dieses Schalenmodell beschreibt die adiabatische Elektron-Ion-Wechselwirkung durch lokalisierte Ladungen und sie verknüpfende kurzreichweitige und lang reichweitige Kräfte. Dadurch werden die langreichweitigen induzierten Dipol kräfte zwischen den Ionen auf einfache Weise erklärt und auf wenige physikalisch sinnvolle Parameter zurückgeführt. HEINZ BILZ griff diese Entwicklung in dreierlei Hinsicht auf. Zum einen wandten er und seine Mitarbeiter das Schalenmodell konsequent auf die Untersuchung von Kristallen mit Störstellen an. Dabei wurde auch das Störatom als polarisierbares Teilchen aufgefaßt, dessen Polarisierbarkeit natürlich von der des Wirtskristalls verschieden war. Zum anderen galt es, die Physik des Schalenmodells zu verbessern. Dazu wurden neben der Dipolanregung des einfachen Schalenmodells weitere elektronische Freiheitsgrade in die Theorie eingefügt. Der wesentliche Schritt bestand aus der Überlegung, daß bei Gitterschwingungen lokale Verformungen der elektronischen Ladungsdichte entstehen, die es modellhaft zu beschreiben galt. Hierzu wurden die möglichen Deformationen in Form von Multipolen diskutiert, so wurden die "breathing" -(Monopol-) oder die Quadrupolfreiheitsgrade eingeführt. Diese Freiheitsgrade wurden wie die Dipolanregungen adiabatisch behandelt, damit konnten ihre Wechselwirkungen auf effektive Ion-Ion-Wechselwirkungen umgerechnet werden. Drittens widmete sich HEINZ BILZ den Anharmonizitäten der Wechselwirkungen in diesen Modellen, anharmonische Anteile der Kräfte im Schalenmodell wurden untersucht und ihr Einfluß auf die Infrarot- und Ramanspektren berechnet.

Die physikalischen Überlegungen, die diesen Vorstellungen zugrunde liegen, waren typisch für das Denken von HEINZ BILZ. Sein Bestreben war es immer, formale Entwicklungen, wie es im Rahmen der Gitterdynamik die Kraftkonstantenmodelle mit einer großen Zahl von Kraftkonstanten zwischen weit entfernten Ionen sind, durch Modelle mit physikalisch sinnvollen Wechselwirkungen zu ersetzen. Die übereinstimmung seiner Vorstellungen mit der physikalischen Wirklichkeit hat er dabei in einem zweiten Schritt überprüft: Falls die eingeführten Deformierbarkeiten der physikalischen Realität entsprachen, mußten sie sich auch in den Ramanspektren zeigen, diese Fragen wurden in mehreren Arbeiten untersucht und positiv entschieden. Seine Vorstellungen über die Bedeutung der Modelle für die Physik hat HEINZ BILZ in der Einführung zu seinem Artikel im Handbuch der Physik so formuliert [1]: "Models can often give a qualitatively and sometimes quantitatively correct description of certain processes in terms of a few parameters. They provide, therefore, an orientation for microscopic approaches. Furthermore, the parameters of workable models often show systematic trends when classes of similar crystals are compared. From this we can derive certain "rules" or phenomenological concepts which are a familiar aspect of chemistry and physics. Because in physics one undertakes the study of increasingly complex systems, such models and rules are indispensable, even if only as temporary tools." Die hier ausgesprochenen Gedanken werfen Licht auf die Art und Weise, wie HEINZ BILZ Probleme anging. Zunächst hat er versucht, den physikalischen Zusammenhang zu verstehen und möglichst einfach und durchsichtig zu beschreiben. Daneben hat er dann diese Ansätze als Leitlinien für eine genauere exakte Theorie benutzt, die zahlreichen Arbeiten zur mikroskopischen Theorie der Gitterdynamik geben hierüber Auskunft.

