Fachbereich 07 - Katholische Theologie

Thomas M. Schmidt (12.07.1960–31.12.2025)

Der Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität trauert um Thomas M. Schmidt, der seit 2003 die Professur für Religionsphilosophie innehatte. Mit ihm verliert der Fachbereich einen national und international anerkannten Religionsphilosophen.

Ähnlich wie Karl Heinz Haag eine Generation vor ihm hat Thomas M. Schmidt an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen (neben einem Bakkalaureat in Philosophie) Katholische Theologie mit dem Diplom als Abschluss studiert, um dann an der Goethe Universität in die Philosophie und die intellektuelle Kultur der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule einzutauchen. Er repräsentiert damit ein spezifisch Frankfurterisches Milieu katholischer Intellektualität: zwischen Kirche und Kritik. Seine philosophische Promotion zur Anerkennungstheorie des frühen Hegel wird unter anderem von Jürgen Habermas begutachtet. Mit Habermas, dessen Assistent er ist, wird er bis zuletzt in engem persönlichen Kontakt und philosophischen Austausch stehen; dessen spätes Hauptwerk zu Glaube und Wissen hat er in allen Entstehungsphasen gegengelesen und klug kommentiert.

Hegels Fassung des Deutschen Idealismus, seine material enzyklopädische, methodisch systembildende, thematisch geschichtstheoretisch bestimmte Philosophie, wird die paradigmatische Denkform von Thomas M. Schmidts Arbeiten sein. Er wird sie im Lauf seiner Denkbiographie verbinden, erweitern, weiterentwickeln durch die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus, durch die Systemtheorie Niklas Luhmanns, durch das surrealistisch imprägnierte Denken Georges Batailles. Mit Hegel ist ihm die Religion nie sicher vor der analytischen Kraft des Begriffs, mit dem Pragmatismus ist die Dignität religiöser Erfahrung in ihrer Pluralität gesetzt, mit der Systemtheorie lässt sich die Funktionslosigkeit als Identitätskern von Religion erfassen, mit Bataille bleibt die konstitutive Ambivalenz von Religion präsent, Gewalt sowohl kultivierend als auch evozierend.

Die Konstellation der genannten Denkansätze stellt das wahrhaft einzigartige Profil eines religionsphilosophischen Forschens dar, wie es von Thomas M. Schmidt entwickelt worden ist – und wie es ihn auszeichnet.

Der Glutkern des religionsphilosophischen Denkens von Thomas M. Schmidt könnte so gefasst werden: Ausgangspunkt ist die Anerkennung der Legitimität religiöser Praxen. In ihnen versuchen Menschen Wege zu finden und einzuüben, mit der „Not des Lebens“ umzugehen. Diese Legitimität gilt, auch wenn solche Praxen in der unabweisbaren Pluralität anderer Praxen stehen; sie gilt, auch wenn diese Praxen keine zwanglos als vernünftig gelten könnende Episteme (mehr) auszubilden in der Lage sind. Eine theologische bzw. kirchliche Dogmatik kann die Systemstelle einer vernünftigen Episteme religiöser Praxis nicht mehr reklamieren; sie stellt eine Semantisierung solcher Praxis dar. Hier nun zu meinen, dieses Denken hätte die Wahrheitsfrage ausdrücklich verabschiedet, hieße zu kurz zu schließen. Es gibt so etwas wie eine geltungstheoretische Diskretion im Umgang mit der Wahrheitsfrage in Dingen der Religion und der Gottesfrage; sie reicht übrigens tief in die Theologie und ihre Geschichte hinein und ist etwa unter dem Titel der „Negativen Theologie“ bekannt. Diese Diskretion hält die theo-logische Wahrheitsfrage nicht für endgültig negativ beantwortet, sie hält sie für offen. Das ist eine religionsphilosophische Position, die nicht einmal mit einer religiösen Glaubensüberzeugung zwingend in Konflikt stehen muss.

Schmidt betreibt seine Forschung in permanentem Austausch mit Argumentationen der Philosophie der Gegenwart wie auch der Geschichte, mit Denkvorschlägen aus den Sozialwissenschaften, anderen Humanities, aber auch der Kunst. Früh schon ist er in kompetenter Weise bereit zur Auseinandersetzung mit der Analytischen Philosophie. Seine rege und anregende Arbeit des Nachdenkens rund um Religion hat er vielseitig in akademischen Institutionen zu verankern gewusst. Das Institut für Religionsphilosophische Forschung hat er 1999 mitgegründet und über die Jahre oft (und bis zuletzt) als Geschäftsführender Direktor geleitet. Über mehrere Jahre ist er Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Religionsphilosophie (DGR). Für die DGR hat er über Jahre hinweg gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover das jährliche Kolloquium Junge Religionsphilosophie an der Katholischen Akademie Berlin geleitet. Der Katholischen Akademie Berlin ist er dabei zugleich als Mitglied im Wissenschaftlichen Rat eng verbunden gewesen. Schmidt ist Mit-Initiator und Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ gewesen (2012–2021) und ist als Principal Investigator am Exzellenzcluster und späteren Forschungszentrum „Normative Ordnungen“ der Goethe Universität beteiligt gewesen. Fellowships und Gastprofessuren führen ihn u.a. an die California State University, Long Beach/USA, die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, das Max-Weber-Kolleg in Erfurt und das Helsinki Collegium for Advanced Studies.

Über 22 Jahre hinweg hat Thomas M. Schmidt den Fachbereich Katholische Theologie geprägt. Während der zweimaligen Amtszeit als Dekan und während ungezählter Fachbereichsratssitzungen hat der Fachbereich von seiner Urteilsfähigkeit im Hinblick auf Situationen und Interessen profitiert. In seinen Lehrveranstaltungen haben Studierende aus dem von ihm geleiteten Masterstudiengang Religionsphilosophie sowie aus Theologie und Philosophie einen Hochschullehrer erlebt, der in klarer Konzentration auf die philosophischen Fragen seine Lust am Denken großzügig teilt. Promovierende und Habilitierende haben an Schmidts Professur ein Kolloquium vorgefunden, in dem eine große Bandbreite an Themenstellungen mit ebenso viel Expertise wie Neugier aufgenommen worden ist. Dort und auf zahlreichen Konferenzen, zuletzt während des Symposiums zu seinem 65. Geburtstag im Juli 2025, hat er das wissenschaftliche Gespräch durch seine einzigartige Fähigkeit zur spontanen Synthese, Einordnung und Weiterführung der Überlegungen anderer bereichert.

In den Morgenstunden des Silvestertags 2025 ist Thomas M. Schmidt nach schwerer Krankheit gestorben. Er wird fehlen, und er fehlt jetzt schon.

Fachbereich Katholische Theologie

Nachruf in der FR


Wir möchten alle Mitglieder des Fachbereichs zu einer kleinen Gedenkfeier einladen. Diese findet im Alfred Delp Saal der KHG am Mittwoch den 4.2.26 von 17-18 Uhr statt.
Mit diesem Gedenken möchten wir insbesondere unseren Studierenden, den wissenschalftlichen und administrativ Mitarbeitenden Raum für Trauer und Abschied geben. Während der Gedenkfeier wird ein Kondolenzbuch ausliegen, in dass Sie sich eintragen.
Für die Planungen bitten wir um Anmeldung im Dekanat (Veranstaltungen-Fb07@dlist.uni-frankfurt.de)

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