​Ringvorlesung Semesterthema

Semesterthema 

Ringvorlesung Semesterthema

vergleichen, entdecken, reflektieren!

Icon Orientierungsmodul

 

In der Ringvorlesung tragen Lehrende aus verschiedenen Disziplinen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zu einem gemeinsamen Semesterthema vor (s.u.). So erhalten Sie zu einem gemeinsamen Thema einen Überblick über unterschiedliche Fachperspektiven, Fallbeispiele, Methoden, Wissenschaftsgeschichte und gesellschaftliche Schnittstellen verschiedener Fächer.

Sicherlich offenbaren sich hier für Sie auch unerwartet interessante Forschungsgebiete und Fragestellungen, von Fächern, von denen Sie bislang wenig konkrete Vorstellungen hatten. 

In Ihrem Portfolio zu diesem Modul (Orientierungsmodul) haben Sie die Möglichkeit, Ihre Eindrücke und die unterschiedlichen Fachkulturen zu reflektieren und diese für den Entscheidungsprozess zu Ihrer Studienfachwahl fruchtbar zu machen. Dabei werden Sie von Ihrer Mentorin bzw. Ihrem Mentor unterstützt. 

To Do (Anforderung Studienordnung)

Lt. Studienordnung hat der Modulteil Ringvorlesung Semesterthema 2 SWS. Diese verbringen Sie in den unten stehenden Vortragterminen.

Für den Abschluss des Modulteils sind drei bis fünf annotierte Protokolle (Handreichung siehe OLAT-Kurs der Ringvorlesung) zur Vorlesung als Artefakt Ihres Portfolios notwendig.

Termine/Programm und Formate

Mi 14-16h ab 17.04.2024

Einschreibung/Anmeldung: Als Orientierungsstudierende werden Sie in der GO-Woche automatisch in den zugehörigen OLAT-Kurs eingeschrieben, eine separate Anmeldung ist nicht notwendig.

