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Walter Gerlach

1889-1979
von

Helmut Rechenberg
München

Auf ALFRED LANDÉS Anfrage, wer für die Neubesetzung des Lehrstuhls für Experimentalphysik an der Universität Tübingen in Frage käme, antwortete ALBERT EINSTEIN am 6. November 1924:

"Nach meiner Meinung wäre Herr GERLACH der richtige Nachfolger
für PASCHEN. Er ist unter den jüngeren deutschen
Experimentalphysikern, die in Betracht kommen, wohl der beste. Er ist
vielseitig, ideenreich und dabei sicher und zuverlässig. 
Menschlich macht er auch einen guten Eindruck. Dies sage ich indem ich
mich auf den Instinkt verlasse; ich kenne ihn nicht genauer."^1

Lebenslinie und frühe Arbeiten zur Strahlungs- und Quantenphysik

Der von EINSTEIN also Gepriesene stammte aus Biebrich am Rhein, wo er am 1. August 1889 geboren wurde. Leben und Laufbahn führen ihn von einem deutschen Fluß zum anderen, vom Rhein an den Neckar, vom Neckar an die Spree, die Wupper, den Main, wieder an den Neckar, dann die Isar, die Spree, den Rhein und endlich zurück an die Isar.

WALTER GERLACH studierte ab 1908 Physik bei FRIEDRICH PASCHEN und EDGAR MEYER in Tübingen. 1912 promovierte er zum Dr. phil., vier Jahre später habilitierte er sich ebenfalls in Tübingen. Der Militärdienst (1915-1918) brachte ihn am Kriegsende nach Berlin, anschließend ging er über ein Jahr in die Industrie (Frühjahr 1919 bis Herbst 1920 im Physikalischen Laboratorium der Farbenfabriken Elberfeld), bevor er zur Universität Frankfurt am Main stieß. Anfang 1925 folgte er seinem Doktorvater PASCHEN, der als Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt nach Berlin berufen worden war, in Tübingen nach. 1929 wurde er auf den Münchner Lehrstuhl für Experimentalphysik geholt (seine Vorgänger waren WILLY WIEN und WILHELM CONRAD RÖNTGEN), den er mit Unterbrechungen bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1957 innehatte. Im Zweiten Weltkrieg hielt er sich eine Zeitlang in Berlin auf, als Leiter der Fachsparte Physik im Reichsforschungsrat und vor allem "Beauftragter des Reichsmarschalls für Kernphysik" (ab Anfang 1944 war GERLACH für das geheime deutsche Uranprojekt zuständig); von Mai 1945 bis Januar 1946 wurde er von den Amerikanern und Engländern interniert und nach seiner Rückkehr in die britische Besatzungszone übernahm er zwei Jahre lang den Bonner Lehrstuhl, bevor er Anfang 1948 nach München zurückkehren konnte. Er starb dort am 10. August 1979, wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag. Obwohl FRIEDRICH PASCHEN sich ab 1900 vornehmlich mit der atomaren Spektroskopie beschäftigte - er baute in seinem Tübinger Institut in mehrjähriger Arbeit Apparaturen vor allem für die Beobachtung von infraroten Spektrallinien und für den Zeemaneffekt auf (letztere zusammen mit seinem Schüler ERNST BACK), gab er GERLACH als Dissertation ein Thema aus seinem früheren Forschungsgebiet, der Untersuchung der "schwarzen Strahlung".^2 Auch nach seiner Promotion führte der junge Assistent weitere Strahlungsmessungen durch. Allerdings brachte ihm der 1911 als Extraordinarius von Aachen nach Tübingen gekommene EDGAR MEYER ein neues Problem nahe, den lichtelektrischen Effekt. In einer Reihe von Veröffentlichungen aus den Jahren 1913 bis 1915 berichteten die beiden über ihre kniffligen Untersuchungen des Effektes an mikroskopischen Metallteilchen sowie bei sehr niedrigen Drucken.^3

Es gab damals mehrere konkurrierende quantentheoretische Erklärungen des Grundphänomens: neben der Einsteinschen mit Hilfe der Lichtquantenhypothese hatten ARNOLD SOMMERFELD und PETER DEBYE aus dem Wirkungsintegralansatz eine Gleichung abgeleitet, nach der die Akkumulationszeit der ultravioletten Strahlung im Metall von ihrer elektrischen Amplitude abhängt (1912). GERLACH und MEYER konnten diese Beziehung jedoch eindeutig widerlegen.

