Die Entstehung der Theologie als Wissenschaft in Konflikten um das Erbe der Tradition

„Zu allen Zeiten haben christliche Gruppen und Individuen sich zur ihnen vorliegenden Tradition positioniert. So auch die Reformation, die hinter die Innovationen des Mittelalters auf die Tradition der Alten Kirche zurückweisen wollte. Hier wie auch in anderen Identitäts- und Selbstbestimmungsprozessen wird deutlich, dass diese häufig in der konfliktbegründeten Definition von Unterschieden und Differenzen zu alternativen Normkonzepten und daraus folgenden Handlungsorientierungen folgen. Im religiös-christlichen Kontext sind das die Orte der Entstehung differenzierender Glaubensreflexion, mithin von Theologie. Im Zuge der weiteren Entwicklung fand diese Theologie ihren Ort in Schulen, Akademien, Universitäten und anderen gelehrten Zirkeln. In drei Forschungsfeldern wird dieser Differenzkultur nachgespürt:

1. Auctoritas Patrum – die Rezeption des patristischen Erbes

2. Unsagbare Nähe – Profile und Strukturen lateinischer Mystik

3. Spätmittelalterliche Frömmigkeit und Theologie

 


Auctoritas Patrum – die Rezeption altkirchlicher Schriftsteller in Humanismus und Reformation

Seit 1991 tagte in mehrjährigen Abständen eine internationale Forschergruppe mit Vertretern verschiedener Disziplinen, die sich mit der Aufnahme altkirchlicher Autoritäten in den Schriften der Schriftsteller des 15. und 16. Jahrhunderts beschäftigt. Die Ergebnisse Tagungen wurde teilweise veröffentlicht. Die gemeinsame Arbeit verdankte sich der Initiative von Leif Grane (†) und Alfred Schindler (†) und wurde zunächst von der Carlsberg Stiftung, Kopenhagen und später von der Werner-Reimers Stiftung, Bad Homburg, finanziert. Die letzte Tagung war das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte des Instituts für Europäische Geschichte und dem Melanchthonhaus Bretten. Im Zuge der Kooperation mit der Marquette University, Milwaukee WI, wurde ein panel anlässlich des Meetings der Sixteenth Centuy Studies Conference 2006 in Atlanta GO zur Kirchenväterrezeption in der Reformationszeit organisiert.
Veröffentlichungen:

  • Leif Grane, Alfred Schindler, Markus Wriedt (eds.): Auctoritas Patrum. Contributions on the Reception of the Church Fathers in the 15th and 16th Centuries. 2 Bde. Mainz 1993 und 1997.
  • Die Relektüre der Kirchenväter in den Wissenschaften des 15. – 18. Jahrhunderts herausgegeben von Günter Frank, Thomas Leinkauf, Markus Wriedt, Stuttgart 2006.
  • Produktives Missverständnis? Zur Rezeption der Theologie des lateinischen Kirchenvaters Augustin im Werk Martin Luther s, in: Norbert Fischer (Hg.): Augustin-Rezeption, Hamburg, Felix Meiner 2009, 61-79.
  • In Vorbereitung: Art. Augustin, Oxford Dictionary of the Reception of Augustine ed. by Irena Backus et. al, Oxford.
  • Art: Kirchenväter in: Volker Leppin und Gury Schneider-Ludorff: Das Lutherlexikon, Regensburg 2014, 46-47.

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Unsagbare Nähe – Profile und Strukturen lateinischer Mystik

