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Theodor Herzls dramatisches Werk. Eine kommentierte Edition seiner Stücke

Forschungs- und Editionsprojekt von Dr. Heike Breitenbach

Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, war im Hauptberuf Journalist und Schriftsteller. Als Feuilletonredakteur, Paris-Korrespondent der Wiener Neuen Freien Presse und schließlich als Feuilletonchef der Neuen Freien Presse in Wien, zu dieser Zeit die führende überregionale Tageszeitung des Habsburger Reiches, war Herzl äußerst erfolgreich. Besonders mit seinen Feuilletons machte er sich einen Namen.

Seine große Leidenschaft galt jedoch dem Theater und seiner Tätigkeit als Theaterschriftsteller. Diese Seite Herzls ist heute jedoch nahezu vergessen. Herzl verfasste ca. 20 Theaterstücke und mehr als zehn Entwürfe für weitere Stücke. Die meisten von ihnen sind Komödien, angesiedelt im bürgerlichen Familienmilieu um 1900. In ihnen geht es um die Rolle des Geldes und seine Instrumentalisierung für unmoralische Zwecke, um die Geschlechterrollen, um arrangierte Ehen, Heirats-Spekulanten und die Unterdrückung wahrer Gefühle aufgrund gesellschaftlicher Konventionen, um gelangweilte neureiche bürgerliche Emporkömmlinge, und natürlich, wie es typisch ist für die Komödie, um den betrogenen Betrüger. In einigen seiner späteren Stücke thematisiert Herzl auch gesellschaftlich-soziale Missstände und Ungerechtigkeiten, den Wert der Arbeit und den Gegensatz von ehrlicher Bescheidenheit und Protzertum, und schließlich setzt er sich auch mit der »Judenfrage« auseinander. Seine früheste Beschäftigung überhaupt mit der Situation der Juden in seiner Zeit und damit auch mit seiner eigenen jüdischen Identität fand in einem Drama, Das neue Ghetto, statt.

Herzls Erfolg als Theaterdichter war wechselhaft. Etliche seiner Stücke waren durchaus erfolgreich und wurden auf Bühnen in Deutschland, Österreich und anderen Teilen des Habsburger Reiches – also im gesamten deutschsprachigen Raum – aufgeführt, darunter auf so prestigeträchtigen Bühnen wie dem Burgtheater in Wien, dem Deutschen Theater in Berlin und dem Deutschen Theater in Prag. Andere Stücke hingegen wurden von Theateragenturen oder den Theaterdirektoren, denen Herzl sie einsandte, rigoros abgelehnt. Mit den zur Aufführung gelangten Stücken erreichte er aber durchaus Ruhm und Popularität als Bühnenschriftsteller.

Herzls Stücke repräsentieren hauptsächlich sein vor-zionistisch literarisches Wirken in der Ära des sogenannten Jung Wien. Seine Bedeutung als eine führende Persönlichkeit in den künstlerischen Kreisen Wiens war beträchtlich. Herzl war es zum Beispiel, der als erster das Talent des jungen Stefan Zweig bemerkte.

Unter seinen letzten Werken finden sich einige Stücke, die Herzls erwachtes politisches und soziales Bewusstsein im Allgemeinen und seine Beschäftigung mit der »Judenfrage« im Besonderen reflektieren. Damit geht ein Reifeprozess in Herzls Schreiben einher, das nun auch an der Gattung des zionistischen Lustspiels antizipiert. Dieser Prozess findet jedoch durch Herzls frühen Tod im Jahr 1904 ein abruptes Ende. Von diesen Stücken ist Das neue Ghetto bis heute Herzls bekanntestes Stück, das – wie auch der kurze elegische Schwank Im Speisewagen – in die Gesamtausgabe der zionistischen Schriften Herzls aufgenommen wurde. Mit Ausnahme dieser beiden Stücke sind Herzls Theaterstücke der Wissenschaft oder einem breiteren Publikum heute nicht mehr zugänglich, da sie nach seinem Tod nicht wieder aufgelegt wurden und heute zerstreut in verschiedenen Bibliotheken und Archiven in Israel und Deutschland liegen. Somit ist ein Kernstück von Herzls Werk noch unentdeckt.

Die hohe Bedeutung, die Herzl persönlich seiner schriftstellerischen Tätigkeit im Allgemeinen, besonders aber auch seinem Wirken als Bühnenautor beimaß und wie sehr er sich Anerkennung auf diesem Gebiet wünschte, kommt vielleicht am offenkundigsten in seinem »Literarisches Testament« zum Ausdruck, das er am 12. Februar 1897 verfasste. In ihm verfügte er, wie nach seinem Tod mit seinem schriftlichen Nachlass umgegangen werden sollte, und die Verfügungen betreffen auch Herzls dramatisches Werk. Zu diesem bestimmte er: »Ich denke, man soll meine Theaterstücke in einer Sammlung herausgeben.«.

Die kommentierte Ausgabe der Theaterstücke Theodor Herzls versammelt erstmals das gesamte dramatische Werk Theodor Herzls in einer Ausgabe. Eine allgemeine Einleitung führt in Herzls literarisches Schaffen ein mit dem Ziel, eine neue und andere Sicht auf seinen Charakter zu eröffnen, als ausschließlich die des Begründers des politischen Zionismus, während sie gleichzeitig bestrebt ist, die Wechselbeziehung zwischen Theodor Herzl dem Dramatiker und dem Politiker herauszuarbeiten. Die Einführung konzentriert sich dabei insbesondere auf folgende Aspekte: einige allgemeine Bemerkungen zum Theater in Wien zur Zeit Herzls, eine Zusammenfassung und Einordnung des schriftstellerischen Lebens Theodor Herzls, Herzls Selbstverständnis als Theaterschriftsteller, die Rezeption des Bühnenautors und Schriftstellers Theodor Herzl; das Schlusskapitel widmet sich der Frage nach einer theatralischen Begegnung zwischen dem Komödienautor Theodor Herzl und der Gründung der zionistischen Bewegung. Der auf die Einleitung folgende Hauptteil bietet die Stücke Herzls nach dem Erstdruck. In einem dritten Teil wird jedes Stück in einem eigenen Kommentar erläutert, der hauptsächlich die Entstehungsgeschichte, Aufführungsgeschichte und Rezeptionsgeschichte der Stücke analysiert.