Predigten als historische Quellen

1. Predigten sind in der bisherigen Forschung selten bis gar nicht zum Gegenstand historisch-kritischer Forschung geworden. Das hat vielfältige Gründe. Ohne Zweifel auf eine alltagspraktische Ausrichtung hin orientiert, ist deren faktischer Erfolg allerdings kaum messbar, weil nur in beschränktem Masse Quellen zur Rezeptionsgeschichte von Predigten aufgewiesen bzw. ausgewertet wurden.

2. Predigten stellen literaturgeschichtlich ein Genre sui generis dar, das sich der Erschließung durch die hinlänglich bekannten literatur- und kulturwissenschaftlichen, allerdings auch der historischen Methoden entzieht. Hinzu kommt die Problematik, dass die Frage nach der literarischen Eigenart von Predigt als Text, der eine Rede repräsentiert, bisher kaum behandelt wurde. Dazu gehören sodann Erörterungen der Motivkreise, der Semantik konfessioneller Predigt, den übergeordneten Leit- und zeitbedingten Aktual-Narrativen sowie den sie charakterisierenden Leitbegriffen. Dies impliziert die bisher kaum schlüssig erwiesene Behauptung charakteristischer Unterschiede der konfessionellen Predigtpraxis.

3. Für Predigten aller Zeiten gibt es mehrere Entstehungsprozesse, die nur selten quellenkritisch belegbar sind:

(a) Der Entstehungskontext einer Predigt.

(b) Ihr Charakter als mündliche Rede oder schriftlich verfasster Text (Schreibe) und das zwischen beiden Genres herrschende interdependente Wechselverhältnis.

(c) Die Gemeinde, oder besser der Hörer- bzw. Leserkreis ist alles andere als klar. Abgesehen von der Sonntagspflicht und Parochialbindung ist danach zu fragen, ob es eine Prediger-Hörer-Beziehung tatsächlich gab. Wie wurde gehört und erinnert? Hier ist nicht nur die sozialgeschichtliche Analyse erforderlich, sondern vor allem Fragen nach der Rezeption bestimmter Predigtaussagen sowie ihrer tatsächlich praktischen Umsetzung, nach der Weitergabe und volkstümlichen Umprägung und vielem anderen mehr zu fragen.

4. Hinzu kommt die Frage nach der zeitlichen und territorialgeschichtlichen Prägung von Predigten. Neben die Unterscheidung von Stadt- und Landpredigten kommt die Frage nach thematischen Fokussierungen und regionaltypischen Vorkommnissen und Problemen, die angesprochen werden.

5. Auch sind Fragen nach dem Prediger, seinem Bildungsstand, seiner rhetorischen Begabung, damit ist auch die artikulatorische Kompetenz gemeint, der Frage nach einer frei vorgetragenen oder abgelesenen Predigt zu beantworten. Hier gibt es erste Studien in biographisch-prosopographischer, kaum jedoch mit kollektivbiographischer Zuspitzung. So wäre beispielsweise das Verhältnis von gelehrten Bürgern und Predigern näher zu analysieren. Auch wenn im Protestantismus der Pfarrer in der Regel als Vertreter des gebildeten Bürgertums gesehen wird, ist das über die Jahrhunderte doch differenziert zu betrachten.

6. Beim Genre der Postille kulminieren diese Problembereiche in besonderer Weise. Zunächst ist das Verhältnis von gedrucktem Text zum mündlichen Vortrag zu klären, freilich auch das von gedrucktem Text, Predigtvorbereitung und mündlichen Vortrag. Hinzu kommt die Tatsache, dass zahlreiche Postillen gleichsam Predigtmuster enthalten, die von den Predigern dem situativen Kontext angepasst und entsprechend transformiert werden müssen. Es ist überhaupt nicht verwunderlich, dass die von Universitätsgelehrten und Stadtpfarrern in Auftrag gegebenen Postillendrucke einen hohen Anteil an lehrhaften und handlungsorientierenden Aussagen auf wenig konkreten Niveau enthalten. In zahlreichen Postillen wollen gelehrte Vertreter des evangelischen, geistlichen Standes schlicht ihre theologische Kompetenz nachweisen. Die Postillen tragen zur Inszenierung einer Standeskultur bei. Dazu gehört auch die – teilweise – lateinische Sprachfassung, insbesondere in der konfessionellen Orthodoxie, und die erst langsam sich durchsetzende volkssprachliche Umformulierung.

7. Ein weiteres Problem stellt sich mit der Frage nach der konfessionellen Eigenart. Die Behauptung, dass die Postillen vorzugsweise evangelischen, und hier im näheren Sinne lutherisch seien, ist nicht mehr zu halten. Von daher ist ein konfessionsdiffernzierter Vergleich anzustreben.