Für die Habilitationsschrift von 1916 wählte GERLACH wieder Experimente, die absolute Messungen der schwarzen Strahlung zuließen.^4 Wie er später gerne nicht ohne Stolz erwähnte, erdachte er sich dazu eine geschickte Vorrichtung, die es ihm erlaubte, die Konstanten des Stefan-Boltzmannschen Gesetzes schnell einmal wesentlich genauer als bisher zu bestimmen. Die Verhältnisse der letzten Kriegsjahre und der Zeit danach ließen ein umfangreiches experimentelles Programm nicht zu, verhinderten aber keineswegs regelmäßige Publikationen GERLACHS, so etwa über den Radiometereffekt oder empirische Bestätigungen der Quantentheorie.

Frankfurt am Main und der Stern-Gerlach-Effekt

"Wir haben jetzt GERLACH hier, der sehr famos ist: energisch, kenntnisreich, geschickt, hilfsbereit," berichtete MAX BORN vergnügt am 12. Februar 1921 seinem Freunde EINSTEIN nach Berlin. Er fügte aber auch hinzu:

"Er hat jetzt ein Angebot der Regierung von Chile, dort (in Santiago)
die Physik und die Elektrotechnik zu übernehmen; ob das
vernünftig ist? lch glaube, er hat auch hier gute Aussichten,
aber er ist ein unternehmender Kerl und für einen solchen
Außenposten gut geeignet."^5

Es gelang glücklicherweise, GERLACH in Frankfurt am Main zu halten, und er machte sich bald nützlich, auch über das experimentelle Institut von RICHARD WACHSMUTH hinaus, dem er als Hauptassistent zugeordnet war. So schrieb BORN in seinen Erinnerungen:

"WALTER GERLACH fand die Atmosphäre in meiner Abteilung
anregender als in der seinen und wurde unser ständiger Gast und
Mitarbeiter. lch veröffentlichte gemeinsam mit ihm verschiedene
Abhandlungen, eine recht gute über die Elektronenaffinität
von Jod, Sauerstoff und Schwefel, die aus den Gitterenergien berechnet
wurde. Seine Arbeit mit STERN war jedoch wichtiger."^6

OTTO STERN, seit 1914 Privatdozent an der Universität Frankfurt am Main, gehörte früher zu MAX VON LAUES und daher jetzt zu BORNS Abteilung. Er begann nach seiner Rückkehr aus dem Militärdienst Experimente mit der von LOUIS DUNOYER in Paris ausgebauten Atomstrahlmethode, zunächst zur Messung der kinetischen Eigenschaften von Atomen und Molekülen, etwa ihrer Geschwindigkeitsverteilung. BORN erinnerte sich:

"Danach wurden STERNs Pläne ehrgeiziger, er wollte die
magnetischen Momente von Atomen durch Ablenkung eines Atomstrahls in
ein inhomogenes Magnetfeld messen. Auf diese Weise hoffte er den
Nachweis für eine der seltsamsten Schlußfolgerungen aus der
Quantentheorie zu erbringen, die SOMMERFELD entwickelte und
"Quantelung der Richtung" genannt hatte. Angesichts der extremen
[experimentellen] Schwierigkeiten, die zu erwarten waren, tat sich
STERN mit GERLACH zusammen, der auf dem Gebiet der Vakuumtechnik
große Erfahrung besaß.  So begannen sie, ihre Apparaturen
zu bauen, aber das kostete Geld, und das gab es nicht."^7

Nun, BORN schaffte es doch, Geld für die experimentelle Arbeit in seiner Abteilung zu besorgen, teils durch eigene populäre Vorträge über die damals sehr gefragte Relativitätstheorie, teils durch Stiftungen von privater und öffentlicher Seite.

