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Regionen Deutschlands mit Neandertaler-Fundstellen

Ökologie und Evolution pleistozäner Hominiden Mitteleuropas

Hominiden-Fundstellen in Deutschland

Mit dem Fund eines Neandertaler-Skeletts in Mettmann bei Düsseldorf wurde im Jahr 1856 eine neue Forschungsrichtung begründet: die Paläoanthropologie. Bald zeigte sich, dass der Mensch mit der eigentümlichen Anatomie kein Einzelfall war, sondern ein Repräsentant früher Bewohner Mitteleuropas. Im Juli und August 2006 gingen wir auf Reisen und besuchten unsere hominiden Vorläufer. Wir besuchten weltberühmte Fundstellen in Mauer an der Elsenz, Reilingen, Steinheim an der Murr, Höhlen auf der Schwäbischen Alb, Fundstellen in Weimar-Ehringsdorf, Bilzingsleben, Schöningen und schließlich das Neandertal selbst. Wir nutzen dabei die Gunst der Stunde, denn im Jahr 2006 jährte sich zum 150. Mal der Erstfund des Neandertalers in Mettmann. Die in Deutschland gefundenen Hominiden-Fossilien wurden anläßlich des Jahrestages im Original in einer Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum in Bonn gezeigt.

Einige der ältesten Hominiden-Fundstellen Deutschlands liegen im Neckartal und im Oberrheingraben. Hierzu gehören Mauer an der Elsenz, Steinheim an der Murr und Reilingen. Die Hominiden wurden in Sand- und Kiesgruben gefunden. Ihr Alter liegt zwischen 500.000 und 250.000 Jahren. Sie repräsentieren damit die frühesten Bewohner Mitteleuropas.

Mauer an der Elsenz

Der älteste, bislang bekannte Hominiden-Fund Deutschlands mit einem Alter von rund 500.000 Jahren stammt aus Mauer an der Elsenz bei Heidelberg. Die Fundstelle der Mauer-Mandibel liegt in den sandigen Ablagerungen einer einstigen Neckarschlinge. Der Unterkiefer wurde 1907 beim Sandabbau entdeckt. Verglichen mit dem Unterkiefer eines modernen Menschen besitzt die Mauer-Mandibel eine enorme Größe. Ein knöchernes Kinn fehlt. Dafür zeigt der Unterkiefer eine Knochenbrücke auf der Innenseite, die beide Unterkieferhälften gegeneinander abstützt. Ein solcher Bau ist charakteristisch für Homo erectus. Der Unterkiefer gehörte somit sicher einem den frühesten Bewohnern Mitteleuropas, der die Frühphase der Neandertaler-Evolution (Stufe 1) vetritt. Hominiden dieser Entwicklungsstufe werden Homo heidelbergensis zugeordnet.

Die Fauna der unteren Mauerer Sande, aus denen auch der Heidelberger Unterkiefer stammt, umfasst eine Reihe warmzeitlicher Arten wie das Waldnashorn (Stephanorhinus kirchbergensis), den Waldelefanten (Elephas antiquus) sowie Wildschweine (Sus scrofa) und Rehe (Capreolus capreolus). Daneben kommt in Mauer auch ein Flußpferd (Hippopotamus amphibius) vor, das nur während der pleistozänen Wärmemaxima nach Mitteleuropa vorgedrungen ist.

Steinheim an der Murr

Weiter Neckar-aufwärts liegt Steinheim an der Murr, wo im Jahr 1933 in einer Sandgrube ein weiterer Hominiden-Fund gemacht wurde. Der Schädel ist mehr oder minder vollständig, aber an der anatomisch linken Schläfe beschädigt. Er besitzt ein Alter von etwa 400.000 Jahren. Der Schädel besitzt eine größere Kranialkapazität als Homo erectus. Dies und weitere Eigenschaften - zum Beispiel das im Vergleich zu Homo erectus abgerundete Hinterhaupt - zeigen, dass die einstige Trägerin des Schädels bereits ein weiter fortgeschrittenes Stadium der Neandertaler-Evolution repräsentiert (Stufe 1-2).

Heute liegt die ehemalige Sandgrube im Stadtgebiet von Steinheim an der Murr und ist bebaut. Eine Tafel erinnert an den Fundort. Im Profil lassen sich anhand der großen Säugetiere mehrere Schichten unterscheiden, wobei der Schädel selbst in der mittleren, den nach dem dort gefundenen Waldelefanten als "antiquus-Schotter" bezeichnet werden. Neben dem Waldelefanten (Elephas antiquus) wurde in Steinheim auch ein Wasserbüffel (Bubalus murrensis) gefunden, der ähnlich wie das Mauerer Flußpferd nur während extremer Wärmemaxima nach Mitteleuropa vorgedrungen ist.