Programm 2024

Innovation: Zwischen Skepsis und Begeisterung. Wie Menschen mit dem Neuen umgehen 
Es brauchte viele Jahrzehnte nach der Entstehung der Geisteswissenschaften (Geschichte, Soziologie, Ethnologie, Sprachwissenschaft), bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass Gesellschaften sich ständig im Wandel befinden. Gesellschaft und Kultur sind keine Konstanten. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung beruht ihre Eigenart nicht auf der Weitergabe von Tradition oder dem Respekt vor dem Althergebrachten. Im Gegenteil: schon immer waren Menschen mit Neuerungen konfrontiert. Sie erfanden neue Techniken, neue soziale und kulturelle Normen und neue Umgangsformen. Einerseits ist das 21. Jahrhundert mit der Digitalisierung ein Moment besonders intensiver Innovation; andererseits haben auch Menschen im 19. Jahrhundert geglaubt, in erschütternder Weise technischen und gesellschaftlichen Neuerungen ausgesetzt zu sein. Die Erfindung der Eisenbahn, das globale Netz der Telekommunikation, aber auch die Theorie der Evolution und das Konzept des Marxismus sind Beispiele für Innovationen des 19. Jahrhunderts. 
Sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen, bedeutet fast immer, sie sich anzueignen. Schon immer und in allen Gesellschaften haben Menschen versucht, das nützliche oder zumindest das Angenehme an Neuerungen zu erkennen und in ihren Alltag zu integrieren. Zweifellos hat die im späten 20. Jahrhundert einsetzende Globalisierung überall auf der Welt einen Schub an Innovationen gebracht: heute gibt es keinen Ort auf dem Planeten, an dem die Praxis des Konsums nicht bekannt wäre. Das Smartphone ist eine global verbreitete Technologie. Gesellschaften zu verstehen, bedeutet aber nicht einfach, die Ausbreitung solcher Praktiken und Technologien zu dokumentieren. Es geht sehr viel genauer auch um die Frage, wie im Kontext der Globalisierung kulturelle Aneignung funktioniert, zu welchem Ergebnis sie führt und welche Umgangsweisen Menschen in Gesellschaften weltweit entwickeln, um Innovationen zu verarbeiten. Nicht zuletzt weist eine wissenschaftliche Beschreibung auch auf neue Formen der Ungleichheit durch Innovation hin. So wie das Eisenbahnnetz seit dem 19. Jahrhundert manchen Orten Vorteile, manchen anderen Orten Nachteile verschaffte, so ist auch die virtuelle Welt eine Technologie, die in mancher Hinsicht Ungleichheit vergrößert. 
Gleichwertige Lebensverhältnisse: Ideal und Wirklichkeit im Wandel der Zeit
Städte und Gemeinde, Regionen und Bundesländer sind als Resultat gesellschaftlicher Prozesse in vielerlei Hinsicht ungleich: städtisch, suburban oder ländlich, prosperierend, stagnierend oder krisengeschüttelt, wachsend oder schrumpfend, gut erschlossen oder „abgehängt“, von Umweltverschmutzung stark oder kaum betroffen etc. Laut Grundgesetz Art. 71 Abs. 2 ist die Herstellung „gleichwertiger Lebensverhältnisse“ Staatsziel. In der Vorlesung wird diskutiert, wie um die Bedeutung dieser Formulierung politisch gerungen wird, wie sich räumliche Ausgleichpolitiken verändert haben und welche Konflikte aktuell virulent sind.
Im Spannungsfeld der Selbst- und Fremdreferenz - mediale Konstruktionsmuster osteuropäischer Räume
Die Aussage von Niklas Luhmann, dass „alles, was wir über die Welt wissen durch die Massenmedien vermittelt ist“ soll der Leitstern des heutigen Vortrages sein. Um uns dieser Aussage zu näheren, gilt es sich erst einmal ganz erkenntnistheoretisch zu klären was denn überhaupt „Wissen“ ist und wer dieses „wir“ sein soll, welches dann darüber verfügt. Die Konstruktion des „Wir“ fördert ganz im Sinne der Oszillation von Selbst- und Fremdreferenz einen Gegenpart – das „Andere“. Und diese Konstruktionsmuster kann man medienwissenschaftlich nachweisen und analysieren. Dabei wird auch Bezug auf verschiedene Wissensstrukturen genommen, wie Vorurteile und Stereotype, welche ganz im Sinne Luhmanns eine Reduktion von Komplexität aufzeigen oder ganz im Sinne von Foucault Zeichen eines hegemonialen Diskureses sein können.
Von der erfinderischen Mordkomplizin zur Fashion-Ikone: Cinderella im Wandel
„Cinderella“ bzw. „Aschenputtel“ – wer kennt sie nicht? Die Geschichte vom Aschenputtel, das nach viel Leid und Ungerechtigkeit dank magischer Helferlein in Glanz und Gloria auf dem großen Ball den Prinzen verzaubert und durch die Heirat mit ihm schließlich ihr Happy End fernab der bösen Stiefschwestern findet, ist nicht nur aus der Märchentradition, sondern auch aus der Populärkultur kaum wegzudenken. In Film, Werbung, sogar Fashion ist Cendrillon omnipräsent. Zu den bekanntesten Varianten zählen wohl die Grimm’sche Version sowie Perraults „Cendrillon“; in der europäischen Literaturgeschichte finden sich jedoch noch weitere Fassungen, darunter die erste europäische Schriftfassung überhaupt, „La gatta Cenerentola“ von Giambattista Basile, sowie Marie-Catherine d’Aulnoys „Finette Cendron“. Während die Grundmotive des Märchens gleich bleiben, so werden in den jeweiligen Varianten doch unterschiedliche Akzente gesetzt. Bei Basile wird Cenerentola zur Mordkomplizin, bei Perrault zum Inbegriff der Duldsamkeit und Anmut, bei d’Aulnoy zur Oger mordenden Fashion-Ikone. Die kreativen Rezeptions- und Transpositionsprozesse, die sich anhand des Märchens nachweisen lassen, sind besonders aufschlussreich in Hinblick auf den jeweiligen kulturellen Kontext, in dem die Texte entstanden sind. In diesem Beitrag sollen eben diese differenten Cinderella-Bearbeitungen als Zeugnis eines Kulturtransferprozesses gelesen werden.
Digitale Medien und Tanz