Über den STERN-GERLACH-Effekt, der eine der wenigen ganz grundlegenden Erscheinungen der Quantentheorie darstellte, ist viel und oft geschrieben worden.^8 Die theoretische Voraussetzung des für das entdeckende Experiment lieferte SOMMERFELDS "Richtungsquantelung", d. h. die Annahme einer quantisierten räumlichen Ausrichtung von Elektronenbahnen im Atom, die er zur Beschreibung der Zeeman- und Starkeffekte brauchte.^9 STERN nahm die räumliche Quantisierung wörtlich und entwarf ein Experiment, sie nachzuweisen, nämlich durch die Aufspaltung eines Atomstrahls (dessen Teilchen ein magnetisches Moment besitzen) in einem stark inhomogenen Magnetfeld. Er rechnete den Effekt theoretisch aus und fragte dann GERLACH, ob sich die zur Beobachtung notwendige Inhomogenität des Magnetfeldes erreichen ließe. GERLACH bejahte die Frage, worauf STERN die Idee des Experiments veröffentlichte.^10 Die tatsächliche Ausführung aber nahm noch einige Zeit in Anspruch, vom Sommer 1921 bis zum Februar 1922. Unter anderem mußte ein feiner Atomstrahl erreicht und Vakuumpumpen teilweise selbst gebaut werden, während man einen starken Elektromagneten leihen konnte. EINSTEIN in Berlin half, Geld vom Fonds des Kaiser Wilhelm-Instituts für Physik und der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft sowie von Privatpersonen zu besorgen, die Vereinigung von Freunden und Förderern der Universität Frankfurt griff ebenfalls ein. In den schwierigen Tagen der beginnenden Inflation war die Finanzierung des Versuchs ein ganz großer Erfolg.

WILHELM SCHÜTZ, ein Doktorand GERLACHS aus dieser Zeit, berichtete über die kritische Phase ab Oktober 1921:

"Die alte Apparatur hatte gerade soviel hergegeben, daß man auf
dem Auffänger eine Verbreiterung des Silberatomstrahls im
inhomogenen Magnetfeld von der erwarteten Größenordnung
erkennen konnte. Ein größerer Umbau mit dem Ziel einer
weiteren Erhöhung des Auflösungsvermögens der Apparatur
war erforderlich. Während dieses Umbaues siedelte STERN nach
Rostock über, um dort die Professur für theoretische Physik
zu übernehmen. Er tauchte aber von Zeit zu Zeit (Weihnachten 1921
und Ostern 1922 [das noch im März lag]) zu Besprechungen und zur
Vermessung der Inhomogenität des Magnetfelds im Frankfurter
Institut auf."^10

Auch der Institutsmechaniker ADOLF SCHMIDT half kräftig, das Experiment vorzubereiten, vor allem bei den langwierigen Bemühungen um die Herstellung des erforderlichen Vakuums von 10-5 Torr in einer Anordnung mit extremen Temperaturdifferenzen: die Temperatur des Öfchens zur Erzeugung des Silberstrahles war 1300 K, die Abkühlung in der anschließenden Apparatur geschah durch Kohlesäureschnee und flüssige Luft. SCHüTZ erinnerte sich weiter:

"Es war eine Sisyphusarbeit, deren Hauptlast auf den breiten Schultern
von Professor GERLACH lag. Insbesondere die Nachtwachen übernahm
W. GERLACH. Er kam dann gegen 21 Uhr mit einem Packen von
Sonderdrucken und Büchern. In der Nacht wurden die Korrekturen
durchgelesen, Rezensionen und Aufsätze geschrieben, Vorlesungen
vorbereitet, viel Kakao oder Tee getrunken und sehr viel geraucht.
Wenn ich dann morgens wieder in das Institut kam, das vertraute
Geräusch laufender Pumpen hörte und GERLACH noch da war, war
das ein gutes Zeichen: Es war über Nacht nichts zu Bruch
gegangen.

