Abgeschlossene Forschungsprojekte


Aufbau des Heimat-Museums in Filia auf der griechischen Insel Lesbos

Dr. Ulrike Krasberg  

Vorgehen

Nach zwei Vorbereitungsseminaren zu Museologie („Die Sprache der Dinge“ im SoSe 2016 und WiSe 2016/17) arbeitete eine Gruppe Studierender am Aufbau eines Heimatmuseums in Filia. Nach der Katalogisierung aller Objekte wurde eine Ausstellungskonzeption erarbeitet, die sich sowohl an Neil MacGregors „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ als auch an Orhan Pamuks „Museum der Unschuld“ orientiert. Für die Ausstellung wurden kleine Geschichten und Berichte von besonderen Traditionen im Dorf gesammelt, aufgeschrieben und als Handout den Besuchern zur Verfügung gestellt. Neben älteren Dorfbewohnern halfen auch Schülerinnen und Schüler aus der Realschule von Filia beim Geschichten Sammeln mit.

Abschlussbericht Zusammenfassung

Mit dem WS 2019/20 ist das achtsemestrige Forschungsprojekt der U3L „Museum Filia“ beendet. Die von Studierenden mit den Objekten des Museums aufgebaute Dauerausstellung kann nun für Besucher eröffnet werden. Weitere Arbeiten an Museum und Ausstellung hat die Realschule in Filia übernommen, die das Museum als „außerschulischen Lernort“ in ihr Unterrichtscurriculum für das Fach „Heimatkunde“ aufgenommen hat.


Die Museum-Filia-Gruppe hat eine Homepage für das Museum eingerichtet, die seit April 2020 online steht und unter www.museum-filia.com zu finden ist. Dort werden nicht nur Objekte der Sammlung und Themen der Ausstellung vorgestellt, sondern auch das Forschungsprojekt wie es sich zwischen Dorfbewohner*innen und Studierenden entwickelt hat. Außerdem finden sich Geschichten (oral history) über den Lebensalltag im Dorf in den letzten 100 Jahren, Einblicke in Sitten und Gebräuche und das Dorfleben heute. Der Historiker Dr. Strati Anagnostou konnte gewonnen werden, aus seiner Forschungsarbeit Beiträge über die Epoche des Übergangs vom Osmanischen Reich zum griechischen Nationalstaat auf der Insel für die Museums-Homepage zur Verfügung zu stellen. All diese Themen sind auch in der Ausstellung zu finden.


Politische Bildung im Alter

Prof. Dr. Eike Hennig

 

Fragestellung

Eine qualitative Untersuchung über politische Orientierung und Aktivitäten, Parteibindung und Wahlverhalten und ihre biografische Verankerung bei Studierenden der U3L zwischen 60 und 81 Jahren.

Methodisches Vorgehen

In Leitfadeninterviews wurden Studierende der U3L durch die Projektteilnehmer/innen der U3L zu ihrer politischen Orientierung befragt, um Meinungsbildungsprozesse und politische Aktivitäten im Alter zu erforschen.

Laufzeit

SS 14 bis SS 16

Veröffentlichung

Die Ergebnisse aus diesem Forschungsprojekt unter der Leitung Prof. Eike Hennig in Zusammenarbeit mit U3L-Studierenden sind als Buch erschienen unter dem Titel:

"Politische Bildung im Alter. Wir waren ein bisschen wilder und sind jetzt altersmilde geworden". Schwalbach/Ts 2016

Informationen des Verlags


Besuche in Filia – Kulturwissenschaftliche Feldforschung in einem Bergdorf auf Lesbos

Dr. Ulrike Krasberg

Fragegestellung und Ablauf

Das Forschungsprojekt wurde vorbereitet im Rahmen zweier Seminare "Griechenland heute - ethnologische Einblicke und "Einführung in die Theorie und Praxis ethnologischer Forschung am Beispiel Griechenlands" (SS 14 und WS 14/15). Diese Seminare mündete in eine zehntägige Feldforschungsexkursion nach Filia, einem Dorf auf der griechischen Insel Lesbos, während der dortigen Osterzeit.