Unterprojekt:

  • Der Beitrag der Predigt zur Ausbildung und Verstetigung konfessionskultureller Praktiken und Riten

Ansprechpartner:

 

Weitere Unterprojekte:

  • Predigt im Zeitalter konfessioneller Orthodoxie und deren Auflösung
  • Aufgeklärte Predigt
  • Politische Narrative in Predigten des frühen 18. Jahrhunderts
  • Predigt und Politik im frühen Kaiserreich
  • Predigt im Krieg - Konfessionelle Verkündigung in Krisenzeiten zwischen 1914 und 1918
  • (Arbeitskreis: „Predigt in der Krise“ der Sektion Kirchengeschichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie e.V.)

 

Kirche und Krieg implizieren einen diametralen Gegensatz. Zumindest ist das im Bewusstsein zahlreicher Zeitgenossen so verankert. Friedensinitiativen, Mahnungen gegen Krieg und Gewalt stehen auf den Erwartungslisten der gegenwärtigen Predigthörerinnen und Hörer ganz oben. Zugleich wissen auch viele Menschen um den fatalen Zusammenhang von Religion und Gewalt. In der Diskussion der letzten Jahre ist dazu eine These intensiv bearbeitet worden, wonach der Exklusivanspruch monotheistischer Religionen in besonderer Weise zu unkontrollierbarer Gewaltanwendung Anlass gibt. In diesen Zusammenhang scheint die Tatsache zu passen, dass Geistliche im Krieg nicht nur die Soldaten im Gebet begleiteten und ihnen in schweren Stunden der Verwundung, Genesung oder auch des Sterbens beistanden, sondern ihnen noch vor der Schlacht den Segen und die Bewahrung Gottes zusprachen, die Waffen segneten und den Sieg als eine religiöse Pflicht formulierten.

Folgende Fragen stehen in der projektierten Untersuchung im Vordergrund:

  1. die Predigt in Rede und Schrift – hermeneutische Vorüberlegungen zum Problem des Verhältnisses von gesprochener Rede und schriftlich überlieferter Form der Quelle. Weitere Fragen betreffen die Redaktion der gedruckten Vorlagen, häufig von dritter Hand. Außerdem sind fachspezifische und konfessionsabhängige Zugangsweisen zur Thematik zu reflektieren. (vgl. die allgemeine Einleitung zum Projekt Predigtgeschichte)
  2. Predigt als religiöse Rede und theologisch verantwortete Zeitansage. Predigten werden in der traditionellen Kirchengeschichtsschreibung zumeist als Zeugnis theologiegeschichtlicher Positionen interpretiert. Diese Fokussierung impliziert methodische und hermeneutische Engführungen, die dem historischen Gegenstand nicht gerecht werden. Es ist zu fragen, inwieweit die überlieferten Predigtzeugnisse Auskunft über andere und weitere Fragen, nicht allein in theologiegeschichtlichem Horizont, geben können. Neben Fragen des Bildungsstandes, der kulturellen Weltmächtigkeit, von Alltags- und Volkskultur sind auch Problemanzeigen zur Sprachentwicklung, zu konfessionellen Identitätsprägung und so Mentalitätsgeschichte denkbar.
  3. Predigttheorie/Homiletik: In diesem Zusammenhang sind die konfessionell sich entwickelnden theoretischen Konzepte zur praktischen Predigttätigkeit, wie auch zur Funktion der Predigt zu behandeln. Auch hier gibt es zahlreiche theologiegeschichtliche Engführungen und konfessionsspezifische Fragestellungen, die im interdisziplinären Dialog der Tagung aufgebrochen werden können. Neben die schlichte Frage nach der materialen Gestalt konfessioneller Predigt treten Problemkreise zur Aufnahme weiterer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Predigttheorie, die professionelle beziehungsweise Professionalisierung der Predigerausbildung, die redaktionelle Bearbeitung vor dem Druck sowie allgemeingeschichtliche und sozial- und wirtschaftshistorische Fragestellungen.
  4. Predigt und Krise/Predigt im Krieg: Die kirchliche Begleitung von Menschen in Krisen zählt zu den zentralen Identitätsmarkern der modernen Inanspruchnahme des Christlichen – insbesondere in seiner institutionellen Gestalt. Der Predigt in Krisenzeiten kommt insofern schon material eine hohe Bedeutung zu. Diese wird verstärkt durch Inszenierungen bestimmter theologischer Krisenbewältigungsstrategien im Medium der öffentlichen Predigt.
    1. Besonders für das Ende des Kaiserreiches und den ersten Weltkrieg wird den Kirchen und hierbei besonders den eng in die Legitimationsideologie des Kaisertums eingebundenen protestantischen Kirchen einhellig der Vorwurf gemacht, dass der kirchlich getragene Militarismus sich in unheilvoller Weise mit Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus sowie einem grotesken Chauvinismus verband und entscheidend zur „Urkatastrophe der Menschheit“ beigetragen. Insofern liegt es nahe einen ersten Arbeitsschwerpunkt auf die Kriegspredigt im ersten Weltkrieg zu legen.