Die Digitalisierung ist im Bildungsbereich ein viel diskutiertes Thema und wird einen höheren Stellenwert in der Schule und somit auch im Schulsport erlangen. Für körpernahes Lernen, im Sinne neuer Betrachtungen der eigenen Realitäten, sind insbesondere Videoformate interessant. Im Sport(-unterricht) haben sich bereits Videos zur Analyse oder zur Veranschaulichung von Bewegungstechniken mit spezialisierten Apps etabliert. Im Bewegungsfeld Tanz beschränkt sich die Nutzung digitaler Angebote allerdings hauptsächlich auf Tutorials. Auf Videoplattformen zur Verfügung gestellte stilbezogene Bewegungen können somit erlernt werden. Ebenso gibt es die Möglichkeit in den sozialen Medien, wie Tik-Tok, Tänze aus Challenges nachzuahmen und dann das eigene Video hochzuladen. Die eigene Darstellung in den sozialen Medien dient oft der Identitätsbildung und birgt zugleich Möglichkeiten und Schwierigkeiten für Jugendliche. In der Vorlesung soll die Thematik Videos im Tanzkontext Schule und den sozialen Meiden, und wie diese das Leben von Jugendlichen verändert haben, näher beleuchtet werden.
Handschrift - Text - Edition - Übersetzung: Deutsche Literatur des Mittelalters verstehen
Die Voraussetzungen zum Erschließen, Verstehen und Interpretieren der deutschen Literatur des Mittelalters sind grundlegend andere als dies bei moderner Literatur der Fall ist. Quasi alle Vorstellungen, die wir mit unserem heutigen Literaturbetrieb verbinden, wie etwa massenhafte Verbreitung und Zugänglichkeit, Freiheit der Kunst, Förderstrukturen etc., aber auch Konzepte von Autorschaft und Originalität, Medialität und Lektürepraxis stehen im Hochmittelalter unter wesentlich anderen Bedingungen.
Aus dem deutschen Mittelalter sind uns  keine 'Originaltexte' im Sinne autorisierter Autormanuskripte überliefert, sondern nur Abschriften, die sich oft in Details oder auch sehr stark voneinander unterscheiden können. Das hat Konsequenzen für ganz basale Katergorien wie etwa den Textbegriff: Wo und wie wäre denn 'der' Text zu greifen, den einzelne Handschriften und nicht zuletzt auch deren Schreiber jeweils variiert haben? Wie verschafft man man sich als moderner Rezipient einen angemessenen Zugang zu dieser Literatur? Welche methodischen Schwierigkeiten gilt es dabei zu bewältigen?
Solche und weitere Fragen möchte der Vortrag exemplarisch beleuchten. Der Fokus ist dabei ein doppelter: Einerseits sind die spezifischen Transformationsprozesse herauszustellen, die Texte im Mittelalter zwischen ihrer Entstehung und ihrer heute allein noch greifbaren handschriftlichen Überlieferung durchmachen, andererseits aber auch eie Transferleistungen, derer es beadarf, um sie an ein modernes Publikum zu vermitteln.
Literatur und Biodiversität am Beispiel von Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden (1906/1907)
Nachdem sich die Literaturwissenschaft lange Zeit vor allem auf Beziehungen zwischen Texten konzentriert hat, ist mit den Forschungsströmungen einer ökologischen Literaturwissenschaft das Verhältnis von Literatur und physischer Umwelt wieder stärker in den Blick gerückt. Dabei bleibt die Untersuchung der Beziehung zwischen Text und Welt kompliziert. Dass sie Kenntnisse über den Wandel von Wissen und Werten erfordert, zeigt mein Vortrag am Beispiel der Beziehungen von Literatur und Biodiversität in Selma Lagerlöfs populärem Schulbuch Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden.
Generative KI und kreative Prozesse
Mit zunehmender Verbreitung von generativer künstlicher Intelligenz (GenKI) in Systemen wie Midjourney und Dall-E in kreativen Bereichen wird häufig die obligatorische Offenlegung der Beteiligung von GenKI zur Bewältigung sozialer, rechtlicher und ethischer Bedenken befürwortet. Die Auswirkungen solcher Offenlegungspolitiken auf die Wahrnehmung und Produktion kreativer Artefakte bleiben jedoch unklar. Durch eine eingebettete Mixed-Methods-Studie zeigen wir, dass die Offenlegung der Beteiligung von GenKI den kreativen Prozess auf mehreren Ebenen beeinflusst. Erstens verringert sie die wahrgenommene Kreativität der Entwürfe (Effekt erster Ordnung), da Empfänger des Artefakts zu glauben tendieren, dass weniger Aufwand von Designern aufgebracht wird, wenn sie mit GenKI zusammenarbeiten. Zweitens beobachten wir signifikante Effekte zweiter Ordnung auf die kreativen Praktiken von Designern, die mit GenKI arbeiten. Die erwartete Offenlegung formt den Inhalt grafischer Entwürfe und diktiert die Art der divergenten kreativen Aktivitäten. Diese exemplarische Studie der Wirtschaftsinformatik zeigt die komplexe, vielschichtige Auswirkung der Offenlegung der Beteiligung von GenKI auf beide Seiten des kreativen Prozesses. Daraus können Implikationen abgeleitet werden für sowohl Regulierungsbehörden als auch private Unternehmen, die GenKI-Tools für kreative Aufgaben einsetzen.
Sprache im Wandel der Zeit: Wie und warum verändert sich menschliche Sprache?
Die menschliche Sprache ist kein statisches Konstrukt, sondern etwas sehr dynamisches: Die Art und Weise, wie wir sprechen und schreiben, verändert sich stetig und unaufhaltsam. Sprache dient vor allem der zwischenmenschlichen Kommunikation und als solche steht sie unter dem permanenten Druck sich an veränderte Lebensrealitäten und -bedürfnisse anpassen zu müssen. Alle Bereiche von Sprache sind dabei von Veränderungen betroffen: das Lautsystem, die Grammatik, die Bedeutungsebene oder auch die Schrift. In der Vorlesung betrachten wir anhand von Beispielen aus verschiedenen Sprachen die vielfältigen Manifestationen von Sprachwandel und thematisieren auch mögliche Auslöser für Wandelprozesse.
Memory Across the Lifespan
Inhalt folgt zu Semesterbeginn

