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Zerbrechliche Nachbarschaft. Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen

Westendsynagoge in Frankfurt. Foto: Roland Meinecke


Um das Jahr 1930 bestanden etwa 400 aktive Synagogen auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen. Sie zeugten nicht nur von der Präsenz und der Bedeutung des Judentums in der Geschichte dieses Landes, sondern auch von der Vielfalt jüdischen Lebens. Synagogen bestanden in den großen urbanen Zentren wie Frankfurt, Wiesbaden oder Kassel, aber auch in den Kleinstädten und selbst in kleinsten Dörfern. Sie konnten beeindruckende Repräsentativbauten sein, die großen Gemeinden dienten, oder auch einfache Beträume in Wohnhäusern, die von einer kleinen Landgemeinde genutzt wurden. Diese Synagogen zeugen jedoch auch von der Zerstörung des jüdischen Lebens im Nationalsozialismus, denn kaum eine von ihnen überstand diese Barbarei intakt, viele wurden während oder nach der Nazi-Zeit zerstört oder endeten als Schuppen im Besitz von Nachbarn, die sie sich billig angeeignet hatten. Schließlich zeugen diese Synagogen auch vom Wiedererstehen jüdischen Lebens nach 1945, als einige wenige, wie die Frankfurter Westendsynagoge, wieder eine jüdische Gemeinde beheimateten, oder am Ort ihrer zerstörter Vorgängerinnen neu entstanden sind. Die Tatsache, dass heute nicht mehr 400, sondern gerade einmal 15 aktive Synagogen in Hessen existieren, die zudem rund um die Uhr von Polizistinnen und Polizisten bewacht werden müssen, zeigt allerdings, bei aller Freude über die neue Lebendigkeit des Judentums in Hessen und in Deutschland insgesamt, dass dieses weder selbstverständlich noch ungefährdet ist. Umso mehr ist es notwendig, die Erinnerung an die jüdische Geschichte Hessens und an die an Jüdinnen und Juden begangenen Verbrechen wach zu halten. Diesem Ziel dient das Projekt "Zerbrechliche Nachbarschaft. Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen".

In diesem Projekt werden die etwa 400 hessischen Synagogen wissenschaftlich erforscht und dokumentiert. Es untersucht Ort für Ort und auf der Grundlage eingehender Archivrecherchen die Geschichte, Architektur und Ausstattung dieser Synagogen, ebenso wie die Geschichte der jüdischen Gemeinden und ihrer Einrichtungen wie Rabbinat, Mikwe, Schule und Friedhof. Die Synagogen werden dabei als Kristallisationspunkte der jüdischen Geschichte in Hessen und der Geschichte der jüdisch-nichtjüdischen Beziehungen verstanden, die hier erstmals umfassend dargestellt wird. Besonderes Gewicht erhält das Zusammenleben zwischen Juden und Christen, das durch Jahrhunderte von Ausgrenzung und Vertreibung, aber auch von friedlicher Koexistenz geprägt war. Es gilt zudem, die Ereignisse und Folgen der Reichspogromnacht für die einzelnen Orte adäquat aufzuarbeiten und das Schicksal der Synagogen nach 1938 und 1945 zu dokumentieren, aber auch Möglichkeiten des heutigen Umgangs mit der jüdischen Vergangenheit und den ehemaligen jüdischen Bauwerken aufzuzeigen. Weiterhin werden die innerjüdischen Diskurse um die religiöse Ausrichtung der Gemeinden sowie die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Moderne dokumentiert.

Ein besonderes Augenmerk liegt neben der historischen Rekonstruktion auf der gesellschaftlichen und erinnerungspolitischen Dimension des Projekts, der u. a. durch eine gezielte pädagogische Aufarbeitung des Materialbestandes sowie durch öffentliche Veranstaltungen wie Workshops, Tagungen und Symposien Rechnung getragen wird. Bereits während der Laufzeit des Projekts wird das Material zur historischen Beschreibung der Gemeinden und ihrer Synagogen für die pädagogische Konzeption von Unterrichtsmaterial für Geschichts- und Religionsunterricht für Schüler*innen unterschiedlicher Altersstufen, aber auch für die Erwachsenenbildung und weitere Bildungskontexte erarbeitet und z. B. im Kontext von Fortbildungen für Lehrkräfte und Multiplikator*innen genutzt werden können.

