Studentische Projekte

Masterwerkstatt 'Fragmentwelten'

Wir betrachten mittelalterliche Texte im Studium üblicherweise durch einen Filter. – Der Text begegnet uns meist in der Form moderner gedruckter Editionen und Übersetzungen. Die prachtvollen Handschriften oder dicht geschriebenen Gebrauchstexte verlieren so jedoch eine ganz entscheidende Dimension ihrer historischen Zeugniskraft: ihre individuelle Medialität und Materialität. Das historische Textartefakt wird zugunsten von Verständlichkeit und einer breiteren Benutzbarkeit auf seinen schriftlichen Inhalt reduziert. Die materielle Gestalt geht verloren; die sprachliche Gestalt ist in der Regel Folge der Arbeit des Editors. Dabei transportieren Handschriften mehr als nur den schriftlichen Inhalt: Sie geben uns in ihrer materiellen Beschaffenheit beispielsweise Aufschluss über die handwerklich-technischen Aspekte der Anfertigung. Ihr Erscheinungsbild bezeugt unter anderem das Literaturverständnis einer Epoche, einer Region, einer Gruppe, den Status, den sie einem Text zubilligen, die Bedeutung, die der Autorpersönlichkeit zugemessen wird.

Das Seminar eröffnet die Möglichkeit, im Rahmen einer Editionswerkstatt den Modus der digitalen Textedition an Handschriftenfragmenten der Frankfurter Universitätsbibliothek zu erproben und sich den historischen Textartefakten ungefiltert zu nähern. Wir rücken so im Seminar die einzelne Handschrift bzw. deren fragmentarischen Rest in den Vordergrund. Die Studierenden lernen die Rolle des Texteditors am Beispiel kleinerer Fragmente kennen und werden selbst editorisch aktiv. Um die Möglichkeiten digitaler Texteditionen zu erfassen und die mittelalterliche Medialität im Modus des Digitalen kreativ sichtbar zu machen, werden wir in der Editionswerkstatt Handschriftenfragmente der Frankfurter UB gemeinsam transkribieren und edieren.

Die Editionswerkstatt erstreckt sich über zwei Semester: ein Blockseminar im Sommersemester 2022 und ein Seminar im Wintersemester 2022/23. Es ist nicht verpflichtend, an beiden Seminaren teilzunehmen. Das Seminar im Wintersemester 20022/23 findet ausschließlich während der ersten Hälfte der Vorlesungszeit statt (19.10.-30.11.2022). In diesem Zeitraum werden zusätzlich zu den wöchentlichen Sitzungen zwei Blocktermine (Sa, 12.11. und Sa, 26.11. jeweils von 10:00 bis 18:00 Uhr) gehalten. Die Editionswerkstatt richtet sich in erster Linie an Masterstudierende des Fachs Deutsche Literatur und fortgeschrittene Lehramtsstudierende.

Anmeldung über das Vorlesungsverzeichnis

Seminarleitung: Frau Fröhle (Kontakt: froehle@em.uni-frankfurt.de)

Modulzuordnungen:
Master: GER MA-1+4+5+6; MA 8 (Als forschungsorientiertes Projekt kann das Seminar auch im Rahmen von Modul MA-8 angerechnet werden (5CP)).
LA: alte PO: L 3 FW 5.1+3, 6.1 neue PO: L3 FW 6.1, 7.1

Verborgenes bergen: Die mittelalterlichen Bestände der UB als Schatzkammer

Mittelalterliches ist in Frankfurt – historisch bedingt – zumeist verborgen. Was für die moderne Bankenstadt gilt, scheint auf den ersten Blick auch für die etwa 100 Jahre junge Goethe-Universität zu gelten. Dabei birgt die universitätseigene Bibliothek beachtenswerte mittelalterliche Schätze wie die Frankfurter Dirigierrolle, die von höfischen Stoffen – so etwa der unikal überliefernden, in Frankfurt zu findenden Schwanritter-Handschrift – flankiert wird. Selbst ein Fetzen von Gottfrieds Tristan, jener zeitübergreifend erfolgreichen Liebesgeschichte, findet sich im Magazin. Die inzwischen bereits großteils digitalisierten Handschriften boten den Ausgangspunkt, um eine Überführung einzelner, bisher vorrangig zur wissenschaftlichen Verwendung gedachter Digitalisate in breitenwirksame Formen vorzunehmen und diese hier im Rahmen einer kleinen digitalen Ausstellung unter dem Titel „Verborgenes bergen: Schatzkammer UB JCS“ zu veröffentlichen.