Eine erste Durchsicht zu meist gedruckten Predigten und kirchlichen Stellungnahmen im und zum Verlauf des Krieges zwischen 1914-1918 ergibt folgendes Bild:

Die Texte sind mehrheitlich von bildungsbürgerlich geprägten, insgesamt konservativen, staatsloyalen Predigern verfasst. Ihre Bildungsbiographien ähneln auch dann noch einander, wenn sie aus unterschiedlichen Milieus der bürgerlichen Mittelschicht stammen.Theologisch überwiegt die Deutung des Krieges als von Gott gegebener Anfechtung, in deren Schule Glaube und Frömmigkeit zu neuer Reinheit geläutert und zu tieferer Grundierung gelangen.

Politisch sind die Text von großer Loyalität zu Kaiser und Reich sowie den Soldaten im Volk geprägt. Der Krieg ist über Deutschland hereingebrochen und nicht vom Kaiser oder seinem Reich verschuldet. Vielmehr handelt es sich um eine alliierte Aggression und Provokation, auf die in aller Entschiedenheit zu reagieren ist. Die militärische wie politische Führung kann sich dabei des Beistandes Gottes und seiner Hilfe zum Sieg sicher sein.

Je nach Genre und Adressatenkreis überwiegt entweder die theologisch-biblizistische oder die kulturprotestantisch-politische Akzentuierung der Generaldeutung.

Auch bei anhaltenden Kriegshandlungen und sich verschärfender innenpolitischer Not ändert sich in den untersuchten Texten die Grundaussage nicht. Teilweise tritt das aktuelle Geschehen hinter die biblisch-seelsorgerliche Trostaussage zurück. Auch die Ereignisse des mit Massenvernichtungswaffen und hohen Verlustzahlen sich in die Länge ziehenden Krieges finden keinen Wiederhall in den Ansprachen und Traktaten.

Bisher sind nur äußerst wenige Zeugnisse untersucht worden, die den Zusammenbruch der theologisch-historischen Gegenwartsdeutung und der sich daraus ableitenden theologisch begründeten Zukunftshoffnung thematisieren. In den untersuchten Texten ist von der grundstürzenden Erschütterung der Pfarrer durch die Erfahrung der Kriegshandlungen, wie sie in der späteren kirchlichen Historiographie gerade im Zusammenhang mit dem Aufkommen der sog. Dialektischen Theologie im Umfeld von Karl Barth akzentuiert wurde, wenig zu spüren.

Insgesamt zeichnen sich die untersuchten Texte durch eine große motiv- und begriffsgeschichtliche Kontinuität zu den theologischen Aussagen von Vertretern kulturprotestantischer Theologie im Gefolge der Schule Albrecht Ritschls sowie ihren akademisch-intellektuellen Ausformungen Adolf von Harnacks, Wilhelm Hermanns oder auch Ernst Troeltschs oder den eher populären Ausprägungen eines Adolf Stöcker und anderer. Zugleich lässt sich bei näherem Hinsehen eine große inhaltliche wie thematische Bandbreite dessen erkennen, die mit dem Stichwort eines liberal-konservativen Neo-Luthertums oder dessen unierter Ausprägung in Gestalt der preußischen Hoftheologie nur unzureichend beschrieben wird. Wie sieht es allerdings mit anderen kirchlichen Traditionen aus, wie etwa das konfessionelle Luthertum in Franken oder der Pietismus in Württemberg? Wie verhalten sich Erweckungsbewegung, religiöser Sozialismus und andere volkskirchliche Strömungen zu der festgestellten und als main stream behaupteten liberal-protestantischen Grundhaltung? Insbesondere ist die These einer bruchlosen Kontinuität von Kriegsbegeisterung national-konservativer Kreise zur NS-Mitläuferschaft – wie wohl in etlichen Fällen dokumentiert – in zahlreichen anderen Fällen neu zu beleuchten.

