Geschichte – Zerrüttung zwischen Rousselle und Hentze

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Nachfolger Richard Wilhelms wurde Erwin Rousselle (1890-1949), der seit 1925 Professor für deutsche Philosophie an der Universität Beijing und damit auch Wilhelms Nachfolger dort gewesen war. Rousselle hatte ursprünglich Semitistik, Iranistik und Indologie sowie Jura studiert und war erst im Rahmen seiner Beschäftigung mit ostasiatischer Philosophie und Buddhologie zur Sinologie gekommen. Daher zweifelte die Universitätsleitung an der sinologischen Qualifikation Rousselles und bat führende deutsche Sinologen um eine Bewertung von Rousselles wissenschaftlichen Leistungen, die durchaus gespalten ausfiel. Dennoch konnte sich Wilhelms Nachfolger recht schnell etablieren und führte die Arbeit des China-Instituts als Ort des aktiven Kulturaustausches in der Tradition seines Vorgängers mit Erfolg fort. Er begründete die kunsthistorisch wertvolle Sammlung des China-Institutes und befasste sich vornehmlich mit chinesischer Religions- und Philosophiegeschichte, aber auch – ähnlich wie schon Richard Wilhelm vor ihm – mit praktischen Themen, wie der chinesischen Fischerei und Schifffahrt.

Mit der wirtschaftlichen Erholung Mitte der 1930er Jahre und der finanziellen Unterstützung der Stadt Frankfurt, die damals Trägerin der Universität war, erlebte das China-Institut eine Blütezeit, die allerdings durch die Schatten des Nazi-Regimes verdunkelt wurde. Das zeigt zum Beispiel die Erstellung einer Festschrift für den Hamburger Sinologen Alfred Forke zu dessen 70. Geburtstag im Jahre 1937, die in einer zweibändigen Sonderausgabe der renommierten Sinica veröffentlicht werden sollte. Beiträge "nichtarischer", kommunistischer oder sonst den Nationalsozialisten missliebiger Autoren wurden von vorneherein ausgeschlossen, darunter von bedeutenden Gelehrten wie Gustav Haloun, Hellmut Wilhelm und Étienne (damals noch Stefan) Balázs. 1940 geriet Erwin Rousselle selbst ins Visier der Nazis. Wahrscheinlich wegen seiner religionswissenschaftlichen Ansichten aus den Arbeiten über den chinesischen Volks-Daoismus entfernte man ihn aus seinen Ämtern als Professor für Sinologie. Die Leitung des China-Instituts behielt er noch bis 1942. Anfang 1943 schließlich wurde Rousselle mit einem Redeverbot an der Universität belegt.

Sein Nachfolger wurde der aus Belgien stammende Paläograph, Archäologe und Sinologe Carl Hentze (1883-1975), der die kulturvermittelnde Arbeit des China-Instituts als "Schaumschlägerei" ablehnte und sich auf streng wissenschaftliche Forschung konzentrieren wollte. Er arbeitete vornehmlich zu frühen chinesischen Bronzen der Shang-Zeit. Bei einem Bombenangriff im März 1944 wurde das Gebäude des China-Instituts am Untermainkai vollständig zerstört. Seine umfangreiche Bibliothek und der größte Teil der Kunstsammlung gingen dabei verloren. Damit hatten das China-Institut und die Frankfurter Sinologie faktisch aufgehört zu existieren.