Ein Schwerpunkt bildete das Thema "Sitten und Bräuche des orthodoxen Osterfestes". Darüber hinaus gingen die Exkursionsteilnehmer/innen während ihres Aufenthaltes in Filia weiteren eigenen Fragestellungen nach.  

Methodisches Vorgehen

Mittels teilnehmender Beobachtung und der Sichtung ethnografischer Objekte wurden Einblicke in das dörfliche Leben gewonnen. Daraus entstand eine Aufsatzsammlung zu unterschiedlichen Themen und Beobachtungen des dörflichen Lebens in Filia.

Laufzeit

SS 14 bis SS 15

Veröffentlichung

Krasberg, Ulrike (Hrsg.): Kali anástasi. Kulturwissenschaftliche Exkursion ins österliche Griechenland von Studierenden der Universität des 3. Lebensalter. U3L-Reihe: Forschung und Projekte Nr. 5, 2015


Bildungsverläufe an der Universität des 3. Lebensalters - eine Langzeitstudie

Prof. Dr. Günther Böhme. Mitarbeit: Dr. Frank-Olaf Brauerhoch, Silvia Dabo-Cruz

Fragestellung

Die Entwicklung des Studierverhaltens wurde bei einer Gruppe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern über einen Zeitraum von 10 Jahren beobachtet und dargestellt.

Es lag die Annahme zugrunde, dass sich Bildungsbedürfnisse altersabhängig verändern und sich drei Altersphasen – der ältere, der alternde, der alte Mensch – zuordnen lassen (Böhme)

Vorgehen

Bildungstagebücher (Fragebogen, der fortlaufend auszufüllen ist) von ca. 100 Studierenden wurden über einen Zeitraum von 10 Jahren ausgewertet und dokumentiert.

Veröffentlichung

Günther Böhme, Frank-Olaf Brauerhoch, Silvia Dabo-Cruz: Lust an der Bildung: Resultate eines gerontologischen Projekts zu Studienverläufen im dritten Lebensalter. Idstein 2010


Lehr-Lern-Dialog Altenpflege - Seminarprojekt mit Seniorstudierenden und Altenpflege‐Schülern/innen

Silvia Dabo‐Cruz & Christine Hamann

Zusammenfassung in der Posterdarstellung - 2009

nach oben ↑


Kindergärten in Demokratie und Diktatur (1920 - 1945) – Geschichte des Kindergartenwesens von der Weimarer Republik bis zum Ende des Nationalsozialismus

Christine Hamann, Dipl. Päd.

Die gegenwärtige aktuelle Diskussion um den Bildungsauftrag des Kindergartens wurde in ähnlicher Form schon vor rund 80 Jahren zu Anfang der Weimarer Republik geführt. Damals wie heute ging es um gesellschaftliche Bedeutung und Stellenwert institutionalisierter frühkindlicher Erziehung, die erst in den 20er Jahren allgemein als Kindergartenerziehung bezeichnet wurde. In der Geschichte des Kindergartens war die Anfangszeit der ersten Republik in Deutschland eine historisch wichtige Epoche. Es fand eine intensive pädagogische und politische Diskussion zur Bestimmung und Ausgestaltung des Kindergartenwesens statt, die als Weichenstellung in der Entwicklungsgeschichte der Kindergärten bezeichnet werden kann. Die grundsätzliche Frage war, ob der Kindergarten eine elementare Erziehungs- und Bildungseinrichtung für alle Kleinkinder, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft sein sollte oder ob der Kindergarten nur als eine sozialfürsorgerisch ausgerichtete Nothilfeeinrichtung für aufsichts- und erziehungsbedürftige Kinder aus unteren Schichten eingerichtet werden sollte?