Zum Thema

 „Nichts ist so beständig, wie der Wandel“ (Heraklit)

Transfer und Transformation – Übertragung und Veränderung – sind die grundlegenden Konstanten von Kulturen und Gesellschaften, Institutionen und Individuen und betreffen Immaterielles (wie Ideen, Wissen, Sprachen, Methoden…) sowie Materielles (wie Medien, Personen, Ressourcen, Technologien…). Deren (Weiter-)Entwicklungen geschehen nicht linear oder einseitig, sondern vielmehr in mehrdimensionalen Wechselbeziehungen von Rezeption und Innovation, Aneignung, Anpassung und Abgrenzung. Sei es Kultur, Bildung, Selbstwahrnehmung oder anderes – Transfer und Transformation sind Prozesse, die Kommunikation, Reflexion und Handlung bedürfen. In dieser interdisziplinären Ringvorlesung werden die verschiedenen Ideen, Formen und Dynamiken von Transfer und Transformation aus je fachspezifischer wie auch fachübergreifender Perspektive in den Blick genommen, sodass sich ein reiches Panorama an Themen für Sie eröffnet.

Das Thema ist aktuell! Schlagworte aus dem Tagesgeschehen wie Künstliche Intelligenz und Digitale Transformation, Klimawende, Globalisierung, Zukunft der Arbeit, Soziale Medien und Nachhaltigkeit zeigen dies. – Und lassen dabei über (unsere) Verantwortung in Bezug auf (Wissens)Transfer- und Transformationsprozesse nachdenken.

Hierin finden sich Anschlussmöglichkeiten, um über Transfer- und Transformationsprozesse als Teil unserer Fachdisziplinen in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu diskutieren: Was waren und sind sprachliche, historische, künstlerische, gesellschaftliche, politische, ethnische, religiöse, sowie geschlechter-, generationen- und körperbezogene Konzepte, Ausprägungen und Dynamiken von und durch Transfer und Transformation? Welche Erscheinungsformen nehmen diese in verschiedenen Medien und Kommunikationsprozessen an? Wie und zu welchem Zweck wird Wissen dazu generiert, gesammelt und kommuniziert? Wer oder was sind Akteure von Transfer und Transformation und welche Gegenkräfte kommen eventuell zur Wirkung?

