Profilbereich Universality & Diversity

Mission Statement

Auf der Grundlage der theoretischen und methodischen Potenziale der historischen Geisteswissenschaften, insbesondere des interdisziplinären Zusammenwirkens der Sprachwissenschaften, der Religionsforschung, der Geschichtswissenschaften, der Philosophie sowie der Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaften, und im Gespräch mit den Politik- und Sozialwissenschaften stellt der Profilbereich „Universality & Diversity“ die kulturell, gesellschaftlich und politisch hochaktuelle Frage nach dem konstruktiven Umgang mit dem Faktum religiöser, kultureller und sprachlicher Vielfalt und den damit verbundenen Chancen und Konflikten. Den gemeinsamen Rahmen der im Profilbereich vertretenen Forschungsrichtungen und -ansätze bildet dabei die Annahme, dass sich geisteswissenschaftliches Wissen angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen allgemeinen Geltungsansprüchen prominenter Leitkonzepte wie Kultur, Vernunft und Sprache und der begrifflichen Artikulation und historischen Perspektivierung gelebter Diversität bewährt. Neben der Auseinandersetzung mit den für die europäischen Gesellschaften und Kulturen charakteristischen Phänomenen und Debatten sind dabei die an der Goethe-Universität vorhandenen fachlichen Kompetenzen im Bereich der Analyse von Wissensordnungen jenseits des europäischen Erfahrungshorizonts von zentraler Bedeutung. 

Der Profilbereich baut in seinen Forschungen auf interdisziplinäre Netzwerke an der Universität, die in mehreren für den Standort Frankfurt profilbildenden Forschungszentren organisiert sind, darunter etwa dem Zentrum für interdisziplinäre Afrikastudien (ZIAF), das zugleich eine Schnittstelle zu den Natur- und Gesellschaftswissenschaften bildet, dem Interdisziplinären Zentrum für Ostasienstudien (IZO), das zudem ebenfalls eine Schnittstelle zu den Gesellschaftswissenschaften bildet, dem Forschungszentrum historische Geisteswissenschaften (FzHG), das Forschungsinitiativen der Fachbereiche 6-10 eine gemeinsame Plattform bietet, oder dem Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg (FKH), das als Institute for Advanced Studies der Goethe-Universität als Ort der Debatte und des Dialogs über die Prozesse der Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung fungiert. Weitere – auch international aufgestellte – Zentren sind im Aufbau begriffen, insbesondere das gemeinsam mit der Tel Aviv University verantwortete „Frankfurt-Tel Aviv Center for the Study of Religious and Interreligious Dynamics“, das die interdisziplinäre Religionsforschung (mit Schwerpunkt auf Judentum, Christentum und Islam) an beiden Standorten strategisch miteinander vernetzt. 

Exemplarisch für die Kooperation und das Gespräch zwischen den Disziplinen innerhalb des Profilbereichs steht der Forschungsschwerpunkt „Dynamiken des Religiösen: Prozesse des Verstehen, des Missverstehens und der Verständigung“, an der die christlichen Theologien, die Religionswissenschaft, die Judaistik und die Islamischen Studien ebenso beteiligt sind wie die Geschichtswissenschaften, die Philosophie, die Ethnologie oder die Archäologie. Ziel des Forschungsschwerpunkts ist es, in interdisziplinären und interreligiösen Explorationen die – dialogischen oder konflikthaften – wechselseitigen Beziehungen und Wahrnehmungen zwischen den drei in sich vielfältigen Religionen „Judentum“, „Christentum“ und „Islam“ (und zwischen ihnen und den zunehmend säkularen Konstellationen moderner und gegenwärtiger pluraler Gesellschaften) in historischen und gegenwärtigen globalen Kontexten zu erforschen. Den Schlüssel dazu bietet die Frage nach den komplexen Prozessen des „Verstehens“, des „Missverstehens“ und der „Verständigung“, die in diesem Kontext eine Rolle spielen. Verbunden sind die Forschungsperspektiven der Beteiligten u.a. durch (1) das gemeinsame Interesse an begrifflichen und historischen Untersuchungen von dialogischen und konflikthaften Aspekten wechselseitiger Verstehensprozesse zwischen religiösen Traditionen, (2) nach Phänomenen des Verstehens des Eigenen und des Fremdreligiösen in multireligiösen und säkularen Kontexten, (3) nach dem Verhältnis von innerreligiöser und interreligiöser Pluralität, (4) nach Selbst- und Fremdzuschreibungen kultureller Identitäten im Bereich von Kult und Ritual, (5) nach sozio-kulturellen Dynamiken und wirtschaftlichen Kontexten der Begegnung ethnischer und religiöser Gruppen, (6) nach interreligiösen Dynamiken von Kulturtransfer, Übersetzung, Aneignung und Transformation religiös-kultureller Wissensordnungen, (5) nach Phänomenen destruktiver oder kreativer Missverständnisse sowie (7) nach den rationalen, emotionalen und politisch-sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Religionsdialogen und Verständigung, oder (8) nach dem Wandel religiöser, kultureller und gesellschaftlicher Diskurse durch die zunehmende Digitalität sowohl von Forschung als auch von öffentlicher Kommunikation. Durch die Gründung eines „Kompetenzzentrums Religion“ sollen die Potenziale der beteiligten Disziplinen im Bereich von Wissenschaftskommunikation, Transfer und Science Policy systematisch ausgebaut werden. 

