Dissertationen

Julia Becher

Psychiatrische Kartierungen des Selbst. Rekonstruktionen adoleszenter Bildungsprozesse zwischen Familie und Jugendpsychiatrie.


Janina Schulmeister

Jugend und Psychiatrie – Adoleszente Sozialisationsverläufe im Spannungsfeld der jugendpsychiatrischen Triade. 

Erziehungswissenschaftliche Forschung zu Jugend und psychischer Krankheit stellt ein markantes Desiderat dar. Die Erfahrung potenziell gesteigerter psychosozialer Krisen in der Adoleszenz und deren soziale bzw. gesellschaftliche Einbettung sind bislang ebenso wenig untersucht worden, wie auch unterschiedliche Formen ihrer institutionellen Bearbeitung. Die Institution der Kinder- und Jugendpsychiatrie gerät in diesem Kontext als gesellschaftliche Institution des Gesundheitssystems und spezifische Form institutionell gerahmter Krisenbearbeitung in den Blick. Als different strukturierter Sozialisationsraum kann diese auf unterschiedliche Art und Weise durch Jugendliche und ihre Familien in Krisenbearbeitungsprozesse einbezogen werden und Bedeutung erlangen.

Die qualitativ-rekonstruktive Untersuchung ist verortet im thematischen Schnittfeld von Jugend, Krise/Krankheit und der Institution der Kinder- und Jugendpsychiatrie und untersucht aus einer primär sozialisations- und adoleszenztheoretischen Perspektive adoleszente Sozialisations- und (Subjekt-)Bildungsprozesse im Kontext einer stationären jugendpsychiatrischen Behandlung. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht zusammengefasst die Frage danach, wie Jugendliche, die aufgrund psychosozialer Krisen stationär in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt wurden, dies erleben, im Horizont ihrer bisherigen Sozialisationsgeschichte deuten und inwiefern diese (Institutionen-)Erfahrungen vor dem Hintergrund adoleszenter Entwicklungsdynamiken sozialisatorisch bedeutsam werden. Um diese Frage angemessen bearbeiten zu können, zielt die Untersuchung auf einen Erkenntnisgewinn auf zwei Ebenen: In einem ersten Schritt gilt es sich der strukturellen Verfasstheit kinder- und jugendpsychiatrischer Kliniken zu nähern, bevor im Anschluss daran adoleszente Entwicklungs- und Sozialisationsprozesse bzw. die sozialisatorische Geltungskraft einer solchen Erfahrung in der Lebens- und Entwicklungsphase der Adoleszenz untersucht werden kann. Das empirische Zentrum der Arbeit stellen zwei interviewbasierte, objektiv-hermeneutische Fallrekonstruktionen psychiatrieerfahrener Jugendlicher dar, die einen Zeitraum von bis zu vier Jahren umfassen.

Zu den Ergebnissen der Untersuchung: Mit dem konzipierten Modell der jugendpsychiatrischen Triade ist ein heuristischer Baustein zum Verständnis der Erfahrungen und Sozialisationsverläufe Jugendlicher in der Institution der Kinder- und Jugendpsychiatrie geschaffen. Es stellt den Fall der strukturellen Erweiterung des Familiensystems durch die Klinik als institutionellem Dritten unter der Bedingung asymmetrisch strukturierter Generationsbeziehungen und unterschiedlicher Beziehungsmodalitäten und Interaktionsansprüche dar. Im Anschluss an die beiden ausführlichen Fallrekonstruktionen werden diese vor dem Hintergrund des heuristischen Gehalts des Modells der jugendpsychiatrischen Triade theoretisch weiter systematisiert und zu zwei Verlaufsformen adoleszenter Sozialisationsverläufe und unterschiedlichen Bearbeitungsmodi von mit dem Klinikaufenthalt verbundenen (biografischen) Spannungen verdichtet. Über die analytische Unterscheidung dreier Ebenen (bisherige Sozialisationsgeschichte, Strukturkonstellationen der jugendpsychiatrischen Triade, Konstitution des adoleszenten Erfahrungsraums) schließen Überlegungen zu adoleszenten Bildungsprozesse im Kontext einer stationären jugendpsychiatrischen Behandlung die Arbeit ab.

Gutachter/innen: Prof.in Dr. Mirja Silkenbeumer (Goethe-Universität Frankfurt am Main) und Prof. Dr. Sven Thiersch (Universität Osnabrück)