​Ringvorlesung Semesterthema

Ringvorlesung Semesterthema

vergleichen, entdecken, reflektieren!

Icon Orientierungsmodul

 

In der Ringvorlesung tragen Lehrende / Forschende verschiedener Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu einem gemeinsamen Semesterthema vor (s.u.). So erhalten Sie zu einem gemeinsamen Thema einen Überblick über unterschiedliche Fachperspektiven, Fallbeispiele, Methoden, Wissenschaftsgeschichte und gesellschaftliche Schnittstellen verschiedener Fächer.

Sicherlich offenbaren sich hier für Sie auch unerwartet interessante Forschungsgebiete und Fragestellungen, von Fächern, von denen Sie bislang wenig konkrete Vorstellungen hatten. 

In Ihrem Portfolio zu diesem Modul (Orientierungsmodul) haben Sie die Möglichkeit, Ihre Eindrücke und die unterschiedlichen Fachkulturen zu reflektieren und diese für den Entscheidungsprozess zu Ihrer Studienfachwahl fruchtbar zu machen. Dabei werden Sie von Ihrer Mentorin bzw. Ihrem Mentor unterstützt. 

To Do (Anforderung Studienordnung)

Lt. Studienordnung umfasst der Modulteil Ringvorlesung Semesterthema 2 SWS. Diese verbringen Sie in den unten stehenden Vortragsterminen.

Für den Abschluss des Modulteils sind drei bis fünf annotierte Protokolle (Handreichung siehe OLAT-Kurs der Ringvorlesung) zur Vorlesung als Artefakt Ihres Portfolios notwendig.

Termine/Programm und Formate (Sommersemester 2026)

Dienstag, 16.15 – 18.00 Uhr ab 21. April 2026, Hörsaalzentrum Westend, Hörsaal 13.

Einschreibung/Anmeldung: Als Orientierungsstudierende werden Sie in der GO-Woche automatisch in den zugehörigen OLAT-Kurs eingeschrieben, eine separate Anmeldung ist nicht notwendig.