So kam ich eines Morgens im Februar ins Institut; es war ein
herrlicher Morgen: Kaltlufteinbruch und Neuschnee! GERLACH war dabei,
wieder einmal den Niederschlag eines Atomstrahls, der acht Stunden
lang durch ein inhomogenes Magnetfeld gelaufen war, zu entwickeln.
Erwartungsvoll verfolgten wir den Entwicklungsprozeß und
erlebten den Erfolg monatelangen Bemühens: die erste Aufspaltung
eines Silberatomstrahls im Magnetfeld.  Nachdem Meister SCHMIDT und,
wenn ich mich recht erinnere, auch MADELUNG die Aufspaltung gesehen
hatten, ging es ins Mineralogische Institut zu Herrn NACKEN, um den
Befund mikrophotographisch festzuhalten. Dann erhielt ich den Auftrag,
eine Telegramm an Herrn Professor STERN nach Rostock aufzugeben,
dessen Text lautete: 'BOHR hat doch recht!'"^12

Bemerkenswerterweise glaubte SOMMERFELD, der doch die räumliche Quantelung eingeführt hatte, damals eher an eine Verbreiterung des Silberatomstrahles, während NIELS BOHR eine Aufspaltung vorhergesagt hatte.

Die erste entscheidende Publikation reichten GERLACH und STERN zum 1. März bei der Zeitschrift für Physik ein, eine weitere folgte nach Ostern Ende März 1922.^13 EINSTEIN schrieb bald darauf an BORN, der seit Sommer 1921 Professor in Göttingen war (worauf ihm in Frankfurt am Main ERWIN MADELUNG nachfolgte):

"Das Interessanteste aber ist gegenwärtig das Experiment von
STERN und GERLACH. Die Einstellung der Atome ohne
Zusammenstöße ist nach den jetzigen
Überlegungsmethoden durch Strahlung nicht zu verstehen; eine
Einstellung sollte von Rechts wegen mehr als 100 Jahre dauern. Ich
habe mit EHRENFEST eine kleine Rechnung darüber
angestellt. RUBENS hält das exerimentelle Ergebnis für
absolut sicher."^14

In der Tat konnten die damals bekannten Vorstellungen, wie vor allem EINSTEIN mit PAUL EHRENFEST zeigte, den von GERLACH und STERN erhaltenen Effekt nicht erklären.^15 Erst die im Jahre 1925 entdeckte Quantenmechanik von WERNER HEISENBERG, MAX BORN und PASCUAL JORDAN brachte den Umschwung, und seitdem zählt man den STERN-GERLACH-Effekt zu den sichersten experimentellen Grundlagen der Quantenmechanik.

Magnetismus, Spektralanalyse und Ramaneffekt

Die Entdeckung des STERN-GERLACH-Effektes stellt sicher einen - vom Standpunkte der Physikgeschichte natürlich den - Höhepunkt in der wissenschaftlichen Laufbahn WALTHER GERLACHS dar. Die sich anschließenden Folge- und Präzisionsuntersuchungen des Effektes erstreckten sich über eine Reihe von Jahren, in denen sich der Frankfurter Extraordinarius zu einem unumstrittenen Experten auf dem Gebiete der magnetischen Atommomente entwickelte.^16 Sie verstärkten gleichzeitig sein bereits früher gezeigtes Interesse an magnetischen Erscheinungen der Materie, das sich vor allen Dingen in der Tübinger und Münchner Zeit auch auf die physikalischen und technischen Eigenschaften ferromagnetischer Stoffe ausdehnte und einen wesentlichen Teil des Arbeitsprogrammes der GERLACHschen Schule ausmachte.