Mystik ist als Phänomen zahlreicher Religionsformen zu beobachten. In dem hier zu bearbeitenden Teilaspekt wird Mystik als historisch durchgängig präsentes, gleichwohl eher an den Rändern der abendländisch-lateinischen Theologie- und Kirchengeschichte zu beobachtendes Element dieser Tradition des Christentums thematisiert. Unter Mystik wird im Arbeitsschwerpunkt zunächst die mediale Fassung, der mit gängigen Kommunikationsformen nicht zu beschreibenden Erfahrung der Nähe und Gegenwart Gottes verstanden. Mystik impliziert dabei gleichermaßen die Erfahrung wie auch deren mediale Fassung und Vermittlung, sowie die durch die Rezeption solcher Zeugnisse möglich werdende vermittelte Erfahrung, die entweder zu eigenen Gotteserfahrungen Anlass gibt oder aber eine nachvollziehbare und damit verständnisvolle Kommunikation ermöglicht. Wegen ihrer zahlreiche der gängigen theologischen Ausdrucksweisen und der durch sie vermittelten Glaubensüberzeugungen kritisierenden oder gar überkommenden Ausdrucksform und Inhalte wird mystisches Erleben sowie der Bericht darüber häufig marginalisiert und gerät unter den Verdacht der Heterodoxie. Mystik kann in dieser Perspektive verstanden werden als Ausdruck einer verdrängten und im theologisch-kirchlich-frömmigkeitlichen Mainstream nur unzureichend oder gar nicht mehr vorhandenen spirituellen Erlebens. Mystische Erfahrungen bzw. die Berichte darüber sind wegen ihrer so ganz anderen, teilweise erschreckenden, provozierenden und bewusst alternativen Sprache und Erfahrung häufig als irrational und letztlich dem abendländischen Normen- und Wertesystem inkompatibel kritisiert und verurteilt worden. Bei näherem Hinsehen lässt sich allerdings zeigen, dass diese Kategorien der Beurteilung unangemessen sind: in der mystischen Theologie bricht sich eine alternative, hoch spirituelle Rationalität Bahn, die durchaus in der Lage ist die logisch-kognitiven Rationalitätsmuster in sich zu bergen, freilich auch zu überwinden. Besonders für die heutige Zeit ist Mystik durch ihren Fokus auf spirituelle Erfahrungen und deren existentielle Dimension in der Kategorie der Erfahrung für ein breites Publikum von Interesse sowie ein wichtiges Thema der theologischen Reflexion.
Ihre besondere Kraft und Faszination entfaltet mystische Theologie dort, wo verschiedene nonkonforme und dissidente Gruppen kirchlicher, theologischer oder auch frömmigkeitspraktischer Opposition über ihre Glaubenserfahrungen und die persönliche Gottesbegegnung zu gleichermaßen pluriformen und dennoch auf Gemeinsamkeit zielenden Formen der Glaubenspraxis finden. Die lässt sich ebenfalls durch die Geschichte des abendländischen Christentums, in besonderer Weise auch im interkonfessionellen bis hin zum interreligiösen Bereich nachweisen.

Bisherige Veröffentlichungen

  • Luther und die Mystik, in: Änne Bäumer-Schleinkofer (Hg.), Hildegard von Bingen in ihrem Umfeld. Mystik und Visionsformen in Mittelalter und früher Neuzeit, Würzburg 2001, S. 249-274.
  • Mystik und Protestantismus, in: Johannes Schilling (Hg.), Mystik. Religion der Zukunft – Zukunft der Religion? Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2003, S. 67-87.


Tagungen und Vortragsveranstaltungen

  • Unsagbare Nähe – Einführung in die Mystik (Erbacher Hof)

In Vorbereitung

  • Unsagbare Nähe – Einführung in die lateinische Mystik des westlichen Christentums

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Spätmittelalterliche Frömmigkeit und Theologie

Zweifellos war die spätmittelalterliche gelebte Frömmigkeit und die diesen Glauben begründende und reflektierende Theologie von größter Bedeutung für die Ausbildung des reformatorischen Gedankengutes zahlreicher Kirchenkritiker und Reformatoren, allen voran Martin Luthers. Freilich wird man der Vielfalt spätmittelalterlicher Glaubenszeugnisse kaum gerecht, wenn man sie ausschließlich in dieser Fragestellung und dabei zumeist als die negative Folie der reformatorischen Besinnung betrachtet. Im Projekt wird die spätmittelalterliche Frömmigkeit als Größe sui generis in ihrer vielfältigen Gestalt betrachtet und zunächst einmal ohne Rücksicht auf ihre möglichen Beziehungen zum Umbruch der Reformation interpretiert. In seiner Entstehung und weiteren Entwicklung ist die wiss. Fragestellung freilich zunächst von den Diskussionen um die Anfänge der lutherischen Theologie in Wittenberg bestimmt gewesen.

Veröffentlichungen:

  • Gnade und Erwählung. Eine Untersuchung zu Johann von Staupitz und Martin Luther, (VIEG 141) Mainz 1991.
  • Seelsorgerliche Theologie am Vorabend der Reformation. Johann von Staupitz als Fastenprediger in Nürnberg, ZbayKG 63 (1994), Neustadt/Aisch, S. 1-12.
  • Johann von Staupitz (ca. 1465-1524), in: Geschichte der Seelsorge am Beispiel großer Seelsorger Band 2, Hg.:Christian Möller. Göttingen, S. 45-64.
  • Via Augustini–Ausprägungen des spätmittelalterlichen Augustinismus in der observanten Kongregation der Augustinereremiten, in: Luther und das monastische Erbe hg. von Christoph Bultmann, Volker Leppin, Andreas Lindner (= Spätmittelalter, Humanismus, Reformation hrsg. von Berndt Hamm, Band 39), Tübingen 2007, S. 9-38.
  • Art. Staupitz, Johannes von, in: NDB 25 (2013), 95f.
  • Biblische Predigt fürs Volk, in: ThLZ 136 (2011), 1267-1282.

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