Erleben Sie im Sommersemester 2024 anhand des Semesterthemas „Transfer und Transformation“ wo und inwiefern sich unsere Fächer mit dem Themenfeld „Transfer und Transformation“ im weitesten Sinne beschäftigen. So erhalten Sie als Studierende über dieses Globalthema einen Einblick in Methoden, Fragestellungen und Projekte verschiedener Fächer.

Das Thema „Transfer und Transformation“ wird anhand verschiedener Fachbeispiele reflektiert und ebenfalls gesellschaftliche Schnittstellen beleuchtet; wo also Impulse des jew. Fachs in die Gesellschaft wirken und inwiefern ein innovativer Beitrag zu diesem relevanten Themenkreis geleistet werden kann.

Nicht zuletzt: Für Sie als Studienanfänger*innen ergibt sich zudem ein noch unmittelbarerer Zugang zum Thema: Ankommen an der Universität als ein Ankommen in einem neuen Arbeits- und Kommunikationsraums mit eigenen Sprachen, Diskurskulturen und Arbeitsmethoden, der Transfer- und Transformationsprozesse von ihnen erfordert; ein Eintritt in ein neues Terrain, in eine heterogene Gruppe, eine Konfrontation mit neuen Eindrücken und diversen Meinungen – mit Reflexionsanreizen, die (im besten Falle) zu einem eigenen Transformationsprozess führen.

So werden Sie auf vielfältige Weise herausgefordert (gerade mit ihrer Mission, Ihr Wunschfach zu finden sowie Ihre Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten zu erforschen), sich mit Transfer- und Transformationsprozessen – Ihren Ideen, Formen und Dynamiken auseinanderzusetzen.

Viel Spaß bei unserem Semesterthema!

​Vergangene Ringvorlesung Semesterthema 2023

Das Fremde in mir selbst. Vom Nutzen und Schaden der Rede vom Fremden

Seitdem es Kulturen gibt, nutzen Menschen die Rede von der Fremdheit als Mittel der Abgrenzung: Wer seid ihr wenn ihr anders seid als wir? Das Fremde ist kein Phänomen und kein Gegenstand. Es ist vielmehr ein nützliches Instrument, das hilft, sich und die eigene Kultur abzugrenzen und zu verstehen. Der Aspekt der Nützlichkeit führt vielfach auch zu, dass Fremdheit in der subjektiven Wahrnehmung übersteigert wird. 

Die negative Seite des Redens von den „Fremden“ ist die Xenophobie. Ethnologen zeigen durch ihre Untersuchungen, wie in der Geschichte und in verschiedenen Kulturen das Fremde immer wieder instrumentalisiert wurde, sei es, um die eigene Kultur zu idealisieren oder auch nur, um Grenzen deutlich zu markieren. 

Die eigentliche Aufgabe der Ethnologie geht aber noch einen Schritt weiter: gegen die falschen Vorstellungen von dem Fremden ist es ihre Aufgabe, auf Gemeinsamkeiten und universale Merkmale aller Kulturen weltweit hinzuweisen. Fremdheit wird oft instrumentalisiert. Gegen solche Tendenzen zeigen Ethnologen, dass jeder Einzelne Fremdheit nur subjektiv wahrnimmt. Dadurch vergessen die Betroffenen, wie wichtig die gemeinsamen Grundlagen der Menschheit sind.