p68 Walter Gerlach, um 1928

Bereits in Frankfurt am Main erweiterte GERLACH stetig die Themen seiner experimentellen Untersuchungen. Zunächst erwarb er sich durch Lesen und Rezensieren von Originalarbeiten und Büchern und durch Schreiben zusammenfassender Berichte eine gründliche und umfangreiche Einsicht in die Fragestellungen der neuesten Forschung, vor allem der damals grundlegenden Atomphysik. Sodann verwendete er großes und ausdauerndes Geschick und außerordentliche Erfindungskraft, um möglichst einfache und wirksame Apparaturen zu bauen, die experimentelle Erscheinungen in reinster Form aufspüren konnten. Mit einer wachsenden Zahl von Schülern und Mitarbeitern erzielte er schöne Erfolge, bei Einzeluntersuchungen etwa mit ALICE GOLSEN (Messung des Strahlungsdruckes mit Radiometern 1923) und E. LEHRER (Messung der rotatorischen Brownschen Bewegung mit Hilfe der Drehwaage 1927). Ab 1922 nahmen Studien atomarer und molekularer Spektren einen wachsenden Anteil in GERLACHS Werk ein. Er schloß sich weniger der damals zahlreichen Gemeinde der Spektroskopiker an, die systematisch bekannte und unbekannte Spektren ausmaßen und ordneten, sondern suchte eher die Lücken zu erspähen, um selbst ergänzende Erkenntnisse zu liefern: so beschäftigte er sich mit dem "Elektronenaffinitätsspektrum des Jodatoms" (1923 mit FRITZ GROMANN) oder schlug eine "neue Methode zur direkten Messung des Intensitätsverhältnisses von Mehrfachlinien" (1924 mit O. BREZINA) vor. In den späten zwanziger Jahren schuf GERLACH zusammen mit seinem Schüler EUGEN SCHWEITZER Grundlagen und Methode der chemischen Spektralanalyse: mit ihr gelingt es durch geschickt ausgewählte praktische Schritte (Methode der "letzten Linien"), den quantitativen Nachweis chemischer Elemente zu führen. Die chemische Spektralanalyse erlangte auch in der biologischen und medizinischen Forschung Bedeutung, vor allem aber in der Materialkunde. GERLACH hat selbst den Weg dazu gewiesen durch zahlreiche und weitgestreute Veröffentlichungen, die sich weit in die dreißiger Jahre hineinziehen sowie durch ein dreiteiliges Werk, dessen einzelne Bände 1930, 1933 und 1936 herauskamen. Bei seiner großen Begeisterung für neue, ungewöhnliche experimentelle Verfahren kann es kaum verwundern, daß er auch bald nach der Entdeckung des Ramaneffektes, nämlich ab 1929, sich auch diese Methode aneignete und mehrfach zur Strukturaufklärung von Molekülen benützte.

Es erscheint bemerkenswert, daß sich der Schwerpunkt von GERLACHS Arbeiten nach 1925 zunehmend auf die Anwendung der im ersten Viertel dieses Jahrhunderts erreichten Erkenntnisse über die Struktur der Atome und der Materie verschob. Er nahm kaum mehr oder nur am Rande an der Erschließung der neuen Gebiete teil, wie der Kernphysik oder der kosmischen Strahlung, die ab 1930 als die vorderste Front der Physik galten. Das mag zum Teil an der notwendigen apparativen Ausstattung liegen, die widriger Umstände halber weder in seinem Tübinger noch im größeren Münchner Institut vorhanden war. Man kann aber auch vermuten, daß es an der Ausrichtung der Forschung in Deutschland lag, die zumal nach 1933 eine mehr pragmatische, auf nützliche Anwendung ausgerichtete Wendung nahm. Freilich müssen wir beachten, daß gerade GERLACH den Weg diese Richtung schon lange zuvor einschlug. Z. B. begann sein Interesse an den magnetischen Eigenschaften der Materie in den frühen zwanziger Jahren und verstärkte sich gegen ihr Ende - später richtete er besonderes Augenmerk auf die Temperaturabhängigkeit ferromagnetischer Größen sowie deren Zusammenhang mit elektrischen Eigenschaften. Auch die ersten Ansätze zur "quantitativen Spektralanalyse" gehen mindestens ins Jahr 1925 zurück. GERLACH sah einmal die Notwendigkeit, die grundlegenden Ergebnisse von Atom- und Quantenphysik in das gesamte physikalische Weltbild einzuführen, d. h. sie in allen physikalischen Erscheinungen aufzuspüren und fest zu etablieren. Andererseits reizte ihn gerade, die Auswertung fundamentaler Erkenntnisse zu untersuchen, so daß man sein Münchner Arbeitsprogramm geradezu als ein Ideal moderner Forschung in der angewandten Physik bezeichnen darf. Diese Entwicklung hat den Kollegen SOMMERFELD eigentlich ziemlich enttäuscht.