Im Wintersemester 1968/69 folgte HEINZ BILZ einer Einladung von JOSEPH L. BIRMAN und verbrachte ein Freisemester als Gastprofessor an der New York University. Direkt im Anschluß daran, zum Sommersemester 1969, nahm er einen Ruf an die Technische Universität München an. Schon 1971 wurde er an das neu gegründete Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart berufen und am 1. Februar 1972 zum wissenschaftlichen Mitglied und Direktor des Instituts ernannt.

p227 Heinz Bilz, 1984

Schon in München, in gesteigertem Maße in Stuttgart, ergab sich aus der Zusammenarbeit mit den Experimentalphysikern ein intensives Studium des Ramaneffektes. Der theoretische Ansatz war wieder eine genaue Diskussion und Erweiterung des Schalenmodells, verbunden mit mikroskopischen, quantenmechanischen überlegungen. Für die Erklärung der Ramanspektren der Erdalkalioxide war die wesentliche und neue Idee, die noch in vielfacher Hinsicht fruchtbar werden sollte, die Einführung einer intra-ionischen Anharmonizität, die sich in einem anharmonischen Teil des Schale-Kern Wechselwirkungspotentials ausdrückte. Zur Erklärung der Ramanspektren der kovalenten Halbleiter mußte zunächst die gesamte Gitterdynamik neu diskutiert werden. Die Berechnung der Elektronenzustände in Halbleitern und der daraus folgenden Ladungsverteilung hatten es nahe gelegt, eine "bond charge" zwischen den Atomen zu betrachten. Diese Idee wurde von HEINZ BILZ und seinen Mitarbeitern in einer Reihe von Arbeiten zu einem gitterdynamischen Modell ausgearbeitet und dann weiter ausgebaut. Daß dieses Modell den physikalischen Sachverhalt besser als bis dahin entwickelte Modelle beschreiben konnte, zeigte sich unter anderem darin, daß zur Erklärung der Dispersionskurven nur sehr wenige (und physikalisch sinnvolle) Parameter benötigt wurden. Die weiteren Arbeiten in dieser Reihe galten dann den III-V- und II-VI-Halbleitern mit übergangscharakter von kovalenter zur ionischen Bindung. Auch hier war es nötig, zunächst das Schalenmodell zu modifizieren ("valence-overlap shell model"); dann wurden mit diesem Modell die Ramanspektren berechnet, die ebenfalls mit dem Ansatz einer intra-ionischen Polarisierbarkeit gut beschrieben werden konnten.

Als weiterer Beitrag zur Modelltheorie der Gitterdynamik möchte ich noch die Untersuchungen zu den Phononanomalien der übergangsmetalle hervorheben. Diese Anomalien erweckten sicher auch deshalb bei HEINZ BILZ eine große Aufmerksamkeit, weil er damit zu den Substanzen seiner Doktorarbeit zurückkehrte, wobei diesmal die Elektron-Phonon-Wechselwirkung die Brücke schlug von den in der Doktorarbeit berechneten Elektronenzuständen zu den Gitterschwingungen. Dieses Problem ging er auf mehreren Ebenen mit seinen Mitarbeitern an: zunächst durch eine Modifikation des Schalenmodells (Doppel-Schalen-Modell) und dann auf mikroskopischer Basis, wobei auch die Supraleitung dieser Materialien in die Untersuchung einbezogen wurde.

Durch alle Arbeiten seiner Arbeitsgruppe zieht sich wie ein roter Faden die Untersuchung der Anharmonizitäten. Auch die Beschäftigung mit den harmonischen Modellen der Gitterdynamik war immer zugleich Ausgangspunkt zu Überlegungen, welche Auswirkungen anharmonische Anteile der Kräfte des Modells haben würden. Als besonders fruchtbarer Gedanke erwies sich dabei die oben schon erwähnte intra-ionische Anharmonizität für die Berechnung der Raman spektren. Die Erkenntnis, daß es insbesondere die Kristalle mit doppelt negativ geladenen Sauerstoffionen waren, bei denen die Diskussion dieser Anharmonizität gute Ergebnisse lieferte, war dann Ausgangspunkt einer systematischen Untersuchung des Sauerstoffions. So war schon länger bekannt, daß die Polarisation des Sauerstoffions ungewöhnlich war, außerdem gab die Tatsache zu denken, daß das freie Sauerstoffion nicht stabil war. Bei der systematischen Untersuchung dieser Zusammenhänge erregte es die Aufmerksamkeit von HEINZ BILZ, daß ein sehr großer Teil der Ferroelektrika Kristalle mit Sauerstoffionen sind und daß daher das Sauerstoffion für den ferroelektrischen Phasenübergang eine entscheidende Rolle spielen könnte. Dieser Gedanke führte zu einer mikroskopischen Theorie der Ferroelektrika, die sich als sehr erfolgreich erweisen sollte. Der entscheidende Ansatz ist die Einführung einer Anharmonizität 4. Ordnung neben den harmonischen Gliedern im Wechselwirkungspotential zwischen Rumpf und Schale
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wobei w die Koordinate für die Verschiebung der Schale gegen den Rumpf ist. Mit einer thermodynamischen Mittelung ergibt sich in quasi-harmonischer Näherung dann eine temperaturabhängige Kraftkonstante
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für die Kräfte zwischen Rumpf und Schale. Bei der ferroelektrischen transversa len Mode gibt es eine Balance zwischen den kurzreichweitigen und den langreichweitigen Kräften derart, daß eine kleine Änderung von g(T) bewirkt, daß die Frequenz dieser Mode Null wird und damit der Phasenübergang induziert wird. Es zeigte sich also, daß die Anharmonizität der Polarisierbarkeit den ferroelektrischen Phasenübergang auslöste und sich damit ein mikroskopischer Prozeß ergab, der auf seine Tragfähigkeit weiter untersucht werden konnte. Das geschah nicht nur in einer Reihe von Arbeiten zur Ferroelektrizität, viele der Arbeiten der letzten Jahre hingen mit überlegungen zusammen, die ihre Wurzeln in diesem physikalischen Modell hatten. Die Diskussionen über die spezielle Rolle des Sauerstoffions warfen zusätzlich die Frage auf, ob es noch Ionen mit ähnlichen Eigenschaften geben könnte, vorgeschlagen wurde von HEINZ BILZ N3-; aus diesen Überlegungen entstanden im Max-Planck-Institut die Arbeiten zum Li3N, an denen viele Abteilungen beteiligt waren.