Programm Ringvorlesung im Sommersemester 2025

Innovation: Zwischen Skepsis und Begeisterung. Wie Menschen mit dem Neuen umgehen 
Es brauchte viele Jahrzehnte nach der Entstehung der Geisteswissenschaften (Geschichte, Soziologie, Ethnologie, Sprachwissenschaft), bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass Gesellschaften sich ständig im Wandel befinden. Gesellschaft und Kultur sind keine Konstanten. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung beruht ihre Eigenart nicht auf der Weitergabe von Tradition oder dem Respekt vor dem Althergebrachten. Im Gegenteil: schon immer waren Menschen mit Neuerungen konfrontiert. Sie erfanden neue Techniken, neue soziale und kulturelle Normen und neue Umgangsformen. Einerseits ist das 21. Jahrhundert mit der Digitalisierung ein Moment besonders intensiver Innovation; andererseits haben auch Menschen im 19. Jahrhundert geglaubt, in erschütternder Weise technischen und gesellschaftlichen Neuerungen ausgesetzt zu sein. Die Erfindung der Eisenbahn, das globale Netz der Telekommunikation, aber auch die Theorie der Evolution und das Konzept des Marxismus sind Beispiele für Innovationen des 19. Jahrhunderts. 
Sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen, bedeutet fast immer, sie sich anzueignen. Schon immer und in allen Gesellschaften haben Menschen versucht, das nützliche oder zumindest das Angenehme an Neuerungen zu erkennen und in ihren Alltag zu integrieren. Zweifellos hat die im späten 20. Jahrhundert einsetzende Globalisierung überall auf der Welt einen Schub an Innovationen gebracht: heute gibt es keinen Ort auf dem Planeten, an dem die Praxis des Konsums nicht bekannt wäre. Das Smartphone ist eine global verbreitete Technologie. Gesellschaften zu verstehen, bedeutet aber nicht einfach, die Ausbreitung solcher Praktiken und Technologien zu dokumentieren. Es geht sehr viel genauer auch um die Frage, wie im Kontext der Globalisierung kulturelle Aneignung funktioniert, zu welchem Ergebnis sie führt und welche Umgangsweisen Menschen in Gesellschaften weltweit entwickeln, um Innovationen zu verarbeiten. Nicht zuletzt weist eine wissenschaftliche Beschreibung auch auf neue Formen der Ungleichheit durch Innovation hin. So wie das Eisenbahnnetz seit dem 19. Jahrhundert manchen Orten Vorteile, manchen anderen Orten Nachteile verschaffte, so ist auch die virtuelle Welt eine Technologie, die in mancher Hinsicht Ungleichheit vergrößert. 
Von der erfinderischen Mordkomplizin zur Fashion-Ikone: Cinderella im Wandel
„Cinderella“ bzw. „Aschenputtel“ – wer kennt sie nicht? Die Geschichte vom Aschenputtel, das nach viel Leid und Ungerechtigkeit dank magischer Helferlein in Glanz und Gloria auf dem großen Ball den Prinzen verzaubert und durch die Heirat mit ihm schließlich ihr Happy End fernab der bösen Stiefschwestern findet, ist nicht nur aus der Märchentradition, sondern auch aus der Populärkultur kaum wegzudenken. In Film, Werbung, sogar Fashion ist Cendrillon omnipräsent. Zu den bekanntesten Varianten zählen wohl die Grimm’sche Version sowie Perraults „Cendrillon“; in der europäischen Literaturgeschichte finden sich jedoch noch weitere Fassungen, darunter die erste europäische Schriftfassung überhaupt, „La gatta Cenerentola“ von Giambattista Basile, sowie Marie-Catherine d’Aulnoys „Finette Cendron“. Während die Grundmotive des Märchens gleich bleiben, so werden in den jeweiligen Varianten doch unterschiedliche Akzente gesetzt. Bei Basile wird Cenerentola zur Mordkomplizin, bei Perrault zum Inbegriff der Duldsamkeit und Anmut, bei d’Aulnoy zur Oger mordenden Fashion-Ikone. Die kreativen Rezeptions- und Transpositionsprozesse, die sich anhand des Märchens nachweisen lassen, sind besonders aufschlussreich in Hinblick auf den jeweiligen kulturellen Kontext, in dem die Texte entstanden sind. In diesem Beitrag sollen eben diese differenten Cinderella-Bearbeitungen als Zeugnis eines Kulturtransferprozesses gelesen werden.
Gleichwertige Lebensverhältnisse: Ideal und Wirklichkeit im Wandel der Zeit
Städte und Gemeinde, Regionen und Bundesländer sind als Resultat gesellschaftlicher Prozesse in vielerlei Hinsicht ungleich: städtisch, suburban oder ländlich, prosperierend, stagnierend oder krisengeschüttelt, wachsend oder schrumpfend, gut erschlossen oder „abgehängt“, von Umweltverschmutzung stark oder kaum betroffen etc. Laut Grundgesetz Art. 71 Abs. 2 ist die Herstellung „gleichwertiger Lebensverhältnisse“ Staatsziel. In der Vorlesung wird diskutiert, wie um die Bedeutung dieser Formulierung politisch gerungen wird, wie sich räumliche Ausgleichpolitiken verändert haben und welche Konflikte aktuell virulent sind.
Literatur und Biodiversität am Beispiel von Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden (1906/1907)
Nachdem sich die Literaturwissenschaft lange Zeit vor allem auf Beziehungen zwischen Texten konzentriert hat, ist mit den Forschungsströmungen einer ökologischen Literaturwissenschaft das Verhältnis von Literatur und physischer Umwelt wieder stärker in den Blick gerückt. Dabei bleibt die Untersuchung der Beziehung zwischen Text und Welt kompliziert. Dass sie Kenntnisse über den Wandel von Wissen und Werten erfordert, zeigt mein Vortrag am Beispiel der Beziehungen von Literatur und Biodiversität in Selma Lagerlöfs populärem Schulbuch Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden.
Glaube im Feed: Neue Formen religiöser Bildung durch Social Media?!