Physik, Politik und Gesellschaft

Gerade der große Theoretiker der Atome, ARNOLD SOMMERFELD, hatte den verdienstvollen experimentellen Erforscher der Atome, WALTHER GERLACH, auf den Münchner Lehrstuhl geholt. In den Anfangsjahren des Dritten Reiches schlossen sich beide eng zusammen, um den Angriffen auf die neue, als "jüdisch" verleumdete Physik zu widerstehen. Obwohl der sichtbare Erfolg keineswegs immer auf ihrer Seite stand, versuchten sie energisch die Qualität von Forschung und Lehre an ihrer Universität und darüber hinaus zu erhalten. 1943, während des Zweiten Weltkrieges, wurde GERLACH dann mit der Leitung der Fachsparte Physik im zentralen Reichsforschungsrat beauftragt, ab Januar 1944 war er in Berlin als "Bevollmächtigter für Kernphysik des Reichsmarschalls", d. h. von HERMANN GÖRING, für das geheime deutsche Uranprojekt zuständig; es strebte den Bau eines funktionierenden und Energie erzeugenden Kernreaktors an. Obwohl er sich vorher mit der dazugehörigen Kernphysik und -technik nie beschäftigt hatte, hat er diese Aufgabe mit von allen Mitarbeitern anerkanntem Erfolg wahrgenommen, gestützt auf seine Autorität als führender Experimentalphysiker und seine ungeheure Arbeitskraft, sein kompromißloses Eintreten für den Menschen und die Sache. Vor allem bemühte er sich dabei auch zusammen mit einigen anderen Repräsentanten der Physik in Deutschland (etwa CARL RAMSAUER, dem Präsidenten der Deutschen Physikalischen Gesellschaft), möglichst viele Kollegen vor sinnlosem Sterben an der Front zu bewahren. Er hat aber auch durchaus darunter gelitten, daß es den deutschen Uranforschern nicht gelang, einen kritischen Reaktor vor Kiegsende zu bekommen.

Am Ende des Krieges wurde GERLACH zusammen mit den führenden deutschen Atomforschern soweit sie vor allem am Uranprojekt beteiligt waren, nämlich ERICH BAGGE, KURT DIEBNER, OTTO HAHN, PAUL HARTECK, WERNER HEISENBERG, HORST KORSCHING, MAX VON LAUE, CARL FRIEDRICH VON WEIZSÄCKER und KARL WIRTZ, gefangengesetzt. In englischer Internierung (Farmhall bei Cambridge) wurden sie vom Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki überrascht und schworen, sich nie selbst am Bau von Kernkraftwerken zu beteiligen. Zwölf Jahre später, im April 1957, haben sie diese Haltung in der "Erklärung der Göttinger 18" öffentlich bekräftigt und sich immer daran gehalten. Ebenso wie er Atomwaffen ablehnte, so hat GERLACH mit voller Überzeugung für die friedliche Nutzung der Kernenergie gesprochen. Dabei übersah er keineswegs die Gefahren einer Verseuchung der Natur und Umwelt durch vom Menschen erzeugte Radioaktivität, hatte er doch schon 1956 als sein letztes physikalisches Forschungsprogramm mit der fortlaufenden Messung und Analyse radioaktiver Niederschläge (erzeugt vor allen Dingen durch den Fallout von Kernwaffenversuchen) begonnen.

Große Anstrengungen und viel Zeit verwendete GERLACH nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Wiederaufbau seiner Institute. Besonders seit seiner Rückkehr an die Universität München kämpfte er unnachgiebig und kraftvoll gegen alle Widerstände in Behörden und Ministerien. Drei entscheidende Jahre, von 1948 bis 1951, wurde er zum Rektor seiner Universität gewählt. Er hat damals wie auch später keine persönliche Konfrontation gescheut und nicht nur das eigene Physikalische Institut von Grund auf neugestaltet. Wissenschaft war für GERLACH eine absolute Macht, die ebenso der tiefsten Erkenntnis des Menschen wie dem Nutzen der Gesellschaft diente. Wer an ihr schäbig zu handeln wagte, den konnte neben Verachtung gelegentlich der sprühende Zorn des auch durch die große Gestalt Achtung einflößenden Altmeisters treffen.