Hier geht es zur Online-Ausstellung

Poetria Nova 2.0: Mittelalterliche Poetik trifft Digital Humanities

Wer dichtet, muss sich an bestimmte Regeln halten. Was in der Postmoderne, die immer noch von einer Genieästhetik der Goethezeit geprägt ist, befremdlich klingen mag, ist im Hochmittelalter eine Selbst­ver­ständlichkeit. Dichtung ist hier – zumindest dem erklärten Selbstverständnis nach – kein Ausdrucks­mittel persönlicher Individualität und Kreativität, sondern ein Handwerk, eine erlernbare ars. Lehrwerke dieser ars, die sogenannten Poetiken des 12. und 13. Jahrhunderts bildeten den Forschungsgegenstand des auf zwei Semester ausgelegten Lehrprojekts (WiSe 19/20; SoSe 20), das den Blick auf die Pro­duktions­bedingungen mittel­alterlicher ‚Literatur' schärfen sollte.

In der ersten Projektphase ging es zunächst darum, grundlegende Aspekte und Techniken des poetischen Handwerks genauer zu beleuchten, etwa das Primat des Wiedererzählens bekannter Stoffe, weit ver­breitete Topoi in Prologen und Exkursen sowie Figuren- und Gegenstands­beschreibungen als geeignete Stellen, um prestigeträchtig das eigene Können zu demonstrieren. Diese Elemente wurden dabei stets in der Theorie und am konkreten Textgegenstand, dem artificium, untersucht und hinsichtlich ihrer unter­schied­lichen Gestaltungs­möglichkeiten befragt. Die Studierenden erhielten mit dieser Perspektive auf die ‚technische' Seite vormoderner Literatur eine äußerst anschlussfähige Grundlage zur eigenständigen Er­schließung weiterer Texte; nicht zuletzt auch moderner Werke, die nicht selten Bruchstücke tradi­tioneller Muster erkennen lassen.

In der zweiten Projektphase wurde das Erarbeitete dann ganz im Geiste der durchaus didaktischen Sys­tematisierungsbestrebungen der Poetiken sowie mit Blick auf die digitale Wissenskultur für das frei ver­fügbare MediaeWiki aufbereitet. Dazu war es zunächst nötig, sich mit den medialen Bedingungen dieser Form auseinanderzusetzen und die vorher in akademisch-essayistischer Form verfassten Beiträge ent­sprechend anzupassen. Entstanden sind dabei unter anderem die Artikel zur Ekphrasis, also zur ver­lebendigen Beschreibungstechnik literarischer Kunstgegenstände sowie zur Beschreibung schöner und hässlicher Figuren, wie wir sie etwa im Eneasroman Heinrichs von Veldeke vorfinden.

Mittelhochdeutsche Texte als Hörfassung

lesen und verstên - Mittelhochdeutsche Texte als Hörfassung


Das Projekt zielte darauf ab, durch einen produktionsorientierten Ansatz am Beispiel der s.g. ‚Bilderburg' Runkelstein in Tirol ein Verständnis für zentrale Konzepte vormoderner Medialität zu erarbeiten. Dafür galt es im ersten Teil (Blockveranstaltung im WiSe 18/19 Frankfurt), sich mit den dort als Fresken bearbeiteten Stoffen vertraut zu machen und sie in anschließender Projektarbeit als Hörfassungen umzusetzen. Diese wurden dann im zweiten Teil vor Ort (Brixen/Südtirol) im Rahmen einer Exkursion (Juli 2019) präsentiert und in unmittelbarer Konfrontation mit den mittelalterlichen Bildwerken diskutiert, um Aufschluss über mögliche Rezeptionspraktiken zu gewinnen und so Phänomene semi-oraler Praktiken des Wiedererzählens greifbar zu machen. 

 

Hier gelangen Sie zu den Hörfassungen:



Die Badestube auf Runkelstein (Reyhan Celik und Aurelia Fröhle)

Die Triaden auf Runkelstein (Florian Müller, Malin Kipke, Christof M. Kleinfelder

Oswald von Wolkenstein - Bootcamp

Musiker, Ritter, Weltreisender, Schlachtenbummler, Nachwuchsdiplomat, Haudegen und Schürzenjäger: Kaum ein mittelalterlicher Dichter schlüpft in seinem literarischen Œuvre in so viele Rollen wie der 1445 verstorbene Südtiroler Oswald von Wolkenstein. Das Oswald-Bootcamp bot die Gelegenheit, verschiedene Facetten seines Werks und dessen Rezeption komprimiert in drei Tagen kennenzulernen.

Frankfurter Altgermanistik von 1933 bis 1945

Ein starkes Interesse von Studierenden der Älteren deutschen Literatur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, sich mit ihrer lokalen Fachgeschichte zu beschäftigen, hat zu einer Reihe von Lehrforschungsseminaren in den Jahren 2016 und 2017 geführt, deren Ergebnisse hier präsentiert werden.