Der Profilbereich „Universality and Diversity“ setzt sich zum Ziel, die Forschungen der unterschiedlichen Disziplinen, Verbundprojekte und Zentren, aber auch Einzelprojekte an der Goethe-University, die sich mit den genannten Forschungsthemen befassen, durch gemeinsame Arbeitsformen und Diskussionsforen stärker als bisher zu vernetzen und auf diese Weise die unterschiedlichen disziplinären Zugänge mit Blick auf historische Fragen und aktuelle Debatten im Bereich von Gesellschaft und Kultur gleichzeitig zu profilieren und in ihren wechselseitigen Synergien zu nutzen. Beabsichtigt ist zudem eine intensive Zusammenarbeit mit dem Profilbereich „Orders & Transformations“, dessen Forschungsperspektiven für die Thematik von Diversität und Universalität von großer Bedeutung sind, so wie im Umkehrschluss die religions-, geschichts-, kultur- und sprach- sowie literaturwissenschaftlichen Zugänge wichtige Kooperationsmöglichkeiten für die Gesellschaftswissenschaften bieten. Gleichfalls wird im Dialog mit dem Profilbereich „Sustainability & Biodiversity“ zu eruieren sein, wie sich kulturelle und biologische Diversität zueinander verhalten und was die geistes- und die naturwissenschaftlichen Diversitätsforschungen voneinander lernen können. Im Zentrum der Arbeit des Profilbereichs stehen dabei gemeinsame Strategien der Internationalisierung von Forschung und Lehre, die systematische Förderung von Early Career Researchers und die weitere Stärkung des Wissenschaftsstandorts Frankfurt durch die Einwerbung von Drittmittelprojekten.


Profilbereichssprecher*innen


Was mich persönlich an den Forschungsperspektiven des Profilbereichs fasziniert und motiviert, daran mitzuwirken, ist die Vielstimmigkeit thematischer Zugänge und methodischer Ansätze, die darin eine Rolle spielen. Jeweils eigenständig und über Fächergrenzen hinaus im kritischen Dialog miteinander verkörpern die beteiligten Disziplinen in ihrer Frage nach dem Verhältnis von Universalität und Diversität ein entscheidendes Merkmal exzellenter Forschung an der Goethe-Universität: Relevanz mit Blick auf gegenwärtige Herausforderungen, historische Tiefenschärfe und ein differenziertes theoretisches Instrumentarium.

Christian Wiese (Jüdische Religionsphilosophie), 
Gründungssprecher des Profilbereichs Universality & Diversity

 "Als Linguistin bin ich naturgemäß im Spannungsfeld von Diversität und Universalität zu Hause. Denn bei aller sprachlicher Vielfalt ist die faszinierende sprachliche Variation, die wir sowohl sprachgeschichtlich als auch über die Sprachen der Welt hinweg beobachten, nicht beliebig, sondern in systematischer Weise durch Universalien beschränkt. Vor diesem Hintergrund möchte ich den Austausch der vielen verschiedenen Disziplinen in unserem Profilbereich aktiv mitgestalten und so im Gespräch über die unterschiedlichen Blicke auf Diversität und Universalität eine gemeinsame Forschungsperspektive für unseren Profilbereich mitentwickeln."

