Zur Entwicklung der Vor- und Frühgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt

Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts finden sich im Lehrangebot unserer Universität einzelne Veranstaltungen zur Vor- und Frühgeschichte, meist gehalten von Direktoren und Mitarbeitern der in Frankfurt ansässigen Römisch-Germanischen Kommission (RGK) des Deutschen Archäologischen Instituts. Von 1950 bis 1955 bot der institutionell nicht an der Universität verankerte Privatdozent Johannes A. Potratz ein umfangreiches, auch Tagesexkursionen einschließendes Lehrprogramm an.

Einen großen Schritt vorwärts bedeutete 1956 die Einrichtung eines „Instituts für Vor- und Frühgeschichte“ am damaligen Seminar für Alte Geschichte. Ihr Leiter wurde der Privatdozent Günter Smolla (1919–2006), der 1961 zum außerplanmäßigen Professor ernannt wurde. Zu Beginn stand dem „Institut“ ein Zimmer im Dachgeschoss des damaligen Universitätshauptgebäudes in der Mertonstraße zur Verfügung; nach mehreren Umzügen war die inzwischen so benannte „Abteilung“ ab 1960 im 6. Stockwerk des damals neuen Seminargebäudes an der Gräfstraße untergebracht, wo sie über fünf Räume verfügte. Die ersten großen Exkursionen der Abteilung führten in die Bretagne (1961)und nach Dänemark (1962).

 
Günter Smolla (1919-2006)

Zum WS 1963/64 wurde ein eigenständiges Seminar für Vor- und Frühgeschichte eingerichtet, dessen Direktor der auf eine ordentliche Professur berufene Hermann Müller-Karpe (1925–2013) wurde. Das neu gegründete Seminar erhielt Räume in der ersten Etage eines Privathauses in der Arndtstraße 11 im Frankfurter Westend und dehnte sich im Lauf der Zeit zeitweilig fast über das gesamte vierstöckige Gebäude aus. H. Müller-Karpe begründete 1965 das bis heute bestehende Forschungs- und Editionsunternehmen „Prähistorische Bronzefunde“, zu dessen Umsetzung sowohl in der Universität wie aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mehrere Wissenschaftler- und Zeichnerstellen geschaffen wurden.         

Hermann Müller-Karpe (1925-2013)

Im Zuge der Neugliederung der hessischen Universitäten wurde die Vor- und Frühgeschichte Teil des Fachbereichs 08, Geschichtswissenschaften. Gleichzeitig wurde der damalige Assistent Albrecht Jockenhövel zum Professor ernannt; er war ebenso wie mehrere weitere Schülerinnen und Schüler von Müller-Karpe am PBF-Projekt beteiligt. 1980 verließ H. Müller-Karpe die Universität Frankfurt und wurde Gründungsdirektor der in Bonn neu gegründeten Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie (heute Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen) des DAI; die Universität Frankfurt ernannte ihn 1982 zum Honorarprofessor. Die Leitung des PBF-Projekts übernahm A. Jockenhövel.

Jens Lüning

Müller-Karpes Nachfolger wurde 1982 Jens Lüning. Mit seiner Berufung wurde das Neolithikum zu einem Schwerpunkt am Seminar. Er initiierte von Frankfurt aus ein umfangreiches Projekt zur ältesten Bandkeramik, aus den damit verbundenen Grabungen gingen zahlreiche Examensarbeiten hervor. Mit Lüning kam als Assistent Andreas Zimmermann, der sich besonders der Einführung von Statistik und EDV in Forschung und Lehre des Seminars widmete. Er habilitierte sich 1992 und ist seit 1997 Professor in Köln. 1986 wurde mit der Einstellung von Arie J. Kalis das seither zur Frankfurter Vor- und Frühgeschichte gehörige Labor für Archäobotanik begründet, das im 4. Stock der Arndtstr. 11 eingerichtet wurde. Die Archäobotanik ist seit dieser Zeit fester Bestandteil in der Lehre und Voraussetzung für einen erfolgreichen Abschluss des Vor- und Frühgeschichtsstudiums in Frankfurt.

