Die Bronzezeit im Nördlinger Ries

Förderung: Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes                  

Zeitraum: seit März 2013

Wissenschaftliche Mitarbeiter: David Knoll M.A


Das Nördlinger Ries stellt aufgrund seiner besonders hohen Dichte an prähistorischen Denkmälern sowie seiner naturräumlichen Erscheinung als klar begrenzte, aber keineswegs abgeschlossene, Siedlungskammer eine der archäologisch interessantesten und ertragreichsten Altsiedellandschaften Süddeutschlands dar. Zurückgehend auf ein miozänes Impaktereignis setzt sich das Nördlinger Ries mit einem Durchmesser von ca. 20 km als Naturraum klar von der es umgebenden Keuper- und Juralandschaft ab. Die weitläufigen Lössflächen, das milde Klima sowie eine günstige verkehrsgeographische Lage zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb zeichneten es in den vor- und frühgeschichtlichen Perioden  als idealen Siedlungsraum aus.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert ist das Ries Gegenstand systematischer archäologischer Forschungen von überregionaler Bedeutung (vgl. Frei/Krahe 1988). Die große Zahl an bronzezeitlichen Befunden hat die Archäologie des Rieses in besonderer Weise geprägt (eine erste zusammenfassende Betrachtung der Rieser Bronzezeit findet sich bei Ludwig-Lukanow 1979, 1983). So führte die vergleichsweise hohe Dichte frühbronzezeitlicher Befunde im und unmittelbar um das Ries in den 1970er Jahren zur Definition der sog. „Ries-Gruppe“ (Ruckdeschel 1978). Nicht zuletzt die zahlreichen (befestigten) Höhensiedlungen im Riesbecken, vor allem aber auf den Riesrandhöhen, die bronzezeitliches Material aufweisen, lassen das Ries als bronzezeitlichen Kulturraum außergewöhnlicher Siedlungsaktivität und -dynamik erscheinen. Interessant ist zudem das Vorkommen sog. „(Brand)Opferplätze“ im Ries, vertreten durch den Rollenberg bei Hoppingen und Weiherberg bei Christgarten.

Die archäologischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte, vor allem rege systematische Oberflächenbegehungen durch ehrenamtliche Heimatforscher (siehe u.a. Krippner 1995), haben im Ries zu einem Fundstellenbild geführt, welches als eines der repräsentativsten und authentischsten aller süddeutschen Fundlandschaften gelten darf. Auch pollenanalytische und bodenkundlich-geomorphologische Untersuchungen haben einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Interaktion zwischen Kulturentwicklung und Landschaftsbild geleistet (Stobbe 2014 im Druck, Mailänder et al. 2010).

 
   

Die Aufnahme des aktuellen Rieser Fundbestands legt das wissenschaftliche Fundament der Promotion. Hierbei werden neben einer  Bewertung der äußeren Stilmerkmale sowie der makroskopisch sichtbaren Materialeigenschaften auch archäometrische Analysemethoden zur Anwendung kommen, so Röntgenfluoreszenzanalysen (RFA). In dieser Hinsicht spielt besonders die Beantwortung wirtschaftsarchäologischer Fragestellungen, wie etwa zu Austauschnetzwerken, eine Rolle. Zur Interpretation des sich ergebenden Fundstellenbildes, also des Verteilungsmusters der unterschiedlichen Denkmaltypen und ihrer Standortfaktoren, werden GIS-gestützte Methoden zur Anwendung kommen (Kostenoberflächen-Analysen bzw. Wegeanalysen, Sichtfeldanalysen, automatisierte Reliefklassifikation für Standortanalysen, u.a.). Durch eine interessante landschaftliche Konstellation als geographisch abgegrenzte, aber im Detail inhomogene Siedlungskammer ist das Ries in landschaftsarchäologischer Hinsicht besonders interessant und bietet sich zur Herausarbeitung neuer Forschungsfragen an. In diesem Zusammenhang stehen u.a. Fragestellungen zum wirtschaftlichen und sozialen Verhältnis zwischen den Flachsiedlungen in der Riesebene und den befestigten bronzezeitlichen Höhensiedlungen auf den Riesrandhöhen. Dem schließen sich Untersuchungen zur Siedlungskontinuität, insbesondere in Hinblick auf die Höhensiedlungen, zwischen Urnenfelder- und Hallstattkultur im Ries an. In Anbetracht der Bedeutung des Ipf in der späten Hallstattzeit als sog. „Fürstensitz“ stellt sich die Frage, inwieweit das urnenfelderzeitliche Substrat eventuell zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnte.

Zusammenfassend betrachtet bietet das Nördlinger Ries äußerst günstige Voraussetzungen und eine vorteilhafte archäologische Quellenlage für eine moderne Untersuchung seiner bronzezeitlichen Kulturgeschichte, welche bis heute als bedeutendes Forschungsdesiderat gelten darf.

 

Literatur

A. Bick, Die Latènezeit im Nördlinger Ries. Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte 88 (Kallmünz 2007).

H. Frei/G. Krahe (Hrsg.), Archäologische Wanderungen im Ries. Führer zu archäologischen Denkmälern in Bayern. Schwaben 2 (Stuttgart 1988).

J. Fries, Die Hallstattzeit im Nördlinger Ries. Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte 91 (Kallmünz 2005).

F. Krippner, Siedlungskundliches aus dem Ries. Bayerische Vorgeschichtsblätter 60,1995, 63–80.

S. Ludwig-Lukanow, Hügelgräberbronzezeit und Urnenfelderzeit im Nördlinger Ries. Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte 48 (Lassleben 1983).

S. Ludwig-Lukanow, Die Bronzezeit im Ries. In: Nördlingen – Bopfingen – Oettingen – Harburg. Teil I: Einführende Aufsätze. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern 40 (Mainz 1979) 116­–136.

S. Mailänder/J. Eberle/W.D. Blümel, Kolluvien, Auelehme und (An)moore im Umfeld des frühkeltischen Fürstensitzes auf dem Ipf. Ein Beitrag zur Geoarchäologie und Landschaftsgeschichte am Westrand des Nördlinger Rieses. In: D. Krausse (Hrsg.), „Fürstensitze“ und Zentralorte der frühen Kelten. Abschlusskolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms 1171 in Stuttgart, 12.–15. Oktober 2009. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 120/2 (Stuttgart 2010) 267–290.

W. Ruckdeschel, Die frühbronzezeitlichen Gräber Südbayerns. Ein Beitrag zur Kenntnis der Straubinger Kultur. Antiquitas 2/11 (Bonn 1978).