Zionismusgeschichte und postcolonial studies: Historische und methodische Konvergenzen

Forschungsprojekt von PD Dr. Stefan Vogt

Konzepte aus dem Arsenal der postcolonial studies wurden in der Vergangenheit immer wieder für die Analyse der jüdischen Geschichte verwendet. Sie haben dazu beigetragen, den Einfluss kolonialer Ideen und Politiken auf die Situation der Juden in der Diaspora besser zu verstehen, und sie halfen zu begreifen, dass die Juden selbst in vielerlei Hinsicht eine kolonisierte Minderheit innerhalb Europas waren. Für die Geschichte des Zionismus ist dies bislang jedoch nur sehr eingeschränkt der Fall. Insbesondere der europäische Zionismus wurde nur selten aus einer solchen Perspektive analysiert. Dabei lässt sich der Zionismus durchaus als einen Versuch verstehen, die Marginalisierung der Juden in Europa und die damit zusammenhängenden Abwertungen, Diskriminierungen und Verfolgungen in einer ähnlichen Weise zu überwinden, wie dies von antikolonialen und antirassistischen Bewegungen unternommen wurde. Zugleich gibt es viele komplexe und widersprüchliche Berührungspunkte mit dem europäischen Kolonialismus. Vieles spräche also dafür, postkoloniale Ansätze in der Forschung zur Geschichte des Zionismus zu verwenden und die Geschichte des Zionismus als einen Gegenstand der postcolonial studies zu begreifen, ohne ihn lediglich als eine Variante des europäischen Kolonialismus zu betrachten. Dass dies bislang nur selten geschehen ist, hat eher politische und historische denn wissenschaftliche Gründe. Das Projekt sucht demgegenüber nach möglichen Verbindungen zwischen Zionismusgeschichte und den postcolonial studies. Es will ausloten, in welcher Weise postkoloniale Ansätze in der Forschung zur Geschichte des Zionismus angewendet werden können und welche Forschungsperspektiven sich daraus ergeben. Es sucht dabei auch den direkten Austausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Zionismusgeschichte und der postcolonial studies. Ziel des Projekts ist die Durchführung einer internationalen Tagung im Juni 2018 („Unacknowledged Kinships: Postcolonial Studies and the Historiography of Zionism“) sowie die Publikation eines Sammelbandes und einer Reihe von Aufsätzen zum Thema.