Religiöse Themen sind in sozialen Medien allgegenwärtig – von persönlichen Glaubenszeugnissen bis hin zu theologischen Debatten. Ein prägnantes Beispiel dafür ist das Sinnfluencing, bei dem Content-Creator:innen spirituelle Inhalte vermitteln und zur Sinnsuche anregen. Durch die digitale Transformation verändern sich nicht nur religiöse Ausdrucksformen, sondern auch die Art und Weise, wie religiöse Bildung stattfindet. Dies wirft die Frage auf, wie traditionelle, formale Bildung mit den informellen Bildungsräumen sozialer Medien umgehen kann – als Herausforderung oder als Chance für religiöses Lehren und Lernen in Schule und Gemeinde?

Mittelhochdeutsche Literatur verstehen: Vom Umgang mit sprachlichen, medialen und kulturellen Transformationen
Die Voraussetzungen zum Erschließen, Verstehen und Interpretieren der deutschen Literatur des Mittelalters sind grundlegend andere als dies bei moderner Literatur der Fall ist. Schon in ihrer sprachlichen Gestalt sind sie uns im Laufe der Jahrhunderte fremd geworden. Wer die Gedichte Walthers von der Vogelweide, das ‚Nibelungenlied‘ oder etwa die Geschichte von Parzvial und dem Gral, wie sie Wolfram von Eschenbach um 1200 erzählt, im Original lesen will, muss sich zunächst mit der historischen Grammatik herumquälen und die mittelalterliche Sprache lernen. Zudem stehen aber auch quasi alle Vorstellungen, die wir mit unserem heutigen Literaturbetrieb verbinden, wie etwa massenhafte Verbreitung und Zugänglichkeit, Freiheit der Kunst, Förderstrukturen etc., aber auch Konzepte von Autorschaft und Originalität, Medialität und Lektürepraxis im Hochmittelalter unter wesentlich anderen Bedingungen. Hier möchte der Vortrag ansetzen und exemplarisch einige wesentliche Aspekte im philologischen und hermeneutischen Umgang mit vormodernen Texten beleuchten. Dabei geht es einerseits um die spezifischen Transformationsprozesse, die Texte schon im Mittelalter zwischen ihrer Entstehung und ihrer heute allein noch greifbaren handschriftlichen Überlieferung durchmachen, andererseits aber auch um die Transferleistungen, derer es bedarf, um sie an ein modernes Publikum zu vermitteln.
Digitale Medien und Tanz
Die Digitalisierung ist im Bildungsbereich ein viel diskutiertes Thema und wird einen höheren Stellenwert in der Schule und somit auch im Schulsport erlangen. Für körpernahes Lernen, im Sinne neuer Betrachtungen der eigenen Realitäten, sind insbesondere Videoformate interessant. Im Sport(-unterricht) haben sich bereits Videos zur Analyse oder zur Veranschaulichung von Bewegungstechniken mit spezialisierten Apps etabliert. Im Bewegungsfeld Tanz beschränkt sich die Nutzung digitaler Angebote allerdings hauptsächlich auf Tutorials. Auf Videoplattformen zur Verfügung gestellte stilbezogene Bewegungen können somit erlernt werden. Ebenso gibt es die Möglichkeit in den sozialen Medien, wie Tik-Tok, Tänze aus Challenges nachzuahmen und dann das eigene Video hochzuladen. Die eigene Darstellung in den sozialen Medien dient oft der Identitätsbildung und birgt zugleich Möglichkeiten und Schwierigkeiten für Jugendliche. In der Vorlesung soll die Thematik Videos im Tanzkontext Schule und den sozialen Meiden, und wie diese das Leben von Jugendlichen verändert haben, näher beleuchtet werden.
Sprache im Wandel der Zeit: Wie und warum verändert sich menschliche Sprache?
Die menschliche Sprache ist kein statisches Konstrukt, sondern etwas sehr dynamisches: Die Art und Weise, wie wir sprechen und schreiben, verändert sich stetig und unaufhaltsam. Sprache dient vor allem der zwischenmenschlichen Kommunikation und als solche steht sie unter dem permanenten Druck sich an veränderte Lebensrealitäten und -bedürfnisse anpassen zu müssen. Alle Bereiche von Sprache sind dabei von Veränderungen betroffen: das Lautsystem, die Grammatik, die Bedeutungsebene oder auch die Schrift. In der Vorlesung betrachten wir anhand von Beispielen aus verschiedenen Sprachen die vielfältigen Manifestationen von Sprachwandel und thematisieren auch mögliche Auslöser für Wandelprozesse.
Titel Das diasporische Ich der jüdischen Moderne: Zu den Autobiographien von Mary Antin, Stefan Zweig und Gershom Scholem  