Cornelia Ebert (Linguistik), 
Gründungssprecherin des Profilbereichs Universality & Diversity


Forschungsschwerpunkte


Im Zeichen der wachsenden Komplexität des Zusammenlebens in postmigrantischen Gesellschaften gewinnen Erfahrungen der Diversität und die Frage nach verbindenden Aspekten kultureller Differenz zusehends an Bedeutung. Mehrsprachigkeit wird in westlichen Gesellschaften ebenso zur Regel wie sie es in vielen Bereichen des globalen Südens schon ist. Überdies lässt sich eine wachsende Vielfalt religiöser Überzeugungen und kultureller Praktiken beobachten, wobei sich diese mitunter auch gegeneinander abgrenzen und neue Übersetzungsleistungen erforderlich machen. Vormals gefestigte kategoriale Ordnungssysteme und Regierungsformen zumal westlicher Gesellschaften stellen diese Dynamiken mitunter auf eine existentielle Probe. Dabei erweisen sich jenseits der primär gegenwartsbezogenen und prognostischen Analysen der Sozialwissenschaften das Grundlagenwissen der Sprachwissenschaften, der Religionsforschung und der Geschichtswissenschaften, das begriffliche Differenzierungs- und Reflexionsvermögen der Philosophie sowie der Kulturwissenschaften und die intra- und interkulturelle Translationskompetenz der Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaften als entscheidende gesellschaftliche Ressourcen.

Der Profilbereich „Universalität und Diversität: sprachliche, religiöse und kulturelle Dynamiken“ bündelt vor diesem Hintergrund die einschlägigen Kompetenzen der genannten Disziplinen an der Goethe-Universität und gibt mit geisteswissenschaftlichen Methoden und Ansätzen und mit der erforderlichen historischen Tiefenschärfe Antworten auf diese drängenden Herausforderungen der Gegenwart.

Dynamiken des Religiösen: Prozesse des Verstehens, des Missverstehens und der Verständigung

Ziel ist es, in interdisziplinären und interreligiösen Explorationen die – dialogischen oder konflikthaften – wechselseitigen Beziehungen und Wahrnehmungen zwischen den drei in sich vielfältigen Religionen „Judentum“, „Christentum“ und „Islam“ in unterschiedlichen historischen und gegenwärtigen Kontexten zu erforschen. Leitend ist das gemeinsame Interesse u.a. an Phänomenen des Verstehens des Eigenen und des Fremdreligiösen in multireligiösen und säkularen Konstellationen, an interreligiösen Dynamiken von Kulturtransfer, Übersetzung, Aneignung und Transformation religiös-kultureller Wissensordnungen sowie an den rationalen, emotionalen und politisch-sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Religionsdialogen und Verständigung.

Multilingual Agency

Der Forschungsschwerpunkt begründet sein Entwicklungspotenzial in gegenwärtigen globalen Herausforderungen und Krisen u.a. durch weltweite Migrationsbewegungen von Menschen, Sprachen und Kulturen. Es werden Herausforderungen behandelt, vor die sich regionalbezogene Forschung zunehmend durch Globalisierungsdynamiken und Transregionalisierungsprozesse gestellt sieht. Exemplarisch lässt sich dies am LOEWE Schwerpunkt „Minderheitenstudien – Sprache und Identität“ illustrieren. Dieser untersucht die Wechselwirkungen identitätsbedingender Faktoren wie Sprache, Religion, Kultur und Ethnos in Selbstsicht und Fremdsicht „im eigenen Land“ ebenso wie „im Ausland“.

Dies steht in enger Verbindung zu einem weiteren Fokus. Dieser liegt auf dem Phänomen der moving cultures, auf multilingualen Gesellschaften und hybriden Sprachpraktiken. Mehrsprachigkeit wirkt sich auf unterschiedlichen Ebenen aus. Forschungen in diesem Bereich können sich individuellen Anforderungen widmen, aber auch Dimensionen gesellschaftlicher Heterogenität bis hin zu globaler Kommunikation untersuchen. Bei vielen dieser Prozesse und Mechanismen handelt es sich um Phänomene des sogenannten translanguaging: Das sprachliche Repertoire von Personen wird hierbei nicht mehr als ein Mosaik aus verschiedenen Einzelsprachen begriffen, sondern als ein komplexes sprachliches Gesamtrepertoire. Hinzu kommt, dass sich Schriftpraxis und mündliche Kommunikation gerade in neuen Medien und digitaler Kommunikation nur schwer getrennt betrachten lassen. Multilaterale Mehrsprachigkeit und Multimodalität erfordern neue Wege der Beschreibung, Interpretation und Darstellung. Hierzu will der Schwerpunkt „Multilingual Agency“ innovativ beitragen. 