Reilingen

Anders als Mauer und Steinheim liegt die Fundstelle Reilingen im Tal des Oberrheingrabens. Im Rheingraben wird an vielen Stellen Kies gefördert. Während der Förderarbeiten wird rasch der Grundwasserspiegel erreicht, so dass sich die Gruben mit Wasser füllen - so auch in Reilingen. Mit dem Kies werden auch immer wieder Fossilien großer Säugetiere an die Wasseroberfläche gefördert. 1978 schließlich kam die Schädelkalotte eines Frühmenschen ans Licht. Da das Profil unterhalb des Wasserspiegels liegt und nicht zugänglich ist, lässt sich über das Alter des Reilinger Schädels nicht viel sagen. Anhand seines Baus lässt sich der Schädel allerdings frühen Phasen der menschlichen Evolution in Mitteleuropa zuordnen. Er repräsentiert ein frühes Stadium in der Entwicklung zum klassischen Neandertaler (Stufe 2).

Die mit dem Schädelfund zu Tage geförderten Säugetiere lassen sich sowohl kalt- als auch warmzeitlichen Phasen zuordnen. An Rüsseltieren wurde sowohl das Mammut (Mammuthus primigenius) als auch der Waldelefant (Elephas antiquus) gefunden. Da die warmzeitlichen Faunenelemente allerdings häufiger vertreten sind, wird vermutet, dass auch der Reilinger in eine dieser mittelpleistozänen, warmzeitlichen Phasen gehört.

Das Thüringer Becken gehört ebenfalls zu den bereits frühzeitig besiedelten Regionen Deutschlands. Die Hominiden-Fundstellen besitzen ein Alter von 400.000 bzw. 200.000 Jahren. Darüber hinaus gibt es im Thüringer Becken weitere wichtige pleistozäne Säugetierfundstellen wie Süßenborn, Untermaßfeld und Burgtonna. An diesen Fundstellen erfahren wir vieles über Landschaft, Umwelt und Lebensbedingungen pleistozäner Hominiden im Thüringer Becken.

Bilzingsleben

An der Fundstelle Bilzingsleben im nördlichen Thüringer Becken sind Flußterrassen der Wipper aufgeschlossen. Zwar herrscht noch Unklarheit darüber, wieviele Flußterrassen im Profil ausgewiesen werden müssen; die Hominiden-Fundstelle ist jedoch stratigraphisch recht sicher eingeordnet, da sie zwischen Terrassen des Saale- und des Elster-Glazials liegt. Heute wird von einem Alter von rund 400.000 Jahren ausgegangen. Neben dem Waldelefanten (Elephas antiquus) ist auch das Steppennashorn (Stephanorhinus hemitoechus) gefunden worden. Beide Säugetierarten bevorzugen offenes Waldland. Dass es zumindest größere Waldgebiete gegeben hat, zeigt auch der Fund eines Makaken (Macaca sylvanus). Daneben treten klar warmzeitliche Arten auf, wie Wildschwein (Sus scrofa), Damhirsch (Dama dama) und Auerochse (Bos primigenius).

In dieser warmzeitlichen Umgebung wurden die Überreste von Frühmenschen gefunden: Schädelfragmente von mindestens zwei Individuen, ein Unterkieferast ohne Zähne sowie mehrere einzelne Zähne. Da die Knochen stark fragmentiert sind, lassen sie sich anatomisch nicht gut zuordnen. Die Menschen von Bilzingsleben besassen jedoch einen gut ausgeprägten Überaugenbogen und eine postorbitale Konstriktion. Beide Merkmale weisen auf ein frühes Stadium der Neandertaler-Evolution (Stufe 2).

Schöningen

Die Fundstelle Schöningen liegt zwar nicht im Thüringer Becken, sondern jenseits des Harzes im nördlichen Harz-Vorland; da sie ein ähnliches Alter wie die Hominiden-Fundstelle Bilzingsleben besitzt, wird sie vielfach mit dieser in Verbindung gebracht. In Schöningen wurden noch keine Hominiden gefunden, allerdings sieben praktisch vollständig erhaltene hölzerne Speere und ein Schlachtplatz mit den Überresten von mehr als zwanzig Pferden.

Die Säugetierfauna enthält neben Waldelefanten (Elephas antiquus), das Merck'sche Nashorn (Stephanorhinus kirchbergensis) sowie Wildschweine (Sus scrofa) auch Pferde. Auch unter den Kleinsäugern treten Arten wie zum Beispiel der Lemming (Lemmus lemmus), die offenere Landschaften bevorzugen. Primaten wie in Bilzingsleben kommen in Schöningen nicht vor. Die Fauna spiegelt insgesamt interglaziale Bedingungen wider. Um diese spezifische Zusammenstellung auch stratigraphisch besser abzugrenzen, wurde für Schöningen das Reinsdorf-Interglazial im Holstein-Komplex abgegrenzt.