Nach seiner Emeritierung hörte dieser Einsatz kaum auf. So stellte WERNER HEISENBERG, der mit ihm seit Jahrzehnten bekannt und befreundet war, anläßlich seines 75. Geburtstages fest:

"Ein Hauptteil seiner Arbeitskraft galt in den letzten Jahren den
Problemen der Forschungsförderung und der
Wissenschaftsorganisation, Fragen, mit denen er sich als Mitglied des
Präsidiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu
beschäftigen hatte. Die Erfolge dieser Art von Arbeit sind nach
außen nicht so leicht zu sehen, aber sie spielen in der
Entwicklung der Wissenschaft im Deutschland der Nachkriegszeit eine
bedeutende Rolle, und die deutsche Wissenschaft hat Grund, ihm
dafür dankbar zu sein. Mit temperamentvollen Reden hat GERLACH in
die Debatte über die Bildungspolitik, über das
Verhältnis von Forschung und Lehre an den Hochschulen, über
Beziehungen zwischen Geisteswissen schaft und Naturwissenschaft
eingegriffen. Die Auswirkungen der naturwissenschaftlichen Forschung
im Getriebe der modernen Welt beschäftigten und beunruhigten ihn,
die Verantwortung des Forschers hinsichtlich der späteren
Anwendungen seiner Ergebnisse war für ihn ein Problem von
größtem Gewicht."^17

Man darf nur noch hinzufügen, daß GERLACH nie einen engen, nur der Naturwissenschaft oder gar der Physik allein dienenden Standpunkt einnahm.

Persönlichkeit und Wirkung

WALTHER GERLACH war ein universeller Experimentalphysiker, wie es ihn in einer zunehmend spezialisierten Wissenschaft nicht mehr geben kann und darf. Die Erscheinungen der Natur waren ihm heilig; um die richtigen Begriffe und die Einordnung hat er sich zeitlebens bemüht, während ihm detaillierte mathematische Spitzfindigkeiten fernerlagen. Seine wirkung als Lehrer beruhte nicht allein auf den Fragestellungen, die seine Schüer und Mitarbeiter ebenso wie er selbst untersuchten, er war auch der gegebene Gestalter der großen Physikvorlesung. Wie er vielen Hunderten von Studenten der Naturwissenschaft und Medizin, die in jeder Vorlesung saßen, die Naturerscheinungen in sorgfältig ausgewählten und vorbereiteten Demonstrationsversuchen anschaulich näherbrachte, mag nur noch von seinem Göttinger Kollegen ROBERT POHL erreicht, aber nicht übertroffen worden sein. GERLACH trug begeisternd in einer klaren, schönen und an GOETHE geschulten Sprache vor. Und wenn er gar über ihm besonders am Herzen liegende Erscheinungen und Ergebnisse und deren Finder - etwa die Keplerschen Planetengesetze oder die Newtonsche Optik - sprach, dann glaubte man, selbst am Eindringen in die tiefsten Geheimnisse der Natur beteiligt zu sein.

Seinen Studenten galt GERLACH zugleich als gütiger und persönlich wohlwollender, sachlich aber unnachsichtiger Lehrer. Sein mitunter explosives Grollen konnte eine unklare Darstellung im Seminar ebenso treffen wie die schlampige Handhabung von Apparaturen im Praktikum. Wen aber, wie den Unterzeichneten, als er am Ostermontag im Institut notwendige Routineuntersuchungen ausführte, der dankbar anerkennende Blick des gestrengen Instituchefs traf, der fühlte sich geadelt und zu unermüdlichem Dienst an der Aufklärung der Naturerscheinungen verpflichtet, so wie er es uns selbst in seinger ganzen, langen Laufbahn vorgelebt hatte.