Nach dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922/1924, einem der wenigen „Reichserziehungsgesetze“, die parlamentarisch durchgesetzt werden konnten, wurde der Kindergarten als Einrichtung der halboffenen Kinderfürsorge definiert und damit dem Jugendwohlfahrtswesen und nicht dem öffentlichen Schulsystem zugeordnet.
Trotz der gesetzlichen Einordnung des Kindergartens als Fürsorgeeinrichtung, setzte aus erziehungswissenschaftlicher und reformpädagogischer Sicht in den 20er Jahren eine Pädagogisierung der öffentlichen Kleinkindererziehung ein. Die traditionelle Fröbelpädagogik musste sich gegenüber alternativen frühpädagogischen Konzepten wie Montessoripädagogik und –methode oder beispielsweise einer psychoanalytisch orientierten Kleinkindpädagogik behaupten.

Zielsetzung des vorliegenden historisch-pädagogischen Forschungsprojekts ist das Herausarbeiten der grundlegenden Entwicklungslinien in der Geschichte des Kindergartenwesens auf konzeptioneller, organisatorischer, politischer und gesetzlicher Ebene in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 sollen Kontinuität, Brüche und Veränderungen im Kindergartenwesen thematisiert werden.

Von folgenden Fragestellungen wird ausgegangen

  • Welche bildungstheoretischen, pädagogischen, psychologischen und sozialfürsorgerischen Konzepte öffentlicher Kleinkindererziehung gab es in den politischen Systemen Demokratie und nationalsozialistische Diktatur?
  • Welche gesetzlichen Regelungen wurden jeweils getroffen?
  • Wie wurde das öffentliche Interesse an Kindergarteneinrichtungen begründet und welche Mittel wurden aufgebracht?
  • Welchen Einfluss hatten die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen auf das Kindergartenwesen?
  • In welcher Form wurden nach 1933 Gleichschaltung und „Nazifierung“ des Kindergartenwesens verwirklicht?
  • Unter welcher Trägerschaft wurden Kindergärten eingerichtet und wie veränderte sich die traditionelle konfessionelle, kommunale und Vereins-Trägerlandschaft, zum Beispiel durch den Aufbau der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) -Kindergärten im Laufe der 30er Jahre?
  • Wie wurden Ziele und Inhalte in der Kindergärtnerinnenausbildung jeweils definiert und verändert?

Aufbau der Arbeit und methodische Vorgehensweise

Nach einem historischen Abriss zur Entstehung und Entwicklung von Einrichtungen öffentlicher Kleinkindererziehung im 19. Jahrhundert folgen der theoretische Hauptteil zur Geschichte der Kindergärten in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit und eine beispielhaft angefügte regionalgeschichtliche Studie zur Geschichte des Kindergartenwesens in der Stadt Frankfurt am Main, ebenfalls für den Zeitraum 1920 bis 1945. Die theoretischen Ausführungen basieren auf einer umfangreich durchgeführten Literaturrecherche, bei der nach Möglichkeit auch Primärquellentexte ausgewählt und interpretiert werden. Die Darstellung der Geschichte des Kindergartenwesens in Frankfurt am Main konnte aufgrund einer Quellenrecherche und -auswertung anhand der für das Kindergartenwesen relevanten Aktenbeständen des Instituts für Stadtgeschichte durchgeführt werden.

Zur weiteren Ergänzung des Themas dienen acht berufsbiographische Interviews mit ehemaligen Kindergärtnerinnen und Gespräche mit ehemaligen Frankfurter „Kindergartenkindern“.

Laufzeit

2002 - 2005

nach oben ↑


Alt und Jung im Studium

Silvia Dabo-Cruz, Dr. Frank-Olaf Brauerhoch, Dr. Sabine Lindenlaub, unter Mitarbeit von Studierenden der U3L und der Johann Wolfgang Goethe-Universität