Das weitverbreitete Urteil einer allgemeinen protestantischen Unterstützung der Kaiserlichen Politik und des Kriegseintrittsdes Kaiserreiches ist aufgrund einer genaueren Analyse von Predigt-Quellen und den darin enthaltenen theologischen Motivaussagen zu leisten, welche dieses Bild weiter ausdifferenziert. Sie ist in einem weiteren Arbeitsschrift mit zeitgleichen kirchlichen Überlieferungen in anderen Medien (Synodalakten, Kirchenvorstandsprotokolle, kirchl. Schriftgut, tagesaktuelle Aussagen in kirchlichen Zeitschriften und Flugblättern etc.) zu kontrastieren.

  1. Ein zweiter Arbeitsschwerpunkt wird sodann die Kriegspredigt im zweiten Weltkrieg untersuchen.
  2. In einem dritten Arbeitsgang wäre sodann zu entscheiden, stärker historisch Kriegspredigten aus den Befreiungskriegen bis 1813 bzw. dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, oder aber kirchliche Positionierungen im Medium der Predigt in aktuellen Krisen (Algerien-, Korea-, Vietnam-, Irak- und Afghanistan- bis Syrienkriege) zu analysieren
  3. Ziel der Arbeit – erkenntnisleitendes Interesse: Das Ziel der Untersuchung von Predigten aus der Zeit des ersten Weltkriegs besteht darin, das holzschnittartige Bild eines in kritikloser Loyalität zu Kaiser und Reich sich letztlich agonal verhaltenden evangelischen Theologie und Frömmigkeit, deren Hurra-Patriotismus auf den Schlachtfeldern zerstört wird und nicht einmal in negativer Umkehrung zum Wiederaufbau nach der Kapitulation geeignet erscheint. Dieses bis in die gängige Schul- und Lehrbuchliteratur der Gegenwart hineinreichende (Fehl-)Urteil ist in mehrfacher Hinsicht korrekturbedürftig:
    1. Schon die kritiklose Kriegs- und Siegesbegeisterung erweist sich als theologisch nur schwer zu begründen. Wie sind bei einigermaßen begabten Köpfen die sich ergebenden Widersprüche überwunden und die Antagonismen bewältigt worden?
    2. Das oben grob skizzierte Urteil steht im größeren Kontext der Ableitung der fatalen Verstrickung zahlreicher Vertreter der evangelischen Kirchen und des deutschen Protestantismus in reaktionär-konservative und später faschistische Zusammenhänge. Gern wird den Repräsentanten der preußischen und anderer Kirchen angelastet, zu Totengräbern der Weimarer Republik avanciert zu sein, weil sie entweder den idealisierten, glanzvollen Tagen der Einheit von Thron und Altar in einer säkularen Gesellschaft nachtrauerten oder aber die rechtskonservativen Aktivitäten in der Hoffnung auf eine neue Stunde der evangelischen Kirche in Deutschland verbanden. Historiographisch scheint hier retrospektiv eine Konstruktion vorzuliegen, die anhand eines breiteren Quellenbefundes zu verifizieren ist.
    3. Bisher ist das Scheitern der oben skizzierten konservativ-nationalen Grundhaltung des evangelischen Protestantismus kaum erarbeitet und quellenmäßig rekonstruiert worden. In diesem Zusammenhang ist das Narrativ der grundstürzenden Erschütterung durch die Erfahrungen des Massensterbens und einer weltweiten Zerstörung quellenkritisch zu erheben und zu kritisieren.
    4. Das erkenntnisleitende Interesse der Untersuchung läuft weder auf eine Ehrenrettung des sich in politische Widersprüche und das Kriegsleiden ideologisch verlängernden Kulturprotestantismus wie auf eine retrospektive Kritik der theologischen Grundvoraussetzungen seiner politischen Inanspruchnahme und Instrumentalisierung hinaus. Erkenntnisleitend ist vielmehr ein historiographisches Interesse an bestimmenden Meistererzählungen, welche die historiographische und mit ihr auch die theologische Vergangenheitsbewältigung im Kontext des alles überlagerndenmaster narrativs von Deutschland als dem Opfer einer fehlgeleiteten Politik sowohl der ausländischen Aggressoren als auch der auf diese Provokation ungeeignet reagierenden Herrschercliquen eines vergangenen Zeitalters erscheinen lässt. Diese Haltung steht in bemerkenswerter Kontinuität zu den Bewältigungsversuchen der neueren Vergangenheit im Kontext des zweiten Weltkrieges und späterer Krisen der jungen Demokratie(n) Deutschlands. Es gilt mithin das bestimmende Narrativ der Opferrolle Deutschlands kritisch zu reflektieren und durch theologisch begründete alternative Deutungen sinnvoll zu ergänzen bzw. zu ersetzen.

Projektverantwortlicher: Prof. Dr. Markus Wriedt in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Ursula Roth und Prof. Dr. Tilman Schroeder (Stuttgart Hohenheim)