Arndtstraße 11 mit Seminarangehörigen-
Zweite Hälfte der 80er Jahre (Foto: H. Stäuble)

Im Jahr 1987 folgte A. Jockenhövel einem Ruf an die Universität Münster/Westfalen. Das PBF-Projekt arbeitet seither in Frankfurt und Münster. Mitherausgeber und Leiter der Frankfurter Arbeitsgruppe wurde mit Wolf Kubach ein Mitarbeiter des Seminars. Die zweite Frankfurter Professur wurde zum SS 1990 mit Karl-Heinz Willroth besetzt, der schon 1993 einen Ruf an die Universität Göttingen annahm.

Seit 1988 war das Seminar auf Initiative von J. Lüning und des Frankfurter Ethnologen Eike Haberland an dem bis 2002 laufenden interdisziplinären DFG-Sonderforschungsbereich (SFB) 268 „Kulturentwicklung und Sprachgeschichte im Naturraum Westafrikanische Savanne“ beteiligt, aus dem sich die Afrika-Arbeitsgruppe des Seminars entwickelte. Ihre Leitung übernahm Peter Breunig, der seit 1992 eine Professur für Vor- und Frühgeschichte Afrikas bekleidet. Seither gehören auch Exkursionen nach Süd-und Ostafrika zum Lehrangebot. Mitarbeiter des SFB waren neben Prähistorikern auch Historiker und insbesondere Archäobotaniker, unter ihnen Katharina Neumann, die 1994 die Leitung der Abteilung für afrikanische Archäobotanik übernahm und dieses Fachgebiet auch in der Lehre vertritt (seit 2008 als apl. Professorin). Die Arbeitsgebiete des Projektes lagen in Burkina Fasu, Nigeria und Benin. Untergebracht war es zunächst in angemieteten Räumen in Frankfurt-Hausen, später in einem neu erbauten Universitätsgebäude in der Robert-Mayer-Straße, dem sog. FLAT (= Forschung und Lehre am Turm). Nach mehreren weiteren Projekten widmet sich die Arbeitsgruppe seit 2009 vor allem einem DFG-Langzeitprojekt über die eisenzeitliche Nok-Kultur in Nigeria.

Als Nachfolger von K.-H. Willroth wurde 1994 der Mittelalterarchäologe Joachim Henning nach Frankfurt berufen. Er brachte ein Projekt über slawische Burgwälle in der Lausitz mit und engagierte sich seither mit Grabungs- und Prospektionsprojekten im Rhein-Main-Gebiet, in Nordhessen, Sachsen-Anhalt, der Slowakei, Bulgarien, Lothringen und Belgien. Teilweise wurden und werden diese Arbeiten im Rahmen von „Sommerschulen“ durchgeführt.

Nach einem Besitzerwechsel des Hauses in der Arndtstraße mußte 1997 die PBF-Abteilung die bis dahin von ihr genutzte dritte Etage verlassen und fand ein neues Quartier in einem Holzhaus in der Georg-Voigt-Straße, unweit des ehemaligen – inzwischen dem Abriß entgegensehenden – „AfE-Turms“.

Im Februar 2001 verließ das Seminar nach 38 Jahren das Haus in der Arndtstraße und bezog zusammen mit vielen anderen geisteswissenschaftlichen Instituten neue Räume im 1930 fertiggestellten ehemaligen  IG Farben-Haus im nördlichen Westend. Das von dem Architekten Hans Poelzig erbaute Gebäude wurde von 1945 bis 1995 von den US-amerikanischen Streitkräften genutzt und 1996 vom Land Hessen erworben. In den neuen Räumen im 6. Stock in den Bauteilen V4 und V5 sowie Q4 und Q5 waren nun erstmals alle Abteilungen des Seminars zusammen untergebracht. Im Gebäude waren darüber hinaus auch alle archäologischen Fächer der Frankfurter Universität unter einem Dach vereinigt. Ein Wermutstropfen war die mit dem Umzug verbundene Abtrennung der Seminarbibliothek, die Teil des Bibliothekszentrums Geisteswissenschaften (BzG) wurde. Als nostalgische Erinnerung an das bisherige Domizil des Seminars gaben die damaligen Fachstudenten dem Fachschaftsraum (Nr. 6.455) den Namen „Arndtstraße 11".