Das Forschungsprojekt Alt und Jung im Studium steht im Zusammenhang mit dem vielfach erörterten Thema des Verhältnisses der Generationen zu einander. Es werden Ergebnisse einer empirischen Untersuchung dargestellt, die in Universitäts-Veranstaltungen durchgeführt wurde, in denen junge, auf einen Berufsabschluss hin orientierte Studenten gemeinsam mit älteren, nur auf die individuelle Allgemeinbildung ausgerichteten Studierenden lernen und vielleicht auch diskutieren. Durch die Untersuchung sollte in Erfahrung gebracht werden, wie das Angebot an altersgemischten Veranstaltungen sowohl von älteren Studierenden (Studierende der U3L) als auch von jüngeren Studierenden (Studierende der JWG-Universität) genutzt wird. Weiterhin von Interesse war, ob und inwieweit sich in der Konstellation des gemeinsamen Studierens von Jüngeren und Älteren besondere Verhaltensweisen zeigen, und wie diese von den beiden Gruppen bewertet werden. Schließlich ging es auch um die Frage, ob das Zusammentreffen von Alt und Jung spezifische Probleme beinhaltet, oder ob es möglicherweise auch als Chance genutzt wird, die Perspektiven der jeweils anderen Generation kennen zu lernen und sich darüber auszutauschen.

Gestützt auf statistisch gesichertes Datenmaterial wird der Nachweis geführt, dass das Bemühen um gegenseitige Akzeptanz weitaus verbreiteter ist als die fälschlicherweise zuweilen überbetonte Ablehnung Älterer seitens einiger Jüngerer. Darüber hinaus wird ein Nachdenken darüber angeregt, was unter "Generation" verstanden werden soll. Die Studie liefert ferner einen Beitrag zum Thema des Lebenslangen Lernens, das in der Erwachsenenbildung höchst virulent ist, jedoch in der Öffentlichkeit mit ideologischen Belastungen, zu ringen hat und daher einer Versachlichung und wissenschaftlichen Aufklärung seiner vielfältigen Facetten dringend bedarf.

Veröffentlichung

Brauerhoch, Frank-Olaf; Dabo-Cruz, Silvia (Hrsg): Begegnung der Generationen. Alt und Jung im Studium. Schulz-Kirchner Verlag, Idstein 2005.

nach oben ↑


Erfahrung in Wissenschaft und Alltag

Prof. Dr. Dr. h. c. Günther Böhme, Dr. Klaus Potyka

Der vorliegende Forschungsbericht ist das Ergebnis eines Projektes, das zum Ziel hatte, den Erfahrungsbegriff in der Form, wie er gegenwärtig in Wissenschaft und Philosophie diskutiert wird, herauszuarbeiten und zugleich, auf den jüngsten Erkenntnissen aufbauend, den Erfahrungsbegriff im Alltag auszuforschen und seine Relevanz für die Lebensführung des älteren, alternden und alten Menschen zu ermitteln.

Das Spektrum dessen, was Erfahrung bedeuten kann, wird auf der Basis von Literaturrecherchen im folgenden zusammenfassend dargestellt:
Erfahrung in den Wissenschaften

Philosophische Erfahrung meint einmal Erfahrung als Gegenstand philosophischer Reflexion; sie meint zum anderen Erfahrung mit der Philosophie. Sie verdichtet sich zum philosophischen Empirismus, der Erfahrung als Erkenntnismittel und als Instrument kritischer Weltwahrnehmung nutzt. Naturwissenschaftliche Erfahrung ist mathematisch und logisch bestimmt. Hierbei geht es um die präzise Ermittlung objektiver Daten auf der Grundlage von Experimenten. Kennzeichnend ist, dass naturwissenschaftliche Erfahrung den Anspruch der Objektivität erhebt, sie sieht von dem Subjekt ab. Geisteswissenschaftliche Erfahrung hat es dagegen vor allem mit dem Menschen als Subjekt zu tun, das durch eigene Erfahrungen andere verstehen kann. Somit ist geisteswissenschaftliche Erfahrung in wesentlichen Zügen hermeneutische Erfahrung und zugleich Deutung der Welt.

Alltagserfahrung und Bildung

Alltägliche Erfahrung mit Menschen verweist auf Welt- und Menschenkenntnis sowie auf Kommunikation als Form von personaler Begegnung. Sie gewinnt sprachliche Gestalt in Gesprächen, in denen es um intersubjektiv ausweisbare Formen erfahrenen und in Erfahrung gewachsenen Lebens geht. In beruflichen Erfahrungen bzw. Arbeitserfahrungen durchdringen sich Primärerfahrungen aus eigenem Erleben, Sekundärerfahrungen aus fremden Informationen und Sozialerfahrungen. Sie haben, da auf die Arbeitswelt bezogen, einen begrenzten Radius.

