Rationierung. Logiken, Formen und Praktiken des Mangels

Warlam Schalamow hat als Häftling die Lager der Kolyma nicht nur überlebt, sondern sie später als ein System totaler Rationierung beschrieben: Arbeitsnormen werden diktiert, Essensrationen zugeteilt, Zeit- und Raumnutzung rigide vorgeschrieben. Die Gefangenen reagieren mit neuen Wertungsroutinen sowie mit einer lokalen Tabakwährung. Aber nicht nur im Lager oder Gefängnis werden Rationierungssysteme entwickelt. Sie finden sich auch in Kommunalverwaltungen, in NGO’s oder der Kriegs- und Planwirtschaft (Zweiniger-Bargielowska 2000; Groebner et al. 2008; Middell/Wemheuer 2011).

Genau quantifizierte Zuteilungen von Lebensmitteln reagieren auf Situationen verschärften Mangels, wodurch das Prinzip von Angebot und Nachfrage in Teilbereichen außer Kraft gesetzt wird. Um diese Systemstelle der Nahrungsmittelallokation im Dispositiv des Hungers adressieren zu können, sind sowohl die Administrations- als auch die Repräsentationsstrategien zu berücksichtigen. Ziel der Tagung ist eine Aufarbeitung unterschiedlicher Rationierungssysteme, die nicht bei der bloßen Operation stehen bleibt, sondern die jeweiligen Rahmungen, sozialen Reaktionen und Narrative erfasst. Mangel ist demnach niemals objektive Gegebenheit, sondern ein Resultat gesellschaftlicher Prozesse. Hieraus ergibt sich die interdisziplinäre Auswahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Kultur- und Literaturwissenschaften sowie der Wissenschaftsgeschichte. Die Administration der Mangelsituation ist nicht denkbar ohne die Entstehung der Statistik oder ohne ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse – von Kalorie bis Vitamin. Die Bürokratie des Hungers greift zudem stets in ökonomische und volkswirtschaftliche Bereiche aus. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht das 20. Jahrhundert, der geographische Schwerpunkt ist der Globale Norden. Die Tagung dient der Erörterung zweier Perspektiven auf die Rationierungssysteme:

(1) Quantifizierung als Infrastruktur

Zu klären sind erstens die soziokulturellen Effekte der wissenschaftlich gestützten Rationierung. Mit der aktuellen Soziologie der Quantifizierung ist davon auszugehen, dass numerisch gestützte Prozesse (Rankings, Indizes, Statistiken, Listen) seit der Industrialisierung zunehmen und zunehmenden Einfluss ausüben – Espeland und Stevens sprechen von „the tendency of quantification to remake what it measures“ (Espeland/Stevens 2008: 431, Porter 1996). Anhand der Lebensmittelkarte, die in Frankreich 1940 eingeführt wurde, hat Bernard Le Marec beispielsweise gezeigt, dass sie sechs verschiedene Kategorien von Personen definiert, die je nach Alter und Bedeutung des Berufes unterschiedlich alimentiert zu werden hatten – unter kontrafaktischer Beteuerung der Gleichheit aller Franzosen (2012: 11). Espeland und Stevens weisen zudem mit Simmel auf die stetige Zunahme numerischer Äquivalente hin, die commensuration ermöglichen. Qualitative Beziehungen werden in quantitative überführt, was neue soziale Strukturen ermöglicht. Oftmals erleichtern die  numerisch bezifferbaren Verhältnisse Normierung, Hierarchisierung und Kontrolle. Die umfassende Administration von Lebensmitteln soll als die Etablierung eines solchen quantitativ organisierten Systems in den Blick genommen werden.

Im Sinne Susan Leigh Stars wird dieses System zum Gegenstand einer Ethnographie der Infrastruktur gemacht (1999). Denn neben Verkehrs- und Kommunikationswegen fallen auch und gerade öffentliche Institutionen unter den Begriff der Infrastruktur. Die Rationierung schafft einen ubiquitären Rahmen für alltägliche ökonomische Praktiken (Echterhölter/Kammerer/Ladewig 2012). Urs Stäheli zeigt auf, wie die infrastrukturellen Architekturen an der Bildung von Kollektiven mitwirken und als stille Choreographen verstanden werden können (2012). Über diese unbemerkte Direktion hinaus sind zudem die Formen des Gebrauchs dieser Infrastrukturen zu berücksichtigen – etwa private Appropriationsweisen oder Fälschungsversuche. Daher werden neben den strukturellen Voraussetzungen die konkreten Praktiken der Rationierung im Fokus stehen.