Einblick in die Konsumentenpsychologie: Vertraut vs. fremdartig erscheinende Produkte und ihre Wirkung auf das Konsumentenverhalten
Viele Marketingmaßnahmen verfolgen das Ziel, ein Gefühl der Vertrautheit gegenüber Produkten oder Marken bei potentiellen Konsumenten und Konsumenteninnen zu erzeugen. Die dahinter stehende Überzeugung ist, dass vertraut erscheinende Produkte zu einer höheren Kaufwahrscheinlichkeit führen als fremdartige Produkte. Diese Vorlesung beleuchtet drei wesentliche Fragen zu dieser Marketingstrategie: (1) Welche Gestaltungsaspekte eines Produkts tragen dazu bei, dass ein Produkt vertraut erscheint? Hierbei schauen wir uns an, wie scheinbar nebensächliche Aspekte wie der Markennamen eines Produktes oder dessen Design einen substantiellen Effekt auf die wahrgenommene Vertrautheit entfalten können. (2) Welcher psychologische Mechanismus ist dafür verantwortlich, dass ein Gefühl der Vertrautheit entsteht und wie und warum hängt dieser Mechanismus mit der Bewertung von Produkten zusammen? (3) Die aus betriebswirtschaftlicher Sicht essentielle Frage, ob eine gesteigerte Produktvertrautheit tatsächlich nachweisbar positive Effekte auf den Erfolg eines Produkts im Markt besitzt. In diesem Zusammenhang werfen wir auch einen ersten Blick auf die statistische Auswertung von großen Datensätzen im Kontext von Marktdaten und streifen damit auch die Themen „Data Science“ bzw. „Big Data“.
Fremdheit als Vergewisserung über das Eigene. Eine Perspektive aus der erziehungswissenschaftlichen Migrationsforschung
Wenn Adorno davon spricht „ohne Angst verschieden sein zu können“ spricht er davon, dass Fremdheit wertgeschätzt und gesellschaftlich inkludiert wird. Dies scheint eine zentrale Norm einer demokratischen Gesellschaft, die ihre Mitglieder in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert und teilhaben lässt. Gegen diese Vorstellung steht die Assoziation von Fremdheit mit einer Verschiedenheit zum Eigenen, die abgewehrt wird, weil von ihr angenommen wird, dass sie mit (eigenen) gesellschaftlichen Normen nicht übereinstimmen kann, wie es zum Beispiel in Diskriminierungs- und Rassismusverhältnissen der Fall ist. In der Abwehr bestätigt sich dann allerdings auch das Eigene und seine Privilegiertheit in gesellschaftlichen Ordnungen. So entsteht eine Paradoxie der Anerkennung des Fremden als fremd und damit der Verhinderung von Inklusion und Teilhabe. Diese Paradoxie bildet den Ausgangspunkt dieser Vorlesungseinheit und initiiert ein Nachdenken über Teilhabe- und Inklusionsverhältnisse in demokratischen Gesellschaften. Es lässt sich anhand von Fallbeispielen aus gesellschaftlichen und schulischen Umgangsstrategien zeigen, wie die Markierung von Migrant*innen als Fremden gleichzeitig Anerkennung und Abwertung enthält. So werden gesellschaftliche Machtstrukturen aufrechterhalten, die Fremdheit brauchen, um sich über das Eigene zu vergewissern, wobei diese Vergewisserung auf Kosten der der Wertschätzung von Verschiedenheit und Vielfalt gehen kann und der Absicherung eigener Privilegien dient.
Von Schweinen und Königen: wie Märchen von Alterität erzählen 
Fremdheit und Differenz werden im Märchen vielfach durch anthropomorphe Gestalten, z.B. Mischwesen oder monströse Phantasiegeschöpfe, versinnbildlicht. Zu diesen märchentypischen Erscheinungsformen des Anderen zählt auch das bekannte Motiv des Tiergatten (und analog dazu das der Tierbraut). Der hybride Held bzw. Prinz (in manchen Fällen auch die Prinzessin) – halb Mensch, halb Tier – fristet ein Dasein in sozialer Isolation, wünscht jedoch, sich zu vermählen – was unter Zwang dann auch geschieht – und kann durch die Kraft der Liebe von seiner tierischen Gestalt befreit werden. Im Bild des tierischen Helden bzw. der tierischen Heldin – sei es Schwein, Schlange, Frosch oder Drache – wird Andersartigkeit bzw. Fremdheit erfahrbar gemacht, und zwar eine Fremdheit, die die ‚dunklen‘ Bereiche der mensch­lichen Psyche berührt: verbotene Begierden, Lust an Gewalt und Aggressionen, die gesell­schaftlich nicht zulässig sind und damit vom zivilisatorischen Standpunkt aus als ‚tierisch‘ betrachtet werden müssen. Damit ist das Monstrum im Märchen jedoch weniger ein Bild des radikal Anderen, als vielmehr eine Metapher des Eigenen, das ausgeschlossen werden muss. Wie die Begegnung mit dem Monströsen auf vielfältige Weise – und mit durchaus divergierenden Implikationen – in Szene gesetzt wird, soll anhand verschiedener italienischer und französischer Märchen wie Gianfrancesco Straparolas „Re Porco“, Madame d’Aulnoys „Le Prince Marcassin“ und Madame de Murats „Le Roi Porc“ aufgezeigt werden.

