Transformationen von Geschlechterordnungen in Marokko

Projektleitung: Prof. Dr. Susanne Schröter. Mitarbeiterin: Alewtina Schuckmann. Förderung: DFG. Laufzeit: August 2013–August 2016.

Geschlechterverhältnisse in der arabischen Welt sind in einem rasanten Wandel begriffen, der durch politische, kulturelle und ökonomische Transformationen sowie durch die Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen ausgelöst wird. Kontroversen über neue Genderordnungen entstehen vor allem durch Differenzen zwischen religiösen und säkularen Zukunftsentwürfen. Im Forschungsvorhaben sollen diese Veränderungen in Marokko mit Hilfe ethnographischer Methoden untersucht und die Perspektiven von Akteuren und Akteurinnen, denen als Modernisierungskraft eine besondere Rolle zukommt, deutlich gemacht werden.

Ziel des Forschungsvorhabens ist, Transformationen von Geschlechtskonstruktionen, Geschlechternormen und gelebter Realität in urbanen Zentren Marokkos auf der Mikroebene zu untersuchen. Im Zentrum stehen Studierende, die Gruppe, die zu den einflussreichsten „Agenten sozialen Wandels“ in der arabischen Welt gehört und die als zukünftige Entscheidungsträger betrachtet werden können. Sie gehören mehrheitlich der aufstrebenden Mittelschicht an, haben Zugang zu Bildung und neuen Technologien, nutzen Internet und Mobiltelefone.

Neue Medien machen Wissen zugänglich, eröffnen neue Kommunikationswege und schaffen Räume zur Entwicklung von Utopien. Aufgrund ihrer weitgehenden Anonymität bieten sie den Nutzern die Möglichkeit, auch im privaten Bereich gesellschaftliche Normen sowie Tabus infrage zu stellen und gegebenenfalls herauszufordern. Frauen und Jugendlichen ermöglicht das Internet ein temporäres Entkommen aus der sozialen Kontrolle der Verwandtschaftsgruppe. Sie können neue Netzwerke außerhalb ihres unmittelbaren Umfeldes erschließen, durch den Austausch untereinander ein neues Selbstverständnis entwickeln und geschlechtsspezifische Marginalisierungen temporär überwinden.

Im Projekt soll erforscht werden, wie vorhandene Freiräume von Studierenden genutzt werden, welche Rolle neue Medien spielen, welche Diskurse das Überschreiten tradierter Geschlechtergrenzen begleiten und welche Konflikte dadurch hervorgerufen und wie diese von den Akteuren in den Peer-Groups bearbeitet werden? Gefragt werden soll nach der Nachhaltigkeit von neuen Gendermodellen. Werden diese nur temporär während der Studienzeit praktiziert oder stellen sie Alternativen zur bestehenden Ordnung dar? In welcher Weise verändern die derzeitigen politischen Ereignisse in Marokko die Vorstellungen einer gerechten und angemessenen Geschlechterordnung? Führen Protestbewegungen, wie z.B. das „Mouvement du 20. Février“, die dem „Arabischen Frühling“ zunächst als Jugendbewegung entsprungen ist, zu einer verstärkten Partizipation von Frauen und zu Forderungen nach umfassenderer sozialer und politischer Teilhabe? Ferner soll das Forschungsprojekt evaluieren, in welcher Weise islamistische Ideen und Organisationen auf Gendervorstellungen einwirken.