(2) Dimensionen des Mangels

Der anzuvisierende Umschlagpunkt liegt dort, wo die technokratische und wissenschaftsbasierte Quantifizierungsroutine zur Hungererfahrung wird. Beide Seiten sind jedoch stets in eine Dimension des Hungers eingelassen, die nicht periodisch wiederkehrt, sondern paradoxerweise gerade in den Konsumgesellschaften des Globalen Nordens auf Dauer gestellt wird: das politisch-ökonomische Paradigma des Mangels oder der Scarcity, das sogar Eingang in die moderne Definition des Marktes fand (Robbins 1932, Xenos 1989). Spätestens seit dem 19. Jahrhundert ist hier von einem Zusammenspiel der Logiken und Tatsachen des Mangels auszugehen, wie sich etwa an der Reaktion der Britischen Kolonialbeamten auf Hungerkatastrophen in Indien zeigt. Sie hatten nicht selten im East India Company College bei Thomas Malthus politische Ökonomie studiert und ließen folglich den angenommenen globalen Mangel an Ressourcen in die politische Praxis einfließen. Im Sozialstaat schließlich gehören Prozeduren der Verwaltung und Vermessung des Mangels zum politischen Kerngeschäft. James Vernon (2007) zeigt in seiner historischen Studie den Zusammenhang zwischen der Geschichte des Hungers und der Entdeckung des Sozialen auf. Nach Vernon löste die Idee, Hunger sei ein gesellschaftliches Problem, das durch eine sozialstaatliche Politik bekämpft werden müsse, religiöse und liberale Begründungen des Hungers ab, die diesen als göttliche Strafe bzw. natürlichen Regulator des Mangels an Eigenverantwortung der Armen betrachteten. Dieses gewandelte Verständnis des Hungers als eines gesellschaftlichen Problems bildete wiederum die Grundlage für die Politisierung des Hungers im 20. Jahrhundert, die mit der Durchsetzung politischer Protestformen wie Hungermärschen und Hungerstreiks einen Umschlagpunkt von Technologien der Macht in Technologien des Selbst einschließt (Felcht 2014 [im Erscheinen], vgl. Foucault 2005).

Es wird zu überprüfen sein, wo die jeweiligen Rationierungssysteme zwischen der ökonomischen Prämisse dauerhaft knapper Ressourcen und den konkreten Tatsachen des periodischen Mangels anzusiedeln sind und von welcher Auffassung des Hungers sie getragen werden. Vor allem die literaturwissenschaftlichen Beiträge erschließen an dieser Stelle die Perspektiven der Betroffenen mit ihren alterierenden Quantifizierungspraktiken oder Akkommodationsstrategien. In der interdisziplinären Diskussion liegt zudem die Chance, literarisches Wissen über Hunger und Rationierung mit ökonomischen Konzepten und historischen Praktiken zu vergleichen, um Beschreibungsdifferenzen sichtbar zu machen. Nur die Einladung von (Wissenschafts-) Historiker_innen, Literatur-  und Kulturwissenschaftler_innen kann die gewählte Thematik optimal abbilden.

Publikationsperspektive

Es wird angestrebt, die Vorträge und Diskussionen aufzuzeichnen und als Tonspur auf www.tonargumente.org zu publizieren. Auf diesem Portal finden sich bereits über 100 aktuelle Vorträge aus den Kultur- und Literaturwissenschaften. Die Langzeitarchivierung ist durch die HU-Berlin garantiert. Die weitere Publikationsperspektive ist Teil der Abschlussdiskussion.

Literaturnachweise:

Benjamin, Medea; Collins, Joseph: Is rationing socialist? Cuba's food distribution system. In: Food Policy. Economics Planning and Politics of Food and Agriculture 10/1985, S. 327–336.

Carruth, Allison: War Rations and the Food Politics of Late Modernism. In: Modernism/Modernity 16,4/2009, S. 767–795.

Echterhölter, Anna; Kammerer, Dietmar; Ladewig, Rebekka: Ökonomische Praktiken. Ilinx 3/2012.

Edkins, Jenny: Whose Hunger? Concepts of Famine, Practices of Aid. Minneapolis  2008.

Espeland, Wendy Nelson; Stevens, Mitchell L.: A sociology of quantification. In: European Journal of Sociology 49,3/2008, S. 401–436.

Felcht, Frederike: Die Waffe Mensch. Hungerstreiks im globalen Kontext. In: Iuditha Balint; Hannah Dingeldein; Kathrin Lämmle (Hg.): Protest, Empörung, Widerstand. Zur Analyse der Dimensionen, Formen und Implikationen von sozialen  Auflehnungsbewegungen. Konstanz: UVK [im Erscheinen].

Forien de Rochesnard, Jean-Georges; Granier, Raymond: Histoire du rationnement alimentaire au cours des âges. Auxerre 1949.

Foucault, Michel: Technologien des Selbst. In: ders.: Dits et Ecrits, Bd. 4, Frankfurt am Main 2005, S. 966–999.

Groebner, Valentin; Guex, Sébastien; Tanner, Jacob (Hg.): Kriegswirtschaft und Wirtschaftskriege. Zürich 2008.

Le Marec, Bernard: La France rationnée. Historie illustrée des restrictions. (1949–1949), Paris 2012.

Leigh Starr, Susan: Ethnography of Infrastructure. In: American Behavioral Scientist 43/1999, S. 377–391.

Middell, Matthias; Wemheuer, Felix (Hg.): Hunger, Ernährung und Rationierungssysteme unter dem Staatssozialismus (1917-2006). Frankfurt am Main 2011.

Porter, Theodore M.: Trust in Numbers. The Pursuit of Objectivity in Science and Public Life. Princeton 1996.

Robbins, Lionel: An Essay on the Nature and Significance of Economic Science. London 1932.

Schalamow, Warlam: Werke in Einzelbänden. 5 Bde. Hg. von Gabriele Leupold und Franziska Thun-Hohenstein. Berlin 2007.

Stäheli, Urs: Infrastrukturen des Kollektiven. Alte Medien – neue Kollektive? In: Zeitschrift für Medien und Kulturforschung 2/2012, S. 99–106.

Vernon, James: Hunger. A Modern History, Cambridge, Mass. 2007.

Xenos, Nicholas: Scarcity & Modernity, London/New York 1989.

Zweiniger-Bargielowska, Ina: Austerity in Britain. Rationing, Controls & Consumption (1939-1955), Oxford 2000.