Weimar-Ehringsdorf

Kehren wir wieder in das Thüringer Becken zurück. In Weimar-Ehringsdorf wurde die umfangreichste Sammlung von Hominiden-Fossilien geborgen, die bislang in Deutschland gefunden wurde. Mit einem Alter von rund 200.000 Jahren sind die Schichten, aus denen die Hominiden stammen etwas jünger als die Fundschicht der Hominiden in Bilzingsleben. Die Hominiden stammen aus den oberen Abschnitten der unteren Travertine. Während in den unteren Abschnitten eine klar warmzeitliche Fauna vorliegt, zeigen die oberen Abschnitt bereits stärker kontinentale Bedingungen. Der Anteil des Steppennashorns (Stephanorhinus hemitoechus) nimmt zu und es tritt sogar ein Pfeifhase auf (Ochotona pusilla), die heute in gemäßigten bis kühlen Klimaregionen vorkommen.

Die Hominiden-Funde umfassen Fragmente eines jugendlichen Skeletts, Schädelfragmente von mindestens vier Individuen, ein fragmentierter Oberschenkel, eine Mandibel, mehrere isolierte Zähne und schließlich ein Schädel. Der Schädel besitzt einen durchgehenden Überaugenbogen und verfügte über eine Kranialkapazität von rund 1.400 ccm. Anders als beim Steinheimer Schädel ist das Hinterhaupt des Ehringsdorfer Schädels abgerundet. Daher werden die Ehringsdorfer im allgemeinen einer bereits weiter fortgeschrittenen Phase der Neandertaler-Evolution zugeordnet (Stufe 3). 

Auch das nördliche Rheintal, die Niederrheinische Bucht war bereits frühzeitig von Menschen besiedelt. Außerdem befindet sich dort die namengebende Fundstelle, nämlich das Neandertal. In Sedimenten aus der kleinen Feldhofer-Grotte wurden bereits im Jahr 1856 die Überreste von Neandertalern gefunden. Der Kalkstein im Neandertal wurde inzwischen vollständig abgebaut. Damit ist auch die Kleine Feldhofer-Grotte vollständig beseitigt worden. Vom einstigen romantischen Tal ist kaum etwas übrig. Durch erneute Grabungen im vergangenen Jahrzehnt gelang es jedoch, den Abraum aus der Höhle ausfindig zu machen. Funde von Knochenfragmenten, die zum Originalfund aus dem Jahr 1856 passen, zeigen zweifelsfrei, dass es sich tatsächlich um den Abraum aus der kleinen Feldhofer Grotte handelt. Heute ist diese denkwürdige Stelle durch Markierstangen gekennzeichnet.

Neander valley

Die Ablagerungen besitzen ein Alter von rund 40.000 Jahren und gehört damit bereits ins Jungpleistozän. Der Originalfund aus dem Jahr 1856 umfasst den größten Teil des Skeletts einschließlich der Schädelkalotte. Die Kalotte zeigt einen Überaugenbogen, die langstreckte, niedrige Form, die für Neandertaler-Schädel insgesamt charakteristisch ist, sowie eine Grube oberhalb des Hinterhauptsknicks und eine darüber liegende Vorwölbung. Diese Eigenschaften werden als Merkmale des klassischen Neandertalers (Stufe 4) angesehen. Die Knochen des Skeletts sind im Vergleich zum anatomisch modernen Menschen robust und die distalen Abschnitte der Extremitäten, also Unterarme und Unterschenkel, relativ kurz.

Anders als alle bislang vorgestellten Hominiden-Fundstellen lässt sich die Fundstelle im Neandertal nicht in eine Warmzeit einordnen. Vor 40.000 Jahren herrschten vielmehr kaltzeitliche Bedingungen. Klassische Neandertaler stellen daher die erste Hominiden-Form dar, die auch in der jungpleistozänen Mammutsteppe in Mitteleuropa lebten.

Ach valley

Neandertaler siedelten in Deutschland aber nicht nur in der Niederrheinischen Bucht, sondern auch am Oberlauf der Donau. In den Höhlenfundstellen im Ach- und Lonetal auf der Schwäbischen Alb sind sie wenigstens durch mittelpaläolithische Artefakt-Funde nachgewiesen. Berühmt sind diese Fundstellen allerdings nicht wegen der Neandertaler-Funde, sondern dafür, dass sie auch später von anatomisch modernen Menschen genutzt wurden. Diese Menschen haben Statuetten aus Elfenbein und Knochen angefertigt, darunter eine Vogelskulptur aus Hohle Fels (oben links), ein Bison vom Geißenklösterle (oben rechts), insgesamt elf Statuen vom Vogelherd (unten links) und den Löwenmenschen, mit knapp 30 Zentimetern eine der größten bekannten Statuen aus dem Hohlenstein-Höhlenkomplex (unten rechts). Allein aufgrund ihrer großen Zahl sind diese Statuen einzigartig in der Welt.

Lone valley

Da die Höhlen der Schwäbischen Alb sowohl von Neandertalern als auch von anatomisch modernen Menschen genutzt wurden, eignet sich diese Region darüber hinaus zur Untersuchung der Frage, wie Begegnungen zwischen diesen beiden Menschenformen abliefen. Diese Begegnungen führten letztlich zum Verschwinden der Neandertaler.

 

geändert am 13. Dezember 2011  E-Mail: Webmastervolmer@bio.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 13. Dezember 2011, 12:27
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