Hauptergebnis des Projekts wird die Publikation des vierbändigen Synagogen-Gedenkbuchs Hessen sein, wobei jedem der drei Regierungsbezirke sowie der Stadt Frankfurt jeweils ein band gewidmet sein wird. Die Gedenkbände werden nach streng wissenschaftlichen Kriterien erarbeitet, sollen aber durch gut lesbare, abwechslungsreiche Artikel und eine ansprechende grafische Gestaltung auch ein breites Publikum ansprechen. In den einzelnen Artikeln wird die Geschichte der betreffenden jüdischen Gemeinde von ihrer Entstehung bis zu ihrer Zerstörung im Nationalsozialismus, und im Falle der Wiedererrichtung nach 1945 bis zur Gegenwart dargestellt, wobei die Entwicklung der Synagogengebäude und der weiteren zur Gemeinde gehörenden religiösen Einrichtungen den roten Faden darstellt. Im Zentrum der Darstellung wird das Verhältnis von jüdischer Gemeinde und jüdischer Bevölkerung zur Umgebungsgesellschaft stehen. Die Beiträge werden die sonst oft vernachlässigte jüdische Perspektive auf dieses Verhältnis betonen und dafür im besonderen Maße auf Quellen jüdischer Provenienz zurückgreifen. Separate Abschnitte werden die Architektur und Ausstattung der Synagogen, das Schicksal der Synagogen, der jüdischen Gemeinden und der jüdischen Bevölkerung während des Nationalsozialismus sowie die Erinnerung an die Synagoge, die Gemeinde und an jüdische Bewohner*innen des Ortes behandeln. Jeder Beitrag wird durch statistische Angaben über die Zahl der jüdischen Einwohner sowie ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis abgeschlossen. Glossar, Register und Übersichtskarten runden die Bände ab.

Die Bände werden sowohl in gedruckter Form als auch im Open Access als digitale Fassung erscheinen. Darüber hinaus beinhaltet das Projekt noch umfangreiche weitere digitale Elemente. Zum einen soll auch eine Auswahl des zugrunde liegenden Material aus historischen Archiven digitalisiert und für die weitere Forschung zur Geschichte der Juden in Hessen und vor allem für pädagogische Projekte in Schulen, in der Erwachsenenbildung und an der Universität zugänglich gemacht werden. Dies können Bilddokumente der betreffenden Synagogen sein, oder auch Texte, die einen Einblick in die Geschichte der jüdischen Gemeinden und die Verfolgungsgeschichte geben. Zum anderen ist vorgesehen, in Kooperation mit dem Fachgebiet Digitales Gestalten an der Technischen Universität Darmstadt eine Reihe ausgewählter zerstörter Synagogen auf dem Weg der digitalen Rekonstruktion wieder erlebbar zu machen. Dafür werden große Mengen an Informationen zusammengeführt und digital aufbereitet, die aus historischen Darstellungen, überlieferten Fotografien oder aus den Erinnerungen von Zeitzeug*innen stammen können. Die Nutzerinnen und Nutzer werden sich dann mit Hilfe einer 3D-Brille virtuell durch die Synagoge bewegen können.

Das Projekt wird gemeinsam vom Buber-Rosenzweig-Institut für jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und der Gegenwart an der Goethe-Universität (Prof. Christian Wiese), der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland (Prof. Doron Kiesel) und dem Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana Hochschule Neuendettelsau (Prof. Gury Schneider-Ludorff) durchgeführt. Es hat eine Laufzeit von fünf Jahren und soll bis Dezember 2026 abgeschlossen sein. Finanziert wird es aus Mitteln des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Hessischen Ministeriums sowie der evangelischen und katholischen Kirchen Hessens.


Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Teilprojekt Erinnerung und pädagogische Vermittlung

Konferenzen des Projekts

Publikationen des Projekts


Kontakt und weitere Informationen:

Prof. Dr. Stefan Vogt, Email: s.vogt@em.uni-frankfurt.de. Tel. 069-798-32032