Alterität für Fortgeschrittene.


Eine theologisch-innovative Perspektive auf die Beziehung zum ganz Anderen.
Die christliche Theologie verwendet den Begriff der Andersheit (bzw. Alterität) in einer einzigartigen Weise. Als grundlegend ‚anders‘ beschreibt sie keinen Geringeren als Gott. Dieses ‚Othering Gottes‘ ist dabei nicht – wie in anderen Fällen der Zuschreibung von Fremdheit – mit einer Abwertung verbunden, sondern mit einer emphatischen Aufwertung: Gott wäre nicht Gott, wäre er nicht radikal anders als wir. Der Vortrag fragt danach, was sich von dieser Figur über das Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden bzw. über unseren Umgang mit dem je Anderen lernen lässt.

Wider die Angst vor der Differenz: Perspektiven des Dialogischen in der jüdischen Religionsphilosophie des 20. Jahrhunderts
Ausgehend von Martha Nussbaums der Emotionsforschung verpflichtetem Buch Die neue religiöse Intoleranz: Ein Ausweg aus der Politik der Angst (2014) und ihren Überlegungen über die Hemmnisse, die einem konstruktiven Umgang mit religiös-kultureller Differenz in der pluralen Gesellschaft der Gegenwart entgegenstehen, befasst sich der Vortrag mit den theoretischen und praktischen Herausforderungen religiöser Diversität und Differenz. Wie können konkurrierende religiöse Geltungsansprüche in demokratischen Gesellschaften miteinander ins Gespräch gebracht werden, ohne die eigene Position auf der Suche nach Harmonie und Konsens preiszugeben oder den dem Eigenen widersprechenden Positionen durch Macht, Intoleranz oder Gewalt zu begegnen? Wie lassen sich im freien Diskurs Differenzen oder Konflikte aushalten und dialogisch bearbeiten? Diese theoretischen Fragen sollen mit Hilfe der Positionen jüdischer Philosophen und Theologen im 20. Jahrhundert bearbeitet werden, die sich aus einer Minderheitensituation heraus mit religiöser Differenz auseinandergesetzt und Modelle einer dialogischen Anerkennung der unaufhebbaren Differenz des Anderen entwickelt haben.

Fremdgemacht im eigenen Land? Selbstermächtigung und neue leitkulturelle Produktion in der postmigrantischen Gesellschaft

"Fremdheit und Eigenheit (in) der Sprache: Übersetzen"

Die Kategorien des 'Eigenen' und des 'Fremden' sind seit jeher in derÜbersetzungstheorie angewendet worden, um den Vorgang des Übertragens