Was der Mensch für sich und mit sich im wesentlichen darstellt, erschließt sich ihm in der Selbsterfahrung. Sie ist nicht möglich ohne Bildung als geistige Durchdringung der eigenen Lebensgeschichte, die sich retrospektiv (auto-)biographisch aufarbeiten lässt. Aber auch Bildung ist ohne Erfahrung nicht möglich. In Erfahrungen wird Person zur Persönlichkeit. Eine eigene Form bilden die geistigen Erfahrungen des Menschen. Hierzu zählen vor allem religiöse Erfahrungen. Entscheidend ist dabei, dass der Geist sich zum gedanklichen Überschreiten unseres unmittelbaren Erfahrungsraums herausgefordert sieht.

Erfahrung im Alter

Die positiven Aspekte der Alterserfahrung liegen in der Chance gelöster Kontemplation im Lebensrückblick mit dem Ergebnis der Gewinnung von Erkenntnisreife. Der alte Mensch hat aufgrund seiner Erfahrungen menschlich wesentliche Vermögen zur Integration und Kommunikation in einer Gemeinschaft entwickelt, nicht zuletzt, weil er grundlegende Einsichten über Möglichkeiten der Lebensführung besitzt. Der alte Mensch hat die Chance, im Lebensrückblick Sinn zu erfahren. Dazu muss er freilich als älterer durch Rationalisierung seine Erfahrungen verarbeitet und durch Kontemplation seine Erfahrungen zu neuen Erfahrungen hin geöffnet haben. Bildung ermöglicht, dass Erfahrung im Alter sich zum sinnerfüllten Lebenswert entwickeln kann.

Allen Erfahrungen ist gemeinsam: Erkenntnisgewinn und Einsicht in Zusammenhänge des innerweltlich Begegnenden.

Veröffentlichung

Böhme, Günther; Klaus Potyka: Erfahrung in Wissenschaft und Alltag. Eine analytische Studie über Begriff, Gehalt und Bedeutung eines lebensbegleitenden Phänomens. Schulz-Kirchner Verlag. Idstein 1995

nach oben ↑


Mens sana in corpore sano

Dr. Carl Hellmut Hoefer

"Mens sana in corpore sano" – die Antike hat mit diesem Satz Juvenals das Zusammenspiel von Leib und Seele, Geist und Körper erstmals markant definiert. Besonders beim älteren, alternden und alten Menschen werden diese Bedingungsverhältnisse zu einer immer dominanteren Fragestellung. Das im Bereich der Sozialen Gerontologie angesiedelte Forschungsprojekt soll die Zusammenhänge zwischen Bildung und körperlich/geistig/seelischer Gesundheit im dritten Lebensalter nachweisen. Es soll den in Untersuchungen zur Lebenssituation älterer Menschen bisher zu wenig berücksichtigten Faktor der Bildung stärker bewusst machen und weitere Aufschlüsse über die Befindlichkeiten älterer Menschen geben. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen Anhaltspunkte für die bedarfsgerechte Planung von Bildungsprozessen für Menschen des dritten Lebensalters geben.

Die Studie umfasst einen theoretischen und einen empirischen Teil. Im theoretischen Teil werden die maßgeblichen Positionen der Leib-Seele-Diskussion in der geistesgeschichtlichen Tradition auf die Präsenz und Berücksichtigung des älteren Menschen hin untersucht. Mittels eines teilstandardisierten Fragebogens sollen im empirischen Teil die o. g. Zusammenhänge zwischen Bildung, Lebensführung und psychophysischer Befindlichkeit wie der Wechselwirkung von Leib und Seele analysiert werden. Gefragt wird nach den Ressourcen mit dem Schwerpunkt der Bildungsangebote, die der befragten Personengruppe in verschiedenen Lebensphasen zur bewussten Gestaltung und Beeinflussung ihres psychophysischen Status zur Verfügung standen und gegenwärtig stehen.