WALTHER GERLACH wurde für seine Leistungen und Dienste vielfach geehrt, von akademischen wie von staatlichen Stellen. Er war Mitglied der Akademien der Wissenschaften in Göttingen, Halle und München sowie der Friedensklasse des Ordens Pour le Merite. Er nahm diese Ehrungen als Anerkennung für seine Wissenschaft und den sich um die Reinheit und Größe der Naturerkenntnisse bemühenden Forscher. Er kannte die Geschichte seines Faches und trug selbst zur Weitergabe ihrer Kenntnis bei; vor allem aber ist er in sie selbst als eine herausragende Persönlichkeit eingegangen.


Fußnoten

1 Einstein an Landé, 6 November 1924; wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Museums, München, und des Estate of Albert Einstein, New York, in Physikalische Blätter 35, 372, 1979
2 Gerlach, Eine Methode zur Bestimmung der Strahlung in absolutem Maß und die Konstante des Stefan-Boltzmannschen Strahlungsgesetzes, Annalen der Physik (4) 38, 1, 1912
3 Siehe z. B. Gerlach und Meyer, über den photoelektrischen Effekt an ultramikroskopischen Metallteilchen, Annalen der Physik (4) 45, 177, 1914; dieselben, über die Abhängigkeit der photoelektrischen Verzögerungszeit vom Gasdruck bei Metallteilchen ultramikroskopischer Größenordnung, ibid., 47, 227, 1915.
4 Gerlach, Experimentelle Untersuchungen über die absolute Messung und Größe der Konstante des Stefan Boltzmannschen Strahlungsgesetze (Habilitationsschrift, Universität Tübingen 1916).
5 Born an Einstein, 12. Februar 1921; abgedruckt in Albert Einstein, Max und Hedwig Born: Briefwechsel 1916 1955 (M Born, Hrsgb., Nymphenburger Verlagshandlung, München 1969), Seite 82.
6 Born: Mein Leben. Die Erinnerungen des Nobelpreisträgers (Nymphenburger Verlagshandlung, München 1975), Seite 26-5.
7 Zitat in Fußnote 6
8 Siehe den Bericht von Gerlach, Zur Entdeckung des Stern Gerlach-Effektes, Physikalische Blätter 25, 472, 1969. Eine Zusammenfassung findet man in Mehra und Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory (Springer-Verlag, New York, Heidelberg und Berlin 1982), Band 1 Kapitel IV 3, besonders Seiten 434-445.
9 Sommerfeld, Zur Quantentheorie der Spektrallinien, Annalen der Physik (4) 51, 1, 1916; besonders Seiten 29 und 32
10 Stern, Ein Weg zur experimentellen Prüfung der Richtungsquantelung im Magnetfeld, Zeitschrift für Physik 7, 249, 1921.
11 Schütz, Persönliche Erinnerungen an die Entdeckung des Stern-Gerlach Effektes, Physikalische Blätter 25, 343, 1969; besonders Seite 343
12 Zitat in Fußnote 11, Seiten 343,344
13 Gerlach und Stern, Der experimentelle Nachweis der Richtungsquantelung, Zeitschrift für Physik 9, 349, 1922; dieselben, Das magnetische Moment des Silberatoms, ibid. 9, 353, 1922.
14 Einstein an Born, ohne Datum, Zitat in Fußnote 5, Seite 102.
15 Einstein und Ehrenfest, Quantentheoretische Bemerkdngen zum Experiment von Stern und Gerlach, Zeitschrift für Physik 11, 31, 1922.
16 Siehe Gerlach, Experimentelle Forschungen über das Magneton, Physikalische Zeitschrift 26, 816, 1925.
Alle Literaturzitate von Walther Gerlach sind enthalten in der Bibliographie Walther Gerlach. Veröffentlichungen 1912-1979, bearbeitet von Nida Rümelin (Veröffentlichungen des Forschungsinstituts des Deutschen Museums für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik, München 1982) Wir verweisen auf diese Zusammenstellung vor allem für die Zitate von Gerlachs Schriften. die wir nicht explizit angeben.
17 Heisenberg, Walther Gerlach zum 75 Geburtstag, Süddeutsche Zeitung, 31. Juli 1964, Seite 16.

 

geändert am 12. Dezember 2008  E-Mail: Webmasterpresse@uni-frankfurt.de

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Druckversion: 12. Dezember 2008, 11:12
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