von einer in die andere Sprache zu beschreiben. Dabei ist das
ideologische Spektrum jedoch groß, wie sich am Paradigma der
Bibelübersetzung besonders eindrücklich zeigt: während etwa Luther die
'fremden' Sprachen der Bibel in seiner Übersetzung 'verdeutschen'
möchte, geht es etwa Buber und Rosenzweig in ihrer Übersetzung der
Bibel darum, im Deutschen das Hebräische hören zu lassen, d.h. das
'Eigene' zu 'verfremden'. Die Vorlesungen gibt an Hand verschiedener
Beispiele - von Hieronymus über Luther bis Rosenzweig, von
Schleiermacher und Humboldt über Benjamin, Derrida und Steiner bis
Barbara Cassin - einen Überblick über übersetzungstheoretische
Positionen im europäischen Sprachdenken, die das 'Eigene' und das
'Fremde' verhandeln.
Wer repräsentiert hier eigentlich wen? Das Spannungsverhältnis von Repräsentation und Demokratie in Zeiten der Krise.
Die Verdichtung und spürbare Betroffenheit weltpolitischer Krisenerscheinungen in den letzten Jahren scheinen die Unzufriedenheit und Kritik an den bisherigen politischen Repräsentanten erhöht zu haben. Dabei berufen sich die handelnden Akteure auf ein „Wir“ („Wir sind das Volk“) welches sich von anderen abgrenzt („Wir zahlen nicht für eure Krise“). Doch wer gehört eigentlich zu diesem „Wir“ auf welches sich berufen wird? Wessen Interessen werden repräsentiert? Und wann ist ein Repräsentationsanspruch legitim? Steckt die repräsentative Demokratie tatsächlich wie so oft proklamiert in einer Krise?  Diese politikwissenschaftlichen Fragen stehen im Zentrum des Vortrages, der sich mit dem Spannungsverhältnis von Repräsentation und Demokratie auseinandersetzt und dieses anhand von exemplarischen Krisendiagnosen expliziert.
Eigenleib und Fremdkörper – eine spannungsreiche Voraussetzung sportlichen Handeln
Es dürfte für jeden selbstverständlich sein, dass im Sport der Körper eine zentrale Rolle spielt – ohne Körper kein Sport. Was aber ist der „Körper“? Diese Frage scheint auf den ersten Blick leicht zu beantworten zu sein: Dieses physische Ding, das man einsetzt, wenn man Sport treibt. Der Körper als Ding ist ein Objekt, für das sich vor allem die Naturwissenschaften interessieren – in der Sportwissenschaft die Sportmedizin und Trainingswissenschaft. Aus der naturwissenschaftlichen Perspektive ist der Körper ein Fremdkörper, der von außen beobachtet, untersucht, gemessen etc. wird. Dass es sich um meinen Körper handelt, mit dem ich Sport treibe, ist in dieser Perspektive nebensächlich – es geht hier um den menschlichen Körper. Im Sport (und nicht nur dort) ist aber nicht nur der Körper als Objekt wichtig, sondern ebenso der Körper als Subjekt, also mein Körper in dem Sinne, was ich an mir wahrnehme, wo und wie ich mich spüre. Der Körper als Subjekt ist der Eigenleib, zu dem nur ich allein Zugang habe – meinen Muskelkater spüre ich nur ich. Mit diesem Eigenleib setzt sich eine philosophische Disziplin auseinander, die Phänomenologie, die auch in der Sportwissenschaft eine zunehmend wichtige Rolle spielt. In der Vorlesung soll vor diesem Hintergrund die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Eigenleib und Fremdkörper im sportlichen Handeln behandelt werden.
Le je n’est pas le moi – Alterität in der Psychologie nach Jacques Lacan und Wieland Machleidt   
„Ich denke, also bin ich.“ Ist es so einfach? Nicht, wenn man an Sigmund Freud denkt. Mit der Einführung des Unbewussten wurde die idealistische Idee von der Einheit des Ich erschüttert. Der Dichter Rimbaud kommentierte dies später wie folgt: „Je es un autre“ („Ich ist ein Anderer“). Anhand der Theorien Lacans soll veranschaulicht werden, wie wir uns immer nur im Anderen erkennen, sei es Spiegelbild, im realen Anderen oder in der Sprache. Durch die Perspektive Wieland Machleidts soll wiederum illustriert werden, wie wir versuchen diesem Umstand ganz praktisch in der Behandlung von Patient:innen gerecht zu werden.
Zu Hause fühlen – „Heimat“ vs. “Global Sense of Place”
Der Begriff „Heimat“ wird in den vergangenen Jahren (wieder) vermehrt als positiver Bezug genutzt, um Gemeinschaft, Gerechtigkeit, ja Geborgenheit zu signalisieren („Heimatministerium“ etc.). Zugleich wird er als ausschließend kritisiert (z.B. „Eure Heimat ist unser Alptraum“). Denn häufig werden mit dem Begriff Grenzen eingezogen um zu bestimmen, wer zu einer Gemeinschaft dazugehört – und vor allem, wer nicht. Die britische Geographin Doreen Massey hat vor über 30 Jahren vorgeschlagen „sense of place“, also die (emotionale) Verbundenheit mit einem Ort, progressiv zu wenden. Orte entstünden in sozialen Beziehungen, die weit über den Ort hinausweisen und häufig globaler Natur sind. Sie sich als klar begrenzt vorzustellen, widerspräche der gelebten Realität.