Veröffentlichung: Böhme, Günther (Hrsg.): Über den Umgang des Alters mit sich selbst. Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein 2004

nach oben ↑


Schulalltag zwischen Ideologie und Wirklichkeit

Christine Hamann Dipl. Päd., Prof. Dr. Dr. h. c. Günther Böhme

Ziel dieses Forschungsprojekts war, den im "Dritten Reich" erlebten Schulalltag zwischen "Ideologie und Wirklichkeit" zu bestimmen. Dies wurde zum einen möglich durch die Auswertung biographischer Texte zu Schulzeit im Nationalsozialismus, erstellt von Studierenden der "Universität des Dritten Lebensalters" der Jahrgänge 1926 bis 1936. Zum anderen diente eine einführende Literaturrecherche dazu, den zeitgeschichtlichen historischen Hintergrund aufzuzeigen. Es wurden bildungspolitische Rahmenbedingungen nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 und Gleichschaltungsmaßnahmen im Schulwesen beschrieben sowie Grundzüge nationalsozialistischer Schulpolitik und ihre ideologische Grundlegung dargestellt.

Die Fragestellung lautete, wie sich der durch das NS-Regime beabsichtigte Prozess politischer Umerziehung und Ideologisierung von Unterrichtsinhalten und Schulalltag überhaupt in den 12 Jahren des "Dritten Reichs" das Schulwesen im nationalsozialistischen Sinne gestaltete, ausrichtete und veränderte, wie dies von den ehemaligen Schülerinnen und Schülern erlebt wurde und aus heutiger Sicht dargestellt wird.

Die im theoretischen Teil herausgearbeiteten Kennzeichen nationalsozialistischer Schulerziehung wurden in den verschiedenen Schulformen und nach Entwicklungs- und Reifegrad der Schülerinnen und Schüler in unterschiedlicher Weise erfahren und beschrieben. Demnach waren einzelne Schulfächer in besonderer Weise durch die nationalsozialistische Weltanschauung geprägt. Hier fallen vor allem auf die Einführung von "Rassenkunde" als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip und der Geschichtsunterricht, der aus nationalsozialistischer Sicht "umgeschrieben" wurde. Die Erziehung zum Rassebewusstsein, das heißt der Glaube an die Hochwertigkeit der eigenen "arischen" Rasse gegenüber der Minderwertigkeit besonders der "jüdischen" Rasse war ein wesentlicher Unterrichtsinhalt nicht nur des Geschichtsunterrichts. Ferner werden häufig folgende Aspekte der Schulerziehung genannt, den "Führerkult" um die Person Adolf Hitlers, die Inszenierung der Volksgemeinschaft und die Erziehung zum Volksgenossen (Du bist nichts, Dein Volk ist alles!). Dies wird von den Schülerinnen und Schülern besonders erfahren in den außerunterrichtlichen Ordnungsformen des Schulalltags, der rituellen Ausgestaltung von Feiern, nationalsozialistischen Gedenktagen, Versammlungen und Fahnenappellen. Die verschiedenen Lehrerpersönlichkeiten werden zum einen beschrieben als Vermittler nationalsozialistischen Gedankenguts (das waren die von den Biographen sog. Nazi-Lehrer) oder aber auch als kompetente Fachlehrer und Pädagogen, die sich politisch zurückhaltend oder gar nicht äußerten.

Insgesamt wird Schulalltag im "Dritten Reich" in den ersten vier Jahren Volksschule je nach Einschulungstermin in unterschiedlicher Weise und Intensität als nationalsozialistisch geprägt erfahren. Für die jüngeren Biographen ist die Etablierung der nationalsozialistischen Schulerziehung im Jahre 1942 als weitgehend abgeschlossen anzusehen. Für die älteren Biographen werden Veränderungen im Schulalltag mit der nationalsozialistischen Machtergreifung sichtbar. Die Erfahrungen in den weiterführenden Schulen hängen ebenfalls ab vom Zeitpunkt des Schulbesuchs und der entsprechenden Ausrichtung von Schule im Sinne des Nationalsozialismus durch neue Richtlinien und Erlasse. Zum Beispiel sind die Schüler in den Nationalsozialistischen Erziehungsanstalten (NPEA oder Napola) stärker durch die nationalsozialistische Weltanschauung geprägt. Ein wichtiger Aspekt ist die in diesen Internatsschulen übliche Gemeinschaftserziehung und der Ausschluss möglicher anderer gegenläufiger Erfahrungen. Solche Erfahrungen waren in begrenztem Maße für diejenigen Schülerinnen möglich, die am außerschulischen Religionsunterricht in ihrer evangelischen Gemeinde, die sich nach vorliegenden Berichten zur "Bekennenden Kirche" rechnete, teilnahmen.