Um den Einfluß dieser speziellen Anharmonizität genauer zu analysieren, entwickelte seine Arbeitsgruppe ein vereinfachtes Modell, das in seiner Struktur durchschaubar war und das als Grundlage für viele weitere Untersuchungen diente. Hiermit erschloß sich für HEINZ BILZ ein drittes großes Arbeitsgebiet. Hatten sich die Arbeiten bisher im Wesentlichen mit der modellhaften Beschreibung der Kräfte im Kristall und der Absorption und Emission von Lichtquanten befaßt, so traten nun auch Fragen in den Vordergrund, die sich mit der Auswirkung anharmonischer Terme auf die Lösungen der Bewegungsgleichungen und insbesondere mit der Struktur dieser Lösungen befaßten. So wurden Solitonen und solitäre Schwingungen diskutiert und analysiert, es wurden kommensurable und inkommensurable Phasenübergänge als Funktion der anharmonischen Parameter gefunden, es ergaben sich Anwendungen bei der Rekonstruktion von Oberflächen und beim Polymorphismus von Silicaten und Eis. Auch die Frage zum Verhältnis von Ferroelektrizität und Supraleitung wurde in diesem Rahmen diskutiert, die Entdeckung der Hochtemperatur-Supraleiter mit einer Struktur, die dem Perowskit und damit den oxidischen Ferroelektrika verwandt ist, hätte sicher die physikalischen Vorstellungen von HEINZ BILZ aufs höchste erregt. Nicht wenige Kollegen haben bedauert, daß er dies nicht mehr erlebt hat.

Das gesamte Arbeitsgebiet von HEINZ BILZ kann charakterisiert werden durch die Stichworte "dynamische Eigenschaften der Kristallgitter" und "Wechselwirkung von Licht und Materie". Beide Gebiete sind in den zwei Büchern behandelt, die HEINZ BILZ zusammen mit einigen seiner Mitarbeiter publiziert hat. Einen Überblick über das gesamte Arbeitsgebiet bietet der Band XXV/2d des Handbuches der Physik mit dem Titel "Licht und Materie 1d" [1], das HEINZ BILZ gemeinsam mit DIETER STRAUCH und ROLAND K. WEHNER geschrieben hat und das 1984 erschien. Hier sind viele der Ideen und Arbeiten seiner Arbeitsgruppe dargelegt und in den allgemeinen Zusammenhang gestellt. Schon 1979 war der "Phononatlas" mit dem Titel "Phonon Dispersion Relations in Insulators" [2] erschienen, in dem HEINZ BILZ und WINFRIED KRESS gemessene und gerechnete Dispersionskurven und die Zustandsdichten der Nichtmetalle zusammengestellt haben. Als Ergänzung hat WINFRIED KRESS 1987 den Band "Phonon Dispersion Curves, one-Phonon Densities of States and Impurity Vibrations of Metallic Systems" herausgegeben. Dieser zweite Band entstand auf Anregung und mit ständiger Unterstützung von HEINZ BILZ. Wer immer Informationen über Phononendaten sucht, wird zu diesen beiden Bänden greifen. Von seinen über 100 Veröffentlichungen seien hier zusätzlich nur noch einige zusammenfassende Arbeiten [3]-[7] und der Tagungsband einer Sommerschule erwähnt, den HEINZ BILZ zusammen mit GIORGIO BENEDEK und ROLAND ZEYHER herausgegeben hat [8]. Er war dabei, über Ferroelektrizität einen Beitrag für die Reihe "Solid State Physics" zu schreiben. Hier wollte er seine Vorstellungen über die nichtlineare Polarisierbarkeit und ihre Beziehung zu ferroelektrischen Phasenübergängen im Zusammenhang darstellen. Dazu ist er leider nicht mehr gekommen.