Der Vortrag nimmt drei jüdische Autobiographien des 20. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt, um über die Vielstimmigkeit und den Wandel der diasporischen Lebenswirklichkeit der jüdischen Kondition nachzudenken: Besprochen werden Mary Antins ‚The Promised Land‘ (1912), Stefan Zweigs ‚Die Welt von Gestern‘ (1942) und Gershom Scholems ‚Von Berlin nach Jerusalem‘ (1977/1982, 1994). Diese drei Bücher, verfasst von einer Frau und zwei Männern im Zeitraum von rund 65 Jahren, setzen sich auf eine bemerkenswerte Art und Weise mit ihrem Lebensfundament, ihren familiären Prägungen und mit Zeit-, Raum- und Werteordnungen ihrer nichtjüdischen Umwelt auseinander. Alle drei stellen dabei ihre individuellen Entscheidungen in Jugend und junger Erwachsenenzeit ins Zentrum des Textes: Es verbindet sie eine Suche nach neuen Überzeugungen und Begriffen für die Frage, was Jude-Sein für sie jeweils bedeutet hat und weiterhin bedeuten soll. Und so individuell diese Lebensrückblicke auch sind – alle stehen zugleich auch unmittelbar mit verschiedenen kollektiven jüdischen Erfahrungen im Zusammenhang, die für die, die hier zurückblicken, in ihren jungen Jahren jeweils Geltung hatten: Hier die Glaubenswelt des traditionell-jüdischen Milieus im Osten Europas, dort die Akkulturationserfolge in der bürgerlichen Gesellschaft und die Großstadtfreiheit und -kultur westlicher Metropolen. Diese drei Bücher gibt es, weil mit ihrer Autorin und ihren Autoren je eine Entscheidung dokumentiert wird, aus der kollektiv vorgefundenen jüdischen Herkunft eine individuelle Zukunft zu machen, die aber ebenfalls jüdisch bleibt (oder, im Falle Scholems, so könnte man sagen, erst jüdisch wird). Die Zukunft erscheint bei Antin als Freiheit in der Bildung der individuellen Persönlichkeit gesichert; sie kommt als ein Kosmopolitismus und Internationalismus der gebildeten Welt Europas bei Zweig zum Ausdruck, den er als eine „jüdische Mission“ versteht und deren Scheitern er in einer katastrophischen Zeit schildern muss; und sie wird bei Scholem als die Rückkehr in die eigene Geschichte konzipiert. Der Vortrag versucht, Forschungszusammenhänge aus den Jüdischen Studien, aus Zeit- und Kulturgeschichte, aus Migrationsforschung und Literaturwissenschaft in einen angemessenen und produktiven Zusammenhang zu bringen. Er lässt sich so auch als Plädoyer verstehen, beim Austausch über wichtige Themen der Moderne über die Ränder von Fächergrenzen hinaus zu schauen.