Diskriminierung und Verdrängung jüdischer Schülerinnen und Schüler aus dem Schulwesen wird fast gar nicht wahrgenommen und geschildert. Für die jüngeren Biographen war mit ihrem Schuleintritt die Tatsache gegeben, dass jüdische Schüler die öffentlichen Schulen nicht mehr besuchen durften bzw. zu diesem Zeitpunkt mit ihren Familien aus Deutschland geflohen oder deportiert worden waren. Die Abmeldung oder das "Nicht-mehr-Erscheinen" von jüdischen Mitschülern wurde von den älteren Biographen bis auf einen Fall nicht als Vertreibung aus dem Schulsystem gewertet. Die meisten Biographen kamen zudem aus ländlichen Gebieten mit einem geringen Anteil jüdischer Familien. Wegen dieser "Leerstellen" in den vorliegenden Beschreibungen des Schulalltags im Nationalsozialismus wurden Auszüge aus bereits publizierten biographischen Texten ehemaliger jüdischer Schülerinnen und Schüler angefügt.

Fazit
Die von den Nationalsozialisten geplante innere und äußere Umgestaltung des Schulsystems wurde in folgenden Punkten erreicht:

1. Innere Umgestaltung
Nationalsozialistische Schul- und Erziehungspolitik setzte einen Schwerpunkt auf die außerunterrichtlichen Ordnungsformen des Schulalltags. Durch die rituelle Ausgestaltung von Feiern, nationalsozialistischen Gedenktagen, Versammlungen und Fahnenappellen wurde in besonderem Maße die deutsche Volksgemeinschaft herausgestellt.
Unterrichtsinhalte werden durch Herausgabe neuer Richtlinien und Lehrpläne für alle Schularten nach nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen verändert. Unterrichtsstoff und Fächergewichtung sind durch nationalsozialistische Weltanschauung geprägt.

2. Äußere Umgestaltung
Durch nationalsozialistische Schulpolitik wird das dreigliedrige Schulsystem etabliert. Sie reduziert und legt die einzelnen Schultypen nach nationalsozialistischen Vorstellungen fest.
Nationalsozialistische Schulpolitik bedeutet im höheren Schulwesen Bildungseinschränkung und -begrenzung für Mädchen; ebenfalls eingeschränkt wird die gymnasiale Bildung für Jungen.
Nationalsozialistische Schulpolitik begründet das elternunabhängige Ausleseprinzip.
Nationalsozialistische Ausleseschulen werden eingerichtet.
Krieg und Kriegsfolgen beeinflussen sowohl die innere als auch die äußere Gestaltung des Schulsystems. Entscheidungen und Maßnahmen werden zurückgenommen bzw. aufgeschoben.
Das nationalsozialistische Schulsystem wurde aus biographischer Sicht in folgenden Punkten gekennzeichnet:
Es wurde eine emotionale, wenn auch nicht überall gleich starke Bindung der Schüler und Schülerinnen an die deutsche Volksgemeinschaft erreicht durch bestimmte Rituale und die dadurch hergestellten Gemeinschaftserlebnisse im Schulalltag.
Bei den Schülern und Schülerinnen entstand ein starkes "Wir-Gefühl" und ein Gefühl für die Bedeutung der eigenen Rasse.
Glaube und Hingabe an den Führer weithin praktiziert, bestätigen den gelungenen Aufbau des "Führerkultes".
Eine differenzierte Meinungsbildung ist den Schülern und Schülerinnen durch die Geschlossenheit des nationalsozialistischen Weltbildes kaum oder gar nicht möglich.
Schule verdrängt den Religionsunterricht aus dem Schulalltag. Durch den möglichen außerschulischen Religionsunterricht konnten jedoch begrenzt "Gegenwelten" erfahren werden.
Der doppelte Zugang zum Thema "Schule im Nationalsozialismus" – die überblickhafte theoretische Darstellung der historischen Fakten und die Auswertung der biographischen Berichte der ehemaligen Schüler und Schülerinnen – können eine Annäherung an das zeitgeschichtliche Geschehen liefern. "Schulzeit im Dritten Reich" sollte somit auf subjektiver und begrenzter Ebene in exemplarischer Form deutlich geworden sein. Dies geschah im wesentlichen durch die differenzierte und reflektierte Darstellung des erlebten Schulalltags durch die Biographen."