HEINZ BILZ war einer der anerkannten Spezialisten auf dem Gebiet der Physik der Phononen. Zusammen mit LUDWIG GENZEL und SERGE NIKITINE hatte er den Anstoß zu einem kleinen deutsch-französischen Treffen über Phononen gegeben, hieraus entwickelte sich schnell eine Tagung über aktuelle Fragen der Phononenphysik, auf der sich jährlich ein kleiner europäischer Physikerkreis trifft. HEINZ BILZ war mehrfach Organisator dieser Tagung. Auch bei den großen internationalen Phonontagungen waren sein Rat und seine Mitarbeit gefragt, auf der Phonontagung in Budapest 1985 hatte er zur nächsten Tagung 1989 in Deutschland eingeladen.

Viele seiner wissenschaftlichen Erfolge verdankt HEINZ BILZ seinem "physikalischen Gefühl". Dazu kam eine Fülle von Ideen, die ihm zu jedem neu auftauchenden Problem einfielen, verbunden mit einem breiten Wissen auf vielen Gebieten der Physik, das ihm immer zur Verknüpfung von Fakten aus unterschiedlichen Bereichen zur Verfügung stand. Typisch für ihn war, daß sein Denken sehr viel stärker ausgerichtet war auf das Lösen von Problemen als auf die Anwendung eines Formalismus. Daher war er auch ein idealer und gern gesehener Gesprächspartner der Experimentalphysiker, die gute Zusammenarbeit dokumentiert sich in vielen gemeinsamen Veröffentlichungen. Aber auch für die Theoretiker war ein Gespräch mit ihm immer ein Gewinn, besonders dann, wenn die Behandlung der formalen Theorie festgefahren war, sein Ideenreichtum und seine physikalische Intuition eröffneten häufig neue Lösungswege und ungeahnte neue Aspekte. Daß sein Überblick über die laufenden Entwicklungen und neuen Ergebnisse auf seinem Arbeitsgebiet international große Anerkennung fand, zeigen die vielen eingeladenen Vorträge zu internationalen Tagungen genauso wie die zahlreichen ausländischen Gäste, die nach Stuttgart kamen, um mit ihm zu arbeiten. Für seine jungen und jüngeren Mitarbeiter war er der ideale Chef, der es verstand, in seinem Institut eine besondere Atmosphäre entstehen zu lassen, in der eine Fülle von Anregungen verbunden war mit einer großzügigen Freiheit, eigenen Gedanken nachzugehen und Arbeiten mit eigenen Methoden fortzuführen. Dabei konnten seine Mitarbeiter zu jeder Zeit seine Hilfe und seinen Rat in Anspruch nehmen und das nicht nur bei physikalischen Problemen.

Eine Beschreibung von HEINZ BILZ wäre unvollständig, bliebe seine Beschäftigung mit Fragen der Geisteswissenschaften und ihrer Beziehung zu den Naturwissenschaften unerwähnt. Schon als Student hat er in mehreren Arbeitskreisen an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und in der katholischen Studentengemeinde mitgearbeitet. Als junger Professor in Frankfurt am Main war er an der Vorbereitung des ev.-kath. Assistententages in Marburg 1967 beteiligt, im Arbeitsband dieser Tagung erschien sein Vortrag "Strukturen und Methoden - Grundlagen der Wissenschaft und Möglichkeiten ihrer Koopera tion". Oft hat er an Arbeitskreisen und Seminaren über Naturphilosophie, Naturwissenschaft und Glauben teilgenommen, in den späteren Jahren galt seine Mitarbeit den Arbeitsgruppen "Zeit" und "Evolution" des Deutschen Instituts für Bildung und Wissen. über Fragen aus diesem Gebiet hielt er 1982 einen Vortrag an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit dem Thema "Bewegung, Prozeß und Evolution - zum Zeitbegriff in den Naturwissenschaften". HERMANN DÄNZER widmete er zum 80. Geburtstag den Vortrag "Struktur und Symbol Aspekte der modernen Physik mit einem Exkurs über Musik". Leider hat er sich die meisten seiner Vorträge nicht ausführlich aufgeschrieben und sie nur aufgrund von Stichworten gehalten. Die Veröffentlichung dieser Überlegungen hatte er für später aufgehoben, daß er dennoch sich oft mit diesen Problemen beschäftigte und daß er bei allem Enthusiasmus für aktuelle Forschungsergebnisse auf seinem physikalischen Arbeitsgebiet auch immer wieder Fragen nach der Realität der Welt und ihrer Erfahrung nachging, wissen viele seiner Freunde und Kollegen aus zahlreichen Gesprächen und Diskussionen. Insbesondere hat er in den letzten Jahren über die Struktur der Zeit nachgedacht, auf das Buch, das aus diesen überlegungen entstehen sollte, hatten sich schon viele gefreut.