Ästhetik: Materialität, Medialität, Potentialität

Der Bauplan der menschlichen Sprache

Trotz ihrer Vielzahl und Vielgestaltigkeit basieren die Sprachen der Welt auf universalen Prinzipien, die sie als Teil der menschlichen Kognition kennzeichnen. Diese Prinzipien aufzudecken und ihre Interaktion untereinander und mit anderen Wissenssystemen zu erforschen ist Gegenstand unseres linguistischen Forschungsprogramms, das darauf abzielt, zu einem tieferen Verständnis des Bauplans der menschlichen Sprache zu gelangen.

Ausgangspunkt sind drei wesentliche Erkenntnisse der modernen Linguistik: Sprachliche Äußerungen sind in hierarchischer Weise organisiert, obwohl Sprachsignale scheinbar aus einer linearen Abfolge von Lauten, Wörtern und Sätzen bestehen. Sprachliche Variation ist, sowohl sprachgeschichtlich als auch über die Sprachen der Welt hinweg, nicht beliebig, sondern in systematischer Weise beschränkt. Der zu Grunde liegende Bauplan der menschlichen Sprache bestimmt folglich nicht nur die Eigenschaften, die alle Sprachen gemeinsam haben, sondern gleichzeitig auch die Möglichkeiten und Grenzen sprachlicher Variation in den Sprachen der Welt. Drittens besteht Einigkeit darin, dass der Bauplan der menschlichen Sprache im Wesentlichen modular organisiert ist. Die Kernmodule der Sprache, Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik und Pragmatik sind dabei mit ihren eigenen Methoden und Fragestellungen zu untersuchen sowie in ihrer Interaktion zu betrachten und letztlich in eine gesamtheitliche Grammatikarchitektur einzubinden. 

Dabei wird das Verhältnis von konstanten und variablen Prinzipien der Sprache erforscht, um den Forschungsfragen und Forschungszielen nachzugehen, die für die Linguistik am FB 10 zentral sind: 

  • In welcher Weise bestimmt der generelle Bauplan der menschlichen Sprache den Erwerb einer oder mehrerer spezifischer Erstsprachen? 
  • Wie lässt sich die typologische Heterogenität der Sprachen mit der Annahme eines allgemeinen Bauplans der menschlichen Sprache in Einklang bringen? 
  • In wieweit sind die Module der Sprache analog zueinander organisiert und in wieweit durch ihre unterschiedlichen Phänomenbereiche determiniert? 
  • Sind die diachronische Variation zwischen Stufen derselben Sprache und die synchronische Variation zwischen genetisch nahen und fernen Sprachen denselben allgemeinen Prinzipien unterworfen? 
  • Wie interagiert sprachliches Wissen mit anderen kognitiven Systemen bei der Produktion und beim Verstehen von Sprache?

Der Profilbereich verleiht exzellenten Verbundforschungsinitiativen und Einzelvorhaben, die unterschiedliche Aspekte und Dimensionen sprachlicher, religiöser und kultureller Dynamiken in den Blick nehmen, nationale und internationale Sichtbarkeit. Dabei werden die Bedingungen und Möglichkeiten religiöser und kultureller Verständigungs- und Transformationsprozesse ebenso untersucht wie Strukturen und Praktiken des kulturellen Gedächtnisses und des kulturellen Erbes, Grundlagen menschlichen Sprachvermögens ebenso wie die kultur- und gesellschaftsprägende Kraft architektonischer Konzepte, oder die Rolle digitaler Infrastrukturen in Prozessen der kulturellen Bedeutungsproduktion ebenso wie der Zusammenhang von Demokratie und Ästhetik, die Mensch-Tier-Differenz oder die Steuerungspotentiale historischer und zeitgenössischer staatlicher Herrschaftsformen.





ERC Grants 

Emmy Noether-Programm

Heisenberg-Programm

Leibniz-Preise

  • 2015, Hartmut Leppin (FB 08)
  • 2007, Bernhard Jussen (FB 08)