Veröffentlichung: Christine Hamann, Günther Böhme: Schulalltag zwischen Ideologie und Wirklichkeit. Erinnerungen an die Schulzeit im Nationalsozialismus und ihr historischer Hintergrund.
Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein 2001

nach oben ↑


Forschung als Herausforderung

Prof. Dr. Dr. h. c. Günther Böhme, Dr. Frank-Olaf Brauerhoch, Silvia Dabo-Cruz

Es wird untersucht, wie ältere Studierende, die kein Regelstudium absolvieren wollen, in den Forschungsprozess der Wissenschaften einbezogen werden können.
Im ersten Teil wird zunächst dargestellt, was Wissenschaft ist, was die Mitwirkung Älterer am Wissenschaftsprozess für Ältere heißen und was sie für die Wissenschaft bewirken kann. Er mündet in eine Beschreibung der Aufgaben von so genannten "Universitäten des 3. Lebensalters". Deren Funktion wird von der einer allgemeinen Erwachsenenbildung unterschieden, indem der wissenschaftliche Charakter hervorgehoben und die Mitwirkung der älteren Studierenden an Forschung untersucht wird. Bezogen auf die Forschungsbeteiligung stellt sich heraus, dass der Beitrag der Älteren zur Entwicklung der Gerontologie erheblich ist, während in anderen Bereichen Alter und besondere Lebenssituation der älteren Studierenden keine spezifische Rolle spielen. Die Herausforderung der Forschung an Ältere besteht darin, die eigenen Erfahrungen in den Forschungsprozess einzubringen und diesen durch anders nicht zu gewinnende Einsichten zu bereichern.
Der zweite Teil beschreibt ein Forschungsprojekt mit Studierenden der Universität des 3. Lebensalters als exemplarische Demonstration der vorausgegangenen Theorie. Dabei wird anschaulich dargestellt, wie sich der Forschungsprozess über die Eingrenzung der Thematik, Formulierung der einzelnen Erhebungsfragen, Erarbeitung und Auswertung der Ergebnisse schrittweise vollzieht. Die Fragestellung nach dem Zusammenhang von ehrenamtlichem Engagement und wissenschaftlicher Weiterbildung, die im Projekt bearbeitet wird, betrifft unmittelbar den Erfahrungsbereich der beteiligten Studierenden. In der Beschreibung des Forschungsprozesses wird deutlich, dass in der systematischen Erkundung und Verarbeitung der Erfahrung Älterer sowohl die spezifische Aufgabe als auch der besondere Ertrag eines solchen Projektes liegt. Dabei stellt für die beteiligten Studierenden der wissenschaftliche Umgang mit der eigenen Erfahrung eine besondere Anforderung dar, denn Forschung verlangt die Bereitschaft, das bisher Gewusste in Frage zu stellen, um es überprüfen zu können. Welche Lernprozesse dabei notwendig sind, wird anhand des Berichtes nachvollziehbar, ebenso wie der Erkenntnisgewinn und die Ergebnisse des Projektes greifbar werden.

Veröffentlichung: Günther Böhme, Frank-Olaf Brauerhoch, Silvia Dabo-Cruz: Forschung als Herausforderung. Zum wissenschaftlichen Potential und ehrenamtlichen Engagement der Älteren. Idstein 1998

nach oben ↑