Bei aller Beschäftigung mit der Wissenschaft liebte HEINZ BILZ das Leben und die Geselligkeit. 1968 hat er die Realschullehrerin SIGNE KEISER geheiratet, sein Haus in Frankfurt, in München und in Stuttgart war berühmt für seine Gastfreundschaft, und an vielen Abenden waren Gäste bei SIGNE und HEINZ BILZ. Dann wurden nicht selten verschiedene Weinsorten probiert; HEINZ BILZ war ein ausgezeichneter Weinkenner, von dem viele seiner Mitarbeiter die Unterschiede zwischen den Rebsorten, den Lagen und den Jahrgängen sowie die Liebe zum Wein und die Freude am Weingenuß gelernt haben. Oft hat er seine Arbeitsgruppe zum Weintesten eingeladen, berühmt und in bleibender Erinnerung sind für seine Mitarbeiter die Fahrten zum Kaiserstuhl während der Spargelzeit.

Als einer der ersten Direktoren des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung hat HEINZ BILZ den Stil und die Entwicklung dieses Instituts entscheidend mitgeprägt. Er hat eine große Zahl von Gästen aus dem In- und Ausland nach Stuttgart geholt, mit denen er intensiv an den physikalischen Problemen arbeitete, die aber auch seine Gastfreundschaft genossen und mit ihm feierten. Ein höhepunkt unter den Festen war sicher die Feier zu seinem 60. Geburtstag im Max-Planck-Institut, die er im großen Kreis von Kollegen, Freunden und Schülern sichtlich genoß. Wenige Tage später erlitt er während eines Kolloquiumsvortrags an der Universität Mainz einen herzanfall. Am 26. Juni 1986 ist HEINZ BILZ in der Universitätsklinik in Mainz gestorben.


Literatur

[1] H. Bilz, D. Strauch und R. K. Wehner
Vibrational Infrared and Raman Spectra of Non-Metals Handbuch der Physik, Band XXV/2d, Licht und Materie Id, Herausgegeben von S. Flügge, Bandherausgeber L. Genzel Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo 1984.
[2] H. Bilz und W. Kress
Phonon Dispersion Relations in Insulators, Springer Series in Solid-State Sciences 10, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 1979.
[3] H. Bilz
Infrared Lattice Vibration Spectra of Perfect Crystals in: Phonons in Perfect Lattices and in Lattices with Point Imperfections, Edited by R. W H. Stevenson, Oliver and Boyd, Edinburgh und London 1966.
[4] H. Bilz
Theorie der Gitterschwingungen und ihrer Wechselwirkung mit elektromagnetischer Strahlung, Festkörperprobleme VI, 222 (1967).
[5] H. Bilz, B. Gliss und W. Hanke
Theory of Phonons in Ionic Crystals in: Dynamical Properties of Solids, Vol. I, Edited by G. K. Horton and A. A. Maradudin, North Holland Publishing Company, Amsterdam 1974.
[6] A. Bussmann-Holder, H. Bilz und P. Vogl
Electronic and Dynamical Properties of IV-VI-Compounds, Springer Tracts in Modern Physics 99, 1983, 51.
[7] H. Büttner und H. Bilz
Nonlinear Structures in Solid State Physics, Festkörperprobleme XXIII, 13 (1983].
[8] G. Benedek, H. Bilz und R. Zeyher (Editors)
Statics and Dynamics of Non Linear Systems, Springer Series in Solid-State Sciences 47, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo 1983.

 

geändert am 12. Dezember 2008  E-Mail: Webmasterpresse@uni-frankfurt.de

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Druckversion: 12. Dezember 2008, 11:11
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