2002 wurde das seit über 25 Jahren von der DFG geförderte PBF-Projekt in die Obhut der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur übernommen. Räumlich und personell blieb das Projekt aber dem Seminar verbunden.

Im WS 2003/04 wurden die bisher auf verschiedene Fachbereiche, Seminare, Institute und Abteilungen verteilten Fächer Vor- und Frühgeschichte, Geschichte und Kultur der Römischen Provinzen, Hilfswissenschaften der Altertumskunde, Klassische Archäologie sowie Archäologie und Kulturgeschichte des Vorderen Orients im Institut für Archäologische Wissenschaften vereinigt. Damit verbunden wechselte unser Fach in den Fachbereich 09: Sprach- und Kulturwissenschaften.

Zum Ende des WS 2003/04 ging J. Lüning in den Ruhestand und wurde mit einer gelungenen Feier verabschiedet, bei der Studierende und Doktoranden unter großem Beifall abgewandelte, auf den Jubilar bezogene Auszüge aus Goethes Faust aufführten. Die Wiederbesetzung der Professur konnte im SS 2006 mit der Berufung von Rüdiger Krause abgeschlossen werden. Er brachte mehrere laufende Projekte mit an das Institut, wobei die Beteiligung an dem DFG-SSP zu den frühkeltsichen Fürstensitzen mit einem Forschungsvorhaben zum Fürstensitz auf dem Ipf am Nördlinger Ries zunächst das Wichtigste war. Aber auch seine seit dem Jahr 2000 durchgeführten langjährigen Feldforschungen in einer inneralpinen Siedlungskammer im Montafon im österreichischen Vorarlberg waren für das Institut ebenso richtungsweisend wie seine Zusammenarbeit mit russischen Kollegen in Jekaterinburg zur Erforschung frühbronzezeitlicher Befestigungen im südwestsibirischen Transural. Schließlich begründete er ein Projekt zur Untersuchung des durch spektakuläre bronzezeitliche Funde bekanntgewordenen Bernstorfer Berges im bayerischen Landkreis Freising. Diese und weitere Projekte boten und bieten vielen Studierenden die Möglichkeit, Grabungserfahrungen zu sammeln, und schufen zugleich die Grundlage für eine Reihe von Magisterarbeiten und Dissertationen.

Nadelballett für Wolf Kubach anläßlich seiner Pensionierung(Foto: N. Rupp)

Im Jahr 2005 schied W. Kubach altersbedingt aus dem Dienst. Höhepunkt der ihm gewidmeten Feier war ein „Nadelballett“. Seine Nachfolge bei PBF übernahm mit Ute Luise Dietz eine langjährige Projektmitarbeiterin. Im Jahr 2009 mußte das PBF-Unternehmen wegen Raummangels im IG-Gebäude seine bisherigen Büros verlassen und arbeitet seither in der Bockenheimer Varrentrappstraße.

Arie J. Kalis (Foto: N. Rupp)

2012 wurde mit einer weiteren Feier A. J. Kalis in den Ruhestand verabschiedet. Seine Nachfolgerin wurde Astrid Stobbe, die seit ihrer Dissertation dem Labor für Archäobotanik verbunden ist.

Die vor- und frühgeschichtliche Archäologie ist heute im Rahmen des Instituts für Archäologische Wissenschaften mit drei Professuren in Forschung und Lehre sehr gut aufgestellt.

 

Frankfurt, im November 2013

Wolf Kubach